Humoristen in der SPD

Eine Meldung von Kamelle.Net

Ein versprengtes Grüppchen antikarnevalistischer Sozialdemokraten wollte einen „Arbeitskreis der Humoristen in der SPD“ gründen. Das Präsidium der SPD hat dies jetzt einstimmig verboten. Vorrangiges Ziel dieser Gruppierung ist die Trennung von Karneval und Staat, insbesondere soll dem Karnevalsverband das durch die Verfassung verbriefte Recht auf Ausübung des Karnevalsunterrichts an öffentlichen Schulen streitig gemacht werden. Stattdessen schwebt den Sektierern ein für alle verpflichtender Humorunterricht vor. Aber, so der Sprecher des Arbeitskreises „Karnevalisten in der SPD“ Thierse, die Verfassungsväter haben sich schon etwas dabei gedacht, als sie die Karnevalsverbände damit beauftragten, unsere Kinder zu humoristischen Werten zu erziehen. Wir wüssten doch alle, wohin es führen könne, wenn der Staat entscheidet, was witzig ist und was nicht.

Der Vorsitzende des Sitzungspräsidiums der SPD Gabriel vermutet, es gehe den Anti-Karnevalisten darum, langfristig „den Karneval aus der Schule zu verdrängen“. Folgte man ihrer Initiative „Pro Humor“, dann könnten die Schüler neben dem Pflichtfach Humor zwar auch noch freiwillig, je nach närrischer Konfession, Kölschen, Düsseldorfer oder Mainzer Karneval zusätzlich wählen, aber, so fragt er: „Wer wird das schon tun?“ Und Recht hat er. So wird dem Verfall karnevalistischer Traditionen und Witze Vorschub geleistet. Karnevalistischer Humor ist anstrengend. Man muss sich schon auf ihn einlassen. Freiwillig macht das wohl keiner. Daher muss unser karnevalistisches Erbe vom Staat in Form eines verpflichtenden Unterrichts subventioniert werden. Denn es ist ja klar, dass unsere Gesellschaft auf den Witzen des Dreigestirns beruht, und nicht etwa auf denen der freigeistigen Humoristen, die sich dem Zeitgeist derart anbiedern, dass sie nicht mal einen Tusch brauchen, damit die Leute lachen.

Die anti-karnevalistischen Genossen verteidigen ihr Vorhaben unter anderem mit dem schwindenden Einfluss des traditionellen Karnevals und mit der angeblichen kulturellen Vielfalt. „An unseren Schulen gibt es inzwischen so viele Schüler aus anderen Kulturkreisen, die ohne närrische Konfession aufwachsen, viele haben überhaupt keinen Humor mehr. Die wissen zum Teil gar nicht mehr, was eine Karikatur ist. Denen müssen wir auch humoristische Werte vermitteln“, so die Freilacher. Wenn es nach ihnen ginge, stünden demnächst also nicht mehr karnevalistische Heilige wie das Colonia Duett, die Höhner oder die Bläck Föös auf dem Lehrplan, sondern klassische Komödienschreiber wie Plautus, Molière oder Goldoni. Von modernen freigeistigen Humoristen ganz zu schweigen, etwa Loriot, Robert Gernhardt, Dieter Nuhr, Monty Python oder, Jungfrau bewahre, Jürgen Becker, der damals mit der Stunksitzung das große Schisma des Karnevals herbeigeführt hatte. In dem jährlichen Hochamt dieser Sekte werden die Werte der karnevalistischen Liturgie immer wieder auf infamste Weise verhöhnt:

Den Einfluss des Festkomitees auf die Politik halten die humoristischen Genossen für anachronistisch: „Auch bei uns gilt ja die Trennung von Karneval und Staat.“ Da irren die Genossen Komiker aber gewaltig: Schließlich gilt hierzulande immer noch das Konkordat zwischen Festkomitee und Deutschem Reich von 1933; darin heißt es in Artikel 21 unmissverständlich: „Karnevalsunterricht ist ordentliches Lehrfach.“ Allein deshalb wird dieser Provinzaufstand wohl kaum Aussicht auf Erfolg haben.

Die Befürworter des überkonfessionellen Humorunterrichts berufen sich gern auf die dunkle Zeit des Karnevals, in der es gefährlich war, nicht mitzuschunkeln. Damals wurden Ketzer, die wieder einmal die humoristische Autorität des Dreigestirns angezweifelt hatten und nach Reformen riefen, auf die Wagen der Rosenmontagszüge gebunden und kamellet, also mit harten Kamellen beworfen (im Fachjargon auch „Wurfmaterial“ genannt). Eine Institution mit einer solchen Geschichte könne wohl kaum die Verantwortung für die Erhaltung unserer Humorwerte tragen, heißt es. Olle Kamelle, sagen da die Vertreter des Dreigestirns. Alle wissen, dass dies eine Verirrung des Karnevals war, und das Festkomitee hat sich doch vor einigen Jahren öffentlich dafür entschuldigt. Was soll es denn noch tun?

Ein anderer Einwand gegen den organisierten Karneval ist die angebliche Frauenfeindlichkeit. Es heißt, dass im Elferrat keine Frau zugelassen sei, und dass selbst die Jungfrau immer von einem Mann gespielt werde, sei diskriminierend. Aber wenn die Jungfrau von einer Frau gespielt würde, wo wäre da der Witz?! (Tätää!) Auch wenn sie im Elferrat nichts zu suchen haben, spielen Frauen im Karneval sehr wohl eine wichtige Rolle. Immerhin beginnt die heiße Phase der Session ja schließlich mit der Übergabe der Macht an die Weiber. (Ist zwar nur symbolisch, aber die sind ja auch alle schon besoffen. – Tätää!) Und was wäre der Karneval ohne die lecker Beinchen von den Funkemariechen?!

Immerzu werden Reformen verlangt. Aber hier geht es um unsere Traditionen! Der Karneval ist ein Fenster in die Geschichte. Hier können wir sehen, worüber die Menschen vor langer, langer Zeit gelacht haben. Er ist geradezu ein lebendiges Zeugnis, ja, eine Offenbarung aus der Vergangenheit. Wo gibt es das sonst noch? Höchstens in der Religion. Und tatsächlich haben Karneval und Religion mehr gemeinsam als nur die lustigen Hüte, wie vor einigen Jahren der Kirchenkardinal Meisner predigte: „Karneval ist in der Kirche Christi geboren, und Karneval bleibt nur Karneval, wenn er mit dem Leben der Kirche fest verbunden bleibt.“ Kein Dreigestirn ohne Dreieinigkeit.

So können wir also auch mit dem Papst sagen, es gehe gerade heute, in dieser Diktatur des humoristischen Relativismus darum, nicht gesichtslos zu werden. Es kann also kein Zweifel bestehen: Der organisierte Karneval ist diejenige Instanz, die geradezu dazu prädestiniert ist, unseren Kindern humoristische Werte zu vermitteln. Was wirklich witzig ist auf der Welt, lernt man am ehesten im Karneval.

Religion für Ungläubige?

Alain de Botton schlägt in seinem Buch Religion für Atheisten vor, dass sich Ungläubige an den Religionen orientieren sollten. Sie sollten genau hinschauen, wie Religionen Macht ausüben, Gemeinschaften bilden und ihre Botschaften platzieren. Warum nicht von ihnen lernen?

Zunächst einige Anmerkungen zur Terminologie: Atheismus braucht kein Upgrade 2.0. Atheismus 1.0 macht seinen Job tadellos. Es ist ein sehr einfaches Programm, dessen Funktionsumfang immer überschätzt wird. Es kann eigentlich nur eins: Immer, wenn die Rede auf “Gott” und “Jenseits” kommt, fragt es: “Wie bitte? Das hab ich nicht verstanden.” Immer, wenn Ballons mit transzendenten Illusionen aufgeblasen werden, schießt es eine Nadel ab. Es ist durch und durch destruktiv.

Das Ganze wird plausibler, wenn wir von Religion für säkulare Humanisten reden. Denn ein säkularer oder auch evolutionärer Humanismus ist nicht bloß destruktiv, er macht sehr weit reichende, konstruktive Angebote. Der Atheismus, auf den er immer reduziert wird, ist für ihn bloß eine Art skeptisches Immunsystem, um den Unsinn fern zu halten.

In diesem Sinne ist vor allem dem ersten Punkt, den de Botton macht, zuzustimmen: Die Kritik an den inhaltlichen Behauptungen der Religionen ist geleistet. Siehe Norbert Hoerster, siehe John Leslie Mackie. Now let’s move on. Natürlich sind alle übernatürlichen Phänomene Fiktionen. Natürlich gibt es für scheinbare Wunder entweder eine wissenschaftlich überprüfbare Erklärung oder der Zeuge ist unglaubwürdig (so David Hume). Natürlich war Jesus nur einer von unzähligen Wanderpriestern, hieß eigentlich Brian, und das Ganze war ein Missverständnis.

Now let’s move on!

Religionen sind Memplexe, und sie sind unbestreitbar neben Sex und Subsistenzsorge die wichtigste treibende Kraft der kulturellen Evolution. Sie wirken, wie alle wichtigen Kräfte der Evolution, durch schöpferische Zerstörung. Uns modernen aufgeklärten Menschen im saturierten Westen mag es seltsam erscheinen, aber unsere Vorfahren sind massenhaft für ihre Religionen gestorben. (Viele unserer Zeitgenossen sind anscheinend immer noch dazu bereit.) Die verschiedenen christlichen Sekten haben Europa wiederholt in Schutt und Asche gelegt. Nur Religionen waren im Mittelalter in der Lage, die dringend benötigten Ressourcen abzuzweigen, um überall Kathedralen zu bauen. Religionen sind mächtig.

Vielen von uns Ungläubigen sind Religionen zuwider. Aber wir sollten gut unterscheiden zwischen dem, was diesen Widerwillen im Kern verursacht, und dem, was zu den Vertriebsstrukturen dieses Kerns gehört. Alain de Botton These ist, dass wir diese religiösen Vertriebsstrukturen nutzen könnten. So sollten wir etwa beim Wort “Propaganda” nicht gleich zusammenzucken und an Goebbels oder Paulus denken (ab Min. 11:40):

“Propaganda ist eine Art und Weise, didaktisch zu sein im Hinblick auf eine Sache. Und wenn diese Sache gut ist, ist das überhaupt kein Problem.”

Nun, darüber lässt sich streiten. Jeder, der Propaganda betreibt, ist natürlich davon überzeugt, dass “seine Sache gut ist”. Der Missionar ebenso wie der Nazi, Luther ebenso wie Lenin. Aber betreibt nicht Richard Dawkins auch Propaganda? Sam Harris? Michael Schmidt-Salomon? Und wenn wir entrüstet verneinen, streiten wir dann nicht um Worte? Wie wollen wir ihn nennen, den Kampf um die Vorherrschaft der Meme? Und was sonst sollen wir tun, um diesen Kampf zu führen?

Die Weltreligionen jedenfalls führen ihn hervorragend. Sie haben eine propagandistische Infrastruktur geschaffen und sie so tief in die Fundamente unserer Gemeinwesen eingegraben, dass selbst Ungläubige davor Angst haben, sie auszuschalten oder abzuschaffen. Die Frage ist doch jetzt vor allem: Sind ihre Methoden der Propaganda übertragbar auf andere Inhalte?

Hier liegt meines Erachtens die Schwäche des Ansatzes von de Botton. Er verkennt offenbar auf naive Weise, dass Religionen auf allen Ebenen top-down wirken, von oben nach unten; jeder Gegenentwurf zur Religion aber bottom-up wirkt: Evolution statt Schöpfung, Entdeckung statt Offenbarung, Konvention statt Gebot. Und Demokratie statt Gottesgnadentum. Alles ist tatsächlich emergent.

So ist etwa das Ziel religiöser Erziehung die Vermittlung von im Grunde einfachen dogmatischen Wahrheiten und Geboten. Wir haben keine Zentrale, die unsere Wahrheit verkündet, und wir haben auch keine Wahrheit, die eine Zentrale verkünden könnte. Wir wollen, dass die Menschen selbst denken, selbst forschen und nur das für wahr halten, was sie belegen können. Wir wollen, dass ihre Ansichten evidenzbasiert sind. Auch die Wahrheit entsteht also bottom-up, sie ist emergent und sie ist immer vorläufig.

Dennoch ist de Botton hier auf einer richtigen Spur. Wir besuchen einen Vortrag nicht nur, um etwas Neues zu erfahren. Wir wollen uns mit Gleichgesinnten treffen und Gemeinsamkeit erleben. Vor allem dafür kommen Menschen in Kirchen zusammen. Dies ist ein Element der religiösen Vermittlung von Inhalten, Werten und Inspiration, das wir uns ohne Weiteres zu Nutze machen können. Und das passiert ja auch. Alain de Botton selbst hat die School of Life mit gegründet, in der solche “Predigten” stattfinden können.

Wer diesem Vortrag von Lawrence Krauss gern gelauscht hat, obwohl er den Inhalt schon kannte, sich jetzt aber daran stört, dass er “Predigt” genannt wird, der streitet wohl wieder um Worte. Wenn diese “Predigt” erbaulich ist, dann nicht im herkömmlichen Sinn von “erbaulich”. Seine Botschaft wird man in Kirchen eher selten hören:

“Wenn Sie das nächste Mal depressiv sind, denken Sie daran, dass wir wirklich vollkommen bedeutungslos sind. Die beiden Botschaften, die ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte, sind 1. Sie sind viel unbedeutender, als Sie dachten, und 2. Das Universum, die Zukunft ist trostlos.”

Das ist zwar ironisch, aber auch ernst gemeint. Krauss ist Astrophysiker. Unsere kosmische Bedeutungslosigkeit ist nun wirklich nichts Neues und die trostlose Zukunft des Universums ist nicht wirklich unsere Zukunft. Viel wichtiger und auch erbaulicher für uns sind solche Sätze:

“Jedes Atom in Ihrem Körper kommt aus einem Stern, der explodiert ist. Und die Atome in Ihrer linken Hand kommen wahrscheinlich aus einem anderen Stern als die Ihrer rechten Hand. Vergessen Sie also Jesus: Die Sterne mussten sterben, damit Sie geboren werden konnten. Das ist wirklich das Poetischste, was ich über Physik weiß: Sie alle sind Sternenstaub.

Ich hoffe, dass Sie alle einmal im Leben diese Erfahrung machen: Dass etwas, woran Sie tief und fest glauben, weil es schön und elegant und wundervoll ist, sich als falsch herausstellt. Denn dann können Sie wirklich frei denken.” (ab ca. Min. 20)

Alain de Botton sieht sich als Antipode zu Richard Dawkins. Und Dawkins sieht das sicher ähnlich. Aber wenn ich de Botton richtig verstehe, dann füllt Dawkins den Rahmen, den er vorschlägt, auf ideale Weise aus! Seine Vorträge sind Predigten im positiven Sinne des Wortes. Er ist einer der großen Champions für die Verbreitung eines evolutionären, wissenschaftlichen Humanismus. Er sticht nicht bloß in die Ballons des Unsinns, er inspiriert und begeistert für die positive Alternative. Er steht damit in der Tradition von Carl Sagan, dem vielleicht größten “Prediger” eines wissenschaftlichen Humanismus. Schauen Sie selbst, wie plastisch und mitreißend Dawkins in seinem neuesten Buch The Magic of Reality eben diese “poetische Magie der Wirklichkeit” der “übernatürlichen Magie des Mythos” gegenüberstellt. Hier am Beispiel des Kapitels “Wer war die erste Person?”:

Das große Verdienst von Alain de Botton ist wohl, dass er diese Diskussion angestoßen hat. Man muss seine naive Wertschätzung der Religionen nicht teilen, um die Idee faszinierend zu finden, dass diese Religionen auf kulturellen Schätzen sitzen, die eigentlich uns allen gehören.

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“Wie gut oder schlecht ist eine Welt? Das hängt allein davon ab, wie gut oder schlecht es den Individuen in der Welt geht. Die Welt ist umso besser, je besser es den Individuen geht. Und wie gut oder schlecht geht es den Individuen? Das hängt allein davon ab, wie wohl sie sich fühlen und in welchem Maße die Wünsche, die sie hegen, erfüllt sind.”


Ulla Wessels

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