Medizinische Bildung für alle – auch für Kinder!

Manchmal finden sich Texte, die besser ausdrücken, was man selbst sagen möchte, als man es jemals selbst könnte. So ging es wohl Bernd Harder, dem Chefredakteur vom GWUP-Blog, als er “ein bemerkenswertes Editorial” in der Zeitschrift Arzneiverordnung in der Praxis fand und es auf seinem Blog dokumentierte. Und tatsächlich bringt der Artikel Ist die alternative Medizin eine Alternative? der beiden Professoren für Medizin Klaus-Dietrich Bock und Manfred Anlauf auch einige Kerngedanken meines Blogs sehr gut auf den Punkt.

Die Autoren fordern unter anderem ein Pflicht- und Prüfungsfach “Theorie der Wissenschaftli­chen Medizin” im Studium.

“Wenn tausende von approbierten Ärzten alternativmedizinische Verfahren anbie­ten, so hat das teilweise materielle Grün­de, mag bei einigen aber auch darauf be­ruhen, dass ihnen in ihrer Ausbildung die theoretischen wissenschaftlichen Grundlagen ihrer Arbeit nicht ausrei­chend vermittelt worden sind – man hat ja hierüber kaum diskutiert, hielt der­artige Fragen vielmehr ein für alle Mal geklärt. Dass sie es keineswegs sind, ist offensichtlich.

Die Bundesärztekammer und ihr jetzt ehemaliger Präsident führen die Diskussion mit den Außensei­tern “auf Augenhöhe”, ärztliche Zusatz- oder Fachkundebezeichnungen wie “Homöopathie”, “Naturheilkunde” oder “Akupunktur” sind seit langem zugelas­sen. Diese Entwissenschaftlichung der Medizin greift um sich.

Wir akademi­schen Lehrer haben die Bedeutung die­ser Entwicklung nicht ausreichend er­kannt und nicht gegengesteuert. Es wird Zeit, das zu tun und ein Pflicht- und Prüfungsfach “Theorie der Wissenschaftli­chen Medizin” einzuführen.”

Als Patient sollte man eigentlich geschockt sein zu erfahren, dass wir von Ärzten behandelt werden, die noch keine Prüfung in “Theorie der Wissenschaftli­chen Medizin” ablegen mussten.

Aber wir wissen alle, dass es gerade die Patientennachfrage ist, die den Markt für dubiose Therapieansätze erst schafft. Daher meine ich, dass die Forderung nicht weit genug geht, bzw. nicht früh genug ansetzt. Die biologischen und biochemischen Grundlagen der Medizin können schon sehr früh in der Schullaufbahn vermittelt werden, warum nicht schon in der Grundschule damit anfangen? Es gibt hervorragende Kinderbuchreihen, die Kinder ernst nehmen und ihnen schon im Kindergartenalter wichtige Fakten vermitteln. Darauf kann man aufbauen. Kinder sind an allen Dingen interessiert, die zu ihrer Lebenswelt gehören, selbstverständlich auch an ihrem eigenen Körper und daran, wie er funktioniert.

Es gibt inzwischen so hervorragende Möglichkeiten der Visualisierung, die natürlich auch in der Schule genutzt werden können. Schauen Sie sich zum Beispiel dieses Video über die Invasion eines Grippevirus an.

Das Gleiche gilt übrigens für die Evolutionstheorie. Auch sie gehört in den frühen Bildungskanon. Ihre Einzelheiten sind hochkomplex, natürlich, denn dies ist die Komplexität des Lebens selbst. Aber die theoretischen Grundlagen sind einfach zu verstehen. Darwins Mitstreiter Thomas Huxley soll sich sehr darüber geärgert haben, nicht selbst auf diese im Grunde einfachen Gedanken gekommen zu sein.

Warum sollten nicht schon Kinder verstehen können, dass der Kampf unseres Immunsystems gegen Viren und Bakterien ein Rüstungswettlauf ist? Die Rote Königin kennen sie ja schon aus Alice im Wunderland. Warum sollten sie nicht verstehen können, dass gemäß der Rote-Königin-Hypothese dieser Wettlauf den Sex erst in die Welt und damit auch uns erst hervorgebracht hat? Warum sollten sie nicht verstehen können, dass jedes Antibiotikum ohne ständige Forschung daher irgendwann zu einer stumpfen Waffe werden muss? Dass sie ihre Antibiotika bis zum Schluss nehmen müssen (nämlich um keine resistenten Bakterien heranzuzüchten)? Warum sollten nicht Kinder das ihren Eltern erklären können, falls die es noch nicht wissen? (“Das haben wir in Evolution gelernt!”) Warum sollten Kinder nicht schon früh lernen können, wie eine randomisierte Doppelblindstudie funktioniert, und was wir alle diesem herausragenden Instrument der Erkenntnis zu verdanken haben?

Auch in späteren Schuljahren könnte das Fach Medizinische Wissenschaft zu einprägsamen Erlebnissen führen. Stellen Sie sich nur die pädagogischen Möglichkeiten einer Kamerapille vor! Thema der Projektwoche: Die Reise durch den eigenen Körper. Meldet sich jemand freiwillig?

Nicht nur Ärzte müssen eine medizinwissenschaftliche Ausbildung erhalten. Auch die Patienten, also wir alle, müssen die Grundlagen der wissenschaftlichen Medizin verstehen können. Medizinische Bildung für alle ist möglich, auch schon für Kinder.

Schlagworte: , , , , , , , ,

About Harald Stücker

Harald Stücker

4 responses to “Medizinische Bildung für alle – auch für Kinder!”

  1. jemseneier says :

    …es geht ja nicht nur um Medizin!
    Biologie, Physik,
    (aber auch Geschichte….)
    Ist doch schlimm das soviele Leute gegen Gentechnik, Elektrosmog etc. demonstrieren, beim Nachfragen aber nur auf die eigene Spiritualität als Begründung verweisen können!

    Gefällt mir

  2. Greta says :

    “Auch die Patienten, also wir alle, müssen die Grundlagen der wissenschaftlichen Medizin verstehen können.”
    Wohl wahr.
    Sie müssen diese aber auch verstehen und annehmen _wollen_.
    Daran krankt es meines Erachtens am meisten.

    “Medizinische Bildung für alle ist möglich, auch schon für Kinder.”
    Ein guter Ansatz – damit ließe sich vielleicht die Wissenschafts- und insbesondere Naturwissenschaftsfeindlichkeit im Erwachsenenalter vorbauen.

    Andererseits -meine Schulzeit ist schon recht lange her- sollte doch auch ohne ein Spezialfach zur Medizin Grundlegendes bereits in der Schule vermittelt werden?

    Leider scheinen viele nur allzu gerne zu vergessen, was sie im Biologie-, Chemie- oder Physikunterricht gelernt oder doch zumindest schon einmal gehört hatten . . .

    Ein spezielles Fach Medizinische Wissenschaft wäre gar nicht nötig – allenfalls ein intensiverer naturwissenschaftlicher Unterricht.

    Gefällt mir

  3. Greta says :

    P.S.: Natürlich sollte es heißen “damit ließe sich vielleicht der Wissenschafts- und insbesondere Naturwissenschaftsfeindlichkeit im Erwachsenenalter vorbauen.”

    Gefällt mir

Was denken Sie zum Thema?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 235 Followern an

%d Bloggern gefällt das: