Religion für Ungläubige?

Alain de Botton schlägt in seinem Buch Religion für Atheisten vor, dass sich Ungläubige an den Religionen orientieren sollten. Sie sollten genau hinschauen, wie Religionen Macht ausüben, Gemeinschaften bilden und ihre Botschaften platzieren. Warum nicht von ihnen lernen?

Zunächst einige Anmerkungen zur Terminologie: Atheismus braucht kein Upgrade 2.0. Atheismus 1.0 macht seinen Job tadellos. Es ist ein sehr einfaches Programm, dessen Funktionsumfang immer überschätzt wird. Es kann eigentlich nur eins: Immer, wenn die Rede auf „Gott“ und „Jenseits“ kommt, fragt es: „Wie bitte? Das hab ich nicht verstanden.“ Immer, wenn Ballons mit transzendenten Illusionen aufgeblasen werden, schießt es eine Nadel ab. Es ist durch und durch destruktiv.

Das Ganze wird plausibler, wenn wir von Religion für säkulare Humanisten reden. Denn ein säkularer oder auch evolutionärer Humanismus ist nicht bloß destruktiv, er macht sehr weit reichende, konstruktive Angebote. Der Atheismus, auf den er immer reduziert wird, ist für ihn bloß eine Art skeptisches Immunsystem, um den Unsinn fern zu halten.

In diesem Sinne ist vor allem dem ersten Punkt, den de Botton macht, zuzustimmen: Die Kritik an den inhaltlichen Behauptungen der Religionen ist geleistet. Siehe Norbert Hoerster, siehe John Leslie Mackie. Now let’s move on. Natürlich sind alle übernatürlichen Phänomene Fiktionen. Natürlich gibt es für scheinbare Wunder entweder eine wissenschaftlich überprüfbare Erklärung oder der Zeuge ist unglaubwürdig (so David Hume). Natürlich war Jesus nur einer von unzähligen Wanderpriestern, hieß eigentlich Brian, und das Ganze war ein Missverständnis.

Now let’s move on!

Religionen sind Memplexe, und sie sind unbestreitbar neben Sex und Subsistenzsorge die wichtigste treibende Kraft der kulturellen Evolution. Sie wirken, wie alle wichtigen Kräfte der Evolution, durch schöpferische Zerstörung. Uns modernen aufgeklärten Menschen im saturierten Westen mag es seltsam erscheinen, aber unsere Vorfahren sind massenhaft für ihre Religionen gestorben. (Viele unserer Zeitgenossen sind anscheinend immer noch dazu bereit.) Die verschiedenen christlichen Sekten haben Europa wiederholt in Schutt und Asche gelegt. Nur Religionen waren im Mittelalter in der Lage, die dringend benötigten Ressourcen abzuzweigen, um überall Kathedralen zu bauen. Religionen sind mächtig.

Vielen von uns Ungläubigen sind Religionen zuwider. Aber wir sollten gut unterscheiden zwischen dem, was diesen Widerwillen im Kern verursacht, und dem, was zu den Vertriebsstrukturen dieses Kerns gehört. Alain de Bottons These ist, dass wir diese religiösen Vertriebsstrukturen nutzen könnten. So sollten wir etwa beim Wort „Propaganda“ nicht gleich zusammenzucken und an Goebbels oder Paulus denken (ab Min. 11:40):

„Propaganda ist eine Art und Weise, didaktisch zu sein im Hinblick auf eine Sache. Und wenn diese Sache gut ist, ist das überhaupt kein Problem.“

Nun, darüber lässt sich streiten. Jeder, der Propaganda betreibt, ist natürlich davon überzeugt, dass „seine Sache gut ist“. Der Missionar ebenso wie der Nazi, Luther ebenso wie Lenin. Aber betreibt nicht Richard Dawkins auch Propaganda? Sam Harris? Michael Schmidt-Salomon? Und wenn wir entrüstet verneinen, streiten wir dann nicht um Worte? Wie wollen wir ihn nennen, den Kampf um die Vorherrschaft der Meme? Und was sonst sollen wir tun, um diesen Kampf zu führen?

Die Weltreligionen jedenfalls führen ihn hervorragend. Sie haben eine propagandistische Infrastruktur geschaffen und sie so tief in die Fundamente unserer Gemeinwesen eingegraben, dass selbst Ungläubige davor Angst haben, sie auszuschalten oder abzuschaffen. Die Frage ist doch jetzt vor allem: Sind ihre Methoden der Propaganda übertragbar auf andere Inhalte?

Hier liegt meines Erachtens die Schwäche des Ansatzes von de Botton. Er verkennt offenbar auf naive Weise, dass Religionen auf allen Ebenen top-down wirken, von oben nach unten; jeder Gegenentwurf zur Religion aber bottom-up wirkt: Evolution statt Schöpfung, Entdeckung statt Offenbarung, Konvention statt Gebot. Und Demokratie statt Gottesgnadentum. Alles ist tatsächlich emergent.

So ist etwa das Ziel religiöser Erziehung die Vermittlung von im Grunde einfachen dogmatischen Wahrheiten und Geboten. Wir haben keine Zentrale, die unsere Wahrheit verkündet, und wir haben auch keine Wahrheit, die eine Zentrale verkünden könnte. Wir wollen, dass die Menschen selbst denken, selbst forschen und nur das für wahr halten, was sie belegen können. Wir wollen, dass ihre Ansichten evidenzbasiert sind. Auch die Wahrheit entsteht also bottom-up, sie ist emergent und sie ist immer vorläufig.

Dennoch ist de Botton hier auf einer richtigen Spur. Wir besuchen einen Vortrag nicht nur, um etwas Neues zu erfahren. Wir wollen uns mit Gleichgesinnten treffen und Gemeinsamkeit erleben. Vor allem dafür kommen Menschen in Kirchen zusammen. Dies ist ein Element der religiösen Vermittlung von Inhalten, Werten und Inspiration, das wir uns ohne Weiteres zu Nutze machen können. Und das passiert ja auch. Alain de Botton selbst hat die School of Life mit gegründet, in der solche „Predigten“ stattfinden können.

Wer diesem Vortrag von Lawrence Krauss gern gelauscht hat, obwohl er den Inhalt schon kannte, sich jetzt aber daran stört, dass er „Predigt“ genannt wird, der streitet wohl wieder um Worte. Wenn diese „Predigt“ erbaulich ist, dann nicht im herkömmlichen Sinn von „erbaulich“. Seine Botschaft wird man in Kirchen eher selten hören:

„Wenn Sie das nächste Mal depressiv sind, denken Sie daran, dass wir wirklich vollkommen bedeutungslos sind. Die beiden Botschaften, die ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte, sind 1. Sie sind viel unbedeutender, als Sie dachten, und 2. Das Universum, die Zukunft ist trostlos.“

Das ist zwar ironisch, aber auch ernst gemeint. Krauss ist Astrophysiker. Unsere kosmische Bedeutungslosigkeit ist nun wirklich nichts Neues und die trostlose Zukunft des Universums ist nicht wirklich unsere Zukunft. Viel wichtiger und auch erbaulicher für uns sind solche Sätze:

„Jedes Atom in Ihrem Körper kommt aus einem Stern, der explodiert ist. Und die Atome in Ihrer linken Hand kommen wahrscheinlich aus einem anderen Stern als die Ihrer rechten Hand. Vergessen Sie also Jesus: Die Sterne mussten sterben, damit Sie geboren werden konnten. Das ist wirklich das Poetischste, was ich über Physik weiß: Sie alle sind Sternenstaub.

Ich hoffe, dass Sie alle einmal im Leben diese Erfahrung machen: Dass etwas, woran Sie tief und fest glauben, weil es schön und elegant und wundervoll ist, sich als falsch herausstellt. Denn dann können Sie wirklich frei denken.“ (ab ca. Min. 20)

Alain de Botton sieht sich als Antipode zu Richard Dawkins. Und Dawkins sieht das sicher ähnlich. Aber wenn ich de Botton richtig verstehe, dann füllt Dawkins den Rahmen, den er vorschlägt, auf ideale Weise aus! Seine Vorträge sind Predigten im positiven Sinne des Wortes. Er ist einer der großen Champions für die Verbreitung eines evolutionären, wissenschaftlichen Humanismus. Er sticht nicht bloß in die Ballons des Unsinns, er inspiriert und begeistert für die positive Alternative. Er steht damit in der Tradition von Carl Sagan, dem vielleicht größten „Prediger“ eines wissenschaftlichen Humanismus. Schauen Sie selbst, wie plastisch und mitreißend Dawkins in seinem neuesten Buch The Magic of Reality eben diese „poetische Magie der Wirklichkeit“ der „übernatürlichen Magie des Mythos“ gegenüberstellt. Hier am Beispiel des Kapitels „Wer war die erste Person?“:

Das große Verdienst von Alain de Botton ist wohl, dass er diese Diskussion angestoßen hat. Man muss seine naive Wertschätzung der Religionen nicht teilen, um die Idee faszinierend zu finden, dass diese Religionen auf kulturellen Schätzen sitzen, die eigentlich uns allen gehören.

Schlagworte: , , , , , , , , , , ,

Über Harald Stücker

Harald Stücker

4 Antworten zu “Religion für Ungläubige?”

  1. Physi sagt :

    Hallo Harald,

    so kann ich dir sogar fast zustimmen. Auch wenn ich dann die Wortwahl etwas sinnlos finde. Man braucht keine neues Wort (Predigt) für etwas benutzen was es schon gibt (Vortrag). Wenn du der Meinung bist dass diese beiden Wörter austauschbar sind, dann habe ich auch mit Predigten kein Problem. Dann nennen wir eben was bis jetzt Universität hieß einfach Kirche und schon haben wir alles was de Botton wollte.
    Den wichtigen Unterschied den ich sehe ist, dass mir in den Kirchen sogenannte “Fakten” vermittelt werden und in den Universitäten mehr der Prozess wie ich selber “Fakten” herausfinden kann.

    • Harald Stücker sagt :

      Nein, eine Predigt geht über einen Vortrag hinaus, in dem wir von ihr eine moralische, erbauliche, inspirierende Komponente erwarten. Daher kann eine Predigt auch ein wohl bekanntes Thema variieren, sie muss uns keine neuen Fakten vermitteln. Ein Vortrag an einer Uni kann das auch leisten, aber es ist die Ausnahme. Außerdem, und das ist wohl der wichtigste Unterschied, sollten sich Predigten in diesem Sinne nicht nur an Akademiker, sondern an alle richten. (Ich gebe zu, dass Lawrence Krauss in diesem Sinne ein eher schlechtes Beispiel ist. Aber der oben verlinkte Vortrag von Dawkins passt da ganz gut.) In die Kirche gehen (oder gingen) alle, und der Pfarrer hat die Aufgabe, mit seiner Rede alle zu erreichen, zu erbauen und zu inspirieren. Das ist keine einfache, keine triviale Aufgabe.
      Nimm nur Deinen letzten Punkt: Wenn Du es schaffen solltest, in einer für alle verständlichen und nachvollziehbaren Rede Dein moralisches Urteil zu kommunizieren, dass es besser ist, Fakten selber herauszufinden als sie sich vorbeten zu lassen, so dass die Leute am Ende von der Idee beseelt sind, ab jetzt nicht mehr denken zu lassen, sondern selbst zu denken, dann hast Du mehr erreicht, als nur Deinen Punkt zu kommunizieren.

Was denken Sie zum Thema?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 228 Followern an

%d Bloggern gefällt das: