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	<title>Evidenz-basierte Ansichten &#187; Medizin</title>
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	<description>Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Belege</description>
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		<title>Evidenz-basierte Ansichten &#187; Medizin</title>
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		<title>PID &#8211; die religiöse Indikation</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Nov 2012 00:02:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Bei Facebook war zu folgendem Bild der Kommentar zu lesen: „Bringt sie bloß nicht auf Ideen!“ Mich hat das Bild allerdings auf eine Idee für eine kleine Science-Fiction-Geschichte gebracht. Dass daraus einmal Science werden könnte, ist aber unwahrscheinlich. Allerdings dürften die Hürden weniger wissenschaftlicher oder technologischer, als vielmehr sozialer, oder genauer: religiöser Natur sein.  Wissenschaftlern [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=7517&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Bei Facebook war zu folgendem Bild der Kommentar zu lesen: „Bringt sie bloß nicht auf Ideen!“ Mich hat das Bild allerdings auf eine Idee für eine kleine Science-Fiction-Geschichte gebracht. Dass daraus einmal Science werden könnte, ist aber unwahrscheinlich. Allerdings dürften die Hürden weniger wissenschaftlicher oder technologischer, als vielmehr sozialer, oder genauer: religiöser Natur sein. </em></p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://www.thewholenetwork.org/" target="_blank"><img class="aligncenter  wp-image-7518" title="Foreskin_DNA" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/11/foreskin_dna.jpg?w=519&#038;h=389" width="519" height="389" /></a></p>
<p><span id="more-7517"></span>Wissenschaftlern ist es gelungen, die Genkombination zu entdecken und zu isolieren, die für das Wachsen der Vorhaut zuständig ist. In langwierigen Forschungen haben sie jetzt eine Möglichkeit entwickelt, das Genom des Menschen so zu verändern, dass sich die Vorhaut gar nicht erst entwickelt.</p>
<p><em>[Extra für diesen Bericht wurde außerdem definitiv ausgeschlossen, dass die fragliche Gensequenz auch noch für etwas anderes im Körper wichtig ist. Was also normalerweise nie vorkommt, sei hier der Fall, nur für den Zweck des Arguments. Science-Fiction eben.]</em></p>
<p>Die Forscher, einige davon jüdischer Herkunft, haben sich schon lange daran gestört, dass die Beschneidung männlicher Säuglinge von immer mehr Menschen weltweit als ein barbarisch-brutales, archaisch-atavistisches Ritual wahrgenommen wird, das offenbar nicht mehr in unsere Zeit passt. Daran wollten sie etwas ändern. Wer sich ein vorhautloses männliches Baby wünscht, kann jetzt nach einer künstlichen Befruchtung mithilfe von Gentherapie und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4implantationsdiagnostik" target="_blank">Präimplantationsdiagnostik (PID)</a> den Embryo so verändern lassen, dass die Beschneidung unnötig wird.</p>
<p>Der Sprecher der Forschergruppe ist enthusiastisch: „Dies ist die gewaltigste Entdeckung in der religiösen Wissenschaft seit …“ Denkpause. „Dies ist die gewaltigste Entdeckung in der religiösen Wissenschaft überhaupt! Keine Vorhaut mehr! Keine Beschneidung mehr! Jetzt können wir die gesamte Menschenrechtsproblematik elegant umgehen.“ In der Tat! Wenn das männliche Baby gleich ohne Vorhaut geboren wird, entfällt die Notwendigkeit, sie ihm abzuschneiden.</p>
<p>Der sehr engagierte Sprecher gibt sich überzeugt, auch in einem anderen Sinne etwas für die Belange der Religion in der Gesellschaft getan zu haben:</p>
<blockquote><p>„Menschen, die für ihre Kinder ein Risiko für Erbkrankheiten sehen, steht die Möglichkeit der PID offen. Für viele religiöse Menschen ist die Vorhaut ihres männlichen Kindes ein Geburtsfehler, also eine Krankheit, sie wird eindeutig vererbt, also ist sie eine Erbkrankheit. Ihre Eintrittswahrscheinlichkeit liegt zudem bei 100%. Damit haben wir jetzt neben den medizinischen also erstmals auch eine religiöse Indikation für eine PID.“</p></blockquote>
<p>Das muss nicht die letzte bleiben. Nachgedacht wird schon über die gentechnologische Rückbildung auch der übrigen äußeren Sexualorgane, von jeher die religiösen Problemzonen des menschlichen Körpers. Angespornt durch die Erfolge des Vorhaut-Teams hat ein weiteres Forscherteam die Suche nach der Genkombination für Klitoris und G-Punkt aufgenommen. Die Forscher denken weiter:</p>
<blockquote><p>„Viele Religionsführer verteufeln die Gentechnologie. Offenbar übersehen sie die riesige Chance, so auf längere Sicht den gesamten Sex eliminieren zu können. Wir können uns inzwischen künstlich reproduzieren! Eine künstliche Befruchtung hat nichts Erotisches an sich, glauben Sie mir. Bei den gewaltigen Problemen, die Religionen seit jeher mit Sex und Lust haben, ist es mir einigermaßen unverständlich, warum sie hier so ablehnend reagieren.“</p></blockquote>
<p>Dass sich die religiöse Indikation durchsetzen könnte, daran hat der religiöse Wissenschaftler keinen Zweifel:</p>
<blockquote><p>„In einer pluralistischen Gesellschaft können wir den Gläubigen nicht sagen, dass ihre Indikation weniger schwer wiegt als z.B. das Risiko einer Mukoviszidose. Im Übrigen wäre es doch verrückt, wenn religiöse Erbkrankheiten als Indikation nicht anerkannt würden, wo doch die Religionen durch ihre Mitwirkung in Ethikräten in erster Linie darüber bestimmen, welche Indikationen gelten und welche nicht.“</p></blockquote>
<p>Nach eigenen Angaben haben die Forscher mit nichts anderem als einhelliger Begeisterung von allen Seiten gerechnet. Aber die Gegner der Vorhautbeschneidung reagierten entsetzt: „Wie bitte?“ empörte sich ein Intaktivist.</p>
<blockquote><p>„Wenn es schon irre ist, den Menschen nach religiösen Vorstellungen zu verstümmeln, so ist es doch mindestens ebenso irre, wenn nicht noch irrer, ihn nach religiösen Vorstellungen genetisch verändern zu wollen!“</p></blockquote>
<p>Das war schon eine sehr unerwartete Abfuhr für die Forscher. Noch weniger vorbereitet waren sie allerdings auf den heiligen Shitstorm, der jetzt über ihnen explodierte.</p>
<p>Die katholischen Vertreter, die mit der postnatalen jüdischen oder islamischen Körpermodifikation von Jungen kein Problem haben, schimpfen jetzt über den „Eingriff in die Schöpfung“ und über „die gotteslästerliche Formung des Menschen nach seinen eigenen Vorstellungen“. Auch die notwendige künstliche Befruchtung samt PID ist ihnen ein Dorn im Auge. Und anders als von den Wissenschaftlern vermutet, erbost sie vor allem die Vorstellung einer religiösen Motivation für die PID. Das ist verständlich, denn wenn es bei der PID nicht mehr nur um weltliche Trivialitäten wie die Heilung oder Verhinderung von Krankheiten ginge, sondern um wirklich wichtige Dinge, wie die Erfüllung göttlicher Gebote, dann könnte die kategorische Ablehnung seitens der Religionen ins Wanken geraten. Das wäre sozusagen die Einführung der PID durch die heilige Hintertür.</p>
<p>Auch von islamischer Seite flogen den Forschern die Suren wie Schrapnelle um die Ohren: „Alles was Gott gemacht hat, ist perfekt“, <a href="http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/beschneidung-und-religion/islam/beschneidung-im-koran.html" target="_blank">etc. pp.</a> Weitere Kritikpunkte: Die Beschneidung ist Anlass für ein großes Familienfest. Das würde dann wegfallen. Sie macht den Jungen erst zum Mann. Wie soll aus einem Jungen ein Mann werden, wenn ihm keine Vorhaut abgeschnitten werden kann?</p>
<p>Am meisten überrascht hat die Wissenschaftler jedoch die Reaktion von einigen jüdischen Rabbinern. Von einer beispiellosen Blasphemie ist da die Rede, einem Höllenabgrund, der das gesamte jüdische Volk verschlingen werde, von einer Endzeit-Apokalypse, die selbst den Holocaust in den Schatten stelle. Manche versteigen sich sogar zu der Behauptung, ein solches Vorhaben sei schlimmer als ein Verbot der Beschneidung.</p>
<p>Diese auf den ersten Blick völlig unerwartete Reaktion wird verständlicher, wenn wir uns die Mühe machen, die innere Logik des religiösen Denkens nachzuvollziehen. Dann wird schnell klar: Gott hat die Vorhaut wirklich nicht ohne Grund erschaffen. Sie dient dazu, <a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/07/die-be-deutung-der-beschneidung-von-jungen/" target="_blank">in einem blutigen Ritual</a> abgeschnitten zu werden. Sie dient dazu, <a href="http://www.zwangsbeschneidung.de/phoenix-diskussion-zur-beschneidung.html" target="_blank">dem Kind Schmerzen zu bereiten</a>. Sie dient dazu, dem Vater &#8211; wie Abraham &#8211; ein unmissverständliches Zeichen seiner Unterwerfung unter das göttliche Gebot abzuverlangen. Und sie dient dazu, der Mutter klarzumachen, dass sie nichts zu melden hat und nichts tun kann, um ihr Kind vor dieser religiösen Zumutung zu schützen.</p>
<p>Den Bund mit Gott gibt es eben nicht umsonst. Der Preis ist die Vorhaut, der Schmerz und das Blut. Wer ohne Vorhaut geboren wird, kann diesen Preis nicht zahlen, und für den gibt es auch keinen Bund. Gerade die Religionen, die Sexualorgane rituell amputieren, können am wenigsten auf sie verzichten. Ja, das ist eigentlich ganz einfach. Das hätten sich die Forscher wirklich denken können.</p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/'>Ethik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/medizin/'>Medizin</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/moral/'>Moral</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/uberzeugung/religion/'>Religion</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/werte/'>Werte</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/wissenschaft/'>Wissenschaft</a> Tagged: <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/beschneidung/'>Beschneidung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/gentechnologie/'>Gentechnologie</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/pid/'>PID</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/praimplantationsdiagnostik/'>Präimplantationsdiagnostik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/satire/'>Satire</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/vorhautamputation/'>Vorhautamputation</a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/evidentist.wordpress.com/7517/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/evidentist.wordpress.com/7517/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=7517&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Beschneidung gegen Sex: Unser jüdisch-christliches Erbe</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Sep 2012 17:12:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ist guter Sex für uns ein wichtiger, ein zentraler Wert? Viele würden spontan Ja sagen. Es ist nicht mehr anstößig, zuzugeben, dass einem Sex wichtig ist. Es gibt unzählige Ratgeber für guten Sex, Verhütungsmittel werden inzwischen über der Ladentheke verkauft. Allerdings zeigt genau diese Diskussion über die Beschneidung, dass wir immer noch tief beeinflusst sind [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=6486&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ist guter Sex für uns ein wichtiger, ein zentraler Wert? Viele würden spontan Ja sagen. Es ist nicht mehr anstößig, zuzugeben, dass einem Sex wichtig ist. Es gibt unzählige Ratgeber für guten Sex, Verhütungsmittel werden inzwischen über der Ladentheke verkauft. Allerdings zeigt genau diese Diskussion über die Beschneidung, dass wir immer noch tief beeinflusst sind von einer Tradition, die den Körper allgemein geringschätzt und den Sex insbesondere verteufelt.</em></p>
<div id="attachment_6092" class="wp-caption alignnone" style="width: 529px"><a href="http://www.amazon.de/gp/product/B0073WNSV6/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B0073WNSV6&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21&quot;" target="_blank"><img class="size-full wp-image-6092 " title="Darrel_Ray" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/07/darrel_ray.jpg?w=519&#038;h=274" width="519" height="274" /></a><p class="wp-caption-text">Darrel Ray, Autor von &#8220;The God Virus&#8221; und &#8220;Sex and God&#8221;</p></div>
<p><span id="more-6486"></span>Für viele scheint es eine klare Sache zu sein: Wenn Beschneidung hygienische Vorteile bietet, wenn sie Infektionsraten senkt, wenn sie das Waschen ersetzen kann (!), dann nur zu! Weg mit der Vorhaut! Diese Idee erscheint uns aber nur deshalb plausibel, weil wir die Funktionen der Vorhaut nicht kennen und weil wir die Vorhautamputation normal finden. <a href="http://blog.practicalethics.ox.ac.uk/2011/08/circumcision-is-immoral-should-be-banned/" target="_blank">Brian Earp schreibt dazu ganz zu Recht</a>: „<strong>It&#8217;s crazy that we don&#8217;t think it&#8217;s crazy.</strong>“</p>
<p>Wir wissen inzwischen, dass die immer wieder angeführten hygienischen und medizinischen Gründe für die flächendeckende Beschneidung in den USA nachgereichte Rationalisierungen sind. Treibende Kraft war die Angst der Puritaner vor Sex und Masturbation. <a href="http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/geschichte-der-beschneidung/geschichte-der-beschneidung-in-der-westlichen-hemisphaere.html" target="_blank">Sex galt vor 150 Jahren dem amerikanischen medizinischen Establishment als Ursache vieler Krankheiten</a>. Die „degenerative Krankheitstheorie“, eine Spielart des Vitalismus, postulierte, dass die Lebensenergie begrenzt sei und somit also konserviert oder verschwendet werden könnte.</p>
<div class="wp-caption aligncenter" style="width: 326px"><img alt="" src="http://www.beschneidung-von-jungen.de/uploads/pics/image002_03.gif" width="316" height="209" /><p class="wp-caption-text">Medizinische Vorrichtungen aus dem 19. Jh.</p></div>
<p>Sexuelle Lust im Allgemeinen und Ejakulationen im Besonderen galten daher nicht mehr nur als Zeichen für Degeneration, sondern auch als deren Ursache. Das Wort „Hygiene“ hatte zu dieser Zeit noch einen Doppelsinn: Gemeint war damit zuallererst moralische Reinheit, erst allmählich setzte sich die heute gebräuchliche Bedeutung durch. (Die Keimtheorie der Krankheit war noch nicht allgemein akzeptiert.) Erzwungene sexuelle Enthaltsamkeit wurde zu einer anerkannten medizinischen Therapie, auch und vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Häufige Ejakulation außerhalb der Vagina der eigenen Ehefrau wurde zur Spermatorrhö. Beschneidung war die Therapie. (Übrigens <a href="http://rapeofinnocence.com/" target="_blank">auch bei Mädchen</a>! Nur hat sich die Klitorisamputation nicht so wie die Vorhautamputation flächendeckend und nachhaltig durchgesetzt.)</p>
<p>Diese Vorstellungen stammen nicht aus dem Nichts, sondern aus unserer jüdisch-christlichen Tradition. So spiegelt sich etwa die alte jüdisch-orthodoxe Vorstellung, dass ein männliches Kind erst durch die Vorhautamputation vollkommen wird &#8211; eine <a title="Frohe Botschaft" href="http://evidentist.wordpress.com/2010/11/26/frohe-botschaft/" target="_blank">für Religionen typische semantische Perversion</a> - in der Formulierung der Risikohinweise auf dem Einwilligungsformular für die routinemäßige Beschneidung in US-amerikanischen Krankenhäusern: „Der Penis könnte verletzt werden.“ Dieser Satz rekonstruiert diese alte religiöse Wahnvorstellung, dass die Vorhaut nicht zum Penis gehört. Denn nur wenn wir „Penis“ als „Penis ohne Vorhaut“ definieren, macht dieser Satz überhaupt Sinn. (Siehe den Vortrag von Ryan McAllister: <em>Child Circumcision: An Elephant in the Hospital</em>, s.u.)</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/B008434CWM/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B008434CWM&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21" target="_blank"><img class="alignright" title="Sex-and-Punishment-cover-1" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/08/sex-and-punishment-cover-1.jpg?w=210&#038;h=293" width="210" height="293" /></a>Eric Berkowitz bezeichnet in <a href="http://www.amazon.de/gp/product/B008434CWM/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B008434CWM&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21" target="_blank"><em>Sex and Punishment</em></a> die Idee, dass Sex Sünde sei, als „Geschenk der Hebräer“. Immer schon gab es Gesetze zur Eindämmung der Urgewalt Sexualität. Allerdings ging es in vorbiblischer Zeit vor allem um den Schutz männlichen Eigentums. Frauen gehörten ihren Vätern oder Ehemännern, und Entjungferung oder Ehebruch waren einfach Eigentumsdelikte, im Grunde Diebstahl. Aber erst die Juden haben die Idee erfunden, dass die Übertretung göttlicher Gebote Gott erzürnen und ihm Anlass geben könnte, nicht nur die Übeltäter, sondern alle in Sippenhaft zu nehmen und auszulöschen.</p>
<p>Für Juden &#8211; und in der Folge besonders für Christen &#8211; hatte Sex immer den Geruch der Sünde und des Teufels. Diesen Geruch haben wir immer noch in der Nase. So konnte ein Papst 1980 noch sagen, dass jeder schon Ehebruch begehe, der seine eigene Frau begehrlich anschaue.</p>
<p><!--?xml version="1.0" encoding="UTF-8" standalone="no"?--> Die mittelalterlichen jüdischen Philosophen Maimonides und Ben Yedaiah wussten, dass Beschneidung die Lust am Sex stark beeinträchtigen kann. Und sie hatten kein Problem damit, dies auch als ihr eigentliches Ziel zu benennen. So schreibt Maimonides in <em><a href="http://www.cirp.org/library/cultural/maimonides/" target="_blank">Führer der Unschlüssigen</a> (meine Übersetzung, meine Hervorhebung)</em>:</p>
<blockquote><p>im Hinblick auf die Beschneidung ist einer der Gründe dafür, meiner Meinung nach, der Wunsch, die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs zu mindern und das in Frage stehende Organ zu schwächen [...] <strong>Der körperliche Schmerz, der diesem Körperteil zugefügt wird, ist der eigentliche Zweck der Beschneidung. </strong>[...] <strong>Es ist schwer für eine Frau, mit der ein unbeschnittener Mann Geschlechtsverkehr hatte, sich von diesem zu trennen.</strong> Meiner Meinung nach ist dies der stärkste der Gründe für die Beschneidung.</p></blockquote>
<p>So wie Maimonides glaubte auch Isaac Ben Yedaiah im 13. Jh., beobachten zu können, dass die Lust der Frau am Sex durch Beschneidung des Mannes arg leidet.</p>
<blockquote><p>Sobald er den Geschlechtsverkehr mit ihr beginnt, kommt er sofort zum Höhepunkt. Sie erfährt durch ihn keine Lust, weder wenn sie sich hinlegt, noch wenn sie aufsteht. […] Sie bleibt in einem Zustand des Begehrens nach ihrem Ehemann, voller Scham und Verwirrung.</p></blockquote>
<p>Für Ben Yadaiah ist das ein Vorteil, denn der natürliche, unbeschnittene Penis ermöglicht Frauen viel zu leicht, zum Orgasmus zu kommen:</p>
<blockquote><p>Sie wird auch den unbeschnittenen Mann umwerben und mit großer Leidenschaft bei ihm liegen, denn er stößt lange in ihr wegen seiner Vorhaut, die eine Barriere für die Ejakulation beim Geschlechtsverkehr ist. Wenn ein unbeschnittener Mann mit ihr schläft und dann wieder nach Hause gehen will, wird sie ihn schamlos an seinen Genitalien packen und sagen: &#8216;Komm zurück, mach noch einmal Liebe mit mir.&#8217;</p></blockquote>
<p>Auch wenn Ben Yedaiah im Detail nicht ganz richtig liegt, so sind doch beide mittelalterlichen Philosophen im Nachhinein durch <a href="http://www.cirp.org/library/anatomy/ohara/" target="_blank">eine Studie von Kristen und Jeffrey O&#8217;Hara</a> bestätigt worden, die sie in ihrem Buch<!--?xml version="1.0" encoding="UTF-8" standalone="no"?--> <em><a href="http://www.sexasnatureintendedit.com/" target="_blank">Sex As Nature Intended It</a></em> beschrieben haben. Dabei wurden Frauen, die Sex sowohl mit beschnittenen als auch mit intakten Männern erlebt haben, nach ihren sexuellen Erlebnissen befragt. Die überwältigende Mehrheit der Frauen, über 85%, gaben dem intakten Penis den Vorzug.</p>
<p>Wenn die Juden die Verachtung des Körpers erfunden haben, so haben die Christen sie zur Perfektion gebracht. So wurde etwa Prostitution immer wieder mit der Kanalisation verglichen. Ohne gehe es zwar nicht, aber sie sollte auf ein Minimum beschränkt werden. Infolge der Reformation und des anschließenden Wettrüstens mit der katholischen Gegenreformation in Sachen Sexfeindschaft wurde jeder lustvolle Sex verboten. Eheleute konnten bei den Kirchengerichten angezeigt werden, wenn die Nachbarn den Verdacht hegten, dass ihnen ihre ehelichen Pflichten nicht lästig waren. Die oben erwähnte Papstäußerung steht in dieser Tradition. Es gibt angesichts dieser Lustfeindlichkeit eigentlich nur eine plausible Erklärung, warum die Christen nicht auch die Beschneidung eingeführt haben: es war bereits das Erkennungszeichen der Erbfeinde, der Juden &#8211; und später der Muslime. Tatsächlich wurde die Beschneidung seit Paulus mit der Begründung abgelehnt, dass dieser Brauch zu sehr im irrelevanten Körperlichen verhaftet bliebe, und somit ein Zeichen dafür sei, dass Juden kein spirituelles Heil erreichen könnten. In den USA sollte das im 19. Jh. keine Rolle mehr spielen.</p>
<p>Heute fehlt vielen das nötige Wissen über die menschliche sexuelle Anatomie, um <a href="http://flexikon.doccheck.com/de/Sexuelle_Auswirkungen_der_Zirkumzision" target="_blank">die sexuellen Auswirkungen einer Vorhautamputation</a> - sowohl für den Mann als auch für die Frau &#8211; richtig einschätzen zu können. Und leider gilt dies auch für <a href="http://www.tagesspiegel.de/meinung/beschneidungs-urteil-ich-verstehe-das-problem-nicht/6906000.html" target="_blank">Zeitgenossen, die eigentlich säkular eingestellt sind und mit Religion nicht viel am Hut haben</a>. Denn die Auswirkungen einer Jahrtausende langen Identifikation von Sex, Sünde und Teufel graben sich tief ein, auch in die kognitiven Welten derjenigen, die guten Sex eigentlich für einen wichtigen Wert und den Teufel für eine Wahnidee halten.</p>
<p><em>Weiterführende Materialien:</em></p>
<p><em>(Die Videos sind leider alle auf Englisch. Ich bin dankbar für Hinweise auf ähnlich informative deutsche Videos. [<strong>Update am 27.12.12</strong>: Inzwischen hat Stefan Schritt ein sehenswertes Video nachgeliefert, das sehr gekonnt mit der gärtnerischen Herkunft der Metapher „Beschneidung“ spielt, passend zur Weihnachtszeit mit einem Tannenbaum. Siehe unten.])</em></p>
<p>Zur <a href="http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/geschichte-der-beschneidung/geschichte-der-beschneidung-in-der-westlichen-hemisphaere.html" target="_blank">Geschichte der nicht-religiösen, moralisch-medizinisch motivierten Beschneidung</a> auf <a href="http://www.beschneidung-von-jungen.de" target="_blank">beschneidung-von-jungen.de</a></p>
<p>Sehr umfangreiche Seite zur Geschichte der Beschneidung von Dr. Robert Darby: <a href="http://www.historyofcircumcision.net/" target="_blank"><em>History of Circumcision</em></a></p>
<p>Ein Auszug aus dem Dokumentarfilm <a href="http://www.CutTheFilm.com/" target="_blank"><em>Cut: Slicing through the myths of circumcision</em></a> von Eliyahu Ungar-Sargon:</p>
<span class='embed-youtube' style='text-align:center; display: block;'><iframe class='youtube-player' type='text/html' width='519' height='322' src='http://www.youtube.com/embed/VkBsrBHpbDs?version=3&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;wmode=transparent' frameborder='0'></iframe></span>
<p>Sehr informativer Vortrag von <a href="http://www.notjustskin.org/" target="_blank">Ryan McAllister</a>: <em>Child Circumcision: An Elephant in the Hospital:</em></p>
<span class='embed-youtube' style='text-align:center; display: block;'><iframe class='youtube-player' type='text/html' width='519' height='322' src='http://www.youtube.com/embed/Ceht-3xu84I?version=3&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;wmode=transparent' frameborder='0'></iframe></span>
<p>Hervorragender Grundkurs in sexueller Anatomie des Mannes von Marylin Fayre Milos: <em>The Penis &#8211; Sex Education 101</em></p>
<span class='embed-youtube' style='text-align:center; display: block;'><iframe class='youtube-player' type='text/html' width='519' height='322' src='http://www.youtube.com/embed/BgoTRMKrJo4?version=3&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;wmode=transparent' frameborder='0'></iframe></span>
<p>Faszinierendes Interview mit Edward Wallerstein, dem Autor von <a href="http://www.circumstitions.com/w18.html" target="_blank"><em>Circumcision: An American Health Fallacy</em></a>, aus dem Jahre 1980:</p>
<span class='embed-youtube' style='text-align:center; display: block;'><iframe class='youtube-player' type='text/html' width='519' height='322' src='http://www.youtube.com/embed/PueDFMnX2dw?version=3&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;wmode=transparent' frameborder='0'></iframe></span>
<p>Stefan Schritt nimmt „Beschneidung“ wörtlich und erklärt dabei Aufbau und Funktionen der Vorhaut:</p>
<span class='embed-youtube' style='text-align:center; display: block;'><iframe class='youtube-player' type='text/html' width='519' height='322' src='http://www.youtube.com/embed/AqpA2x5c9rU?version=3&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;wmode=transparent' frameborder='0'></iframe></span>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://evidentist.wordpress.com/category/aufklarung/'>Aufklärung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/erziehung/bildung/'>Bildung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/'>Ethik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/medizin/'>Medizin</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/moral/'>Moral</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/uberzeugung/religion/'>Religion</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/sakularismus/'>Säkularismus</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/werte/'>Werte</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/wissenschaft/'>Wissenschaft</a> Tagged: <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/beschneidung/'>Beschneidung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/brian-earp/'>Brian Earp</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/circumcision/'>Circumcision</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/darrel-ray/'>Darrel Ray</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/edward-wallerstein/'>Edward Wallerstein</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/eliyahu-ungar-sargon/'>Eliyahu Ungar-Sargon</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/eric-berkowitz/'>Eric Berkowitz</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/genitalverstummelung/'>Genitalverstümmelung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/isaac-ben-yedaiah/'>Isaac Ben Yedaiah</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/kolner-beschneidungsurteil/'>Kölner Beschneidungsurteil</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/kristen-and-jeffrey-ohara/'>Kristen and Jeffrey O'Hara</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/maimonides/'>Maimonides</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/marylin-fayre-milos/'>Marylin Fayre Milos</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/masturbation/'>Masturbation</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/robert-darby/'>Robert Darby</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/ryan-mcallister/'>Ryan McAllister</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/sex/'>Sex</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/sexualitat/'>Sexualität</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/stefan-schritt/'>Stefan Schritt</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/usa/'>USA</a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/evidentist.wordpress.com/6486/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/evidentist.wordpress.com/6486/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=6486&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Beschneidung gegen HIV: Des Kaisers neues Kondom</title>
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		<pubDate>Wed, 18 Jul 2012 22:33:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In allen Diskussionen zum Thema Beschneidung taucht unweigerlich irgendwann das Argument der Befürworter auf, dass selbst die WHO die Beschneidung als Präventionsmaßnahme gegen Aids empfehle. Diese Empfehlung ist allerdings nicht unumstritten. Sie stützt sich auf Studien, denen schwere Mängel attestiert wurden. Darüber hinaus ist dieses Argument in der aktuellen Debatte über das Kölner Beschneidungsurteil allenfalls [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=6154&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><!--?xml version="1.0" encoding="UTF-8" standalone="no"?--></p>
<p><em>In allen Diskussionen zum Thema Beschneidung taucht unweigerlich irgendwann das Argument der Befürworter auf, dass selbst die WHO die Beschneidung als Präventionsmaßnahme gegen Aids <a href="http://whqlibdoc.who.int/publications/2007/9789241596169_eng.pdf" target="_blank">empfehle</a>. Diese Empfehlung ist allerdings nicht unumstritten. Sie stützt sich auf Studien, denen schwere Mängel attestiert wurden. Darüber hinaus ist dieses Argument in der aktuellen Debatte über das Kölner Beschneidungsurteil allenfalls von rhetorischem Wert, denn <strong>auch die WHO empfiehlt nicht die Säuglingsbeschneidung, sondern nur die freiwillige Beschneidung einwilligungsfähiger Männer</strong>. </em></p>
<p style="text-align:left;"><a href="http://www.intactamerica.org/" target="_blank"><img class="aligncenter size-full wp-image-6141" title="HIV-and-Circumcision" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/07/hiv-and-circumcision.png?w=519&#038;h=328" height="328" width="519" /></a><span id="more-6154"></span>Ein Blog namens <em>Evidenz-basierte Ansichten</em> sollte Verlautbarungen der WHO eigentlich positiv aufnehmen. Denn sicher stehen dahinter doch seriöse Studien. In der Tat halte ich die <a title="Doppelblind sehen wir besser" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/02/09/doppelblindstudie/" target="_blank">randomisierte Doppelblindstudie</a> für unseren kognitiven Goldstandard. Die Beschneidungsstudien aber können wohl als Musterbeispiele dafür dienen, welche Fehler bei Design und Durchführung solcher Studien gemacht werden können. Sollten diese Fehler absichtlich gemacht worden sein, so stellen sie einen klaren Fall von Irreführung und Manipulation dar. Vorsicht also: Das <em>Argument von der WHO</em> ist nicht automatisch evidenzbasiert, ohne genauere Prüfung ist es zunächst mal nur das Argument von der Autorität.</p>
<p>Ich werde im Folgenden nur auf einige Punkte eingehen. Dabei beziehe ich mich vor allem auf einen <a href="http://blog.practicalethics.ox.ac.uk/2012/05/when-bad-science-kills-or-how-to-spread-aids/" target="_blank">Artikel von Brian Earp</a>. Eine erschöpfendere Analyse findet sich in dem unten angegebenen <a href="http://xa.yimg.com/kq/groups/23477339/1441224426/name/JLM_boyle_hill.pdf" target="_blank">Artikel von Boyle und Hill</a>. (Siehe unten. Die ersten drei Quellenangaben sind die kritisierten Beschneidungsstudien.)</p>
<p>Es soll hier gar nicht bestritten werden, dass die Hypothese eine gewisse Eingangsplausibilität hat. Beschnittene Männer tragen ein geringeres Risiko, <em>sich selbst</em> beim Geschlechtsverkehr mit HIV-infizierten Frauen zu infizieren. (Frauen sollen dann wohl durch den Effekt der <a href="http://www.health.harvard.edu/video/herd-immunity/" target="_blank">Herdenimmunität</a> geschützt sein.) Die Vorhaut ist eine feuchte und komplexe Schleimhaut, und HI-Viren können leichter durch sie eindringen. Wenn die Vorhaut amputiert wird, <a href="http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/argumente-gegen-beschneidung/nachteile-der-beschneidung.html#keratinisierung" target="_blank">verhornen</a> die Eichel und der angrenzende Bereich. Beschneidung wirkt also in Bezug auf HIV ähnlich wie die Trockenlegung eines Sumpfes in Bezug auf Malaria.</p>
<p>Und da ist auch gleich das erste Problem: Auch wenn der Sumpf nebenan trockengelegt wurde, sollten die Moskitonetze nicht abgehängt werden. Viele Männer, die sich beschneiden lassen, um sich damit vor Aids zu schützen, glauben jedoch, sie seien jetzt perfekt geschützt. Es dürfte schwierig sein, jemanden von Kondomen zu überzeugen, der sich als Schutz gegen HIV gerade hat beschneiden lassen. Und es dürfte schwierig sein, jemandem die Maßnahme als Schutz gegen HIV überhaupt erst zu verkaufen, wenn ihm gleichzeitig gesagt wird, dass er weiterhin Kondome benutzen sollte.</p>
<p>Das „unsichtbare Kondom“ führt dazu, dass sich Männer sicher fühlen. Es kommt zu dem, was Psychologen Risikokompensation nennen. Wir wissen, dass Leitplanken, Sicherheitsgurte und Airbags nicht nur zu mehr Sicherheit führen, sondern auch dazu, dass schneller gefahren wird. Beschnittene Männer glauben jetzt vielleicht, dass sie ohne weiteres in Bordelle gehen können, in denen die Frauen mit hoher Wahrscheinlichkeit HIV-positiv sind. Dort stecken sie sich dann mit 40% Wahrscheinlichkeit an. Dann gehen sie wieder nach Hause und schenken ihren Frauen mit 40% Wahrscheinlichkeit Aids.</p>
<p>40% Wahrscheinlichkeit? Hier steckt das zweite Problem: Nach der besten Schätzung, die wir in der überaus optimistischen Literatur finden, bietet Beschneidung einen Schutz vor Ansteckung von 60%. Das klingt beeindruckend. Aber die 60% stammen aus drei Studien, die vorzeitig abgebrochen wurden, weil die Vorteile angeblich schon so klar waren, dass man der Kontrollgruppe die Möglichkeit geben wollte, sich ebenfalls zu schützen, d.h. sich die Vorhaut amputieren zu lassen. Nur wurden hier die absoluten und die relativen Zahlen vertauscht. Was heißt das?</p>
