Family Values: Weißwein in der Sonne
Es ist wieder Advent, und vielerorts brennt das erste Lichtlein. Und jedes Jahr wieder fragen sich viele Ungläubige, wie sie eigentlich zu diesem Fest stehen und was sie damit anfangen sollen. Dieses Weihnachtslied von Tim Minchin hat seinen eigenen kleinen und Publicity fördernden Skandal gehabt, auf den ich hier nicht nochmal eingehen möchte. Der australische Künstler Tim Minchin ist eine hierzulande eher unbekannte Ikone der skeptischen Popkultur, und sein Song drückt dieses ambivalente Gefühl gegenüber Weihnachten perfekt aus.
Aber er tut noch mehr: Er reklamiert die sogenannten Family Values für uns Ungläubige zurück. Denn Familie ist viel zu wichtig, als dass man sie der religiösen Rechten überlassen dürfte.
Kostenlose Teelichte in der Dunkelheit
Dies hat uns gerade Florian Freistetter in seinem sehr lesenswerten Blog Astrodicticum Simplex beschert. Eine Liste von Links zu Zeitschriften, die überwiegend kostenlos bezogen werden können, und zwar gedruckt in den nicht-virtuellen Postkasten in der Nähe der Haustür. Schaut auch in die Kommentare, dort geht die Liste weiter. Eine Liste, die vielleicht auch mal der einen oder anderen Schulbibliothek empfohlen werden kann.
Die Verlage und Druckereien dieser Zeitschriften werden sich freuen, wenn diese Tipps ihre Kreise ziehen. Es wäre zu wünschen. Wenn Wissenschaft die Kerze in der Dunkelheit ist, dann sind wissenschaftliche Zeitschriften sicher zumindest kleine Teelichte. Und die passen doch wirklich gut in die Jahreszeit.
Frohe Botschaft
Das Evangelium ist die frohe Botschaft. Sie bringt den Leuten Freude. Alle freuen sich, wenn sie die Botschaft hören. Aber was macht sie eigentlich so froh? Wir müssen uns einen Horrorfilm mit Happy End vorstellen, von dem wir nur die letzten fünf Minuten sehen. Wir begreifen, dass hier furchtbare Dinge geschehen sind, aber jetzt naht die Rettung. Viele Nebenfiguren sind tot, zerfetzt, zerstückelt, pulverisiert oder gefressen, aber jetzt naht die Rettung. In einer solchen Situation herrscht Freude unter den Überlebenden.
Das Christentum basiert auf einer zutiefst inhumanen Anthropologie. Es funktioniert nur vor dem Hintergrund der Idee der Erbsünde, der Idee also, nach der jeder Mensch sündig geboren wird. Das klingt nur harmlos, weil wir uns daran gewöhnt haben. Aber die Sünde durch Geburt ist das Merkmal des wohl pessimistischsten Menschenbildes, das sich denken lässt. Lies mehr …
Sensation: Obermufti lockert Tötungsgebot
Das ist eine sensationelle Überraschung: Der oberste Mufti Katholistans, Sheik Jussuf Al-Ratzad, ist von seiner harten kompromisslosen Linie abgewichen, nach der Ungläubige in jedem Fall den Tod verdient haben. Diese Position hatte ihm bei einem Teil der katholistanischen Gläubigen einiges an Kritik eingebracht. Fortschrittliche Kreise hatten bemängelt, dass das unbedingte Tötungsgebot nicht mehr zeitgemäß sei. Bislang jedoch hat Al-Ratzad jede Kritik an seiner harten Linie mit dem Hinweis abgelehnt, man dürfe die Moral nicht dem relativistischen Zeitgeist opfern. Jetzt ist er scheinbar unter dem Druck durch eben diesen Zeitgeist eingebrochen. In dem ersten Interview, das er den Medien überhaupt gewährt, gesteht er zu, dass es in begründeten Einzelfällen moralisch vertretbar sei, Ungläubige am Leben zu lassen. Noch vor Jahresfrist hat er mit seiner Äußerung, ein Tötungsverbot würde das Problem der Ungläubigen nicht aus der Welt schaffen, weltweit für Entrüstung gesorgt.
Konservative Kreise jedoch sind alles andere als erfreut. “Der alte Mann ist vor dem Druck zusammengeklappt”, schreibt etwa die ultrakonservative “Halbmond.net”. “Wir haben an unserem Obermufti immer seine Standfestigkeit bewundert und ihn als Fels in der Brandung verehrt. Er hat sich bislang stets geweigert, die UN-Menschenrechtskonvention zu unterzeichnen, da das darin festgeschriebene Tötungsverbot mit unserer Religion natürlich unvereinbar ist. Jetzt hat er in diesem zentralen Punkt nachgegeben. Eine Schande ist das.”
Von liberaler Seite wird der Schritt zwar begrüßt, aber es wird auch kritisiert, dass Al-Ratzad diese Lockerung seiner Position erst jetzt, anlässlich des Erscheinens seines neuen Buches “Vom Licht des dunklen Zeitalters” verkündet, obwohl er dies auch schon vor Monaten hätte tun können. In diesem Falle wäre vielen Menschen der Tod erspart geblieben. Allerdings, diese Einschränkung müssen wir natürlich fairerweise gelten lassen, nur Ungläubigen.
Die Ungläubigen selbst geben sich fassungslos angesichts des “medialen Theaters” um diese als “Meilenstein” gefeierte Banalität. “Wir Ungläubigen sterben wie die Fliegen, vor allem, weil dieser geistige Führer sich nicht dazu durchringen kann, ein klares Tötungsverbot auszusprechen. Jetzt sollen wir uns darüber freuen, dass wir ‘in begründeten Einzelfällen’ nicht getötet werden müssen?! Wenn es nicht so bitter ernst wäre, müssten wir wohl allein vor Lachen tot umfallen.”
Besonders radikale und aggressive Ungläubige wie etwa Sam Harris fordern seit einiger Zeit, man solle sich in seinen moralischen Entscheidungen überhaupt nicht mehr nach religiösen Führern wie dem Mufti Al-Ratzad richten, sondern die wissenschaftliche Vernunft nutzen, um das Wohlergehen aller Menschen, auch das der Ungläubigen, zu mehren: “Ob der Obermufti sich dazu durchringt, einzelne Ungläubige zu verschonen oder ob der Papst in Einzelfällen Kondome erlaubt, sollte uns nicht mehr interessieren als der sprichwörtliche Sack Reis in China.
Das Problem sind nicht die Moralfantasien greiser Religionsführer, das Problem ist die öffentliche Aufmerksamkeit, die wir ihnen schenken.” Den meisten Menschen erscheint dieser Schritt allerdings zu radikal. Vor allem Gläubige warnen vor den Konsequenzen einer völligen Abkehr von Gott und seinen heiligen Vertretern wie Al-Ratzad: “Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt. Dann darf man am Ende auch Gläubige einfach töten oder sogar Verhütungsmittel benutzen.”
[Anm. der Red.: Leider sind uns bei der Bearbeitung einige Fehler unterlaufen. Die Links beziehen sich alle auf eine andere Sensation in einem parallel existierenden Religionsuniversum. Wir bitten dies zu entschuldigen.]
Vernunft und Wunder
ZENIT – Bischof Brandmüller: Atheismus ist vernunftwidrig (via Brightsblog)
Von der Vernunftwidrigkeit des Atheismus handelt ein Interviewbuch mit Bischof Walter Brandmüller, dem emeritierten Präsidenten des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaft, der am Samstag von Benedikt XVI. zum Kardinal kreiert wird.
Nur einige Anmerkungen hierzu:
„Affen und Schweine“
(via RichardDawkins.net)
Der islamistische Antisemitismus leugnet den Holocaust nicht, er feiert ihn!
Diese MEMRI-Produktion zeigt Beispiele von Antisemitismus in aktuellen arabischen Medien, u.a. auch solche, die Original-Nazi-Filmmaterial verwenden, um islamistischen Hass gegen Juden zu rechtfertigen.
Niedergänge
Manfred Lütz beklagt den Niedergang der atheistischen Kultur. Diesem Argument von religiöser Seite begegnet man öfter. Es hat etwas Skurriles. Seit Erscheinen von Dawkins’ „Gotteswahn“ wird gebetsmühlenartig immer wieder die Niveaulosigkeit der Argumente kritisiert. Lies mehr …
„Wir alle müssen sterben, das heißt, wir haben Glück gehabt“

Vor einigen Tagen wurde der 2nd Annual Carl Sagan Day begangen. Aber heute erst, am 9. November, wäre er 76 Jahre alt geworden. Über ihn ist der Lichtkegel der Zeit vor 14 Jahren schon hinweggewandert, aber jemand, dessen Arbeit am ehesten beanspruchen dürfte, Carl Sagans Erbe anzutreten, steht noch voll im Scheinwerferlicht.
Heute möchte ich daher – auch zu Ehren Carl Sagans – in der Kategorie „Zeitloses“ einen Text von Richard Dawkins vorstellen, von dem er selbst sagt, er habe ihn schon für seine eigene Begräbnisfeier vorgesehen. Es ist der Beginn seines Buches Der entzauberte Regenbogen: Wissenschaft, Aberglaube und die Kraft der Phantasie [Unweaving the Rainbow: Science, Delusion and the Appetite for Wonder
] (als Leseprobe des Verlags frei zugänglich).
„Mein Kind darf nicht mal in die Nähe einer katholischen Kirche kommen“

Thomas P. Doyle, A.W. Richard Sipe, and Patrick J. Wall, Sex, Priests, and Secret Codes: The Catholic Church's 2000-Year Paper Trail of Sexual Abuse
Dieses Interview im Tagesspiegel mit dem ehemaligen Benediktinermönch Patrick Wall ist sehr aufschlussreich. Er war damit beauftragt, den „Missbrauch“* von Kindern zu vertuschen, und hat dann die Seiten gewechselt. Er hat die Kirche verlassen und hilft jetzt Vergewaltigungsopfern.
*[Ich setze „Missbrauch“ in Anführungszeichen, da dieser Ausdruck meiner Meinung nach ein verharmlosender Euphemismus für die Vergewaltigung von Kindern ist, der wohl auch dazu beiträgt, dass die Kirche es schafft, diesen Skandal einfach auszusitzen.]
Hier einige zentrale Passagen:
Giordano Bruno Stiftung
Ein schon zwei Jahre altes Porträt der Giordano Bruno Stiftung von Ricarda Hinz.
Es ist wohltuend und tröstlich, so viele sympathische Leute mit grundvernüftigen Ansichten zusammen zu sehen. Die meisten dieser Statements sind nicht originell, sondern fassen prägnant Selbstverständliches zusammen. Aber sie stehen in deutlicher Diskrepanz zu unserer Mainstream-Kultur, die gerade anscheinend in die entgegengesetzte Richtung driftet. Die Mikrofone stehen für jeden bereit, der religiöse Gewissheiten feilzubieten hat. Die Bestsellertische biegen sich unter Vampirschmonzetten, Meditationsanleitungen, Wallfahrtsberichten und Esoterik-Fibeln. Auf den Boulevard-Kanälen werden Geister angerufen und Löffel verbogen. In den Talkshows sitzen inzwischen neben den üblichen unvermeidlichen Prälaten auch pausbäckige Islam-Konvertiten, die offensiv ihre Scharia-Fantasien predigen, ohne dass ihnen jemand gebührend über den Mund fahren würde.
Gäbe es diese Giordano Bruno Stiftung noch nicht, so müsste man sie schleunigst gründen.




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