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Echte Menschen?


Eine Literatin hat ihren Ekel und Abscheu gegenüber künstlich gezeugten Menschen zum Ausdruck gebracht. Wir können uns glücklich schätzen, dass die meisten Menschen darauf überwiegend mit Ekel und Abscheu der Literatin gegenüber reagieren. Aber nichtsdestotrotz verbergen sich hinter ihrer Empörung faszinierende Fragen zu Humanismus und Transhumanismus.

Die Literaturpreisträgerin hat offenkundig sehr exzentrische Einstellungen der künstlichen Befruchtung gegenüber. Wenn sie diese Verfahren als solche ablehnt, dann befindet sie sich noch im Einklang mit religiös motivierten Gegnern. Deren Gegnerschaft bezieht sich aber meist auf die überschüssigen Embryonen, die dabei anfallen, und auf deren „Selektion“ im Rahmen einer Präimplantationsdiagnostik (PID), die ein Teil dieser Verfahren ist. Die Literatin hat sich aber zu einem Schritt verstiegen, den meines Wissens noch kein religiös motivierter Gegner gegangen ist: Sie lehnt nicht nur die Verfahren ab, sondern auch die Menschen, die durch diese Verfahren entstehen. Sie spricht von „Abscheu“ solchen „Halbwesen“ gegenüber.

Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.

Damit vertritt sie einen Essentialismus der Spezies, der über die gewöhnlichen Rassismen und Sexismen hinausgeht, indem er die Verfahren der Entstehung von Menschen zum Bestandteil ihres Wesens erklärt.

Hinter dieser Haltung verbergen sich faszinierende Fragen, die in der Literatur, der Science Fiction zumal, immer wieder aufscheinen, und die sich in nicht allzu ferner Zukunft unabweisbar stellen könnten.

Dass die Wertschätzung von Menschen durch Umstände ihrer Entstehung beeinflusst wird, ist nicht neu. Herkunft, Rasse, Religion, sozialer Stand und Familienstand der Eltern waren zu allen Zeiten wichtig – und wurden unzähligen Menschen zum Verhängnis. Ein modernes, aufgeklärtes Rechts- und Ethikverständnis versucht hingegen, von all diesen spezifischen Umständen zu abstrahieren. Aber nicht alle Vorbehalte gegenüber Menschen, die sich aus der Art und Weise ihrer Entstehung ergeben, lassen sich so einfach durch eine aufgeklärte Sichtweise außer Kraft setzen. So werden nach Kriegen immer wieder unzählige Kinder geboren, die nicht aus Liebe, sondern aus Hass, durch Vergewaltigung gezeugt wurden. Es ist Bestandteil der gewaltsamen Intention, dass die emotionalen Reaktionen der Mütter auf diese ihre eigenen Kinder immer auch mit „Ekel und Abscheu“ durchsetzt sind. Von der Reaktion der (Kuckucks-) Väter, die später aus dem Krieg zurückkommen, ganz zu schweigen.

Es sagt viel aus über eine Ethik, wenn sie eine Abtreibung selbst nach Vergewaltigung ebenso verteufelt wie die künstliche Zeugung eines Kindes, weil es beide Male um menschliche Embryonen geht. Beide Male spricht sich eine solche Ethik für das Leid und Elend der Menschen aus, die tatsächlich durch oder mit einer solchen Entscheidung leben müssen. Wer die „natürliche“ Zeugung absolut setzt, ignoriert den Unterschied zwischen Hass und Liebe, zwischen Unglück und Glück. Wer Menschen, die aus Liebe gezeugt wurden, mit „Ekel und Abscheu“ begegnet, verachtet das Leben selbst.

Nichts an einem künstlich gezeugten Menschen macht diesen in einem vernünftigen, nachvollziehbaren Sinn zu einem „Halbwesen“ (was immer das heißen mag). Allerdings stellt die technologische Zeugung wohl eine schwere narzisstische Kränkung für jedes religiöse Weltbild dar. Denn sie ist ein Triumph von Wissenschaft und Technologie. Ähnlich wie die Antibabypille ist sie ein Beweis für die Richtigkeit des wissenschaftlichen, antimetaphysischen Bildes vom Menschen. Wir haben das Rätsel der Entstehung des Menschen gelöst, wir wissen, wie es geht, und wir können diese Entstehung durch unsere Technologien sowohl verhindern als auch herbeiführen. Daher die religiöse Verteufelung des „Machbarkeitswahns“, die Beschwörung des alleinigen „Verfügungsrechts“ Gottes über Leben und Tod. Der Ekel der Literatin ist ein metaphysischer.

Der Ekel ist aber auch ein prophylaktischer. Es ist der Ekel vor allem, was da noch kommen könnte. Denn die künstliche Zeugung könnte erst der Anfang einer Entwicklung sein, an deren Ende wirklich „unechte Menschen“ entstehen. Schauen wir uns einige fiktive Beispiele an.

  • In Frankenstein, dem Klassiker von Mary Shelley, ist das sogenannte „Monster“, das Frankenstein erschafft, der literarische Prototyp des künstlichen Menschen. Das Monster entwickelt sich psychologisch ähnlich wie ein Mensch. Mit Neugier und Zutrauen geht es zunächst auf die Menschen zu und wird erst „böse“, als diese ihm immer wieder mit „Ekel und Abscheu“ begegnen.
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© Viktor Hertz, CC BY-NC-SA 2.0

  • In Steven Spielbergs Film A.I. Artificial Intelligence kauft sich eine Frau einen Mecha, einen künstlichen, aber intelligenten – und vor allem liebesfähigen – Roboter als Kindersatz, der sie bedingungslos liebt. Bemerkenswert ist auch das Ende: Da er als Roboter unsterblich ist, überlebt er eine 2000 Jahre lange Eiszeit, bis er von einer hochentwickelten Roboterspezies entdeckt wird. Seine Nachfahren, nicht unsere! Die Evolution geht also in der technischen Sphäre weiter. Echte Menschen sind inzwischen ausgestorben. Wäre es deswegen in einer solchen Zukunft moralisch egal, was mit diesen Wesen geschieht? 
  • Die schwedische TV-Serie Echte Menschen spielt in einer Zukunft, in der menschenähnliche Roboter, sogenannte Hubots, echten Menschen so ähnlich sind, dass manche von ihnen unerkannt bleiben. Freie, wilde Hubots kämpfen um ihr Überleben und dafür, genauso anerkannt zu werden wie echte Menschen.

© Halil Gokdal, CC BY-NC-SA 2.0

  • In der TV-Serie Battlestar Galactica wird die Grenze zwischen echten und unechten Menschen bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Die Zylonen, vom Menschen ursprünglich als Roboter geschaffen, haben im Laufe der Zeit ihre Mimikry als echt wirkende Menschen derart weit entwickelt, dass viele selbst nicht wissen, ob sie Mensch oder Zylon sind.

All diese Beispiele werfen die Frage auf, was eigentlich einen Menschen ausmacht. In all diesen Beispielen wird deutlich, dass die Unterscheidung zwischen „natürlich“ und „künstlich“, zwischen „echten“ und „unechten Menschen“ im Grunde moralisch irrelevant ist. Es ist nicht unser bloßes Menschsein, und schon gar nicht eine bestimmte Art und Weise unserer Entstehung, die uns moralisch besonders auszeichnet. Einige unserer Eigenschaften, die wir im Allgemeinen als „menschlich“ bezeichnen, machen uns zu moralisch relevanten Objekten, zu Trägern von Rechten. Das ist unsere Fähigkeit, Lust, Glück, Schmerz und Leid zu empfinden. Und einige andere Eigenschaften machen uns zu moralisch verantwortlichen Subjekten, die Pflichten gegenüber anderen haben. Das sind unsere Fähigkeiten zu Empathie und zu moralischer Einsicht.

Für eine essentialistische religiöse Ethik sind das provokante Thesen. Dabei ist es ja ironischerweise der Schöpfungsmythos selbst, der uns zu künstlichen Geschöpfen erklärt. Gemäß dieser Geschichte sind wir nicht in einem „natürlichen“, evolutionären Prozess entstanden, sondern von einem Schöpfer als künstliche Kreaturen gemacht worden. Wir können Mary Shelleys Frankenstein so auch als eine ironische Pastiche auf den biblischen Schöpfungsmythos lesen. Wie Frankenstein erschafft Gott den Menschen (den Mann) nach seinem Bilde. Wie Frankenstein erkennt Gott die Einsamkeit seiner Kreatur und erschafft ihm (anders als Frankenstein) als Gefährtin eine Frau. (Bezeichnenderweise schreckt Frankenstein davor im letzten Moment zurück, aus Angst, dass beide Kreaturen gemeinsam Kinder zeugen könnten.) Wie Frankenstein verflucht er seine Kreatur, als sie sich gegen ihn wendet. Schließlich ist Gott derart unzufrieden mit seiner Schöpfung, dass er beschließt, alles in einer großen Sintflut zu ersäufen.

Eine nicht-religiöse Ethik muss den religiösen Essentialismus überwinden, der im Begriff „Mensch“ steckt, so wie sie den Rassismus und Sexismus überwunden hat. Auch die Diskussion über den Speziesmus, über Schutz oder Rechte von nicht-menschlichen Tieren, gehört hierher.

Wir sind echte Menschen, ob „natürlich“ oder „technisch-künstlich“ gezeugt. Aber selbst wenn wir keine „echten“ Menschen wären, wenn wir Mechas, Hubots oder Zylonen wären, so wären wir dennoch Wesen (meinetwegen auch „Halbwesen“) mit eigenen Interessen und moralischen Ansprüchen und Pflichten. Gerade diejenigen, die gern von uns als „Geschöpfen“ oder „Kreaturen“ reden, sollten das verstehen. (Aber gerade sie werden es anders sehen.) So gesehen erscheinen Begriffe wie „Menschenrechte“, „Menschenwürde“, auch „Humanismus“, die so universalistisch gemeint sind, immer noch zu eng. Vielleicht muss ein recht verstandener Humanismus immer auch ein Transhumanismus sein?

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Angst vor der Ungleichheit


Starten wir alle als unbeschriebene Blätter ins Leben? Es sieht nicht so aus. Aber trotzdem hält sich diese Illusion hartnäckig, vor allem aus Angst um die Grundlagen unserer Moral. Aber unsere Moral hängt nicht ab von Erkenntnissen der Genetik.

Der Horror der Gleichheit: Android David erkennt, was er ist: ein Massenartikel (Steven Spielberg, A.I., 2001)

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Vom Hoerster zum Paulus



Die Piusbrüder, kath.net, das Bistum Regensburg etc. bejubeln dieser Tage den Abfall des bislang religionskritischen Philosophen Norbert Hoerster vom Unglauben, zumindest seinen Austritt aus der Giordano Bruno Stiftung. Sie feiern die Neuauflage der Geschichte der Bekehrung des Saulus zum Paulus, der von den Gründen seiner Bekehrung in der FAZ Zeugnis ablegt. Nein, er bezweifelt nicht die Evolutionstheorie. Er bezweifelt bloß, dass sie den Gottesglauben widerlege. Und nein, er hat nicht den Primat des Papstes in Fragen der Philosophie und Politik anerkannt. Er meint bloß, man müsse Kritik am Papst zunächst philosophisch abwägen und gewissenhaft durchdenken. (Der Papst bedankt sich damit, dass er Atheisten – wie Hoerster – für den Holocaust und so gut wie alle anderen Verbrechen und Übel der Welt verantwortlich macht.) Lies mehr …

Wie unwahrscheinlich sind Sie?


Der Stapel der Vorfahren, aus: Richard Dawkins, The Magic of Reality (Grafik: Dave McKean)

Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie existieren? Nicht etwa jemand wie Sie, etwa eine mögliche Schwester von Ihnen, sondern Sie, mit der einzigartigen genetischen Ausstattung, die Sie unverwechselbar macht? Die Wahrscheinlichkeit ist astronomisch gering, und das ist noch untertrieben. Lies mehr …

Gilad Shalit und der Wert des Einzelnen


Den Medien wird oft vorgeworfen, sie würden Menschen in westlichen Demokratien höher gewichten als Menschen in der islamischen Welt. Aber auch die islamische Welt selbst scheint das zu tun. Das legt zumindest der zwischen Israel und der Hamas frei ausgehandelte Austausch des israelischen Soldaten Gilad Shalit gegen 1027 palästinensische Gefangene nahe. Lies mehr …

Medizinische Bildung für alle – auch für Kinder!


Manchmal finden sich Texte, die besser ausdrücken, was man selbst sagen möchte, als man es jemals selbst könnte. So ging es wohl Bernd Harder, dem Chefredakteur vom GWUP-Blog, als er “ein bemerkenswertes Editorial” in der Zeitschrift Arzneiverordnung in der Praxis fand und es auf seinem Blog dokumentierte. Und tatsächlich bringt der Artikel Ist die alternative Medizin eine Alternative? der beiden Professoren für Medizin Klaus-Dietrich Bock und Manfred Anlauf auch einige Kerngedanken meines Blogs sehr gut auf den Punkt. Lies mehr …

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