<p>Insgesamt wurden 5411 Männer in den drei Studien beschnitten, davon wurden 64 HIV-positiv (das sind 1,18%). Von 5497 Männern in der nicht-beschnittenen Kontrollgruppe wurden 137 (also 2,49%) HIV-positiv. Der absolute Rückgang durch Beschneidung war also 1,31%. Statistisch nicht signifikant.</p>
<p>Woher kommen denn jetzt die 60%? Das ist der relative Rückgang, wenn wir 137 Fälle mit 64 Fällen vergleichen. Ein beliebter Trick, um ein Laienpublikum zu beeindrucken. Will man die Zahlen beeindruckend erscheinen lassen, stellt man sie als relative Zahlen dar, will man sie herunterspielen, präsentiert man sie absolut.</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3833300418/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3833300418&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21&quot;" target="_blank"><img class="alignright size-full wp-image-6088" title="Gigerenzer_Skepsis" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/07/gigerenzer_skepsis.jpg?w=519"   /></a>Das ist zwar eine große Frechheit, aber eine durchaus übliche, mit der uns täglich Unmengen an neuen Präparaten teuer verkauft werden, die nur marginal besser sind als ihre Vorgänger. Den Beschneidungsstudien wurden allerdings noch einige weitere Mängel attestiert, und die machen tatsächlich sprachlos.</p>
<p>Zunächst einmal erhielt nur die beschnittene Gruppe eine Unterweisung in das Thema Safer Sex. Die anderen wurden einfach in dem Kenntnisstand gelassen, den sie hatten. Dass also Kondome vor HIV schützen, wurde den beschnittenen Männern gesagt, und nur den beschnittenen Männern! Es ist also völlig unklar, ob sie nicht doch ab und zu Kondome verwendet haben. Niemand riskiert sein Leben für die Validität und Aussagekraft einer Studie. Gute Studien berücksichtigen dies, schlechte ignorieren es, und betrügerische Studien setzen diesen Effekt bewusst ein, um ein Ergebnis zu erzielen, das mit den Tatsachen nichts zu tun hat.</p>
<p>Aber es kommt noch dreister. Die beschnittene Gruppe wurde mit Beginn der Studie zunächst einmal &#8211; ja, beschnitten. Der Studienzeitraum begann nicht etwa erst, nachdem die Wunden verheilt und die Penisse der beschnittenen Männer zum Sex bereit waren, nein, er lief für die unbeschnittene Kontrollgruppe gleich los. Wenn wir davon ausgehen, dass der Heilungsprozess etwa 5-6 Wochen dauert, dann hatte die Kontrollgruppe 5-6 Wochen länger Zeit, sich zu infizieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass der ein oder andere Beschnittene auch danach noch längere Zeit keine Lust dazu hatte, riskanten Sex &#8211; oder überhaupt Sex &#8211; zu treiben. Erinnern wir uns daran, dass die Studien vorzeitig abgebrochen wurden. Ein solcher Abbruch &#8211; sobald die Zahlen stimmen &#8211; <a href="http://www.sueddeutsche.de/wissen/medizinische-studien-aufhoeren-wenn-die-daten-passen-1.200722" target="_blank">gilt als einer der Tricks</a>, mit denen Statistiken frisiert werden können. Dies wird hier besonders deutlich.</p>
<p>Die Beschneidungsstudien sind nicht unwidersprochen geblieben. <a href="http://xa.yimg.com/kq/groups/23477339/1441224426/name/JLM_boyle_hill.pdf" target="_blank">Boyle und Hill</a> sprechen unter „Contradictory Evidence“ von 17 Beobachtungsstudien, die keine Reduktion von HIV durch Beschneidung festgestellt haben. Und die <a href="http://www.measuredhs.com/pubs/pdf/CR22/CR22.pdf" target="_blank">USAID hat 2009 festgestellt</a>:</p>
<blockquote><p>There appears no clear pattern of association between male circumcision and HIV prevalence. In 8 of 18 countries with data, HIV prevalence is lower among circumcised men, while in the remaining 10 countries HIV prevalence is higher among circumcised men.</p>
<p>(Es scheint kein klares Muster der Assoziation zwischen männlicher Beschneidung und HIV-Prävalenz zu geben. In 8 der 18 Länder, für die Daten vorliegen, ist die HIV-Prävalenz unter beschnittenen Männern niedriger, während in den restlichen 10 Ländern die HIV-Prävalenz unter beschnittenen Männern höher ist.)</p></blockquote>
<p>Was passiert eigentlich mit den Frauen in einer Population, in der die Männer beschnitten sind? (Wir haben schon die Herdenimmunität erwähnt, von der sie profitieren würden, wären die Effekte tatsächlich nennenswert, was sie, wie gesehen, nicht sind.) Das Thema <a href="http://www.sexasnatureintendedit.com/" target="_blank">Beschneidung und Sex</a> ist sehr komplex und wird systematisch ignoriert, ich möchte hier nur kurz auf eine Konsequenz der Beschneidung für die sexuelle Mechanik eingehen, die gerade für HIV-Hochrisikogebiete relevant ist:</p>
<p>Die Vorhaut dient nicht nur als Schutz für die Eichel, sondern auch als bewegliche Hülle für den Schaft. Der intakte Penis bewegt sich vor allem in seiner eigenen Vorhaut und stimuliert beim Sex die Vagina ohne allzu viel Reibung. Ein Penis ohne Vorhaut reibt und <a href="http://www.scientificamerican.com/article.cfm?id=the-misunderstood-penis" target="_blank">befördert bei jeder Rückwärtsbewegung Feuchtigkeit nach außen</a>. (Ein Penis mit verhornter Eichel, dem die meisten Nerven amputiert wurden, stößt vermutlich härter und länger.) Die Vagina wird so schneller trocken und wund. Durch die so entstehenden kleinen Risse und Wunden steigt das Infektionsrisiko für die Frau durch Beschneidung stark an.</p>
<p>Die Beschneidung ist also nicht nur ein unsichtbares Kondom, sie ist auch sehr viel unsicherer als jedes sichtbare Kondom. Sie ist <em>des Kaisers neues Kondom</em>. Es gibt einige <em>Kinder</em>, die darauf hinweisen, dass der beschnittene Penis nackt ist, aber es gibt immer noch zu viele <em>Erwachsene</em> - mit äußerst obskurer Interessenlage &#8211; die sein neues Kleid bewundern.</p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://www.icgi.org/2008/08/male-circumcision-a-dangerous-distraction-in-the-hiv-battle/" target="_blank"><img class="aligncenter" title="dangerous_distraction" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/07/dangerous_distraction.jpg?w=465&#038;h=167" height="167" width="465" /></a></p>
<p><em>Quellen für diesen Artikel und zum Weiterlesen:</em></p>
<ul>
<li>Auvert B, Taljaard D, Lagarde E et al, <a href="http://www.plosmedicine.org/article/info:doi/10.1371/journal.pmed.0020298" target="_blank">Randomized, Controlled Intervention Trial of Male Circumcision for Reduction of HIV Infection Risk: The ANRS 1265 Trial</a> (2005) 2(11) PLoS Med e298</li>
<li>Bailey RC, Moses S, Parker CB et al, <a href="http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(07)60312-2/abstract" target="_blank">Male Circumcision for HIV Prevention in Young Men in Kisumu, Kenya: A Randomised Controlled Trial</a>, (2007) 369(9562) <em>Lancet </em>643</li>
<li>Gray RH, Kigozi G, Serwadda D et al, <a href="http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(07)60313-4/abstract" target="_blank">Male Circumcision for HIV Prevention in Men in Rakai, Uganda: A Randomised Trial</a> (2007) 369(9562) <em>Lancet </em>657</li>
<li>Boyle, G. J. and Hill, G. (2011). <a href="http://xa.yimg.com/kq/groups/23477339/1441224426/name/JLM_boyle_hill.pdf" target="_blank">Sub-Saharan African randomised clinical trials into male circumcision and HIV transmission: Methodological, ethical and legal concerns.</a> <em>Journal of Law and Medicine. </em></li>
<li>Earp, Brian, <a href="http://blog.practicalethics.ox.ac.uk/2012/05/when-bad-science-kills-or-how-to-spread-aids/" target="_blank">When bad science kills, or how to spread AIDS</a></li>
<li>Earp, Brian, <a href="http://blog.practicalethics.ox.ac.uk/2011/08/circumcision-is-immoral-should-be-banned/" target="_blank">Circumcision is immoral, should be banned</a></li>
<li><a href="http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/argumente-fuer-beschneidung/beschneidung-zum-schutz-vor-aidshiv.html" target="_blank">beschneidung-von-jungen.de/</a></li>
<li><a href="http://whqlibdoc.who.int/publications/2007/9789241596169_eng.pdf" target="_blank">WHO-Studie 2007: Male circumcision: global trends and determinants of prevalence, safety and acceptability.</a></li>
<li><a href="http://www.measuredhs.com/pubs/pdf/CR22/CR22.pdf" target="_blank">USAID-Studie 2009: Levels and Spread of HIV Seroprevalence and Associated Factors: Evidence from National Household Surveys</a></li>
</ul>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/'>Ethik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/medizin/'>Medizin</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/wissenschaft/'>Wissenschaft</a> Tagged: <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/aids/'>Aids</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/beschneidung/'>Beschneidung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/evidenzbasierte-medizin/'>evidenzbasierte Medizin</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/hiv/'>HIV</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/kolner-beschneidungsurteil/'>Kölner Beschneidungsurteil</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/randomisierte-doppelblindstudie/'>randomisierte Doppelblindstudie</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/sex/'>Sex</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/sexualitat/'>Sexualität</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/who/'>WHO</a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/evidentist.wordpress.com/6154/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/evidentist.wordpress.com/6154/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=6154&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Seit Jahrtausenden: Tradition als Argument</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jul 2012 22:25:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Sexualität]]></category>
		<category><![CDATA[Steven Pinker]]></category>
		<category><![CDATA[TCM]]></category>
		<category><![CDATA[Tiere]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>

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		<description><![CDATA[Diesen Artikel habe ich schon vor einiger Zeit unter dem Titel „Das war schon immer so“ veröffentlicht, aber durch die Debatte um das Kölner Beschneidungsurteil (hier im Wortlaut) ist er wieder hochaktuell geworden. Daher bringe ich ihn hier &#8211; leicht gekürzt und aktualisiert &#8211; noch mal. Denn die Richterschelte, die aus dem gesamten religiös-politischen Spektrum [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=6007&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Diesen Artikel habe ich schon vor einiger Zeit unter dem Titel „<a title="Das war schon immer so" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/05/13/das-war-schon-immer-so/">Das war schon immer so</a>“ veröffentlicht, aber durch die Debatte um das Kölner Beschneidungsurteil (<a href="http://www.heilberufsrecht.de/printable/aerzte/urteile/lg-koeln-urt-v-07052012---151-ns-169-11--/index.php" target="_blank">hier im Wortlaut</a>) ist er wieder hochaktuell geworden. Daher bringe ich ihn hier &#8211; leicht gekürzt und aktualisiert &#8211; noch mal. Denn die Richterschelte, die aus dem gesamten religiös-politischen Spektrum kommt, beruft sich fast ausschließlich auf das Argument aus der Tradition. <a href="http://www.zentralratdjuden.de/de/article/3705.html" target="_blank">Am deutlichsten bei Dieter Graumann</a>, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: „Diese Rechtssprechung ist ein unerhörter und unsensibler Akt. Die Beschneidung von neugeborenen Jungen ist fester Bestandteil der jüdischen Religion und wird seit Jahrtausenden weltweit praktiziert.“</em></p>
<p><em>Ein Wort zu dem impliziten Vorwurf, <a title="Na gut, dann bin ich eben „Antisemit“" href="http://evidentist.wordpress.com/2013/01/11/na-gut-dann-bin-ich-eben-antisemit/" target="_blank">Beschneidungskritiker seien automatisch Antisemiten</a>: Ein Antisemit ist jemand, der Juden Schaden zufügen will, weil sie Juden sind. Beschneidungskritiker kritisieren, dass Kindern aus traditionell-religiösen Gründen Schaden zugefügt wird, weil sie Kinder sind. Judentum oder Islam kommen in dieser Kritik gar nicht vor. <a title="Es geht nicht um Religion, es geht um die Kinder" href="http://evidentist.wordpress.com/2012/08/10/es-geht-nicht-um-religion-es-geht-um-die-kinder/" target="_blank">Es geht nicht um Religion, es geht um die Kinder.</a><span id="more-6007"></span></em></p>
<p><em>Aber der Widerstand gegen das Ritual, auf den es wirklich ankommt, kommt nicht von mir, sondern <a href="http://m.faz.net/aktuell/feuilleton/religioeser-ritus-ein-einschneidender-beschluss-11802683.html" target="_blank">aus den Reihen</a> <a href="http://www.haaretz.com/weekend/magazine/even-in-israel-more-and-more-parents-choose-not-to-circumcise-their-sons.premium-1.436421" target="_blank">der Juden selbst</a>: <a href="http://www.jewsagainstcircumcision.org/" target="_blank">www.jewsagainstcircumcision.org/</a> Leider ist mir keine muslimische Bewegung gegen Beschneidung bekannt. [Update 4.7.12: Jetzt doch. Ein Leser hat mich freundlicherweise auf <a href="http://www.quranicpath.com/misconceptions/circumcision.html" target="_blank">diese Seite</a> aufmerksam gemacht. Ich muss allerdings warnen: Sie enthält einige drastische, verstörende Bilder.]</em></p>
<p style="text-align:left;">_______________</p>
<p style="text-align:left;"><em>Warum haben Traditionen eigentlich einen so guten Ruf? Ja, ich weiß, Traditionen und Rituale strukturieren das Leben und reduzieren seine Komplexität. Es ist prima, wenn man sich auskennt. Ich bestreite nicht ihren Nutzen bei der Organisation des Lebens für Individuen und Gruppen. Aber welchen Wert haben sie für Erkenntnis und Ethik? Welchen erkenntnistheoretischen Wert haben Argumente, in denen die Tradition als Evidenz angeführt wird? Und welchen moralischen Wert haben Traditionen, wenn es um die Güterabwägung mit anderen Werten geht? Allgemein werden beide sehr hoch eingeschätzt. Meine These ist, dass sie gegen Null gehen.</em></p>
<div class="wp-caption aligncenter" style="width: 1000px"><img alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/89/Goya_Tauromachia3.jpg" width="990" height="650" /><p class="wp-caption-text">Francisco Goya: Stierkampf, 1815-16</p></div>
<p>Wir begegnen sehr oft dem Argument aus der Tradition: „Es wurde schon immer/ seit Menschengedenken/ seit x Jahren so gemacht/ gedacht, daher ist es richtig, es so zu machen/ so zu denken.“ Dieses Argument ist ebenso ungültig wie das Argument aus der Autorität, von dem es im Grunde nur ein Sonderfall ist.</p>
<p>Wenn für Methoden und Verfahren argumentiert wird, die sich in evidenzbasierten Studien und Tests bewährt haben, dann kommen auf allen Gebieten Einwände, die sich auf Traditionen berufen. Und wenn es nur die Tradition des einzelnen Professors ist, der nicht einsehen möchte, dass er bis dato alles falsch gemacht oder gedacht haben soll. (Denken wir etwa an den <a title="Homöopathie – das falsche Verschwörungsopfer" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/01/08/hp-verschwoerung/" target="_blank">Fall Semmelweis</a>.) Die Berufung auf die Tradition als Argument ist allgegenwärtig. Die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Traditionelle_chinesische_Medizin" target="_blank">TCM</a>, die Traditionelle Chinesische Medizin, führt sie ja sogar im Namen. Nun wird jeder, der sich schon einmal mit der Geschichte der Medizin befasst hat, erschauern und sich vor einer Therapieform, die sich selbst „traditionell“ nennt, in Acht nehmen wollen. Aber trotzdem eignet sich dieses Merkmal zur Werbung.</p>
<p>Oft genug kollidiert die Tradition mit unserer Ethik. Schauen wir nach Indien, wo die Familie der Braut eine hohe Mitgift zu zahlen hat. Dieser Druck ist so groß, dass Mädchen selektiv abgetrieben werden oder die <a href="http://www.msnbc.msn.com/id/42892710/ns/world_news-south_and_central_asia/" target="_blank">Eltern sie nicht ausreichend ernähren</a>. Hier können wir die psychologische Macht der Tradition erahnen: Eltern sorgen nicht mehr für ihre Kinder, weil ihre Präferenzen, die sich aus kulturellen Traditionen ergeben, schwerer wiegen.</p>
<p>Meines Erachtens wird dieses Beispiel nur noch durch ein anderes kulturelles Phänomen übertroffen: <a href="http://www.nytimes.com/2011/05/12/opinion/12kristof.html?_r=2&amp;src=ISMR_HP_LO_MST_FB" target="_blank">die brutale Genitalverstümmelung</a>. Wer dagegen Stellung bezieht, argumentiert oft, dass es sich dabei <em>nicht</em> um eine <a href="http://www.sarsura-syrien.de/genitalverstuemmelungen-von-frauen-ein-verbrechen-mit-tradition-3128.html" target="_blank">religiöse</a> oder <a href="http://www.taskforcefgm.de/2011/05/genitalverstuemmelung-ist-keine-afrikanische-tradition/" target="_blank">kulturelle</a> Tradition handele. So what?! Was wäre denn, wenn?! Wäre die Menschenrechtsverletzung dann weniger schlimm? Diese Argumente schaden durch den Anschein der Relevanz, den sie erwecken! Ich hatte schon einmal <a title="Christliche Werte sind lieb" href="http://evidentist.wordpress.com/2010/10/19/christliche-werte-sind-lieb/" target="_blank">an anderer Stelle</a> darauf hingewiesen: Jeder, der eine Tochter hat, oder jeder, der sich vorstellen kann, wie es sich anfühlt, eine Tochter zu haben, solle einmal versuchen, sich in die Lage von Eltern zu versetzen, die aus kulturell-traditionellen Gründen dabei helfen, ihrer Tochter die Klitoris abzuschneiden. Das ist die Macht der Tradition!</p>
<p><em>[UPDATE: Nach dem Kölner Urteil zur männlichen „Beschneidung“ ist jetzt auch um dieses Ritual die Debatte entbrannt. Und in der Tat hören wir immer wieder das Argument, die Jahrtausende alte religiöse Tradition wiege schwerer als das individuelle Menschenrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit. Immer wieder wird auch beteuert, männliche und weibliche Beschneidung könnten nicht gleichgesetzt werden. Es mag sein, dass die weibliche Genitalverstümmelung schlimmer ist als die männliche. Aber welchen Sinn hat dieses Argument? Ein Völkermord ist schlimmer als ein Massaker. Ein Massaker ist schlimmer als ein Mord. Ein vorsätzlicher Mord ist schlimmer als ein Totschlag. Die medizinisch unnötige Amputation der Vorhaut bleibt eine Verstümmelung und sie bleibt schlimm. Ihre <a href="http://www.drmomma.org/2009/10/change-in-how-intercourse-works.html" target="_blank">Auswirkungen auf die Sexualität des Mannes</a> (<a href="http://womenarevictimstoo.blogspot.de/" target="_blank">und der Frau</a>) sind gravierend, und sie haben die Debatte noch gar nicht erreicht.] </em></p>
<p>Wenn Menschen etwas gern tun, sollten sie es tun, solange sie niemandem schaden. Aber die Ansicht darüber, ob jemand einen moralisch relevanten Schaden erleidet, ändert sich mit der Zeit. Zur Zeit des Römischen Reiches waren die Schäden, die Sklaven und Gladiatoren bei den Spielen erlitten, keine moralisch relevante Größe für die Menschen, die sich an den Spielen erfreuten. Heute sähe das anders aus.</p>
<div id="attachment_2652" class="wp-caption alignright" style="width: 227px"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/05/tigerpenis.jpg"><img class="size-full wp-image-2652     " title="tigerpenis" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/05/tigerpenis.jpg?w=519"   /></a><p class="wp-caption-text">Tigerpenis &#8211; vielleicht sollten Artenschützer öfter darauf hinweisen, dass Sex bei Katzen nur wenige Sekunden dauert</p></div>
<p>Tiere leiden am meisten unter dem Primat der Tradition. Nehmen wir noch einmal die Traditionelle Chinesische Medizin: Sie rottet Tiger und Nashörner aus, weil das magisch-analoge Denken einleuchtende Wirkungen von Tigerpenissen und Nashornhörnern auf menschliche Erektionen sieht. <a href="http://www.suite101.de/content/in-china-waechst-der-widerstand-gegen--baerengalle-in-der-medizin-a103651" target="_blank">Sie quält Braunbären, indem sie ihnen bei lebendigem Leib die Galle abzapft</a>. Denken wir an das unsägliche <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%A4chten" target="_blank">Schächten</a>, das Schlachten ohne Betäubung. Oder an die Jagd auf Singvögel in Italien, die Fuchsjagd in England, den Walfang in Norwegen, Island und Japan &#8230;</p>
<div id="attachment_2654" class="wp-caption alignright" style="width: 242px"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/05/nashorn1.jpg"><img class="size-full wp-image-2654" title="Nashorn" alt="Nashorn" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/05/nashorn1.jpg?w=519"   /></a><p class="wp-caption-text">Nashorn &#8211; gute Waffe, aber evolutionär chancenlos gegen Dummheit, Aberglauben und TCM-Tradition</p></div>
<p>Erst im ausgehenden 20. Jahrhundert formierte sich Widerstand gegen die Tradition des Stierkampfs, weil Zweifel aufkamen, ob das Leid der Tiere wirklich so vollkommen irrelevant ist angesichts der Tradition und des großen Spaßes, den die Zuschauer dabei empfinden. (Interessanterweise versucht gerade Frankreich, den <a href="http://www.wissenrockt.de/2011/04/27/frankreich-erklart-stierkampf-zum-kulturerbe-18478/" target="_blank">Stierkampf zum Weltkulturerbe zu erklären</a>, um ihn zu retten.) Andere Volksbelustigungen mit leidenden Tieren haben schon vor längerer Zeit ihre Akzeptanz verloren. So werden heute keine Katzen mehr lebendig verbrannt, damit die Zuschauer sich an ihrem Todeskampf weiden können. Unsere moralischen Intuitionen entwickeln sich durchaus weiter. Steven Pinker spricht vom Mythos der zunehmenden Gewalt:</p>
<p><div class="embed-ted"><iframe src="http://embed.ted.com/talks/lang/de/steven_pinker_on_the_myth_of_violence.html" width="519" height="291" frameborder="0" scrolling="no" webkitAllowFullScreen mozallowfullscreen allowFullScreen></iframe></div><br />
Hemmschuh für diese <a href="http://www.focus.de/politik/ausland/menschenrechte-amnesty-menschenrechte-finden-mehr-beachtung_aid_626808.html" target="_blank">positive Entwicklung</a> ist oft genug die Tradition.</p>
<p>Und natürlich die Religion: Religionen sind geronnene Tradition, sie beziehen ihre gesamte Autorität aus der Tradition. (Deswegen wird Scientology von wenigen &#8211; außerhalb der USA &#8211; als Kirche wirklich ernst genommen. Selbst den rund 120 Jahre älteren Mormonen geht etwas der heilige Ernst ab, der anscheindend erst nach Jahrhunderten ausreift. Inhaltliche Gründe dafür, absurde Positionen umso ernster zu nehmen, je älter sie sind, gibt es wohl kaum.) Es ist traditionsgemäß undenkbar, einen religiösen Führer vor ein weltliches Gericht zu stellen, egal wie erdrückend die Beweislage gegen ihn auch sein mag. Wenn Ratzinger keinen Prozess fürchten muss, so liegt das einzig und allein an der Macht dieser Tradition. (Aber auch hier zeigen sich <a href="http://hpd.de/node/11501" target="_blank">erste sensationelle Risse</a>.) Aber vergessen wir nicht, dass es auch einmal vollkommen undenkbar war, Staatsoberhäupter vor Gericht zu stellen. Die Anklagen und Prozesse gegen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Augusto_Pinochet#Aufarbeitung_der_Verbrechen" target="_blank">Pinochet</a> und <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Dragomir_Milo%C5%A1evi%C4%87#ICTY_conviction" target="_blank">Milosevic</a> waren Meilensteine in der Entwicklung der Ethik, ungeachtet ihres Verlaufs und ihres Ausgangs. Die Welt ist eine bessere, weil die traditionelle Unantastbarkeit der politischen Autorität gebrochen wurde. Jetzt ist es an der Zeit, auch die traditionelle Unantastbarkeit der religiösen Autorität zu brechen. Wenn ich optimistisch bin, dass uns dies gelingen wird, so befinde ich mich damit in guter Gesellschaft: Schon 2007 antwortete <a href="http://edge.org/memberbio/daniel_c_dennett" target="_blank">Daniel C. Dennett</a> auf die <a href="http://edge.org/annual-question/what-are-you-optimistic-about" target="_blank">Edge-Frage: „Worüber denken Sie optimistisch?“</a>: „<a href="http://www.edge.org/q2007/q07_1.html" target="_blank">Das Verdampfen des mächtigen Nimbus der Religion</a>.“</p>
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		<title>Keine Zukunft für Retro-Krankenhaus</title>
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		<pubDate>Fri, 18 May 2012 10:22:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alternativmedizin]]></category>
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		<description><![CDATA[Der gescheiterte Geschäftsmann ist am Boden zerstört: Seine gesamte Investition erwies sich als Riesen-Flop: Kaum jemand wollte sich in seinem Krankenhaus des späten 18. Jahrhunderts behandeln lassen. Wir trafen den Neu-Pleitier, der allerdings lieber anonym bleiben möchte. Denn trotz seines Scheiterns hält er seine Idee für zukunftsfähig. „Wir haben uns so sehr um Authentizität bemüht. [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=5540&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><!--?xml version="1.0" encoding="UTF-8" standalone="no"?--><em>Der gescheiterte Geschäftsmann ist am Boden zerstört: Seine gesamte Investition erwies sich als Riesen-Flop: Kaum jemand wollte sich in seinem Krankenhaus des späten 18. Jahrhunderts behandeln lassen. Wir trafen den Neu-Pleitier, der allerdings lieber anonym bleiben möchte. Denn trotz seines Scheiterns hält er seine Idee für zukunftsfähig.</em></p>
<div id="attachment_5635" class="wp-caption aligncenter" style="width: 529px"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/03/art_1800_dc01-e1331162639363.jpg"><img class="size-full wp-image-5635" title="art_1800_dc01" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/03/art_1800_dc01-e1331162639363.jpg?w=519&#038;h=274" alt="Krankenhaus in Middlesex, London, um 1800" width="519" height="274" /></a><p class="wp-caption-text">Krankenhaus in Middlesex, London, um 1800</p></div>
<p><span id="more-5540"></span></p>
<blockquote><p>„Wir haben uns so sehr um Authentizität bemüht. Aber niemand wollte sich im Krankenhaus so behandeln lassen wie im ausgehenden 18. Jahrhundert. Das verstehe ich nicht. Wieso haben ambulante Therapien aus dieser Zeit so großen Erfolg? Wieso kann bei Arzneimitteltherapien das Wort „traditionell“ wahre Marketing-Wunder vollbringen, aber stationär möchte keiner nach dem Wissensstand dieser Zeit behandelt werden?“</p></blockquote>
<div>
<p>Motiviert durch den Erfolg traditioneller und alternativer Heilverfahren wie „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ayurveda" target="_blank">Ayurveda</a>“ oder „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Traditionelle_chinesische_Medizin" target="_blank">Traditionelle Chinesische Medizin</a>“, „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Signaturenlehre" target="_blank">Signaturen-Lehre</a>“, „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Spagyrik" target="_blank">Spagyrik</a>“, „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hildegard-Medizin" target="_blank">Hildegard-Medizin</a>“, „<a href="http://evidentist.wordpress.com/tag/homoopathie/" target="_blank">Homöopathie</a>“ oder „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Anthroposophische_Medizin" target="_blank">Anthroposophische Medizin</a>“, die teilweise beträchtlich älter sind als 200 Jahre, haben der Unternehmer und sein Team viel historische Forschung betrieben.</p>
<blockquote><p>„Wenn es das ist, was die Menschen wollen, hab ich gedacht, die Liebe zum historischen Detail, bitteschön, das kann ich bieten.“</p></blockquote>
<p>Konsequenterweise wurden in dem Krankenhaus auch weniger ausgebildete Fachärzte und Chirurgen als vielmehr Historiker der Medizin und Chirurgie eingestellt.</p>
<blockquote><p>„Wir standen natürlich vor dem Problem, dass die Fachleute von damals alle schon lange verstorben sind. Und an unseren medizinischen Fakultäten wird das alte, traditionelle Wissen ja nicht mehr gelehrt, was sich aber ja langsam ändert. Die Chirurgen, die heute ausgebildet werden, wissen ja gar nicht mehr, wie man unter Zeitdruck operiert, weil ja immer auf moderne Weise anästhesiert wird.“</p></blockquote>
<p>So gehe wertvolles traditionelles Wissen verloren. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Anästhesie#Geschichte_der_An.C3.A4sthesie" target="_blank">Die erste erfolgreiche Anästhesie wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts durchgeführt</a>. Es ist klar, dass bei chirurgischen Eingriffen davor Schnelligkeit eine besondere Rolle spielte.</p>
<div class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><img class="size-full wp-image-5687 " style="border-style:none;border-color:initial;cursor:default;border-width:0;padding:0;margin:0;" title="odm_0274_gr" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/03/odm_0274_gr.jpg?w=519" alt="Gaspare Traversi (um 1722–1770): Die Operation"   /><p class="wp-caption-text">Gaspare Traversi (um 1722–1770): Die Operation</p></div>
<div>Auf die Frage, warum es denn ein Krankenhaus aus der Zeit Ende des 18. Jahrhunderts sein sollte, antwortet der gescheiterte Visionär:</div>
<blockquote><p>„Nun, wir hören überall und ständig <a href="http://www.mmnews.de/index.php/i-news/9394-schul-medizin-am-ende" target="_blank">Kritik an der Schulmedizin</a>. Gleichzeitig haben traditionelle Therapien aus der Vergangenheit großen Zulauf. Wir haben uns gefragt, worin unterscheidet sich eigentlich die moderne von der traditionellen Medizin? Denn auch <a title="Alternative Schulmedizin" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/03/01/alternative-schulmedizin/" target="_blank">die traditionellen Therapien waren zu ihrer Zeit natürlich Schulmedizin</a>. Die einzige wirklich einschneidende Änderung in der Geschichte der Medizin ist die Rolle, die die Wissenschaft etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts spielt. Seitdem hat sich die Medizin rasant entwickelt. Auf einmal fing man an, Therapien zu testen und vieles von dem, was über Jahrhunderte gut genug war, wurde einfach aufgegeben. Das berühmteste Beispiel ist sicher der Aderlass. Wenn die Leute heute unzufrieden sind mit der Schulmedizin, dann müssen sie die wissenschaftliche, die evidenzbasierte Medizin meinen. Wenn die Leute die heutige Schulmedizin hassen, dann bieten wir ihnen hier die Möglichkeit, in der Zeit zurück zu reisen an einen Zeitpunkt, der noch gänzlich unbefleckt ist mit moderner Schulmedizin. Impfungen z.B. sind heute sehr umstritten. Sie wurden damals gerade erst erfunden. Bei uns wird daher selbstverständlich nicht geimpft. Von daher müsste unser Angebot vor allem für alle Impfskeptiker sehr attraktiv sein.“</p></blockquote>
</div>
<p>Was aber ist mit Homöopathie oder Anthroposophischer Medizin? Obwohl relativ jung, sind beide wie selbstverständlich Bestandteil der angebotenen Therapieformen.</p>
<blockquote><p>Wir haben auch vergleichsweise moderne Therapieformen mit aufgenommen, wenn sie sozusagen den Geist des Alten atmen. Denn das Neue an der modernen Medizin ist die Idee von Test und Evidenz als alleinige Richtschnur. Die alternativen Therapien sind ja definitionsgemäß nicht evidenzbasiert. Sie sind also auch in diesem Sinne vormodern.</p></blockquote>
<p>Weiter bestärkt wurde der ungewöhnliche Gründer durch den vor kurzem verstorbenen Präsidenten der Bundesärztekammer Hoppe, der festgestellt hat, dass <a href="http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2010/11/medizin-ist-keine-naturwissenschaft.php" target="_blank">Medizin sowieso keine Naturwissenschaft</a> sei. Daher, so der Gründer, sei die Prämisse der modernen Medizin, dass getestete Methoden immer besser seien als bloß ausgedachte, eine „arrogante Haltung“. Diese „schulmedizinische Hegemonie“ habe das traditionelle Wissen aus der universitären Ausbildung verdrängt. In letzter Zeit lässt sich allerdings eine Umkehrung dieses Trends beobachten.</p>
<blockquote><p>„Wir haben uns natürlich sehr gefreut über die <a href="http://www.zeit.de/2010/37/M-Alternativmedizin" target="_blank">vielen Studiengänge an den Universitäten zu traditionellen und alternativen Therapieformen</a>. Das hat uns dazu inspiriert, unser Projekt Retro-Krankenhaus zu starten. Wenn die Unis jetzt vermehrt in die alternative und traditionelle Medizin einsteigen, brauchen sie über kurz oder lang ja auch eine solche Retro-Uni-Klinik. Daher sehe ich für unser Projekt auch immer noch eine Zukunft. Aber obwohl wir gerade im grün-alternativen und anthroposophischen Milieu viele Vorschusslorbeeren einheimsen konnten, müssen wir jetzt sehen, dass auch von diesen Leuten tatsächlich niemand bereit ist, sich auf traditionelle Weise auch nur den Blinddarm entfernen zu lassen. Die Zeit ist wohl noch nicht ganz reif.“</p></blockquote>
<p>Einer der Fehler im Business Plan für das Projekt Retro-Krankenhaus war also sicher die Unterschätzung dieses Trends zur Weinerlichkeit. Aber viele der Patienten, die sich dann doch für ein modernes Krankenhaus entschieden, hatten nicht nur Angst vor Schmerzen, sondern auch vor Sepsis und Infektionen.</p>
<blockquote><p>„Wir versuchen immer, diese Einwände damit zu entkräften, dass wir für eine sehr gute Luft in unseren Räumlichkeiten sorgen, damit das bösartige Miasma keine Chance hat. Daraufhin erleben wir immer wieder, dass die Leute zuerst mit Erstaunen reagieren und dann einwenden, dass Krankheiten doch durch Viren und Bakterien verursacht würden. Das sitzt wirklich tief bei den Leuten. Wir müssen selbst die Anhänger von traditionellen Therapieformen immer wieder an deren theoretische Grundlagen erinnern. Im ausgehenden 18. Jahrhundert gab es noch keine Bakterien! Damals war es noch die schlechte Luft, das Miasma, an dem die Leute krank wurden. Ein Retro-Krankenhaus muss sich natürlich um der Authentizität willen auch an den Theorien von damals orientieren. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Miasmentheorien_(Homöopathie)" target="_blank">Das tun die ambulanten Arzneimitteltherapien ja auch!</a>“</p></blockquote>
<p>Dieses Thema liegt dem verhinderten Gründer sehr am Herzen. Von den kreativen Denkern der Postmoderne wüssten wir doch jetzt schon seit über 30 Jahren, dass die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jean-François_Lyotard#Das_postmoderne_Wissen" target="_blank">Wissenschaft nur ein Narrativ unter vielen</a> sei. (Das gilt im Übrigen <a href="http://www.ratioblog.de/entry/integrative-wissenschaften-fuer-alle" target="_blank">nicht nur für die Medizin</a>.) Warum sollten wir die Geschichten, die die Wissenschaft uns erzählt, eher glauben als das, was der reiche Schatz an kollektiver Erfahrung und <a title="Das war schon immer so" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/05/13/das-war-schon-immer-so/" target="_blank">Tradition</a> für uns bereithält? Zumal es auch durchaus Vorteile biete:</p>
<blockquote><p>„Überlegen Sie mal, was gerade in modernen Krankenhäusern mit all diesen Superkeimen geschieht. Die Antibiotika sind am Ende! Wäre es da nicht viel besser, wenn wir uns wieder die gute alte Geschichte vom Miasma erzählen würden? Statt teurer Forschung und evolutionärem Wettrennen mit Mikroben müssten wir nur ausreichend lüften!“</p></blockquote>
<p>Aber es hilft nichts. Obwohl sich viele Patienten bei ihrer Arztwahl und in der Apotheke &#8211; bewusst oder unbewusst &#8211; für Therapien entscheiden, die auf Theorien von damals beruhen, will sich niemand wirklich nach damaligem Wissensstand operieren lassen. Es scheint, als gäbe es auch beim Glauben an die traditionelle Medizin einen Punkt, an dem der Spaß aufhört.</p>
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		<title>Thank Goodness &#8211; Güte sei Dank!</title>
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		<pubDate>Fri, 25 Nov 2011 13:19:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aufklärung]]></category>
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		<category><![CDATA[Medizin]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
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		<description><![CDATA[Daniel C. Dennett, Philosoph, Kognitions- und Religionsforscher, wäre vor 5 Jahren an einem Riss in seiner Aorta beinahe gestorben. Nach seiner Rettung hat er den folgenden Text verfasst, eine Eloge an die moderne Medizin und die Wissenschaft, und eine Zurechtweisung all derjenigen, die für das Gute in der Welt immer noch Kräften außerhalb der Welt danken [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=4355&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:left;"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/11/daniel_dennett1.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-4378" style="margin-top:15px;margin-bottom:15px;" title="daniel_dennett" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/11/daniel_dennett1.jpg?w=519" alt=""   /></a><a href="http://edge.org/memberbio/daniel_c_dennett" target="_blank">Daniel C. Dennett</a>, Philosoph, Kognitions- und Religionsforscher, wäre vor 5 Jahren an einem Riss in seiner Aorta beinahe gestorben. Nach seiner Rettung hat er <a href="http://edge.org/conversation/thank-goodness" target="_blank">den folgenden Text</a> verfasst, eine Eloge an die moderne Medizin und die Wissenschaft, und eine Zurechtweisung all derjenigen, die für das Gute in der Welt immer noch Kräften außerhalb der Welt danken wollen, und dadurch eben dieses Gute auf subtile Weise unterminieren.</p>
<p>Seit einiger Zeit schon hatte ich vor, diesen Text für diesen Blog zu übersetzen. Jetzt, zu Thanksgiving, passt er recht gut. Er drückt das, worum es auch hier in vielen Postings geht, beispielhaft, klar und pointiert aus. Und es gelingt ihm, einen entscheidenden Punkt deutlich herauszustellen: Die Moral der säkularen wissenschaftlichen Medizin ist der Moral der Religionen haushoch überlegen.</p>
<p>Der Text ist etwas länger als ein typisches Blog-Posting, aber das Lesen lohnt sich! Für diejenigen, die trotzdem nicht so viel Zeit investieren möchten, hier die Highlights:</p>
<blockquote><p>[...] während Religionen einem guten Zweck dienen mögen, indem sie es vielen Menschen ermöglichen, mit dem moralischen Niveau, das diese erreichen können, zufrieden zu sein, so legt doch keine Religion an ihre Mitglieder die hohen Standards moralischer Verantwortung an, wie sie in der säkularen Welt von Wissenschaft und Medizin gelten! [...]</p>
<p>Aber ich mache keine Witze, wenn ich sage, dass ich meinen Freunden verzeihen musste, die sagten, sie hätten für mich gebetet. Ich widerstand der Versuchung zu antworten: &#8220;Danke, ich schätze das, aber hast Du auch eine Ziege geopfert?&#8221; [...]</p>
<p>Das Beste daran, wenn wir Güte sei Dank anstatt Gott sei Dank sagen, ist, dass es wirklich viele Möglichkeiten gibt, unsere Schuld dem Guten gegenüber zurückzuzahlen &#8211; indem wir dazu beitragen, dass es mehr davon gibt, zum Vorteil all derer, die nach uns kommen. Das Gute nimmt viele Formen an, nicht nur die von Medizin und Wissenschaft. [...] Güte sei Dank für frisches Trinkwasser aus der Leitung und für das Essen auf unserem Tisch. [...]</p>
<p>Ich ziehe wirklich Gutes symbolisch Gutem vor. [...]</p>
<p>Auf lange Sicht, so glaube ich, können wir von religiösen Menschen verlangen, dass sie sich an den gleichen hohen moralischen Standards messen lassen wie die säkularen Menschen in Wissenschaft und Medizin.</p></blockquote>
<p>Thank Goodness für diesen Text! Thank Goodness für Daniel C. Dennett.<span id="more-4355"></span></p>
<p><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/11/dennett201.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-4364" title="dennett201" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/11/dennett201.jpg?w=519" alt=""   /></a></p>
<blockquote>
<h4><em>Thank Goodness &#8211; Güte sei Dank!</em></h4>
<p>von Daniel C. Dennett</p>
<p><em>Es gibt keine Atheisten in Schützengräben, so lautet ein altes, aber zweifelhaftes Sprichwort, und es gibt zumindest einige wenige anekdotische Belege zu seinen Gunsten in den berüchtigten Fällen berühmter Atheisten, die nach Nahtod-Erlebnissen der Welt verkündet haben, dass sie ihre Meinung geändert hätten. Der britische Philosoph Sir A. J. Ayer, der 1989 gestorben ist, ist ein neueres Beispiel. Hier ist eine weitere Anekdote, über die Sie nachgrübeln dürfen.</em></p>
<p><em>Vor zwei Wochen wurde ich mit der Ambulanz ins Krankenhaus gefahren, wo man mittels CT-Scan feststellte, dass ich einen „Riss in der Aorta“ hatte – die Wand des Hauptausgangsgefäßes, das Blut von meinem Herzen transportiert, war zerrissen, und hat so eine zwei-kanalige Röhre entstehen lassen, wo nur eine sein sollte. Zum meinem Glück hat mir die Tatsache, dass ich vor sieben Jahren einen aortokoronaren Bypass erhielt, wahrscheinlich das Leben gerettet, da das Gewirr von Narbengewebe, das in den letzten Jahren mein Herz wie Efeu umrankte, die Aorta stärkte, und so ein katastrophales Auslaufen aus dem Riss in der Aorta selbst verhindert hat. Nach neunstündiger OP, während der mein Herz vollständig gestoppt wurde und mein Körper und mein Gehirn auf etwa 7°C abgekühlt wurden, um einen Hirnschaden durch Sauerstoffmangel zu verhindern, bis sie die Herz-Lungen-Maschine ans Laufen bringen konnten, bin ich nun der stolze Besitzer einer neuen Aorta und eines Aortenbogens aus starker Dacron-Faser, die von dem Chirurgen vor Ort in Form genäht wurde, mit meinem Herzen durch ein Ventil aus Carbonfaser verbunden, das jedes Mal, wenn mein Herz schlägt, ein beruhigendes kleines Klick macht.</em></p>
<p><em>Jetzt, da ich in eine milde Phase der Erholung eintrete, gibt es Vieles, über das ich nachzudenken habe, zunächst natürlich die schreckliche Erfahrung selbst, mehr aber noch die Flut an wohlmeinenden Grüßen, die ich erhalten habe, seitdem mein letztes Abenteuer bekannt geworden ist. Freunde wollten dringend erfahren, ob ich eine Nahtod-Erfahrung hatte, und falls ja, welche Auswirkung sie auf meinen langjährigen öffentlich vertretenen Atheismus hätte. Hatte ich eine Erleuchtung? Würde ich Ayer nachfolgen (der, nachdem er einige Tage später seine Souveranität wieder erlangte, darauf bestand, dass „ich besser Folgendes gesagt hätte: meine Erfahrungen haben nicht meine Überzeugung geschwächt, dass es kein Leben nach dem Tod gibt, sondern meine unnachgiebige Einstellung gegenüber dieser Überzeugung“), oder war mein Atheismus immer noch intakt und unverändert?</em></p>
<p><em>Ja, ich hatte eine Erleuchtung. Ich sah mit größerer Klarheit als je zuvor in meinem Leben, dass mein Ausruf „Thank goodness!“ nicht einfach ein Euphemismus für „Gott sei Dank!“ ist. (Wir Atheisten glauben nicht, dass es einen Gott gibt, dem wir danken könnten.) Ich meine wirklich </em>Güte sei Dank!<em> Es gibt eine Menge Gutes und Güte in dieser Welt, und mehr Gutes jeden Tag, und dieses fantastische von Menschen gemachte Netzwerk an Spitzenleistungen ist direkt verantwortlich für die Tatsache, dass ich heute noch lebe. Es ist ein würdiger Empfänger der Dankbarkeit, die ich heute empfinde, und ich möchte diese Tatsache hier und jetzt feiern.</em></p>
<p><em>Wem schulde ich nun also Dank? Dem Kardiologen, der mich über Jahre hinweg am Leben gehalten hat und der die ursprüngliche Diagnose, es sei nichts Schlimmeres als eine Lungenentzündung, schnell und überzeugt zurückgewiesen hat. Den Chirurgen, Neurologen, Anästhesisten und dem Kardiotechniker, die meine Systeme für viele Stunden unter sehr entmutigenden Umständen am Laufen hielten. Dem Dutzend ärztlichen Assistenten und den Krankenpflegerinnen und Physiotherapeuten und Röntgentechnikern und einer kleinen Armee an Phlebologen, die so geschickt arbeiten, dass Du kaum merkst, wenn sie Dir Blut abnehmen, und die Leute, die das Essen brachten, mein Zimmer sauber machten, die Berge an Wäsche wuschen, die ein so chaotischer Fall mit sich bringt, die mich im Rollstuhl zum Röntgen fuhren, und so weiter. Diese Leute kamen aus Uganda, Kenia, Liberia, Haiti, den Philippinen, Kroatien, Russland, China, Korea, Indien &#8211; und aus den USA natürlich &#8211; und ich habe niemals auf beeindruckendere Weise gegenseitigen Respekt gesehen, während sie einander halfen und die Arbeit des jeweils anderen überprüften. Aber trotz all ihrem Teamwork hätten diese wenigen Leute ihre Jobs nicht erledigen können ohne die gewaltige Menge an Beiträgen, die andere im Hintergrund leisten. Ich erinnere mich mit Dankbarkeit an meinen verstorbenen Freund und Kollegen an der Tufts Universität, den Physiker <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Allan_McLeod_Cormack" target="_blank">Allan Cormack</a>, der zusammen mit anderen den Nobelpreis für die Erfindung des CT-Scanners erhielt. Allan &#8211; Du hast posthum wieder mal ein Leben gerettet, aber wer zählt schon noch mit? Die Welt ist eine bessere durch die Arbeit, die Du geleistet hast. Güte sei Dank. Dann ist da das gesamte System der Medizin, sowohl die Wissenschaft als auch die Technik, ohne die die Anstrengungen Einzelner mit den besten Absichten vergeblich wären. Ich danke also auch den Herausgebern und Gutachtern, früheren wie aktuellen, von </em>Science<em>, </em>Nature<em>, des </em>Journal of the American Medical Association<em>, </em>Lancet<em> und all den anderen Institutionen in Wissenschaft und Medizin, die am laufenden Band Verbesserungen ausspucken, Fehler erkennen und korrigieren.</em></p>
<p>Bete<em> ich die moderne Medizin an? Ist Wissenschaft meine </em>Religion<em>? Überhaupt nicht; es gibt keinen Aspekt der modernen Medizin oder Wissenschaft, den ich von der strengstmöglichen Überprüfung ausnehmen würde, und ich kann aus dem Stand eine ganze Menge an ernsthaften Problemen nennen, die gelöst werden müssen. Und sie können natürlich auch einfach gelöst werden, denn die Welt der Medizin und der Wissenschaft unterliegt schon den obsessivsten und intensivsten Mechanismen der Selbstkorrektur, die für menschliche Institutionen einzigartig sind, und die Ergebnisse dieser Selbstprüfungen werden regelmäßig veröffentlicht. Darüberhinaus ist genau diese niemals abgeschlossene rationale Kritik, so unvollkommen sie auch sein mag, das Geheimnis hinter dem erstaunlichen Erfolg dieser menschlichen Unternehmungen. Jeden Tag sehen wir neue messbare Ergebnisse. Wäre meine Aorta zehn Jahre früher geplatzt, hätte mich kein Gebet retten können. Es ist zwar auch heute noch kein Routinefall, aber die Chancen dafür, dass ich überleben würde, standen gar nicht so schlecht (heutzutage sterben etwa 33 Prozent der Patienten mit Aortendissektion in den ersten 24 Stunden ohne Behandlung, und die Chancen werden mit jeder weiteren Stunde schlechter).</em></p>
<p><em>Eine Sache ist mir besonders aufgefallen, als ich die medizinische Welt, von der mein Leben jetzt abhing, mit den religiösen Institutionen verglich, die ich in den letzten Jahren so intensiv studiert habe. Eines der freundlicheren, eher unterstützenden Motive, das sich in jeder Religion findet (soweit ich weiß), ist die Vorstellung, dass es vor allem darauf ankommt, wie es in Deinem Herzen aussieht: wenn Du nur gute Absichten hast und Dich bemühst, das zu tun, was (Gott sagt, was) richtig ist, dann ist das alles, was man verlangen kann. Ganz anders in der Medizin! Wenn Du falsch liegst &#8211; und besonders, wenn Du es hättest besser wissen können &#8211; zählen Deine guten Absichten überhaupt nicht. Und während das Handeln nach dem Glauben und ohne weitere Prüfung der Optionen, die einem offen stehen, von Religionen zumeist gelobt wird, gilt es in der Medizin als schwere Sünde. Ein Arzt, der wegen seines festen Glaubens an seine persönlichen Offenbarungen darüber, wie ein Aortenaneurysma zu behandeln ist, nicht getestete Versuche mit menschlichen Patienten durchführte, würde schwer bestraft und dürfte wahrscheinlich nicht länger praktizieren. Es gibt natürlich Ausnahmen. Ein paar verwegene, risikobereite Pioniere werden toleriert, und (wenn sie letzten Endes richtig liegen) am Ende auch geehrt, aber sie können nur bestehen als seltene Ausnahmen vom Ideal des methodisch vorgehenden Forschers, der alternative Theorien gewissenhaft ausschließt, bevor er seine eigene in der Praxis umsetzt. Gute Absichten und Inspiration sind einfach nicht genug.</em></p>
<p><em>Mit anderen Worten, während Religionen einem guten Zweck dienen mögen, indem sie es vielen Menschen ermöglichen, mit dem moralischen Niveau, das diese erreichen können, zufrieden zu sein, so legt doch keine Religion an ihre Mitglieder die hohen Standards moralischer Verantwortung an, wie sie in der säkularen Welt von Wissenschaft und Medizin gelten! Und ich spreche nicht nur über die Standards &#8216;an der Spitze&#8217; &#8211; unter Chirurgen und Ärzten, die täglich Entscheidungen über Leben und Tod treffen. Ich spreche über die Standards der Gewissenhaftigkeit, die auch für Labortechniker und Küchenbedienstete gelten. Diese Tradition setzt ihren Glauben in die </em>unbegrenzte<em> Anwendung von Vernunft und empirischer Forschung, von Prüfung und erneuter Prüfung, und in die gewohnheitsmäßige Frage &#8220;Was, wenn ich falsch liege?&#8221; Berufungen auf Glauben oder Glaubenszugehörigkeit werden nie toleriert. Stellen Sie sich vor, was ein Wissenschaftler zu hören bekäme, wenn er damit argumentierte, dass andere seine Ergebnisse nicht replizieren könnten, weil sie einfach nicht denselben Glauben hätten wie die Leute in seinem Labor! Und, um zu meinem Thema zurückzukehren, es ist das Gute dieser Tradition der Vernunft und der offenen Forschung, der ich verdanke, heute noch am Leben zu sein.</em></p>
<p><em>Was sage ich denn nun denjenigen meiner religiösen Freunde (und ja, ich habe einige religiöse Freunde), die den Mut und die Ehrlichkeit aufbrachten, mir zu sagen, dass sie für mich gebetet haben? Ich habe ihnen gern vergeben, denn es gibt wenige Umstände, die frustrierender sind, als jemandem, dem man nahesteht, nicht auf direktere Weise helfen zu können. Ich bekenne mein Bedauern darüber, dass ich nicht (aufrichtig) für meine Freunde und Verwandten beten konnte, als sie Hilfe brauchten, daher würdige ich das Bedürfnis, wenn ich auch deutlich seine Vergeblichkeit erkenne. Ich übersetze die Bemerkungen meiner religiösen Freunde schnell in die eine oder andere Version dessen, was mir meine Brights-Freunde sagten: &#8220;Ich habe an Dich gedacht und mit ganzem Herzen gewünscht [eine weitere unwirksame, aber unwiderstehliche Bemerkung], dass Du aus all dem heil wieder rauskommst.&#8221; Die Tatsache, dass diese lieben Freunde auf diese Weise an mich gedacht </em>haben<em> und mir das gesagt haben, ist selbst schon, ohne übernatürliche Zutaten, eine wundervolle Medizin. Diese Nachrichten von meinen Verwandten und Freunden aus der ganzen Welt waren in meinem Fall buchstäblich herzerwärmend, und ich bin dankbar für diese Steigerung meiner Moral (in wirklich manische Höhen, fürchte ich!), zu der sie geführt haben. Aber ich mache keine Witze, wenn ich sage, dass ich meinen Freunden verzeihen musste, die sagten, sie hätten für mich </em>gebetet<em>. Ich widerstand der Versuchung zu antworten: &#8220;Danke, ich schätze das, aber hast Du auch eine Ziege geopfert?&#8221; Ich empfinde dafür dasselbe Gefühl, das ich empfände, wenn einer von ihnen gesagt hätte: &#8220;Ich habe gerade einen Voodoo-Medizinmann bezahlt, für Deine Gesundheit einen Zauberspruch zu sprechen.&#8221; Was für eine treudoofe Verschwendung von Geld, das für Wichtigeres hätte ausgegeben werden können! Erwarte nicht von mir, dass ich dankbar bin, oder auch nur gleichgültig. Ich würdige die Zuneigung und geistige Großzügigkeit, die Dich motiviert haben, aber ich wünschte, Du hättest eine vernünftigere Art und Weise gefunden, sie zum Ausdruck zu bringen.</em></p>
<p><em>Aber ist das nicht furchtbar streng? Es schadet doch sicher nicht, wenn diejenigen, die es aufrichtig tun können, für mich beten! Nein, da bin ich mir nicht so sicher. Zunächst einmal, wenn sie </em>wirklich<em> etwas Nützliches tun wollten, hätten sie die Zeit und Energie für das Beten einem dringenderen Projekt widmen können, zu dem sie etwas beitragen </em>können<em>. Und außerdem haben wir eine ziemlich gute Datenbasis (z.B., die kürzlich veröffentlichte <a href="http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16569567" target="_blank">Benson-Studie aus Harvard</a>), um zu glauben, dass Fürbittegebete einfach nicht funktionieren. Jeder, der diese Forschungsergebnisse einfach durch sein Verhalten mit einem Achselzucken wegwischt, unterminiert auf subtile Weise den Respekt für genau die Art des Guten, der ich danke. Wenn Sie darauf bestehen, den Mythos der Effektivität von Gebeten am Leben zu halten, dann schulden Sie uns allen angesichts der Beweislage eine Rechtfertigung. Solange eine solche Rechtfertigung auf sich warten lässt, werde ich Sie dafür entschuldigen, dass Sie sich in Ihrer Tradition wohlfühlen; ich weiß, wie tröstend Traditionen sein können. Aber ich möchte, dass Sie erkennen, dass das, was Sie tun, bestenfalls moralisch fragwürdig ist. Falls Sie jemals auch nur </em>erwägen<em> sollten, einen Arzt wegen Falschbehandlung zu verklagen, oder gegen ein pharmazeutisches Unternehmen vorzugehen, weil es nicht alle korrekten Kontrolltests durchgeführt hat, bevor es Ihnen durch den Verkauf eines Medikaments Schaden zugefügt hat, dann müssen Sie zugeben, dass Sie die hohen Standards rationaler Forschung, die sich die medizinische Welt selbst verordnet hat, stillschweigend anerkennen; und trotzdem frönen Sie weiter einem Verhalten, für das es überhaupt keine bekannte rationale Rechtfertigung gibt, und glauben selbst, dass Sie tatsächlich einen Beitrag leisten. (Versuchen Sie sich Ihre Entrüstung vorzustellen, wenn ein pharmazeutisches Unternehmen auf Ihre Klage mit der unbekümmerten Antwort reagieren würde: &#8220;Aber wir haben gut und ausdauernd für den Erfolg des Medikaments gebetet! Was wollen Sie mehr?&#8221;)</em></p>
<p><em>Das Beste daran, wenn wir </em>Güte sei Dank<em> anstatt </em>Gott sei Dank<em> sagen, ist, dass es wirklich viele Möglichkeiten gibt, unsere Schuld dem Guten gegenüber zurückzuzahlen &#8211; indem wir dazu beitragen, dass es mehr davon gibt, zum Vorteil all derer, die nach uns kommen. Das Gute nimmt viele Formen an, nicht nur die von Medizin und Wissenschaft. Güte sei Dank für die Musik z.B. von Randy Newman </em>[s.u., A.d.Ü.]<em>, die es ohne all diese wundervollen Pianos und Aufnahmestudios nicht geben könnte, ganz zu schweigen von den musikalischen Werken aller großen Komponisten von Bach bis Wagner, von Scott Joplin bis zu den Beatles. Güte sei Dank für frisches Trinkwasser aus der Leitung und für das Essen auf unserem Tisch. Güte sei Dank für faire Wahlen und einen der Wahrheit verpflichteten Journalismus. Wenn Sie Ihre Dankbarkeit der Güte gegenüber ausdrücken möchten, können Sie einen Baum pflanzen, ein Waisenkind ernähren, Bücher für Schulmädchen in der islamischen Welt kaufen oder auf Tausende andere Weisen zu der manifesten Verbesserung des Lebens auf diesem Planeten jetzt und in naher Zukunft beitragen.</em></p>
<p><em>Oder Sie können Gott danken &#8211; aber die ganze Idee, Gott etwas zurückzuzahlen, ist grotesk. Was könnte ein allwissendes, allmächtiges Wesen (der Mann, der alles hat?) mit irgendwelchen armseligen Zahlungen von Ihnen anfangen? (Und im Übrigen hat Gott gemäß der christlichen Tradition bereits die Schuld für alle Zeit beglichen, durch das Opfer seines Sohnes. Versuchen Sie mal, </em>dieses<em> Darlehen zurückzuzahlen!) Ja, ich weiß, diese Motive sollten nicht </em>wörtlich<em> verstanden werden; sie sind symbolisch. Zugestanden, aber dann müssen wir die Vorstellung, dass Sie mit Ihrem Dank an Gott tatsächlich etwas Gutes tun, auch symbolisch verstehen. Ich ziehe wirklich Gutes symbolisch Gutem vor.</em></p>
<p><em>Aber ich entschuldige dennoch all diejenigen, die für mich beten. Ich sehe sie so wie Wissenschaftler, die gut belegten Theorien widerstehen, die sie nicht mögen, obwohl schon seit langem ein eleganter Rückzug die angemessene Reaktion gewesen wäre. Ich applaudiere Ihnen für die Loyalität Ihrer eigenen Position gegenüber &#8211; aber bedenken Sie: Loyalität gegenüber der Tradition ist nicht genug. Sie müssen sich fortwährend selbst fragen: Was, wenn ich falsch liege? Auf lange Sicht, so glaube ich, können wir von religiösen Menschen verlangen, dass sie sich an den gleichen hohen moralischen Standards messen lassen wie die säkularen Menschen in Wissenschaft und Medizin.</em></p>
<p>Übersetzt von Harald Stücker</p>
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		<title>Medizinische Bildung für alle &#8211; auch für Kinder!</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Aug 2011 15:02:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Manchmal finden sich Texte, die besser ausdrücken, was man selbst sagen möchte, als man es jemals selbst könnte. So ging es wohl Bernd Harder, dem Chefredakteur vom GWUP-Blog, als er &#8220;ein bemerkenswertes Editorial&#8221; in der Zeitschrift Arzneiverordnung in der Praxis fand und es auf seinem Blog dokumentierte. Und tatsächlich bringt der Artikel Ist die alternative [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=3449&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Manchmal finden sich Texte, die besser ausdrücken, was man selbst sagen möchte, als man es jemals selbst könnte. So ging es wohl Bernd Harder, dem Chefredakteur vom <a title="GWUP-Blog" href="http://blog.gwup.net/" target="_blank">GWUP-Blog</a>, als er &#8220;ein bemerkenswertes Editorial&#8221; in der Zeitschrift <em><a title="AVP/Index" href="http://www.akdae.de/Arzneimitteltherapie/AVP/index.html">Arzneiverordnung in der Praxis</a></em> fand und es auf seinem Blog <a title="gwup.net: Alternativmedizin wirklich eine Alternative?" href="http://blog.gwup.net/2011/07/26/alternativmedizin-wirklich-eine-alternative/" target="_blank">dokumentierte</a>. Und tatsächlich bringt der Artikel <em>Ist die alternative Medizin eine Alternative?</em> der beiden Professoren für Medizin Klaus-Dietrich Bock und Manfred Anlauf auch einige Kerngedanken meines Blogs sehr gut auf den Punkt.<span id="more-3449"></span></p>
<p>Die Autoren fordern unter anderem ein Pflicht- und Prüfungsfach &#8220;Theorie der Wissenschaftli­chen Medizin&#8221; im Studium.</p>
<blockquote><p>&#8220;Wenn tausende von approbierten Ärzten alternativmedizinische Verfahren anbie­ten, so hat das teilweise materielle Grün­de, mag bei einigen aber auch darauf be­ruhen, dass ihnen in ihrer Ausbildung die theoretischen wissenschaftlichen Grundlagen ihrer Arbeit nicht ausrei­chend vermittelt worden sind – man hat ja hierüber kaum diskutiert, hielt der­artige Fragen vielmehr ein für alle Mal geklärt. Dass sie es keineswegs sind, ist offensichtlich.</p>
<p>Die Bundesärztekammer und ihr jetzt <a title="Hoppe: Medizin ist keine Naturwissenschaft" href="http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2010/11/medizin-ist-keine-naturwissenschaft.php" target="_blank">ehemaliger Präsident</a> führen die Diskussion mit den Außensei­tern &#8220;auf Augenhöhe&#8221;, ärztliche Zusatz- oder Fachkundebezeichnungen wie &#8220;Homöopathie&#8221;, &#8220;Naturheilkunde&#8221; oder &#8220;Akupunktur&#8221; sind seit langem zugelas­sen. Diese Entwissenschaftlichung der Medizin greift um sich.</p>
<p>Wir akademi­schen Lehrer haben die Bedeutung die­ser Entwicklung nicht ausreichend er­kannt und nicht gegengesteuert. Es wird Zeit, das zu tun und ein Pflicht- und Prüfungsfach &#8220;Theorie der Wissenschaftli­chen Medizin&#8221; einzuführen.&#8221;</p></blockquote>
<p>Als Patient sollte man eigentlich geschockt sein zu erfahren, dass wir von Ärzten behandelt werden, die noch keine Prüfung in &#8220;Theorie der Wissenschaftli­chen Medizin&#8221; ablegen mussten.</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3473332739/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3473332739" target="_blank"><img class="alignright size-full wp-image-3467" title="www_koerper" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/07/www_koerper.jpg?w=519" alt=""   /></a>Aber wir wissen alle, dass es gerade die Patientennachfrage ist, die den Markt für dubiose Therapieansätze erst schafft. Daher meine ich, dass die Forderung nicht weit genug geht, bzw. nicht früh genug ansetzt. Die biologischen und biochemischen Grundlagen der Medizin können schon sehr früh in der Schullaufbahn vermittelt werden, warum nicht schon in der Grundschule damit anfangen? Es gibt hervorragende Kinderbuchreihen, die Kinder ernst nehmen und ihnen schon im Kindergartenalter wichtige Fakten vermitteln. Darauf kann man aufbauen. Kinder sind an allen Dingen interessiert, die zu ihrer Lebenswelt gehören, selbstverständlich auch an ihrem eigenen Körper und daran, wie er funktioniert.</p>
<p>Es gibt inzwischen so hervorragende Möglichkeiten der Visualisierung, die natürlich auch in der Schule genutzt werden können. Schauen Sie sich zum Beispiel dieses Video über die Invasion eines Grippevirus an.</p>
<span class='embed-youtube' style='text-align:center; display: block;'><iframe class='youtube-player' type='text/html' width='519' height='322' src='http://www.youtube.com/embed/Rpj0emEGShQ?version=3&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;wmode=transparent' frameborder='0'></iframe></span>
<p>Das Gleiche gilt übrigens für die Evolutionstheorie. Auch sie gehört in den frühen Bildungskanon. Ihre Einzelheiten sind hochkomplex, natürlich, denn dies ist die Komplexität des Lebens selbst. Aber die theoretischen Grundlagen sind einfach zu verstehen. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Henry_Huxley" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-3514" title="huxley_stupid" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/07/huxley_stupid-e1311804882318.jpg?w=519" alt=""   /></a>Darwins Mitstreiter Thomas Huxley soll sich sehr darüber geärgert haben, nicht selbst auf diese im Grunde einfachen Gedanken gekommen zu sein.</p>
<p>Warum sollten nicht schon Kinder verstehen können, dass der Kampf unseres Immunsystems gegen Viren und Bakterien ein Rüstungswettlauf ist? Die <a title="Wikipedia: Red Queen" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Red-Queen-Hypothese" target="_blank">Rote Königin</a> kennen sie ja schon aus <em>Alice im Wunderland</em>. Warum sollten sie nicht verstehen können, dass gemäß der <a href="http://www.amazon.de/gp/product/0140167722/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=0140167722" target="_blank">Rote-Königin-Hypothese</a> dieser Wettlauf den Sex erst in die Welt und damit auch uns erst hervorgebracht hat? Warum sollten sie nicht verstehen können, dass jedes Antibiotikum ohne ständige Forschung daher irgendwann zu einer stumpfen Waffe werden muss? Dass sie ihre Antibiotika bis zum Schluss nehmen müssen (nämlich um keine resistenten Bakterien heranzuzüchten)? Warum sollten nicht Kinder das ihren Eltern erklären können, falls die es noch nicht wissen? (&#8220;Das haben wir in Evolution gelernt!&#8221;) Warum sollten Kinder nicht schon früh lernen können, wie eine <a title="Doppelblind sehen wir besser" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/02/09/doppelblindstudie/" target="_blank">randomisierte Doppelblindstudie</a> funktioniert, und was wir alle diesem herausragenden Instrument der Erkenntnis zu verdanken haben?</p>
<p><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/08/pillcam.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-3605" title="Pillcam" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/08/pillcam.jpg?w=519" alt=""   /></a>Auch in späteren Schuljahren könnte das Fach <em>Medizinische Wissenschaft</em> zu einprägsamen Erlebnissen führen. Stellen Sie sich nur die pädagogischen Möglichkeiten einer Kamerapille vor! Thema der Projektwoche: Die Reise durch den eigenen Körper. Meldet sich jemand freiwillig?</p>
<p>Nicht nur Ärzte müssen eine medizinwissenschaftliche Ausbildung erhalten. Auch die Patienten, also wir alle, müssen die Grundlagen der wissenschaftlichen Medizin verstehen können. Medizinische Bildung für alle ist möglich, auch schon für Kinder.</p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://evidentist.wordpress.com/category/alternativmedizin/'>Alternativmedizin</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/aufklarung/'>Aufklärung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/erziehung/bildung/'>Bildung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/erziehung/'>Erziehung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/esoterik/'>Esoterik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/evolution/'>Evolution</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/medizin/'>Medizin</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/werte/'>Werte</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/wissenschaft/'>Wissenschaft</a> Tagged: <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/bernd-harder/'>Bernd Harder</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/david-bolinsky/'>David Bolinsky</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/gwup/'>GWUP</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/kamerapille/'>Kamerapille</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/klaus-dietrich-bock/'>Klaus-Dietrich Bock</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/manfred-anlauf/'>Manfred Anlauf</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/robert-krulwich/'>Robert Krulwich</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/rote-konigin/'>Rote Königin</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/thomas-huxley/'>Thomas Huxley</a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/evidentist.wordpress.com/3449/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/evidentist.wordpress.com/3449/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=3449&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Peter Singer und der Kampf um Anerkennung</title>
		<link>http://evidentist.wordpress.com/2011/06/07/peter-singer-und-der-kampf-um-anerkennung/</link>
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		<pubDate>Tue, 07 Jun 2011 11:00:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[An der Debatte über Peter Singer, wie sie gegenwärtig aus Anlass der Verleihung des Ethikpreises der Giordano-Bruno-Stiftung wieder geführt wird, zeigen sich die Grenzen eines vernünftigen öffentlichen Diskurses über emotionale und komplexe Themen. Wir sind alle bereit, über vieles zu diskutieren, aber wir werden alle zunehmend ungehalten, wenn Überzeugungen in Frage gestellt werden, die unsere [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=2853&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignright" title="gbs-Ethik-Preis-Plakat" src="http://hpd.de/files/imagecache/article_picture/plakat_gap.jpg" alt="" width="197" height="280" />An der <a href="http://www.kobinet-nachrichten.org/cipp/kobinet/custom/pub/content,lang,1/oid,26828/ticket,g_a_s_t" target="_blank">Debatte über Peter Singer</a>, wie sie gegenwärtig aus Anlass der Verleihung des <a href="http://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/ethik-preis-fuer-tierrechtler" target="_blank">Ethikpreises der Giordano-Bruno-Stiftung</a> wieder geführt wird, zeigen sich die Grenzen eines vernünftigen öffentlichen Diskurses über emotionale und komplexe Themen. Wir sind alle bereit, über vieles zu diskutieren, aber wir werden alle zunehmend ungehalten, wenn Überzeugungen in Frage gestellt werden, die unsere eigene Identität betreffen.</p>
<p>Ich persönlich stehe auf der Seite derjenigen, die glauben, dass eine Debatte über die schwierigen ethischen Fragestellungen, die Peter Singer aufwirft, nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig ist. Meine Überzeugung ist, dass wir für die Entscheidung moralischer Fragen kein besseres Werkzeug haben als das klare Denken. In der Wertedebatte bietet die analytische Ethik die besten Chancen, zu tragfähigen Lösungen zu kommen. Je mehr auf dem Spiel steht, desto weniger sollten Autorität, Religion, <a title="Das war schon immer so" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/05/13/das-war-schon-immer-so/" target="_blank">Tradition</a>, Emotion und Erfahrung  eine Rolle spielen. Das gilt insbesondere für relativ neue Optionen, die sich aus dem Einsatz neuer Technologien ergeben, für die wir emotional überhaupt nicht gerüstet sein können. Zu meinem Weltbild gehört die Überzeugung, dass wir emotional weit hinter unseren technologischen, aber auch analytischen Fähigkeiten herhinken, ebenso wie unsere traditionellen Institutionen.</p>
<p>Aber ich habe leicht reden: Ich bin nicht betroffen. Ich lebe ohne angeborene oder erworbene Behinderung. Ich rede von Behinderungen wie der Blinde von der Farbe. Wir verlangen von den Debatten-Gegnern, dass sie von ihrer eigenen emotionalen Position abstrahieren. Sie sollen Argumente bringen, aber ihre Emotionen und Erfahrungen lassen wir nicht als Argument gelten. <a title="Krankheit ins Weltkulturerbe?" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/06/02/krankheit-ins-weltkulturerbe/" target="_blank">In meinem letzten Posting</a> zeigte ich mich verblüfft und ungehalten, dass jemand die Unterscheidung zwischen behinderter Person und Behinderung nicht treffen will und sogar bereit ist, die Konsequenzen zu akzeptieren, nämlich dass der Wert der Person damit auf die Behinderung übergeht. Ich stehe immer noch dazu, dass diese Unterscheidung von zentraler moralischer Bedeutung ist. Aber ich will hier etwas anderes versuchen: Ich will versuchen, mich in die Position der Gegenseite hineinzuversetzen.<span id="more-2853"></span></p>
<p>Der Widerstand gegen eine Debatte über Peter Singer geht am vehementesten von Menschen aus, die selbst behindert sind, und von Menschen, die beruflich oder privat mit Behinderten zu tun haben, ihre Eltern, Verwandten, Betreuer. Diese Menschen fühlen sich direkt betroffen, wenn die Unterscheidung zwischen behinderter Person und Behinderung getroffen wird. Sie fühlen sich angegriffen. Ich kann das verstehen. Ich will versuchen zu erläutern, in welchem Sinn.</p>
<p><a title="Buzz Lightyears Weltbildnetz" href="http://evidentist.wordpress.com/2010/10/13/buzz-lightyears-weltbildnetz/" target="_blank">Unsere Überzeugungen bilden unser Weltbild</a>, und unsere Überzeugungen über uns selbst bilden unser Selbstbild, unsere Identität. Dieses Selbstbild ist zwar nur ein Teil unseres Weltbildes, aber es ist der zentrale Teil. Wir schützen dieses Selbstbild. Wir lassen nichts an diesen inneren Kern herankommen, wir ziehen mächtige Verteidigungslinien auf. Einige der Überzeugungen, die wir über uns selbst hegen, sind relativ unwichtig, wir können sie an die Daten anpassen, wenn diese sich ändern. So könnte ich schon immer Pistazieneis abgelehnt haben, weil ich überzeugt war, dass ich es nicht mag, bis ich es einmal aus Versehen probiere und feststelle, dass es mir doch schmeckt. Ich kann heute noch stolz darauf sein, ein noch vollständiges Gebiss zu haben, und morgen schon muss ich einsehen, dass sich das geändert hat. Das alles sind Überzeugungen an der Peripherie meines Selbstbildes, obwohl im Falle des fehlenden Zahns schon meine körperliche Integrität betroffen ist. Aber alle 32 Zähne zu haben, war nie wesentlicher Bestandteil meines Selbstbildes. Aber manche Aspekte meines Selbstbildes sind zentral. Sie bilden meine Identität.</p>
<div id="attachment_2891" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2891  " title="Schwarz" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/06/schwarz.jpg?w=300&#038;h=234" alt="" width="300" height="234" /><p class="wp-caption-text">Vermutlich sehen Blinde nicht nur schwarz, aber Sehende stellen sich Blindsein so vor</p></div>
<p>Wie wäre es zum Beispiel, wenn ich blind zur Welt gekommen wäre? So wie viele andere Menschen, die in die Welt mit einem Sinn weniger als die meisten anderen hineinwachsen. Probleme für ihre Identität erwachsen daraus nicht. Die Probleme erwachsen daraus, dass unsere Welt in ihren Anforderungen standardmäßig davon ausgeht, dass jeder sehen kann. Diese Anforderungen sind so gewichtig, dass ich als Blinder auf die Unterstützung anderer angewiesen bin. Die Blindheit wird zu einem zentralen Merkmal meiner Person. Ich weiß, wie es sich anfühlt, blind zu sein, ich weiß, wie es anderen geht, die blind sind, ich fühle mich ihnen verbunden. Druck von außen erzeugt Bindung nach innen. Ich gehöre zur Gemeinschaft der Blinden. <img class="alignright" title="Blindentaster" src="http://www.nuernberg.de/imperia/md/verkehrsplanung/bilder/vpl/blinde_taster.jpg" alt="" width="150" height="173" />Ungewollt und unvermeidlich werden wir durch unsere Lebenswelt diskriminiert und ausgeschlossen, auch wenn sich alle anderen Menschen um uns herum bemühen, uns nicht zu diskriminieren und auszuschließen. Aber manchmal gehen sie ins Kino, und keiner fragt mich, ob ich mitkommen möchte. Auf diese Weise wandert das Merkmal Blindheit immer weiter in den Kern meines Selbstbildes hinein. Es wird zum bestimmenden Teil meiner Identität. Ich bin nur ich, wenn ich blind bin.</p>
<p>In dieser Situation kommt nun ein Forscher mit einer bahnbrechenden neuen Therapie daher, die Blindheit vorgeburtlich heilen kann. Nicht etwa dadurch, dass Blindheit frühzeitig erkannt und die Schwangerschaft daraufhin abgebrochen werden könnte. Nein, das Sehvermögen des blinden Embryos kann wiederhergestellt werden. Hätte es diese Therapie schon vor meiner Geburt gegeben, wäre ich zwar trotzdem zur Welt gekommen, aber dennoch hätte es mich nie gegeben. Denn Blindheit gehört inzwischen zu meiner Identität. Wäre ich nicht blind, so wäre ich jemand anderes. Insofern bedroht diese Therapie meine Identität. Und zwar gleich mehrfach:</p>
<ol>
<li>Sie macht deutlich, dass die meisten anderen Menschen mein Identitätsmerkmal für sich selbst oder für ihre Kinder ablehnen. Es gilt ihnen als Unglück.</li>
<li>Sie verhindert die Entstehung von Menschen, die das Merkmal aufweisen, das meine Identität ausmacht.</li>
<li>Sie schwächt die Gemeinschaft, auf die ich existentiell angewiesen bin.</li>
<li>Sie schwächt den Druck auf die Gemeinschaft der Sehenden, ihre Infrastruktur so zu ändern, dass auch wir Blinden sie nutzen können.</li>
</ol>
<p>Die Therapie bedroht also meine Identität. Bedroht sie auch meine Existenz? Nicht direkt, aber es fühlt sich so an.</p>
<p>Jetzt wird von mir erwartet, dass ich &#8220;objektiv alle Interessen gleich gewichte&#8221;, dass ich einsehen soll, dass meine Identität als vermeidbare Verletzung von Interessen gilt, und zwar von Menschen, die noch nicht geboren wurden. Ich weiß aber &#8211; aus der Innenperspektive &#8211; dass mein Identitätsmerkmal für mich und meine Existenz kein Problem ist. Alle Probleme erwachsen nur daraus, dass meine Lebensumwelt den Sehsinn wie selbstverständlich voraussetzt. Das bestätigt meine Überzeugung: Das Problem ist nicht meine Blindheit, das Problem ist die Einstellung der anderen. Das Problem ist nicht individuell, es ist politisch. Aber damit auch die anderen, die nicht blind sind, dieses Problem als politisch erkennen, darf die Blindheit nicht als individuelle Behinderung, als heilbar gelten, sondern sie muss zu einer neutralen Option werden. Das ist der Sinn des Slogans &#8220;Wir sind nicht behindert, wir werden erst dazu gemacht.&#8221;</p>
<p>Wenn wir nun das Therapiebeispiel so ändern, dass Blindheit frühzeitig erkannt und die Schwangerschaft daraufhin abgebrochen werden kann, so sehen wir, dass sich für mich nicht viel ändert. Alle vier obengenannten Punkte gelten genauso. Meine Existenz wäre ebenfalls nicht bedroht, aber es würde sich so anfühlen. Ich schließe daraus, dass es den Betroffenen bei der Singer-Debatte nicht in erster Linie um das Lebensrecht geht, sondern um ihre Anerkennung. Und die Ablehnung der Unterscheidung zwischen behinderter Person und Behinderung ist der Versuch, dieser Forderung nach Anerkennung Nachdruck zu verleihen.</p>
<p>Auch wenn ich die Motive soweit nachvollziehen kann, bleibt es dabei, dass diese Unterscheidung moralisch geboten ist. Außerhalb dieses Zusammenhangs zieht sie auch niemand je in Zweifel. Es gibt Schutzbrillen gegen Funkenschlag, es gibt überhaupt Brillen, und keine Demos von Blinden vor Optikerläden. Dass wir alle es vorziehen, sehend zu sein, und Maßnahmen treffen, um unser Augenlicht zu schützen oder zu verbessern, ist keine Bedrohung für die Anerkennung, die wir Menschen ohne Augenlicht entgegenbringen.</p>
<p>Aber der wichtigste Punkt ist vielleicht, dass auch der Wert Anerkennung kein absoluter Wert ist. Er ist ein wichtiger Wert, und wenn Menschen dafür streiten, anerkannt zu werden, so ist das nicht bloß legitim, sondern ihre Anerkennung ist auch moralisch geboten. Aber es ist ebenso richtig und legitim, und moralisch ebenso geboten, alles für die Gesundheit eines Kindes zu tun, auch vor seiner Geburt.</p>
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		<title>Krankheit ins Weltkulturerbe?</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Jun 2011 08:45:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Weg zur Menschenverachtung ist gepflastert mit guten Absichten und hehren Prinzipien. Die Grünen sind die Partei des Artenschutzes, jetzt erfahren wir, dass sich dieser Schutz in der grünen Lesart auch auf Krankheiten erstreckt. Im Zusammenhang mit der Verleihung des Ethik-Preises der Giordano-Bruno-Stiftung an Peter Singer hat Michael Schmidt-Salomon geschrieben, dass kranke und behinderte Menschen mit allen [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=2761&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Der Weg zur Menschenverachtung ist gepflastert mit guten Absichten und hehren Prinzipien.</p>
<p><img class="alignright" title="Logo grün" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/thumb/a/a6/Logo_B%C3%BCndnis_90_Die_Gr%C3%BCnen_gr%C3%BCn.svg/150px-Logo_B%C3%BCndnis_90_Die_Gr%C3%BCnen_gr%C3%BCn.svg.png" alt="" width="150" height="89" />Die Grünen sind die Partei des Artenschutzes, jetzt erfahren wir, dass sich dieser Schutz in der grünen Lesart auch auf Krankheiten erstreckt.</p>
<p>Im Zusammenhang mit der Verleihung des Ethik-Preises der Giordano-Bruno-Stiftung an <a href="http://www.gkpn.de/singer1.htm" target="_blank">Peter Singer</a> hat Michael Schmidt-Salomon <a href="http://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/zur-debatte-um-peter-singer" target="_blank">geschrieben</a>, dass kranke und behinderte Menschen mit allen Mitteln zu fördern seien, nicht aber Krankheit und Behinderung. Anscheinend hat er damit nicht einfach nur eine Selbstverständlichkeit klargestellt. Kaum zu glauben, aber es ist möglich, dies anders zu sehen.</p>
<p><span id="more-2761"></span>Auf <a href="http://www.kobinet-nachrichten.de/cipp/kobinet/custom/pub/content,lang,1/oid,26813" target="_blank">Kobinet</a> findet sich folgende Erklärung des Grünen-Abgeordneten Kurth:</p>
<blockquote><p>&#8220;Peter Singer wird am 3. Juni 2011 für sein Engagement um Tierrechte von der Giordano-Bruno-Stiftung geehrt. Die Stiftung setzt sich auch für ein uneingeschränktes Recht auf die Präimplatationsdiagnostik (PID) ein. Peter Singer plädierte in der Vergangenheit unter anderem dafür, behinderte Kinder bis zum 28. Lebenstag töten zu können. Der Preis für Singer ist ein Schlag ins Gesicht aller Menschen mit Behinderungen.</p>
<p>Die Stiftung wehrt sich gegen Kritik an ihrem Preisträger, indem sie Singer als „potentiellen Verbündeten“ im Kampf für die Rechte von Menschen mit Behinderungen darstellt. So trete Singer dafür ein, kranke und behinderte Menschen mit allen Mitteln zu fördern, nicht aber Krankheit und Behinderung.</p>
<p>Doch Krankheit und Behinderung gehören zum menschlichen Leben, daran wird auch der medizinische und technische Fortschritt nichts ändern. Krankheit und Behinderung bedeuten auch nicht automatisch Leid.</p>
<p>Wer glaubt es sei möglich, zwar Menschen mit Behinderungen aber nicht Krankheit und Behinderung selbst akzeptieren zu können, unterliegt einem Irrglauben. Der Druck auf behinderte Menschen und deren Familien wird durch eine gesellschaftliche Stimmung, in der Behinderung als vermeidbares Übel gilt, zunehmen.</p>
<p>Menschen sind vielfältig. Diese Vielfalt positiv zu betrachten, sie zu fördern und zu unterstützen, ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der UN-Behindertenrechtskonvention dringend geboten.&#8221;</p></blockquote>
<p>Tatsächlich folgt aus dieser Erklärung der folgende Satz:</p>
<blockquote><p>Es ist dringend geboten, Krankheit und Behinderung positiv zu betrachten, sie zu fördern und zu unterstützen.</p></blockquote>
<p>Ob sich der Grünen-Abgeordnete hier nur verrannt hat? Ob er erschrecken würde, wenn man ihn auf diese Implikation seiner Erklärung aufmerksam machte? Ich glaube nicht. Ich glaube, hier sind wieder die guten Absichten am Werk, mit denen einem alten Sprichwort zufolge der Weg zur Hölle gepflastert ist. Hier zeigt sich das hässliche Gesicht eines moralischen Relativismus, der es ablehnt, notwendige Unterscheidungen zu treffen, aus Angst, jemanden auszugrenzen. Er übersieht dabei, dass nur mit Hilfe solcher Unterscheidungen die zentralen Werte erst formuliert werden können, an denen wir uns alle implizit orientieren, weil sie die Grundlage unseres Lebens sind.</p>
<blockquote><p>&#8220;Doch Krankheit und Behinderung gehören zum menschlichen Leben, daran wird auch der medizinische und technische Fortschritt nichts ändern.&#8221;</p></blockquote>
<p>Der gesamte Text suggeriert die Lesart: &#8220;daran <em>sollte</em> auch der medizinische und technische Fortschritt nichts ändern.&#8221; Ich bin entschieden anderer Meinung. Aber es kommt nicht wirklich auf unsere Meinungen an, weder auf meine noch auf die des Grünen-Abgeordneten. Der medizinische und technische Fortschritt ändert alles. Peter Singer ist einer der wenigen Ethiker, die es schaffen, mit den Entwicklungen einigermaßen Schritt zu halten. Moralphilosophen und -theologen, die darauf hoffen, dass sich nichts ändert, was sich nicht ändern darf, versenken sich selbst in die Bedeutungslosigkeit. Singer reagiert auf unabweisbare ethische Fragen, die der medizinische Fortschritt uns achtlos und wie nebenbei vor die Füße schmeißt. Organtransplantation und Hirntod, Genomanalyse und Gentherapie, Zunahme von Alters- und Demenzerkrankungen, und &#8211; ja &#8211; auch das physische Überleben von Neugeborenen, die früher mehr oder weniger schnell gestorben wären, all dies sind Probleme, die nicht weggehen, nur weil wir sie nicht haben wollen. Aufgabe von Moralphilosophen ist es, diese Fragen entscheiden zu helfen, und zwar noch bevor sie sich stellen. <a href="http://news.harvard.edu/gazette/story/2010/11/partial-reversal-of-aging-achieved-in-mice/" target="_blank">Hier können wir eine Ahnung davon erhaschen, was auf uns zukommen wird.</a> Altern und Tod gehört zum menschlichen Leben dazu, fragt sich nur, wie lange noch.</p>
<p>Die Abschaffung der Unterscheidung zwischen krankem Individuum und Krankheit entzieht der gesamten Medizin ihre Grundlage. Um was geht es denn in der Medizin anderes als um die ständige Bemühung, Kranken zu helfen, ihre Krankheit zu überwinden, Behinderten zu helfen, ihre Behinderung zu meistern und bestenfalls zu überwinden, Krankheiten und selbstverständlich auch Behinderungen nicht nur zu regulieren, sondern zu vernichten? Das gilt für jeden Einzelfall, das gilt aber natürlich auch, wenn sich die Chance bietet, für Krankheit und Behinderung insgesamt. Die Pocken sind ausgerottet. Dürfen wir uns darüber freuen? Früher sprach man bei unheilbaren Krankheiten und Behinderungen von „Geißeln der Menschheit“. Jetzt arbeiten die Grünen an ihrer Aufnahme ins Weltkulturerbe.</p>
<p>Schauen Sie sich diesen bemerkenswerten Vortrag über den weltweiten Kampf gegen Polio an.</p>
<div class="embed-"><iframe src="http://embed.ted.com/talks/bruce_aylward_how_we_ll_stop_polio.html" width="519" height="291" frameborder="0" scrolling="no" webkitAllowFullScreen mozallowfullscreen allowFullScreen></iframe></div>
<p>Die Jüngeren hierzulande werden es nicht mehr wissen, aber Polio, auch als Kinderlähmung bekannt, war einmal eine echte Bedrohung &#8211; oder sollte ich lieber schreiben: eine echte Identitätsoption? &#8211; für junge Menschen. Wer sich mit dem Poliovirus erfolgreich ansteckte, durfte sein Leben zeitweise, manchmal dauerhaft, in solchen Geräten verbringen:</p>
<p style="text-align:center;"><img class="aligncenter" title="Eiserne Lunge" src="http://www.transgallaxys.com/%7Eaktenschrank/Impfen_rettet_Leben/iron_lung_ward-rancho_los_amigos_hospital._2b_.jpg" alt="" width="370" height="246" /></p>
<p>Man nannte sie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Eiserne_Lunge" target="_blank">Eiserne Lunge</a>. Die Medizin hat uns diese Option genommen. Wieder ein Stück Vielfalt weniger. Ein Kind in dieser eisernen Lunge war wahrscheinlich froh, am Leben zu sein. Das war ja der Zweck dieser Maschinen, Menschen am Leben zu halten. Aber war es auch froh darüber, nur mit Hilfe der eisernen Lunge am Leben bleiben zu können? Diese Frage lässt sich gar nicht erst formulieren, wenn wir die Unterscheidung zwischen krankem Individuum und Krankheit nicht treffen. Wollen alle Kinder lieber draußen spielen und selbst atmen? Oder ist das nur eine unzulässige Verallgemeinerung, die zudem noch das Prinzip der Vielfalt verletzt, zynisch und Polio-verachtend?!</p>
<p>Die Grünen sind bunt, Vielfalt ist ihr Programm. Wir kennen sie als Multi-Kulti-Partei, jetzt kommt noch Multi-Morbi hinzu. Schon das Multi-Kulti-Prinzip steht im Zweifel auch über den Menschenrechten. Andere Kulturen, andere Sitten, das habe man zu respektieren. Diese Verteidigung des Prinzips der Vielfalt klingt so sympathisch, weil sie scheinbar jeden akzeptiert. Sie schießt aber über das Ziel hinaus, weil sie tatsächlich alles akzeptiert.</p>
<p>Die Äußerung des Herrn Abgeordneten Kurth hat es geschafft, dass ich zum ersten Mal richtig Angst vor einer grünen Mehrheit verspüre. Die Multi-Morbi-Fraktion der Grünen könnte das <a title="Frohe Botschaft" href="http://evidentist.wordpress.com/2010/11/26/frohe-botschaft/" target="_blank">Werk der Mutter Teresa</a> in Deutschland vollenden, wenn auch aus anderen Gründen. Nicht, weil wir in unserem Todeskampf ohne Schmerzmedikamente den Kuss Jesu spüren, sondern weil nach grüner Logik auch der leidende Mensch eine Spielart des Menschen ist, die unter Artenschutz steht.</p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://evidentist.wordpress.com/category/aufklarung/'>Aufklärung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/'>Ethik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/medizin/'>Medizin</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/werte/'>Werte</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/wissenschaft/'>Wissenschaft</a> Tagged: <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/behinderung/'>Behinderung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/giordano-bruno-stiftung/'>Giordano Bruno Stiftung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/grune/'>Grüne</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/krankheit/'>Krankheit</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/michael-schmidt-salomon/'>Michael Schmidt-Salomon</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/mutter-teresa/'>Mutter Teresa</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/peter-singer/'>Peter Singer</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/polio/'>Polio</a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/evidentist.wordpress.com/2761/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/evidentist.wordpress.com/2761/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=2761&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">Logo grün</media:title>
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		<title>Das war schon immer so</title>
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		<pubDate>Fri, 13 May 2011 21:11:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alternativmedizin]]></category>
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		<description><![CDATA[Warum haben Traditionen eigentlich einen so guten Ruf? Ja, ich weiß, Traditionen und Rituale strukturieren das Leben und reduzieren seine Komplexität. Es ist prima, wenn man sich auskennt. Ich bestreite nicht ihren Nutzen bei der Organisation des Lebens für Individuen und Gruppen. Aber welchen Wert haben sie für Erkenntnis und Ethik? Welchen erkenntnistheoretischen Wert haben [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=2490&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:left;"><em>Warum haben Traditionen eigentlich einen so guten Ruf? Ja, ich weiß, Traditionen und Rituale strukturieren das Leben und reduzieren seine Komplexität. Es ist prima, wenn man sich auskennt. Ich bestreite nicht ihren Nutzen bei der Organisation des Lebens für Individuen und Gruppen. Aber welchen Wert haben sie für Erkenntnis und Ethik? Welchen erkenntnistheoretischen Wert haben Argumente, in denen die Tradition als Evidenz angeführt wird? Und welchen moralischen Wert haben Traditionen, wenn es um die Güterabwägung mit anderen Werten geht? Allgemein werden beide sehr hoch eingeschätzt. Meine These ist, dass sie gegen Null gehen.</em></p>
<div class="wp-caption aligncenter" style="width: 1000px"><img alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/89/Goya_Tauromachia3.jpg" width="990" height="650" /><p class="wp-caption-text">Francisco Goya: Stierkampf, 1815-16</p></div>
<p><span id="more-2490"></span>Wir begegnen sehr oft dem Argument aus der Tradition: „Es wurde schon immer/ seit Menschengedenken/ seit x Jahren so gemacht/ gedacht, daher ist es richtig, es so zu machen/ so zu denken.“ Dieses Argument ist ebenso ungültig wie das Argument aus der Autorität, von dem es im Grunde nur ein Sonderfall ist.</p>
<p>Wenn für Methoden und Verfahren argumentiert wird, die sich in evidenzbasierten Studien und Tests bewährt haben, dann kommen auf allen Gebieten Einwände, die sich auf Traditionen berufen. Und wenn es nur die Tradition des einzelnen Professors ist, der nicht einsehen möchte, dass er bis dato alles falsch gemacht oder gedacht haben soll. (Denken wir etwa an den <a title="Homöopathie – das falsche Verschwörungsopfer" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/01/08/hp-verschwoerung/" target="_blank">Fall Semmelweis</a>.) Die Berufung auf die Tradition als Argument ist allgegenwärtig. Die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Traditionelle_chinesische_Medizin" target="_blank">TCM</a>, die Traditionelle Chinesische Medizin, führt sie ja sogar im Namen. Nun wird jeder, der sich schon einmal mit der Geschichte der Medizin befasst hat, erschauern und sich vor einer Therapieform, die sich selbst „traditionell“ nennt, in Acht nehmen wollen. Aber trotzdem eignet sich dieses Merkmal zur Werbung. (Siehe die <a href="http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2011/04/heilpflanzenverbot-reloaded-die-eu-ist-immer-noch-die-ausgeburt-des-bosen.php" target="_blank">aktuelle</a> <a href="http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/detritus/medizin/2011-04-29/trubel-um-heilpflanzenverbot-h-rt-nicht-auf" target="_blank">Diskussion</a> um die <a href="http://blog.gwup.net/2011/05/07/avaaz-auf-dem-holzweg/" target="_blank">Heilkräuter-Petition</a>.)</p>
<p>Ich will die medizinischen Bemühungen früherer Generationen nicht verächtlich machen oder gering schätzen, ganz im Gegenteil. Die Leistungen der Menschen in vorwissenschaftlicher, und vielmehr noch in wissenschaftsfeindlicher Zeit waren beeindruckend. Nehmen wir etwa <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hildegard_von_Bingen" target="_blank">Hildegard von Bingen</a>. Zwar war sie nach wissenschaftlichen Maßstäben vor allem eine Nonne mit <a href="http://www.vision-derfilm.de/" target="_blank">Visionen</a> (im Sinne Helmut Schmidts), eine Heilerin und esoterische Kräuterfee, aber zu ihrer Zeit war sie eine herausragende Figur. Sie hat als Frau innerhalb der engen Grenzen und Freiräume, die ihr das Klosterleben eröffnete, so frei gedacht und geschrieben, wie es ihr möglich war. Durch sie wissen wir viel über das medizinische Denken des Mittelalters.</p>
<p><img class="alignright" title="HvB" alt="" src="http://www.planet-wissen.de/natur_technik/schmuck/edelsteine/img/wf_fasten_hildegard_g.jpg" width="176" height="221" />Aber der Wert, den das Wissen über Hildegard von Bingen und ihre Vorstellungen für die historische Forschung hat, ist ein anderer als der Wert, den ihre vor- und unwissenschaftlichen Vorstellungen für unsere medizinische Forschung haben. Dieser ist nämlich nur heuristisch, da Hildegard von Bingen zwar viel beobachtet und geschrieben, aber keinerlei klinische Studien durchgeführt hat. Wer also denkt, dass an ihren Beobachtungen etwas dran ist, der sollte sie testen. Im Falle der Widerlegung wäre die mittelalterliche These einfach vom Tisch, im Falle der Bestätigung hätten wir nun Gründe, sie zu akzeptieren. Die Basis für unsere neue Erkenntnis wäre aber dann nicht die traditionelle Autorität einer mittelalterlichen Kräuterkundigen, sondern die wissenschaftliche Evaluation ihrer These. Die Tradition kürzt sich raus. Sie verleiht dem neu gewonnenen Wissen keine zusätzliche Bestätigung.</p>
<p>Ich sehe auch in anderen Bereichen nicht den positiven Wert der Tradition. Oft genug kollidiert die Tradition mit unserer Ethik. Schauen wir nach Indien, wo die Familie der Braut eine hohe Mitgift zu zahlen hat. Dieser Druck ist so groß, dass Mädchen selektiv abgetrieben werden oder die <a href="http://www.msnbc.msn.com/id/42892710/ns/world_news-south_and_central_asia/" target="_blank">Eltern sie nicht ausreichend ernähren</a>. Hier können wir die psychologische Macht der Tradition erahnen: Eltern sorgen nicht mehr für ihre Kinder, weil ihre Präferenzen, die sich aus kulturellen Traditionen ergeben, schwerer wiegen.</p>
<p>Meines Erachtens wird dieses Beispiel nur noch durch ein anderes kulturelles Phänomen übertroffen: <a href="http://www.nytimes.com/2011/05/12/opinion/12kristof.html?_r=2&amp;src=ISMR_HP_LO_MST_FB" target="_blank">die brutale Genitalverstümmelung</a>. Wer dagegen Stellung bezieht, argumentiert oft, dass es sich dabei <em>nicht</em> um eine <a href="http://www.sarsura-syrien.de/genitalverstuemmelungen-von-frauen-ein-verbrechen-mit-tradition-3128.html" target="_blank">religiöse</a> oder <a href="http://www.taskforcefgm.de/2011/05/genitalverstuemmelung-ist-keine-afrikanische-tradition/" target="_blank">kulturelle</a> Tradition handele. So what?! Was wäre denn, wenn?! Wäre die Menschenrechtsverletzung dann weniger schlimm? Diese Argumente schaden durch den Anschein der Relevanz, den sie erwecken! Ich hatte schon einmal <a title="Christliche Werte sind lieb" href="http://evidentist.wordpress.com/2010/10/19/christliche-werte-sind-lieb/" target="_blank">an anderer Stelle</a> darauf hingewiesen: Jeder, der eine Tochter hat, oder jeder, der sich vorstellen kann, wie es sich anfühlt, eine Tochter zu haben, solle einmal versuchen, sich in die Lage von Eltern zu versetzen, die aus kulturell-traditionellen Gründen dabei helfen, ihrer Tochter die Klitoris abzuschneiden. Das ist die Macht der Tradition!</p>
<p>Wenn Menschen etwas gern tun, sollten sie es tun, solange sie niemandem schaden. Aber die Ansicht darüber, ob jemand einen moralisch relevanten Schaden erleidet, ändert sich mit der Zeit. Zur Zeit des Römischen Reiches waren die Schäden, die Sklaven und Gladiatoren bei den Spielen erlitten, keine moralisch relevante Größe für die Menschen, die sich an den Spielen erfreuten. Heute sähe das anders aus.</p>
<div id="attachment_2652" class="wp-caption alignright" style="width: 227px"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/05/tigerpenis.jpg"><img class="size-full wp-image-2652     " title="tigerpenis" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/05/tigerpenis.jpg?w=519"   /></a><p class="wp-caption-text">Tigerpenis &#8211; vielleicht sollten Artenschützer öfter darauf hinweisen, dass Sex bei Katzen nur wenige Sekunden dauert</p></div>
<p>Tiere leiden am meisten unter dem Primat der Tradition. Nehmen wir noch einmal die Traditionelle Chinesische Medizin: Sie rottet Tiger und Nashörner aus, weil das magisch-analoge Denken einleuchtende Wirkungen von Tigerpenissen und Nashornhörnern auf menschliche Erektionen sieht. <a href="http://www.suite101.de/content/in-china-waechst-der-widerstand-gegen--baerengalle-in-der-medizin-a103651" target="_blank">Sie quält Braunbären, indem sie ihnen bei lebendigem Leib die Galle abzapft</a>. Denken wir an das unsägliche <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%A4chten" target="_blank">Schächten</a>, das Schlachten ohne Betäubung. Oder an die Jagd auf Singvögel in Italien, die Fuchsjagd in England, den Walfang in Norwegen, Island und Japan &#8230;</p>
<div id="attachment_2654" class="wp-caption alignright" style="width: 242px"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/05/nashorn1.jpg"><img class="size-full wp-image-2654" title="Nashorn" alt="Nashorn" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/05/nashorn1.jpg?w=519"   /></a><p class="wp-caption-text">Nashorn &#8211; gute Waffe, aber evolutionär chancenlos gegen Dummheit, Aberglauben und TCM-Tradition</p></div>
<p>Erst im ausgehenden 20. Jahrhundert formierte sich Widerstand gegen die Tradition des Stierkampfs, weil Zweifel aufkamen, ob das Leid der Tiere wirklich so vollkommen irrelevant ist angesichts der Tradition und des großen Spaßes, den die Zuschauer dabei empfinden. (Interessanterweise versucht gerade Frankreich, den <a href="http://www.wissenrockt.de/2011/04/27/frankreich-erklart-stierkampf-zum-kulturerbe-18478/" target="_blank">Stierkampf zum Weltkulturerbe zu erklären</a>, um ihn zu retten.) Andere Volksbelustigungen mit leidenden Tieren haben schon vor längerer Zeit ihre Akzeptanz verloren. So werden heute keine Katzen mehr lebendig verbrannt, damit die Zuschauer sich an ihrem Todeskampf weiden können. Unsere moralischen Intuitionen entwickeln sich durchaus weiter. Steven Pinker spricht vom Mythos der zunehmenden Gewalt:</p>
<p><div class="embed-ted"><iframe src="http://embed.ted.com/talks/lang/de/steven_pinker_on_the_myth_of_violence.html" width="519" height="291" frameborder="0" scrolling="no" webkitAllowFullScreen mozallowfullscreen allowFullScreen></iframe></div><br />
Hemmschuh für diese <a href="http://www.focus.de/politik/ausland/menschenrechte-amnesty-menschenrechte-finden-mehr-beachtung_aid_626808.html" target="_blank">positive Entwicklung</a> ist oft genug die Tradition.</p>
<p>Und natürlich die Religion: Religionen sind geronnene Tradition, sie beziehen ihre gesamte Autorität aus der Tradition. (Deswegen wird Scientology von wenigen &#8211; außerhalb der USA &#8211; als Kirche wirklich ernst genommen. Selbst den rund 120 Jahre älteren Mormonen geht etwas der heilige Ernst ab, der anscheindend erst nach Jahrhunderten ausreift. Inhaltliche Gründe dafür, absurde Positionen umso ernster zu nehmen, je älter sie sind, gibt es wohl kaum.) Es ist traditionsgemäß undenkbar, einen religiösen Führer vor ein weltliches Gericht zu stellen, egal wie erdrückend die Beweislage gegen ihn auch sein mag. Wenn Ratzinger keinen Prozess fürchten muss, so liegt das einzig und allein an der Macht dieser Tradition. (Aber auch hier zeigen sich <a href="http://hpd.de/node/11501" target="_blank">erste sensationelle Risse</a>.) Aber vergessen wir nicht, dass es auch einmal vollkommen undenkbar war, Staatsoberhäupter vor Gericht zu stellen. Die Anklagen und Prozesse gegen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Augusto_Pinochet#Aufarbeitung_der_Verbrechen" target="_blank">Pinochet</a> und <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Dragomir_Milo%C5%A1evi%C4%87#ICTY_conviction" target="_blank">Milosevic</a> waren Meilensteine in der Entwicklung der Ethik, ungeachtet ihres Verlaufs und ihres Ausgangs. Die Welt ist eine bessere, weil die traditionelle Unantastbarkeit  der politischen Autorität gebrochen wurde. Jetzt ist es an der Zeit, auch die traditionelle Unantastbarkeit der religiösen Autorität zu brechen. Wenn ich optimistisch bin, dass uns dies gelingen wird, so befinde ich mich damit in guter Gesellschaft: Schon 2007 antwortete <a href="http://edge.org/memberbio/daniel_c_dennett" target="_blank">Daniel C. Dennett</a> auf die <a href="http://edge.org/annual-question/what-are-you-optimistic-about" target="_blank">Edge-Frage: „Worüber denken Sie optimistisch?“</a>: „<a href="http://www.edge.org/q2007/q07_1.html" target="_blank">Das Verdampfen des mächtigen Nimbus der Religion</a>.“</p>
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