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	<title>Evidenz-basierte Ansichten &#187; Rezension</title>
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	<description>Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Belege</description>
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		<title>Sam Harris über das Leben ohne freien Willen</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Mar 2012 10:54:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Freiheit unseres Willens ist eine metaphysische Illusion. In seinem Buch Free Will lotet Sam Harris die Konsequenzen aus dieser Tatsache aus. Sein Fazit: Wir können gelassener darauf reagieren, als viele meinen. Die Freiheit, die wir meinen, wenn wir von freien Wahlen, von Meinungs- oder Religionsfreiheit sprechen, ist die Freiheit von externen Zwängen. Wir möchten nicht, [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=5699&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die Freiheit unseres Willens ist eine metaphysische Illusion. In seinem Buch <a href="http://www.amazon.de/gp/product/B006IDG2T6/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B006IDG2T6" target="_blank">Free Will</a> lotet Sam Harris die Konsequenzen aus dieser Tatsache aus. Sein Fazit: Wir können gelassener darauf reagieren, als viele meinen.</em></p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://www.samharris.org/" target="_blank"><img class="wp-image-5756 aligncenter" title="Sam Harris" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/03/sam_harris.jpg?w=384&#038;h=288" width="384" height="288" /></a></p>
<p><span id="more-5699"></span>Die Freiheit, die wir meinen, wenn wir von freien Wahlen, von Meinungs- oder Religionsfreiheit sprechen, ist die Freiheit von externen Zwängen. Wir möchten nicht, dass andere für oder über uns entscheiden. Wenn wir allerdings von Willensfreiheit im metaphysischen Sinn sprechen, dann meinen wir eine Freiheit von Ursachen. Dann meinen wir, dass nicht der Zustand, in dem sich unser Gehirn zum Zeitpunkt der Entscheidung befindet, unser Wollen bestimmt, sondern etwas völlig anderes. Eine solche Freiheit ist eine Illusion. Das ist nicht nur die Meinung von Philosophen wie Spinoza oder Schopenhauer, sondern auch das Ergebnis der modernen Hirnforschung. In seinem Buch <em><a href="http://www.amazon.de/gp/product/B006IDG2T6/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B006IDG2T6" target="_blank">Free Will</a></em> untersucht Sam Harris die Implikationen dieser Tatsache.</p>
<p>Das Ende der Willensfreiheit ist nur ein weiterer Schritt der Entmystifizierung der Welt und des Menschen. Das religiöse Menschenbild ist das Bild eines Zauberwesens. Jedes seiner definierenden Merkmale ist ein wundersames Rätsel, das die Wissenschaft nach und nach löst. Wir leben nicht als Sinn und Zweck des Universums in seinem Zentrum. Wir kommen nicht aus dem Nichts, sondern haben uns genauso entwickelt wie jede andere Spezies in der Natur. Wir haben keine immaterielle Seele, die unseren Tod überdauern kann. Und unser Wille ist nicht auf mystische Weise frei.</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/B006IDG2T6/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B006IDG2T6" target="_blank"><img class="wp-image-5723 alignleft" style="border-style:initial;border-color:initial;cursor:default;border-width:0;" title="Sam Harris, Free Will" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/03/freewillcoversmall.jpg?w=173&#038;h=244" width="173" height="244" /></a></p>
