Sollten wir für unsere Überzeugungen sterben?


Im letzten April wurden UN-Mitarbeiter im nordafghanischen Masar-i-Sharif abgeschlachtet. Nur ein Russe kam mit dem Leben davon, weil er das islamische Glaubensbekenntnis mit der MG an der Schläfe herbeten konnte: „Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet“. Auf Facebook war der treffende Kommentar zu lesen, wir sollten unseren Kindern diesen Satz einschärfen. Er kann über Leben und Tod entscheiden. Aber sollten unsere Kinder diesen Satz aufsagen, nur um sich vor religiösen Amokläufern zu retten? Wer selbst Kinder hat, wird diese Frage wohl nicht mal verstehen … es sei denn, er ist religiös.

Einem christlichen Pastor, der angeblich früher Moslem war, droht im Iran die Todesstrafe. Die Diplomatie ist in Aufruhr. Aber warum? Der Iran ist eine theokratische Diktatur. Auf Apostasie steht laut Koran die Todesstrafe. Wie unterscheidet sich dieser Fall von dem des UN-Mitarbeiters? Warum spricht der Pastor nicht einfach das islamische Glaubensbekenntnis, um zu überleben? Er hat zwei Kinder und damit Grund und Verantwortung genug, zu überleben. Er könnte ja trotzdem im Verborgenen Christ bleiben. Warum tut er das nicht? Vor allem aber: Warum legt ihm das niemand nahe?

Die Vorstellung, es sei wertvoll und tugendhaft, für die eigenen Überzeugungen zu sterben, ist weit verbreitet. Sie ist Teil unseres so oft beschworenen christlichen Erbes. Aktuell ziehen zwar vor allem islamische Märtyrer die Aufmerksamkeit auf sich. Aber gerade die christliche Kultur ist eine Märtyrerkultur, sie wurde auf dem Märtyrertod gegründet. So heißt es im Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2473:

“Das Martyrium ist das erhabenste Zeugnis, das man für die Wahrheit des Glaubens ablegen kann; es ist ein Zeugnis bis zum Tod. Der Märtyrer legt Zeugnis ab für (…) die Wahrheit des Glaubens und die christliche Glaubenslehre.

Ich will im Folgenden versuchen zu zeigen, warum der Märtyrertod als “Zeugnis” innerhalb eines religiös-ideologischen Weltbilds ein Wert sein muss, und warum er innerhalb eines skeptisch-rationalen Weltbilds kein Wert sein sollte.

Eine Überzeugung ist eine Einstellung zu einem Sachverhalt. Dieser besteht oder er besteht nicht, unabhängig von der Einstellung. Wir können uns also irren. Und bei der Einstellung können wir unterscheiden zwischen einer kognitiven Dimension, nämlich der subjektiven Wahrscheinlichkeit, die wir dem Sachverhalt beimessen, und einer moralischen Dimension. Sie bewertet das Halten der Überzeugung selbst. Ist es wichtig oder unwichtig, richtig oder falsch, gut oder schlecht, diese Überzeugung zu haben?

Der religiös-ideologische Idealfall sieht jetzt so aus:

  • Die kognitive Dimension der Überzeugung orientiert sich an der Glaubens-Wahrheit. Da diese schon feststeht, ist die Sache einfach. Fragen, die nicht direkt mit der Glaubens-Wahrheit zu tun haben, sind immer im Lichte einer Interpretation der Glaubens-Wahrheit zu entscheiden. Daher sind Glaubens-Wahrheitsgelehrte immer zuständig, auch wenn sie von dem jeweiligen Sachgebiet keine Ahnung haben.
  • Die moralische Bewertung der Überzeugung ist klar: Jede dogmatisch richtige Überzeugung ist gut, jeder Zweifel an einer Glaubens-Wahrheit ist schlecht.

Diese moralische Bewertung ist hier von besonderer Bedeutung: Da es außer den grundlegenden Texten, außer Tradition und Autorität von Schriftgelehrten und Hohepriestern keine Evidenz für Glaubens-Wahrheiten gibt, erhält das Bekenntnis selbst ungeheures Gewicht. Märtyrertum ist ein “Zeugnis”, ein Zeichen. Es steht für die kaum steigerbare emotionale und moralische Intensität des Glaubens. Es soll die Glaubens-Wahrheit belegen. Es ist ein überaus effektives Zeichen. Tatsächlich sind wir beeindruckt von der Glaubenskraft eines Märtyrers. Aber wie so oft, nutzt die Religion hier nur eine Schwäche unseres Denkens aus: Die im Märtyrertod implizite rhetorische Frage lautet: Kann jemand irren, der so stark glaubt? Die richtige Antwort muss aber natürlich lauten: Ja, warum nicht? Auch wenn ich um den Tisch tanze, auch wenn ich mich auf den Kopf stelle, auch wenn ich mich umbringen lasse, nichts davon ist ein Beleg für die Wahrheit meiner Überzeugung, bestenfalls für die Intensität, mit der ich sie für wahr halte.

Der skeptisch-rationale Idealfall sieht so aus:

  • Die subjektive Wahrscheinlichkeit der Überzeugung orientiert sich an den Gründen, die sich aus einer möglichst unvoreingenommenen Untersuchung ergeben.
  • Und moralisch gesehen gilt: Es ist gut, wenn Du nur die Überzeugungen hast, die Du ausreichend gut belegen kannst. Die Tatsache selbst, eine bestimmte Überzeugung zu haben, hat keinen Wert, der unabhängig wäre von den Belegen, die für sie sprechen. Ändern sich die Daten, ändert sich die Überzeugung.

Die Lehre aus Theorie und Geschichte der Wissenschaft ist kognitive Bescheidenheit: “Wahrheit” ist ein großes Wort, und wir nähern uns ihr bestenfalls an, sie bleibt jedoch unerreichbar. Diese Haltung der kognitiven Bescheidenheit ist auch ein zentraler Wert einer humanistisch-diesseitigen Ethik. Wer sich daran gewöhnt hat, die Wahrheit immer nur am Horizont zu sehen, wird weder bereit sein, für sie zu sterben noch für sie zu töten. Eine Überzeugung, die auf wissenschaftlicher Grundlage steht, muss nicht als Beleg für sich selbst herhalten. Diktatorischer Druck von außen kann also ein ausreichender Grund sein, eine solche Überzeugung zu verleugnen. Was soll’s? Es muss, wie immer im Leben, eine Güterabwägung stattfinden. Das Leben ist kostbar, die Wahrheit sorgt für sich selbst. Galileo Galilei hat also höchst vernünftig gehandelt, Giordano Bruno hingegen eher töricht. Gegenüber katholischen oder islamischen oder anderweitig ignoranten Machthabern muss die Devise lauten: Weiterleben, um im Verborgenen weiter forschen zu können. Es hat keinen Sinn, für eine wissenschaftliche Theorie zu sterben.

Georg ElserEs gibt aber sicher gute Gründe, für eine freie Gesellschaft zu streiten und auch, für sie zu sterben. Aber wenn schon Märtyrertod, dann sollte er eine mächtige Waffe sein, kein “Zeugnis”, kein bloßer Kommunikationsversuch. Wer im Krieg gegen Tyrannen stirbt, stirbt nicht umsonst. Natürlich billigen wir nicht die Motive islamistischer Selbstmordattentäter, aber wir wären heute etwa einem Georg Elser grenzenlos dankbar, hätte er seine Bombe gegen Hitler direkt selbst und mit Erfolg gezündet, statt per Zeitzünder und auf tragische Weise vergebens. Andererseits: Der Märtyrertod als Kommunikationsversuch, nur um einen Punkt zu machen, hat wohl noch nie zum Sturz von Unrechtsregimen geführt. Ein System, das Menschen hinrichtet, die für die Menschenrechte eintreten, wird durch Menschen, die sich dafür hinrichten lassen, kaum beeindruckt werden. Eine Diktatur, ein Terrorregime muss gestürzt, nicht überzeugt werden.

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Anders als wissenschaftliche Theorien sorgen Glaubens-Wahrheiten aber eben nicht für sich selbst. Ohne Überlieferung, ohne Mission und ohne Religionsunterricht verschwinden sie. Es gibt keinen Anlass für Gläubige, ihre Wahrheiten gelassen sich selbst zu überlassen. Religionen und Ideologien sind darauf angewiesen, dass ihre Träger, die Gläubigen, sich für sie einsetzen, dass sie “Zeugnis ablegen”, notfalls mit dem eigenen Leben. Der Märtyrertod als Zeugnis muss daher für jede religiöse Ideologie wertvoll und geboten sein. Mit einem klaren analytischen Blick können wir allerdings leicht sehen, dass das gesamte Leid aller Märtyrer nicht den kleinsten Beleg darstellt für das, wofür sie gestorben sind. Der religiöse Märtyrer ist eine tragische Figur.

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Über Harald Stücker

Harald Stücker

4 Antworten zu “Sollten wir für unsere Überzeugungen sterben?”

  1. Frank Heinze sagt :

    Der Russe kannte seinen Brecht.

    Über den Verrat
    Soll man ein Versprechen halten? Soll man ein Versprechen geben? Wo etwas versprochen werden muß, herrscht keine Ordnung. Also soll man diese Ordnung herstellen. Der Mensch kann nichts versprechen. Was verspricht der Arm dem Kopf? Daß er ein Arm bleibt und kein Fuß wird. Denn alle sieben Jahre ist er ein anderer Arm. Wenn einer den anderen verrät, hat er denselben verraten, dem er versprochen hat? Solang einer, dem etwas versprochen ist, in immer andere Verhältnisse kommt und sich also immer ändert nach den Verhältnissen und ein anderer wird, wie soll ihm gehalten werden, was einem ändern versprochen war? Der Denkende verrät. Der Denkende verspricht nichts, als daß er ein Denkender bleibt.

    Maßnahmen gegen die Gewalt
    Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach, merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte sich um und sah hinter sich stehen – die Gewalt.”Was sagtest du?” fragte ihn die Gewalt.”Ich sprach mich für die Gewalt aus”, antwortete Herr Keuner. Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. Herr Keuner antwortete: “Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muß länger leben als die Gewalt.”
    Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte:
    In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im Namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem stand, daß ihm gehören solle jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte; ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe. Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: “Wirst du mir dienen?”
    Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: “Nein.”

    aus: Bertolt Brecht – Geschichten von Herrn Keuner

    btw, Humanisten, Partisanen(Nichtreligiöse Menschen) etc. kämpfen und wollen auch überleben um die bessere Zukunft selbst zu erleben. Menschen mit einem übermächtigem Jenseitsbezug ist das Überleben in dieser Welt zweitrangig. “Zur höheren Ehre Gottes” überlagert alles.

    Wenn man “Gott” durch “Lehnsherr/Nation” ersetzt, hat man übrigens die Erklärung für die absolute Treue und Todesverachtung japanischer Samurai und Soldaten. Beiden allerdings gleich ist die Verachtung individuellen Lebens und deren Unterordnung in Gemeinschaft, Umma, Volk.

  2. Heinz Göd sagt :

    Eine treffliche Analyse.
    Mit ca. 17 Jahren hatte ich mit dem Religionslehrer bezüglich Märtyrertum eine Meinungsverschiedenheit.
    Er schilderte das Märtyrertum als das leuchtendste Vorbild.
    Ich wandte ein: “Ein Familienvater mit Frau und Kindern handelt verantwortungslos gegenüber seinen Kindern, denn …”
    Der Religionslehrer, ein katholischer Priester, unterbrach mich mit: “Du kannst doch nicht Gott verleugnen”. Auf mein: “Aber …” schrie er mich an: “Setz’ dich hin!”. Auf mein weiteres: “Aber …” sein weiteres “Setz dich hin”. Ich hab mich dann wirklich hingesetzt, weil sich kein Mitschüler auf meine Seite geschlagen hat.
    Sagen wollte ich: “Aber er überlässt seine Kinder mit seinem Märtyrertod einem ungewissen Schicksal, warum sollte ein Gott dies fordern?”
    Ab der Pubertät war ich in der Schuler zwar ein Ketzer, aber irgendwie vorgeprägt durch den ReligionsUnterricht von 6-16 Jahren bin ich doch.
    Wenn es der Menschheit nicht gelingt, die Kinder vorurteilsfrei aufwachsen zu lassen, dann sehe ich schwarz für die Zukunft – wir schießen im Krieg ja nicht mehr mit Pfeil und Bogen.
    Mein Vorschlag:
    http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zukunft/2069Buch/2069D_11.html
    Klar, ist eine Utopie – aber Utopien von gestern sind die Wirklichkeit von heute, also werden möglicherweise die Utopien von heute die Wirklichkeit von morgen…

  3. Giesela sagt :

    Das Problem der christlichen Märtyrer war, dass ihr Glaube ihre Bereitschaft zum Märtyrertum unbedingt verlangte. Schon in den Evangelien, zu Beginn der Christenverfolgungen niedergeschrieben, verlangt Jesus von seinen Anhängern ja unbedingt die Bereitschaft, auch bei Folter und Ermordung zu ihm zu stehen. Ja, er betont sogar, dass, wer sein Jünger sein wolle, diesem Schicksal wohl nicht entgehen könne. Was nicht heißt, dass man es sich noch mal hätte überlegen können. Für die, die das Martyrium nicht ertragen konnten, sondern aus Angst oder aufgrund der Schmerzen absprangen, hatte er die Drohung mit der Verdammnis parat.

    Ein überzeugter Christ aus der Zeit der römischen Christenverfolgung, der sicher war, dass ihm bei Absagung des Glaubens im Jenseits noch schlimmere Qualen erwarten würden, als ihm auf Erden überhaupt zugefügt werden konnten (und das auch noch für ewig) hatte also überhaupt keine Wahl, sondern war gezwungen, sich für seinen “Gott der Liebe” zu Tode foltern zu lassen. Das war weder Mut noch Tapferkeit, sondern Gehorsam aufgrund panischer Angst.

    Anders ist es bei Menschen, die aus eigener Überzeugung zum Beispiel gegen Unterdrückung kämpfen (können) und nicht, weil sie mit barbarischen (zum Beispiel religiösen) Drohungen dazu gezwungen werden. Diese Menschen tun es aus freien Stücken für die Sache. Sie kann man (wenn sie für eine moralisch gute Sache kämpfen) wirklich als Helden ansehen, da sie jederzeit ohne Nachteile damit aufhören könnten.

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