„Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann“

Dieses Posting ist geklaut. Es ist meine Übersetzung eines Artikels von Dale McGowan - dessen Blog The Meming of Life für mich die erste Adresse ist für Fragen der Erziehung in Bezug auf Religion. Er hat zwei Bücher herausgebracht, neben seinem Blog weitere großartige Informationsquellen für alle nicht-religiösen Eltern und Erzieher: Parenting Beyond Belief und Raising Freethinkers. Dieser Text erscheint auch in „Parenting Beyond Belief“ als Teil einer Kontroverse zu der Frage, wie nicht-religiöse Familien mit dem Mythos Weihnachtsmann umgehen sollten.

Man kann sich kaum vorstellen, dass es den Weihnachtsmann nicht wirklich gibt. Jeder scheint zu glauben, dass es ihn gibt. Als Kind hörte ich seinen Namen in Liedern und Geschichten und sah ihn in teuer produzierten Filmen. Meine Eltern schienen an ihn zu glauben, zerstreuten meine Zweifel, erzählten mir, dass er wollte, dass ich brav sei und dass er immer wusste, wenn ich es nicht war. Und welch wunderbare Geschenke ich bekam! Außer, wenn sie blöd waren, dann dachte ich immer, das sei irgendwie meine Schuld. Alles in allem, trotz der vielfach unglaublichen Unwahrscheinlichkeit, dass es ihn wirklich geben sollte, glaubte ich an ihn – bis zu dem Tag, an dem ich mich entschloss, genügend Interesse an der Wahrheit zu haben, um ernsthafte Fragen zu stellen, und da ging die ganze Fassade zu Bruch. Glücklicherweise kamen die guten Dinge, die ich ihm zugeschrieben hatte, auch weiterhin zu mir, aber jetzt wusste ich, dass sie von den Menschen um mich herum kamen, denen ich jetzt auch endlich gebührend danken konnte.

Jetzt lesen Sie den vorstehenden Absatz noch mal, und ersetzen Sie die Wörter 8 und 9 durch „Gott“.

Der Weihnachtsmann, meine säkularen Freunde, ist das größte Geschenk, das einer rationalen Weltsicht jemals gemacht wurde. Unsere Kultur hat einen albernen und vorübergehenden Mythos geschaffen, parallel zu seinem albernen und dauerhaften. Sie haben vieles gemeinsam, aber einer wird irgendwann im Laufe der Kindheit fallen gelassen. Und das ist gut so. Ein Vater mittleren Alters, der gemeinsam mit seinen Kindern traurig den Kamin hoch schauen würde, wäre ein sicherer Kandidat für einen Raum mit sehr weichen Wänden. Dieser überall in unserer Kultur anzutreffende Mythos soll durchschaut werden, er wird mit einem Verfallsdatum geliefert, nach dem seine ernsthafte Verwendung nur noch ein missbilligendes Stirnrunzeln erntet.

Ich gebe zu, dass ich als Vater zufällig über die Sache gestolpert bin. Meine Frau und ich haben unsere Kinder mit dem gleichen Mythos großgezogen, mit dem wir auch groß geworden sind (ich weiß, ich weiß), weil wir dachten, dass es so harmlos ist und Spaß macht. Keiner von uns hat als Kind auch nur das geringste Trauma erlebt, als das Spiel vorbei war. Im Gegenteil: wir erinnern uns beide an das berauschende Gefühl, endlich ein Geheimnis durchschaut zu haben, dass so viele andere, unter anderem unsere jüngeren Geschwister, immer noch nicht kannten. Oh, dieser süße, selbstgefällige Geruch der Überlegenheit.

Aber als unser Sohn Connor die ersten Anzeichen von Zweifel am Weihnachtsmann zeigte, wurde mir klar, dass hier etwas Machtvolles passierte. Ich begann, das Paradigma des Weihnachtsmanns als eine Gelegenheit zu begreifen, die man beim Schopf packen muss – als den ultimativen Testlauf für einen sich entwickelnden Forschergeist.

Mein Junge war acht Jahre alt, als er begann, die klassischen Fragen zu stellen: Wie schafft es der Weihnachtsmann, all diese Häuser in nur einer Nacht zu besuchen? Wie kommt er herein, wenn wir keinen Kamin haben und alle Fenster geschlossen sind und die Alarmanlage eingeschaltet ist? Warum benutzt er das gleiche Geschenkpapier wie Mama?

Das ist der Moment, in dem wir den natürlichen Forscherdrang eines Kindes unterstützen oder abwürgen können. Wenn es um Glaubensfragen geht, haben Sie drei Optionen: Sie können das Kind mit einer Bestätigung abspeisen, Sie können es mit einer Widerlegung abspeisen – oder Sie können ihm das Angeln beibringen.

Der legendäre Artikel in der New York Sun vom 21.9.1897

Die „Ja, Virginia“-Fraktion wird das Kind mit wenig plausiblem Unsinn zuschütten, seine Zweifel zerstreuen mit dem Hinweis auf Magie oder Mysterien oder die absichtliche Aussetzung physikalischer Gesetze.

[„Ja, Virginia“ bezieht sich auf eine interessante Episode amerikanischer Folklore. Update: Eine lesenswerte alternative Antwort hat übrigens vor kurzem Patrick Pricken geschrieben. Eine weitere hervorragende Antwort liefert Greta Christina zu Weihnachten 2011. Für Virginia leider etwa 113 Jahre zu spät.]

Nur ungleich weniger problematisch ist die zweite Option: der Aufklärer, der das Kind einfach darüber informiert: Ja, der Weihnachtsmann ist eine dicke fette Lüge.

„Mannomann“, kann das Kind jedem der beiden entgegnen. „Vielen Dank auch. Ich lass euch wissen, wenn ich noch mehr autoritäre Verlautbarungen benötige.“

Ich habe mich für Tür Nummer drei entschieden.

„Manche Leute glauben, der Schlitten ist magisch,“ sagte ich. „Glaubst Du, das stimmt?“

Anfangs glaubte er das immer. Er wollte glauben und war daher bereit, jede Erklärung zu schlucken, egal wie unplausibel sie erschien. „Manche Leute sagen, dass es nicht im wörtlichen Sinn in einer einzigen Nacht geschieht,“ sagte ich einmal, um so den Boden für spätere Nachforschungen zu bereiten. Aber nach und nach wurden die Fragen härter, und er begann, diesen zweiten Teil – glaubst du, das stimmt? – etwas agnostischer zu beantworten.

Ich versuchte zu vermeiden, geradeheraus zu lügen oder mich als Gott gleiche Autorität aufzuspielen, da ich entschlossen war, ihn das selbst herausfinden zu lassen. Und als er mich schließlich im Alter von neun Jahren, auf einem verschneiten Parkplatz zu den Klängen einer Heilsarmeekapelle, geradeheraus fragte, ob es den Weihnachtsmann wirklich gäbe – hielt ich ihn ein letztes Mal hin.

„Was glaubst Du?“, fragte ich ihn.

„Also…ich glaube, dass alle Mamas und Papas Weihnachtsmänner sind.“ Er lächelte mich an. „Hab ich Recht?“

Ich lächelte zurück. Es war das erste Mal, dass er mich direkt gefragt hatte, und ich sagte ihm, dass er Recht hat.

„Also,“ fragte ich ihn, „was denkst Du jetzt darüber?“

Er zuckte die Achseln. „Das ist okay. Eigentlich ist es sogar gut. Irgendwie … macht die Welt … ich weiß nicht recht… macht die Welt auf einmal wieder Sinn.“

Das ist mein Junge. Er fühlte sich nicht betrogen, er war nicht wütend, er war nicht der Hoffnung beraubt. Er war erleichtert. Es erinnerte mich an das Gefühl, das ich selbst hatte, als ich schließlich erkannte, dass Gott eine Fiktion ist. Die Welt machte tatsächlich auf einmal wieder Sinn.

Und als Connor begann, skeptische Fragen über Gott zu stellen, habe ich ihm auch nicht gleich gesagt, so und so ist das. Ich erzählte ihm, was die verschiedenen Leute glauben, und fragte ihn, wie plausibel er das fände. Das kam ihm natürlich bekannt vor. Er hatte den ultimativen Testlauf durchlaufen.

Indem wir unseren Kindern erlauben, am Mythos des Weihnachtsmanns teilzuhaben und durch skeptisches Fragen ihren eigenen Weg aus ihm herauszufinden, schenken wir ihnen eine unschätzbare Gelegenheit, eine massenhafte kulturelle Illusion zunächst von innen, und dann von außen zu sehen. Das zwanglose Infragestellen des Weihnachtsmanns kann Kinder zu der Erkenntnis bringen, wie einfach wir uns alle selbst betrügen können, wenn die Verlockungen nur attraktiv genug sind. Dieser Blick zurück vom Gipfel auf ein Glaubenssystem, das sie aus eigener Kraft verlassen haben, kann Kinder gegen die besten Anstrengungen der Evangelisten wappnen – und zwar viel besser, als es ein Wissen aus zweiter Hand jemals könnte.

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Über Harald Stücker

Harald Stücker

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