<p>Der freie Wille gilt als Grundlage unserer Moral. Wenn die Wissenschaft uns also den freien Willen entzieht &#8211; so die Angst &#8211; dann entzieht sie auch der Moral die Grundlage. Hier bahnt sich die gleiche Denkfigur an, die wir schon vom paternalistischen „Glauben an den Glauben“ kennen. Ja, sagt der aufgeklärte „Gläubige“, der seinen Glauben vielleicht selbst längst verloren hat: Mag sein, dass es keinen Gott gibt, aber wir sollten trotzdem alles dafür tun, dass die Menschen weiterhin an ihn glauben! Ebenso und aus den gleichen Gründen sollten wir den Glauben an einen freien Willen stärken, auch wenn wir wissen, dass er nur eine Illusion ist.</p>
<p>Sam Harris argumentiert gegen diese Notwendigkeit. Ganz im Gegenteil habe das religiös-metaphysische Konzept des freien Willens ähnlich desaströse Auswirkungen wie der religiöse Glaube allgemein:</p>
<blockquote><p>„Innerhalb eines religiösen Weltbilds unterstützt der Glaube an den freien Willen den Begriff der Sünde &#8211; der offenbar nicht nur härteste Strafen in diesem, sondern auch ewige Strafen im nächsten Leben rechtfertigt. Und dennoch besteht ironischerweise eine der Ängste in Bezug auf den Fortschritt der Wissenschaft darin, dass uns ein besseres Verständnis unserer selbst entmenschlichen könnte.“</p></blockquote>
<p>Für seine eigenen moralischen Einstellungen stellt Sam Harris positive Auswirkungen fest, seit er nicht mehr an den freien Willen glaubt. Sein Mitgefühl sei stärker geworden und er sei eher bereit zu vergeben. Er bilde sich auch weniger ein auf die Früchte der glücklichen Zufälle in seinem Leben. Denn auch der quasi-religiöse amerikanische Mythos vom Selfmademan steht und fällt mit der Willensfreiheit. Bei näherer Betrachtung wird schnell klar, dass niemand von denen, die „es geschafft“ haben, auch die mannigfaltigen Voraussetzungen ihres Erfolgs geschaffen haben.</p>
<p>Die Illusion des freien Willens hat eine weitere Illusion zur Folge: Wir glauben, dass das Unglück, das von Menschen ausgeht, etwas grundsätzlich anderes ist als das Unglück durch Naturkatastrophen. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Judith_N._Shklar" target="_blank">Judith N. Shklar</a> hat in ihrem Buch <em>Über Ungerechtigkeit </em>(<em>Faces of Injustice</em>, 1990) das Phänomen beschrieben, dass wir durch die zunehmende Beherrschbarkeit natürlicher Abläufe in immer mehr Unglücken auch Ungerechtigkeit entdecken. Natürlich trägt das Meer keine Schuld an den Folgen des Tsunamis, aber vielleicht doch die Politiker, die nicht genug in das Frühwarnsystem investiert haben?! Niemand stirbt heutzutage bloß an Hunger, sondern immer auch an unterlassener Hilfeleistung.</p>
<p>Mit dem Verschwinden der Willensfreiheit können wir jetzt das gegenteilige Phänomen beobachten: Wo die Schuld verschwindet, verschwindet auch die Ungerechtigkeit, und es bleibt nur Unglück zurück. Ein Unglück ist sinnlos, aber Ungerechtigkeit ist sinnstiftend.</p>
<p>So wird inzwischen allgemein anerkannt, dass viele Sexualverbrecher wohl eher krank als böse sind. Für die Opfer und ihre Angehörigen ist das aber kein Trost, im Gegenteil. Sie wurden angefallen, verletzt oder ermordet von Etwas, nicht von Jemandem. Der Schrei nach Rache, nach Gerechtigkeit, nach Wiedergutmachung, er verhallt nicht nur ungehört, er verliert seine Bedeutung.</p>
<p>Die mangelnde Freiheit des Täters spiegelt sich in der mangelnden Freiheit der moralischen Reaktion. Wenn wir nicht persönlich betroffen sind, finden wir pragmatisch konsequentialistische Ansichten vielleicht überzeugend. Wenn etwa Strafe weder dazu führte, dass das Rückfallrisiko sinkt, noch dass sich Triebtäter abschrecken lassen, dann hätte Strafe keine guten Folgen und wäre falsch. Aber je näher uns das Verbrechen persönlich betrifft, desto grotesker empfinden wir diesen Pragmatismus. Unser Gerechtigkeitsempfinden erhält einen schweren Schlag, wenn es niemanden findet, den es zur Hölle schicken kann.</p>
<div class="wp-caption alignleft" style="width: 298px"><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Oosterscheldekering" target="_blank"><img title="Sturmflutwehr Oosterschelde" alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/9c/Deltawerke-Oosterschelde-Sturmflutwehr_Oosterscheldeseite.jpg/800px-Deltawerke-Oosterschelde-Sturmflutwehr_Oosterscheldeseite.jpg" width="288" height="192" /></a><p class="wp-caption-text">Sturmflutwehr Oosterschelde, Foto: Raimond Spekking, CC-BY-SA-3.0</p></div>
<p>Sinnstiftung durch Schuldzuweisung ist ein wichtiges Bedürfnis. Über Jahrtausende haben die Menschen die Götter für ansonsten unerklärliche Katastrophen verantwortlich gemacht. Aber erst als sie damit aufhörten, konnten sie anfangen, die Welt systematisch zu erforschen. Die Resultate reichen vom Blitzableiter bis zur <a href="http://www.deltawerken.com/Das-Oosterschelde-Wehr/585.html" target="_blank">Sturmflutwehr</a>. Lösungen, die undenkbar sind, solange wir glauben, dass Zeus die Blitze schleudert oder Poseidon ohne guten Grund sehr wütend werden kann. Warum sollte das im Falle der Gefahren, die von Menschen ausgehen, anders sein? Solange wir die Ursachen falsch interpretieren, können wir sie nicht effektiv verhindern oder vermeiden. Wer einer Illusion aufsitzt, hat keine Kontrolle.</p>
<p>Aber vielleicht können wir ja lernen, mit dieser Verantwortungsillusion auch umzugehen? Der Schrei nach Rache wird schwächer, wenn wir etwa erfahren, dass ein Hirntumor das Empathiezentrum des Täters zerstört hat. Wir haben jetzt eine physiologische Erklärung für sein Verhalten. Es ist vor allem die Unwissenheit über die Ursachen menschlichen Verhaltens, die uns zur Rache drängt, so Sam Harris. Denn für jedes Verhalten gibt es eine Erklärung auf dieser Ebene.</p>
<p>Wird Strafe damit sinnlos oder gar unmoralisch? Kaum. Denn auch ohne die Magie der Willensfreiheit funktionieren Anreize, auch negative wie die Androhung oder der Vollzug von Strafen. Ein Plädoyer auf Marionettenstatus dürfte jedenfalls kaum Aussicht auf Erfolg haben. Denn jeder Richter könnte darauf als Marionette antworten. „Sie konnten nicht anders, als zu töten, und ich kann auch nicht anders, als Sie zu verurteilen.“</p>
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<p><em>(Dieser Text ist am 27.3.2012 bei <a href="http://hpd.de/node/13135" target="_blank">Humanistischer Pressedienst</a> erschienen</em>.)</p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://evidentist.wordpress.com/category/aufklarung/'>Aufklärung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/'>Ethik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/illusion/'>Illusion</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/moral/'>Moral</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/uberzeugung/religion/'>Religion</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/rezension/'>Rezension</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/werte/'>Werte</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/wissenschaft/'>Wissenschaft</a> Tagged: <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/judith-n-shklar/'>Judith N. Shklar</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/neurowissenschaft/'>Neurowissenschaft</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/sam-harris/'>Sam Harris</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/schopenhauer/'>Schopenhauer</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/spinoza/'>Spinoza</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/ungluck-und-ungerechtigkeit/'>Unglück und Ungerechtigkeit</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/willensfreiheit/'>Willensfreiheit</a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/evidentist.wordpress.com/5699/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/evidentist.wordpress.com/5699/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=5699&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Ethik ohne Wunschdenken</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Jan 2012 09:46:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#8220;Wie gut oder schlecht ist eine Welt? Das hängt allein davon ab, wie gut oder schlecht es den Individuen in der Welt geht. Die Welt ist umso besser, je besser es den Individuen geht. Und wie gut oder schlecht geht es den Individuen? Das hängt allein davon ab, wie wohl sie sich fühlen und in [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=4693&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>&#8220;Wie gut oder schlecht ist eine Welt? Das hängt allein davon ab, wie gut oder schlecht es den Individuen in der Welt geht. Die Welt ist umso besser, je besser es den Individuen geht. Und wie gut oder schlecht geht es den Individuen? Das hängt allein davon ab, wie wohl sie sich fühlen und in welchem Maße die Wünsche, die sie hegen, erfüllt sind.&#8221;</p></blockquote>
<div id="attachment_4699" class="wp-caption alignnone" style="width: 470px"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/01/ulla2.jpg"><br />
<img class="size-full wp-image-4699" title="Ulla2" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/01/ulla2.jpg?w=519" alt=""   /></a><p class="wp-caption-text">Ulla Wessels</p></div>
<p>So beginnt <a href="http://www.uwessels.de/" target="_blank">Ulla Wessels</a> ihr Buch <em>Das Gute</em>. Die Autorin ist eine wichtige Vertreterin der analytischen, nicht-religiösen Ethik, die in Deutschland immer noch unterrepräsentiert ist. Ulla Wessels gehört dem wissenschaftlichen <a href="http://www.giordano-bruno-stiftung.de/beirat/wessels-ulla" target="_blank">Beirat der Giordano Bruno Stiftung</a> an und ist vielen durch ihre Rolle als Klägerin im Rechtsstreit um die <a href="http://konkordatslehrstuhlklage.de/?cat=1" target="_blank">Konkordatslehrstühle</a>* bekannt.<span id="more-4693"></span></p>
<p><a href="http://www.klostermann.de/philo/phi_4123.htm" target="_blank"><img class="wp-image-4708 alignright" style="margin-left:5px;margin-right:5px;" title="Wessels_Gute" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/01/wessels_gute.jpg?w=172&#038;h=274" alt="" width="172" height="274" /></a></p>
<p>Wie gut es einem Individuum geht, seine Wohlfahrt, setzt sich laut Ulla Wessels also genau aus zwei Dingen zusammen: aus seinem hedonischen Glück und der Erfüllung seiner Wünsche. Aus nicht mehr und aus nicht weniger. Auch die Frage, was überhaupt als moralisch relevantes Individuum, als moralisches Objekt zählen kann, lässt sich so relativ einfach bestimmen: Alles, was sich besser oder schlechter fühlen kann, und alles, was Wünsche hegen kann. Menschen und Tiere sind also in diesem Sinn moralisch relevante Individuen, aber nicht etwa, weil sie Menschen oder Tiere sind, sondern weil &#8211; und auch nur insofern &#8211; sie sich besser oder schlechter fühlen und Wünsche hegen können. Ein Speziesismus wird auf diese Weise elegant vermieden.</p>
<p>Dadurch, dass Ulla Wessels die Erfüllung von Wünschen neben das Erleben von Glück stellt, geht sie über einen reinen Hedonismus hinaus. So kann sie etwa auch Wünsche posthumen Inhalts berücksichtigen, obwohl wir definitionsgemäß keine glücklichen Erlebnisse nach unserem Tod haben können. Aber die Tatsache, dass es Testamente und Nachfolgeregelungen gibt, zeigt eindeutig, dass Menschen Wünsche haben in Bezug auf das, was nach ihrem Tod passiert.</p>
<p>Wir haben überhaupt mehr Wünsche als wir glauben und mehr, als wir uns ausdrücklich klarmachen. Niemand denkt ständig explizit an alles, was ihm wichtig ist. Dass es meinen Freunden, Eltern und Kindern gut geht, dass sie gesund sind und möglichst lange bleiben, wünsche ich immer, egal, womit ich gerade beschäftigt bin. Über allzu viele unserer Wünsche werden wir uns erst klar, wenn sie jäh frustriert werden. Das gilt auch für viele unserer Wünsche in Bezug auf Politik. In diesem Sinne sagt <a href="http://www.tagesspiegel.de/wissen/interview-mein-grossvater-hackte-sich-den-daumen-ab/5900132.html" target="_blank">Steven Pinker</a>:</p>
<blockquote><p>&#8220;Man vergisst leicht, welche Vorzüge es hat, in einer friedlichen, modernen Demokratie aufzuwachsen. Ich vergesse nie, wie viel Glück ich habe.&#8221;</p></blockquote>
<p>Womit er eher untypisch ist. Denn Menschen tendieren dazu, sich an gewonnene Standards zu gewöhnen. Wir vergessen leicht, dass vergangene Generationen manche unserer politischen Standards als Ideale sehnlich erwünscht und blutig erkämpft haben. Wir vergessen auch leicht, wie viele sehnliche Wünsche in Bezug auf einen besseren Lebensstandard inzwischen erfüllt sind. &#8220;Güte sei Dank für frisches Trinkwasser aus der Leitung&#8221;, <a title="Thank Goodness – Güte sei Dank!" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/11/25/thank-goodness/" target="_blank">schreibt etwa Dan Dennett</a>. Der einstige bescheidene Wohlstand entspricht einem Leben unterhalb der Armutsgrenze heute. Wir vergessen allzu leicht, wie viel Glück wir haben.</p>
<p>Ulla Wessels entwickelt ihren Begriff des Guten, indem sie eine Fülle von Einwänden gegen eine Glück-Wunsch-Ethik diskutiert. Die Tatsache, dass wir unsere Wünsche unserer Lebenssituation anpassen, ist im Übrigen schon ein solcher Einwand. Weitere betreffen scheinbar unvernünftige Wünsche, externe, insbesondere unmoralische Wünsche oder Wünsche, die sich im Laufe eines Lebens ändern. Im letzten Kapitel geht es um Entscheidungen über Leben und Tod und um Populationsethik. Wenn eine Welt umso besser ist, je mehr Wünsche der existierenden Individuen erfüllt werden, ist eine Welt dann auch besser, in der es mehr Individuen gibt? Die Antworten auf solche Fragen können leicht selbst wieder zum Problem werden. (Zu einiger Berühmtheit hat es z.B. die sogenannte <em><a href="http://plato.stanford.edu/entries/repugnant-conclusion/" target="_blank">Abstoßende Konklusion</a></em> gebracht. Kurze und knappe Erläuterung <a href="http://www.ethikseite.de/prinzipien/zrepugnant.html" target="_blank">hinter diesem Link</a>.) Hier wird die Relevanz der Fragestellung des Buches besonders deutlich. Und hier wird auch deutlich, wie wichtig es ist, die zentralen Begriffe im Voraus geklärt zu haben.</p>
<p>Ein Punkt, auf den Ulla Wessels nur am Rande eingeht, ist unsere Tendenz zum Wunschdenken. Wunsch<em>erfüllung</em> und Wunsch<em>befriedigung </em>ist nicht dasselbe. Wir sind vielleicht glücklich, wenn (wir wissen, dass) unsere Wünsche erfüllt sind. Wir sind aber vielleicht genauso glücklich, wenn wir fälschlicherweise glauben, dass unsere Wünsche erfüllt sind.</p>
<p>Nehmen wir zum Beispiel eine Mutter, die über das Schicksal ihres Sohnes im Ungewissen ist. Der Sohn ist als Soldat in geheimer Mission im Einsatz, und sie kann keine Nachricht von ihm erhalten. Angenommen, sie träfe jetzt jemanden namens Morpheus, der ihr eine blaue Pille anbietet, die sie nur schlucken müsse, um immer überzeugt zu sein, dass es ihrem Sohn bestens geht, unabhängig davon, was ihm tatsächlich passiert. Oder eine rote Pille, mit der sie immer die Wahrheit erführe. Welche Pille sollte sie schlucken? Würde sie selbst die Illusion der Wahrheit vorziehen? Der Vorteil wäre ein konstant gutes Gefühl. Ihr Glück, der hedonische Anteil ihrer Wohlfahrt, wäre dadurch also garantiert.</p>
<p><img class="alignleft  wp-image-5018" style="margin-left:5px;margin-right:5px;" title="RedPillBluePill" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/01/redpillbluepill.jpg?w=240&#038;h=169" alt="" width="240" height="169" />Trotzdem glaube ich, dass sich die meisten in einer solchen Situation gegen die blaue und für die rote Pille entscheiden würden. Das Wohlergehen unserer Kinder ist uns zu wichtig, als dass wir es uns herbeifantasieren wollten. Wir wollen nicht einfach nur ein gutes Gefühl, sondern wir wollen auch, dass dieses Gefühl auf die richtige Weise verursacht wird. Wir wollen uns gut fühlen, <em>weil wir wissen</em>, dass es unseren Kindern gut geht. Und wir wollen uns auch schlecht fühlen, falls es unseren Kindern <em>tatsächlich</em> schlecht ergeht. Wenn es um unsere Kinder geht, wollen wir <em>evidenzbasierte Gefühle</em>.</p>
<p>Religiöse Ethiken lehnen es meist ab, blaue Pillen zu schlucken oder sich an <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/The_Experience_Machine" target="_blank">Lustmaschinen</a> anzuschließen, wie sie sich der Philosoph Robert Nozick ausgedacht hat. Vordergründig plädieren sie gegen den Schein, die Zerstreuung, den Hedonismus. Aber sie basieren auf dem Wunsch, dass es ein festes moralisches Fundament geben möge, das unsere Normen und Entscheidungen trägt. Sie wünschen sich eine jenseitige Gerechtigkeit und einen jenseitigen Trost. Damit erweist sich die religiöse Ethik als wunschbasierte Ethik der blauen Pille.</p>
<p>Aber Fragen, wie sie Ulla Wessels in ihrem Buch behandelt, Fragen nach den moralisch richtigen Kriterien, nach dem, was die moralische Qualität einer Welt ausmacht, also nach dem Guten, sind wichtiger als die Frage nach dem Wohlergehen unserer Kinder, weil die Antwort auf sie allererst bestimmt, was Wohlergehen <em>heißt</em>. Wer diese Fragen angeht, sollte sich für die rote Pille entschieden haben.</p>
<p>In dem Rechtsstreit um die <a href="http://konkordatslehrstuhlklage.de" target="_blank">Konkordatslehrstühle</a>* geht es darum, ob für eine Berufung an eine Universität andere Kriterien als fachliche Qualifikation ausschlaggebend sein sollten. In diesem Falle wären diese anderen Kriterien Konfession, Gesinnung, Linientreue, die rechte Lebensführung, vor allem aber die &#8220;richtige Einstellung&#8221; in Bezug auf bestimmte materialethische Fragen. Einen Ruf an eine Uni unter römisch-katholischem Vorbehalt wird Ulla Wessels wohl aus vielen Gründen nicht erhalten. Was den einen Makel ist, gilt anderen als Auszeichnung. Mit <em>Das Gute</em> erweist sich Ulla Wessels jedenfalls als unabhängige Moralphilosophin auf höchstem Niveau.</p>
<p>_____________</p>
<p>* <em>Ein Rechtsstreit, der im Übrigen noch ziemlich teuer werden kann. Daher läuft zur Zeit eine <a href="http://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/prozess-gegen-konkordatslehrstuehle-entscheidende-phase" target="_blank">Spendenkampagne der gbs</a>. Wer ebenfalls der Meinung ist, dass ein Bischof bei der Besetzung eines nicht-theologischen (!) Lehrstuhls kein Vetorecht haben sollte, der kann mit einer Spende dazu beitragen, dass diesem wichtigen Projekt nicht kurz vor der Ziellinie finanziell die Puste ausgeht. (Weitere Spendenkonten unter <a href="http://konkordatslehrstuhlklage.de/?page_id=214" target="_blank">Konkordatslehrstuhlklage.de</a>)</em></p>
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