Auch Gottlose leben nicht vom Brot allein

Wir alle sind mehr oder weniger religiös, mehr oder weniger abergläubisch, mehr oder weniger in unsere Überzeugungen verliebt. Wir alle sind mehr oder weniger rational, mehr oder weniger emotional. Emotionen gelten oftmals immer noch als Gegenpol der Vernunft. Wo Gefühle sind, scheint die Duselei nicht weit. Wir, die wir uns als nicht-religiös verstehen, halten uns in dieser Hinsicht für weniger emotional und für sehr viel rationaler als Religiöse. Wir sollten aber nicht zu überheblich sein. Denn wenn wir denken, eine Rationalität ohne Emotionen sei möglich, dann sitzen wir immer noch Descartes’ Irrtum auf. Wir wissen inzwischen aber, dass es ohne das emotional gesteuerte Belohnungssystem in unserem Kopf schwierig bis unmöglich ist, eine Handlung überhaupt auszuführen, eine Entscheidung überhaupt zu treffen, eine Überzeugung überhaupt zu haben.

Auch wir Gottlosen leben also nicht vom kognitiv-rationalen Brot allein. Manchmal möchten auch wir jemandem zuhören, nicht nur, weil er etwas zu sagen hat, was wir noch nicht wissen, sondern weil er authentisch ist in dem, was er sagt, und weil er uns inspiriert. Und kaum etwas ist so erhebend wie ein soziales Ereignis mit Gleichgesinnten, bei dem jemand, den wir verehren können, uns aus der Seele spricht. Es ist diese Art von Ereignis, die für Gläubige der Gottesdienst oder die Messe sein kann. Erhebend, erbaulich, inspirierend, mitreißend. Solch ein Ereignis könnte für uns die Preisverleihung der Humanist Chaplaincy at Harvard an Stephen Fry sein. In seiner Rede über den Gegensatz zwischen offenbarter und entdeckter Wahrheit macht er deutlich, warum nur letztere zu echter moralischer Freiheit führen kann, die Herrschaft der Offenbarung aber immer in die Knechtschaft führen muss. Wir sollten uns gegen jede Form der Offenbarung von – insbesondere moralischen – Wahrheiten und Geboten wehren, mit dem stolzen Ausruf: “I will not be told!” – “Ich lasse mir nicht gebieten!”

Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, die im Eifer des Gefechts oft vergessen wird, dass wir Ungläubigen keiner anderen Spezies angehören als Gläubige. Unsere mentale, kognitive und emotionale Ausstattung ist dieselbe. Ich denke, dass Gläubige sich von Ungläubigen einfach darin unterscheiden, dass jene ihre religiösen Überzeugungen im Laufe ihres Lebens lieber gewonnen haben. Sie haben mehr positive Emotionen mit ihnen verknüpft. Immer wenn die Rede auf Jesus oder Mohammed oder Ron Hubbard kommt, wird bei ihnen mehr Serotonin ausgeschüttet, wird ihnen warm ums Herz. Oder aber der Zweifel an diesen Überzeugungen löst Stress und Angst aus. Der religiöse Glaube ist ein Gemisch aus Emotion und Kognition und ähnelt stark der Liebe. Stellen Sie sich vor, jemand diskreditiert und desavouiert die Liebe Ihres Lebens – Sie würden sofort einen kognitiven Abwehrschild hochfahren und dichtmachen. So geht es Gläubigen häufig, wie Sarah Hippolitus unlängst sehr treffend beschrieben hat.

Wir Ungläubigen hingegen haben unseren rationalen Skeptizismus lieb. Wir können begeistert Richard Dawkins, Christopher Hitchens oder eben Stephen Fry zuhören. Wir alle hören lieber das, was unsere jeweiligen Weltbilder bestätigt. Das ist die emotionale Seite des Bestätigungsfehlers, der Confirmation Bias. Deswegen sind Gespräche und Debatten über Religion und Gott oft so fruchtlos. Die Argumente, die ausgetauscht werden, sind tatsächlich nur Keulen, die sich die Kontrahenten gegenseitig über den Schädel ziehen.

„Die Leute wollen vor allem das hören, was sie bereits kennen. Denk daran. Es verunsichert sie, wenn man ihnen von neuen Dingen erzählt. Damit rechnen sie nicht. Sie möchten zum Beispiel wissen, dass Hunde Menschen beißen. So was kommt immer wieder vor. Sie wollen nicht hören, dass jemand einen Hund beißt, weil das in einer normalen Welt nicht geschehen sollte. Kurz gesagt: Die Leute glauben, dass sie Neues hören wollen, doch in Wirklichkeit wünschen sie sich Altes.” Terry Pratchett: Die volle Wahrheit. Der 25. Scheibenweltroman. (S. 90)

Wenn wir uns Skeptiker nennen, sollten wir die Gefahr sehr ernst nehmen, dass wir uns in dem selbstgestrickten engmaschigen Netz unseres eigenen Weltbildes verheddern können. Aber auch aus diesem Labyrinth führt nur der Ariadnefaden der wissenschaftlichen Methode. Sich seiner Confirmation Bias bewusst zu sein, ist ein wesentlicher Bestandteil wissenschaftlichen Denkens. Tatsächlich bietet keine andere Methode zur Festigung der Überzeugung auch nur die Chance, das eigene Weltbild jemals von außen zu betrachten.

Wenn wir also nach Aufbietung all unserer rationalen und skeptischen Fähigkeiten zu wohlbegründeten Überzeugungen gelangt sind, dann dürfen und sollten wir auch die positiven Emotionen pflegen, die wir empfinden, wenn diese Überzeugungen treffend zum Ausdruck gebracht werden. Wir brauchen Leute wie Stephen Fry, wie Carl Sagan und David Attenborough. Wir brauchen Euphorie und Begeisterung.

Religiöse sind uns in der ritualisierten Pflege der eigenen Überzeugungen meilenweit voraus. Natürlich beruht dieser Vorteil auch auf einer unfairen Asymmetrie: Religiöse bekommen ihre Überzeugungen geoffenbart und können (sollen sogar) jeden Zweifel an diesen Überzeugungen dämonisieren und so ungeprüft abweisen. Dieser Weg ist uns verschlossen. Trotzdem: Wir lassen unsere Leute allzuoft allein mit der Forderung, rational zu denken und sich nicht in Emotionen zu verlieren. Aber wir vergessen dabei, dass es den Menschen letzten Endes nicht darum geht, vernünftig zu sein, sondern darum, sich gut zu fühlen. Wir müssen auch für uns Gelegenheiten und Rituale schaffen, bei denen wir unsere Überzeugungen feiern können. Dabei darf es nicht einfach – negativ – um Religionskritik gehen. Religion ist ein aufgeblasener Popanz, der bei Licht betrachtet soviel Aufmerksamkeit nicht verdient. (Vielleicht gibt es sie auch gar nicht.) Sicher, wir müssen einen leidigen politischen Kampf gegen zu mächtige Institutionen kämpfen. Aber daraus folgt emotional nichts Positives, nichts Erbauliches. Die Reichweite des Hubble-Teleskops aber, der Sieg der wissenschaftlichen Medizin über Pocken und Polio, die Eleganz und Erklärungsmacht der Evolutionstheorie – vor allem aber die wissenschaftliche Methode selbst: das sind wahrhaft erbauliche Dinge, die wir öfter feiern sollten!

Wenn Stephen Fry ausruft: “I will not be told!”, so ist das nicht einfach ein Statement. Es kann ein Slogan für moralische Freiheit sein, der Spruch auf dem Banner, unter dem wir uns versammeln können, ein Schlachtruf gegen moralische Gängelung: “Ich lasse mir nicht gebieten!” Auch Religiöse könnten sich davon angesprochen und aufgerufen fühlen, selber zu denken und für sich zu entscheiden. Denn auch Religiöse sind mehr oder weniger rational, mehr oder weniger freiheitsliebend.

Schlagworte: , , , , , , , ,

Über Harald Stücker

Harald Stücker

2 Antworten zu “Auch Gottlose leben nicht vom Brot allein”

  1. hamsterbacke sagt :

    danke für den schönen brückenbaubeitrag. meinereiner pflegt zum beispiel auf goa festivals/feiern meine hedonistischen überzeugungen ;)

Trackbacks / Pingbacks

  1. Religion für Ungläubige? « Evidenz-basierte Ansichten - 8. Februar 2012

Was denken Sie zum Thema?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 228 Followern an

%d Bloggern gefällt das: