Angst vor der Ungleichheit

Starten wir alle als unbeschriebene Blätter ins Leben? Es sieht nicht so aus. Aber trotzdem hält sich diese Illusion hartnäckig, vor allem aus Angst um die Grundlagen unserer Moral. Aber unsere Moral hängt nicht ab von Erkenntnissen der Genetik.

Der Horror der Gleichheit: Android David erkennt, was er ist: ein Massenartikel (Steven Spielberg, A.I., 2001)

Viele Menschen fürchten, dass die genetische Forschung immer weitere Indizien dafür liefern könnte, dass Menschen von Geburt an verschieden sind. Sie haben Angst vor dieser Ungleichheit, der Ungleichheit zwischen einzelnen Menschen sowie zwischen ethnischen Gruppen.

Die Angst wird verstärkt durch die Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit war etwa die Eugenik populär. Die ersten IQ-Tests, obwohl komplett ungeeignet, wurden euphorisch begrüßt als Mittel zur Feststellung erblichen Schwachsinns. Zwangssterilisierungen waren die Folge, in den USA bis in die Vierziger Jahre hinein völlig legal. Dann das Erschrecken über die Nazi-Verbrechen und der Pendelschlag in die andere Richtung. Jetzt wurde die Idee einer Erblichkeit von Persönlichkeitsmerkmalen zum Tabu.

Sowohl die primitive Pervertierung der Evolutionstheorie in den Spencerschen “Sozialdarwinismus” als auch die spätere Tabuisierung der Erblichkeit in den Zeiten des nicht minder primitiven Umweltdeterminismus waren vor allem eins: miserable Wissenschaft. So schreibt Matt Ridley 1999 in Alphabet des Lebens:

Angeblich besteht der Fortschritt der Wissenschaft darin, dass man Hypothesen aufstellt und sie dann durch Überprüfung zu falsifizieren versucht. Aber so ist es nicht. Genau wie die genetischen Deterministen der zwanziger Jahre, die immer nach einer Bestätigung ihrer Ideen und niemals nach ihrer Widerlegung strebten, suchten auch die Umweltdeterministen der sechziger Jahre stets nach unterstützenden Belegen, und bei gegenteiligen Befunden, nach denen sie aktiv hätten suchen sollen, steckten sie den Kopf in den Sand.

Aus Angst vor der Ungleichheit möchten viele auch heute noch glauben, dass wir als unbeschriebene Blätter zur Welt kommen. Das tun wir nicht. Und tatsächlich finden wir das auch gut so. Darauf weisen nicht nur viele durchaus positiv besetzte Begriffe hin, die wesentliche Unterschiede implizieren: Individualität, Originalität, Kreativität, Charakter, Persönlichkeit. Nein: Absolute Gleichheit ist die eigentliche Horrorvorstellung. Sie ist ein Ideal totalitärer Ideologien. Unbeschriebene Blätter lassen sich mit allem bedrucken und einfach gleichschalten. Das Ererbte ist der Feind des Neuen Menschen. Huxleys Schöne neue Welt ist eine Welt des Klonens, in der Individualität und Persönlichkeit als Verbrechen gelten. Dennoch ist unsere Angst vor der Ungleichheit ungleich größer.

Auf den ersten Seiten seines neuesten Buches beschreibt Dieter E. Zimmer die Reaktion der SPD-Spitze auf Sarrazin. Wer diesen Bericht liest, wähnt sich im ideengeschichtlichen Time Tunnel. Als sei seit der Blütezeit des Behaviorismus nichts geschehen. Als sei die Revolution in der genetischen Forschung an diesem politischen Spitzenpersonal spurlos vorübergegangen. Zimmer geht auf die Minen der politischen Korrektheit ein, auf die zu treten jeder riskiert, der sich öffentlich zu diesem Thema äußert:

Ideologische Ambitionen verfolgt das Buch nicht. Ich selber halte mich für einen Naturalisten. Wenn jemand seinen Inhalt für «reduktionistisch», «mechanistisch», «darwinistisch», «sozialdarwinistisch», «positivistisch» und so weiter halten möchte, bitte sehr. Aber «biologistisch»? «Biologisch» wäre das Wort. Jemand, der die Welt durch die Brille der Soziologie zu sehen beliebt, muss sich von niemandem «Soziologist» schimpfen lassen. Und «rassistisch»? Das Wort sollte strikt für jene reserviert sein, die einzelne Ethnien in Wort oder Tat geringschätzen, verunglimpfen und diskriminieren. Wenn schon die Konstatierung von ethnischen Differenzen «Rassismus» sein soll, verlöre das Wort seinen Sinn, denn dann wäre letztlich jedermann ein Rassist.

Die Angst vor der Ungleichheit ist analog der Angst eines Dostojewski um unsere moralischen Grundlagen: Wenn der Antibiologismus tot ist, ist alles erlaubt! Diese Parallele zwischen moralisch motiviertem Theismus und dogmatischem Antibiologismus kommt nicht von ungefähr. Bei beiden findet sich das Phänomen des “Glaubens an den Glauben”: Auch wer insgeheim an Unterschiede glaubt, hält es für wichtig, diese Tatsache öffentlich zu leugnen. Beide stehen wissenschaftlichen Erkenntnissen zutiefst skeptisch gegenüber und wollen sie unter Vorbehalt stellen. Beide lehnen die Idee einer Evolution des Geistes ab. Es ist für beide kein Problem, dass körperliche Unterschiede genetisch bedingt sind. Nicht aber die geistigen Anlagen und Vermögen, nicht die “Seele”. Der dogmatische Antibiologismus wie auch der Theismus setzen somit einen cartesianischen Dualismus voraus. Sie widersprechen also jeder Annahme einer Einheit von Körper und Geist, jeder naturalistischen Psychologie, a fortiori also jeder evolutionären Psychologie. Eine Position, die sich evolutionärer Humanismus nennt, kann einen solchen dogmatischen Antibiologismus daher also schon aus theoretischen Gründen kaum mittragen.

Beide Positionen misstrauen nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der einzigen Art von Moral, zu der Menschen fähig sind: der Moral nämlich, zu der sie sich gegenseitig durch Konventionen verpflichten. Daher verspüren beide das dringende Bedürfnis, dieser Moral ein vermeintlich faktisches Fundament zu geben. So stellen sie unsere moralischen Grundlagen unter theologischen bzw. politischen Vorbehalt. Aber weder theologische noch politische Fantasien sind nachhaltig. Sie sind Kartenhäuser aus Wunschgedanken. Eine Moral, die auf solchen Kartenhäusern aufbaut, kann nur mit ihnen zusammenfallen.

Wissenschaftliche Forschung hat gezeigt, dass es kaum Unterschiede zwischen menschlichen Rassen gibt, die signifikanter wären als die Unterschiede zwischen Individuen. Sie hat also dem Rassismus die Grundlage entzogen. Aber sie legt auch nahe, dass Rassismus in uns angelegt ist. Offensichtlich gehört es auch zur menschlichen Natur, Fremden zu misstrauen, sie zu diskriminieren und im Konflikt zu töten. In Der dritte Schimpanse plädiert Jared Diamond eindringlich dafür, diese harten Tatsachen nicht zu verdrängen. Rassismus, Krieg und Völkermord brechen nicht aus heiterem Himmel über uns herein. Sie sind in gewisser Weise natürlich, sie sind menschlich. Der edle Wilde, der zwangsläufig gut ist, weil er nicht von unseren gesellschaftlichen Verhältnissen korrumpiert wurde, ist ein Fabelwesen. Das mag schockierend klingen für Leute, die zu glauben gelernt haben, das Natürliche sei das Gute. Aber der Schock muss sein. Wir müssen auch den Gefahren ins Auge sehen, die von uns selbst ausgehen. Denn wer ständig nur “Nächstenliebe” anmahnt oder “Wir sind doch alle Menschen!” ruft, ringt auch nach dem nächsten Genozid die Hände gen Himmel und fragt fassungslos: “Wie konnte das nur passieren?”

Aber auch moralisches Verhalten ist in uns angelegt. Auch die Moral ist also natürlich und menschlich. Sie hat sich wie alles andere allmählich entwickelt, und sie entwickelt sich weiter. Solange aber für diese Entwicklung Institutionen zuständig sind, denen ein fantastisch-mythologisches Menschenbild zu Grunde liegt, entwickelt sich die Moral, wenn überhaupt, nur quälend langsam weiter. Zu biblischen Zeiten waren Frauen als Besitz des Mannes dem Vieh gleichgestellt, einige Tausend Jahre später dann, seit 1958, dürfen sie in Deutschland ein eigenes Konto führen und heute haben sie die vollen Menschenrechte. Moralischer Fortschritt findet also unleugbar statt. Er besteht darin, den Kreis um unsere Ingroup immer weiter zu ziehen. Inzwischen sind Sexismus und Rassismus geächtet, ist die Gewalt rückläufig. Vor allem in Kulturen, in denen auch der Einfluss von Religionen, Traditionen und Ideologien rückläufig ist und in denen Wissenschaft einen hohen Status hat.

Das scheint kein Zufall zu sein. Moralischer Fortschritt verdankt sich offenbar denselben Werten wie wissenschaftlicher Fortschritt: Alles ist Gegenstand der Kritik, es gibt keine Tabus, keine Dogmen, keine absoluten Wahrheiten. Autorität ist kein Argument. Aber gute Argumente haben Autorität, solange sie nicht durch bessere widerlegt werden. In dem Maße, in dem wir uns von Illusionen und Denkverboten über die Natur des Menschen befreien, können wir unsere moralischen Konventionen anhand von wissenschaftlichen Daten über diese Natur kritisieren und weiterentwickeln. Das ist das Programm von Sam Harris: Ethik ist zu wichtig, um sie Theologen oder anderen Ideologen zu überlassen. Denn der Mensch ist weder ein Ebenbild Gottes noch ein unbeschriebenes Blatt. Und was noch wichtiger ist: Beide Vorstellungen sind für eine Ethik auf wissenschaftlicher Grundlage nicht nur entbehrlich, sondern völlig irrelevant.


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