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	<title>Evidenz-basierte Ansichten</title>
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	<description>Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Belege</description>
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		<title>Humoristen in der SPD</title>
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		<pubDate>Sun, 19 Feb 2012 17:49:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eine Meldung von Kamelle.Net Ein versprengtes Grüppchen antikarnevalistischer Sozialdemokraten wollte einen „Arbeitskreis der Humoristen in der SPD“ gründen. Das Präsidium der SPD hat dies jetzt einstimmig verboten. Vorrangiges Ziel dieser Gruppierung ist die Trennung von Karneval und Staat, insbesondere soll dem Karnevalsverband das durch die Verfassung verbriefte Recht auf Ausübung des Karnevalsunterrichts an öffentlichen Schulen streitig [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&amp;blog=17354116&amp;post=2673&amp;subd=evidentist&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Eine Meldung von Kamelle.Net</em></p>
<p style="text-align:center;"><img class="aligncenter" title="SPD im Karneval" src="http://www.duesseldorf-blog.de/wp-content/uploads/2010/02/gabriel_spd1.jpg" alt="" width="346" height="264" /></p>
<p style="text-align:left;">Ein versprengtes Grüppchen antikarnevalistischer Sozialdemokraten wollte einen „Arbeitskreis der Humoristen in der SPD“ gründen. Das Präsidium der SPD hat dies jetzt einstimmig verboten. Vorrangiges Ziel dieser Gruppierung ist die Trennung von Karneval und Staat, insbesondere soll dem Karnevalsverband das durch die Verfassung verbriefte Recht auf Ausübung des Karnevalsunterrichts an öffentlichen Schulen streitig gemacht werden. Stattdessen schwebt den Sektierern ein für alle verpflichtender Humorunterricht vor. Aber, so der Sprecher des Arbeitskreises „Karnevalisten in der SPD“ Thierse, die Verfassungsväter haben sich schon etwas dabei gedacht, als sie die Karnevalsverbände damit beauftragten, unsere Kinder zu humoristischen Werten zu erziehen. Wir wüssten doch alle, wohin es führen könne, wenn der Staat entscheidet, was witzig ist und was nicht.</p>
<p>Der Vorsitzende des Sitzungspräsidiums der SPD Gabriel vermutet, es gehe den Anti-Karnevalisten darum, langfristig „den Karneval aus der Schule zu verdrängen“. Folgte man ihrer Initiative „Pro Humor“, dann könnten die Schüler neben dem Pflichtfach Humor zwar auch noch freiwillig, je nach närrischer Konfession, Kölschen, Düsseldorfer oder Mainzer Karneval zusätzlich wählen, aber, so fragt er: „Wer wird das schon tun?“ Und Recht hat er. So wird dem Verfall karnevalistischer Traditionen und Witze Vorschub geleistet. Karnevalistischer Humor ist anstrengend. Man muss sich schon auf ihn einlassen. Freiwillig macht das wohl keiner. Daher muss unser karnevalistisches Erbe vom Staat in Form eines verpflichtenden Unterrichts subventioniert werden. Denn es ist ja klar, dass unsere Gesellschaft auf den Witzen des Dreigestirns beruht, und nicht etwa auf denen der freigeistigen Humoristen, die sich dem Zeitgeist derart anbiedern, dass sie nicht mal einen Tusch brauchen, damit die Leute lachen.</p>
<p>Die anti-karnevalistischen Genossen verteidigen ihr Vorhaben unter anderem mit dem schwindenden Einfluss des traditionellen Karnevals und mit der angeblichen kulturellen Vielfalt. „An unseren Schulen gibt es inzwischen so viele Schüler aus anderen Kulturkreisen, die ohne närrische Konfession aufwachsen, viele haben überhaupt keinen Humor mehr. Die wissen zum Teil gar nicht mehr, was eine Karikatur ist. Denen müssen wir auch humoristische Werte vermitteln“, so die Freilacher. Wenn es nach ihnen ginge, stünden demnächst also nicht mehr karnevalistische Heilige wie das Colonia Duett, die Höhner oder die Bläck Föös auf dem Lehrplan, sondern klassische Komödienschreiber wie Plautus, Molière oder Goldoni. Von modernen freigeistigen Humoristen ganz zu schweigen, etwa Loriot, Robert Gernhardt, Dieter Nuhr, Monty Python oder, Jungfrau bewahre, Jürgen Becker, der damals mit der Stunksitzung das große Schisma des Karnevals herbeigeführt hatte. In dem jährlichen Hochamt dieser Sekte werden die Werte der karnevalistischen Liturgie immer wieder auf infamste Weise verhöhnt:</p>
<span style="text-align:center; display: block;"><a href="http://evidentist.wordpress.com/2012/02/19/humoristen-in-der-spd/"><img src="http://img.youtube.com/vi/8rRL3BwcoF8/2.jpg" alt="" /></a></span>
<p>Den Einfluss des Festkomitees auf die Politik halten die humoristischen Genossen für anachronistisch: „Auch bei uns gilt ja die Trennung von Karneval und Staat.“ Da irren die Genossen Komiker aber gewaltig: Schließlich gilt hierzulande immer noch das Konkordat zwischen Festkomitee und Deutschem Reich von 1933; darin heißt es in Artikel 21 unmissverständlich: „Karnevalsunterricht ist ordentliches Lehrfach.“ Allein deshalb wird dieser Provinzaufstand wohl kaum Aussicht auf Erfolg haben.</p>
<p>Die Befürworter des überkonfessionellen Humorunterrichts berufen sich gern auf die dunkle Zeit des Karnevals, in der es gefährlich war, nicht mitzuschunkeln. Damals wurden Ketzer, die wieder einmal die humoristische Autorität des Dreigestirns angezweifelt hatten und nach Reformen riefen, auf die Wagen der Rosenmontagszüge gebunden und <em>kamellet</em>, also mit harten Kamellen beworfen (im Fachjargon auch „Wurfmaterial“ genannt). Eine Institution mit einer solchen Geschichte könne wohl kaum die Verantwortung für die Erhaltung unserer Humorwerte tragen, heißt es. Olle Kamelle, sagen da die Vertreter des Dreigestirns. Alle wissen, dass dies eine Verirrung des Karnevals war, und das Festkomitee hat sich doch vor einigen Jahren öffentlich dafür entschuldigt. Was soll es denn noch tun?</p>
<p>Ein anderer Einwand gegen den organisierten Karneval ist die angebliche Frauenfeindlichkeit. Es heißt, dass im Elferrat keine Frau zugelassen sei, und dass selbst die Jungfrau immer von einem Mann gespielt werde, sei diskriminierend. Aber wenn die Jungfrau von einer Frau gespielt würde, wo wäre da der Witz?! (Tätää!) Auch wenn sie im Elferrat nichts zu suchen haben, spielen Frauen im Karneval sehr wohl eine wichtige Rolle. Immerhin beginnt die heiße Phase der Session ja schließlich mit der Übergabe der Macht an die Weiber. (Ist zwar nur symbolisch, aber die sind ja auch alle schon besoffen. &#8211; Tätää!) Und was wäre der Karneval ohne die lecker Beinchen von den Funkemariechen?!</p>
<p><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/02/640px-elferrat.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-5305" title="640px-Elferrat" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/02/640px-elferrat.jpg?w=519&#038;h=97" alt="" width="519" height="97" /></a></p>
<p>Immerzu werden Reformen verlangt. Aber hier geht es um unsere Traditionen! Der Karneval ist ein Fenster in die Geschichte. Hier können wir sehen, worüber die Menschen vor langer, langer Zeit gelacht haben. Er ist geradezu ein lebendiges Zeugnis, ja, eine Offenbarung aus der Vergangenheit. Wo gibt es das sonst noch? Höchstens in der Religion. Und tatsächlich haben Karneval und Religion mehr gemeinsam als nur die lustigen Hüte, wie <a href="http://www.domradio.de/default.asp?ID=6677" target="_blank">vor einigen Jahren der Kirchenkardinal Meisner predigte</a>: „Karneval ist in der Kirche Christi geboren, und Karneval bleibt nur Karneval, wenn er mit dem Leben der Kirche fest verbunden bleibt.“ Kein Dreigestirn ohne Dreieinigkeit.</p>
<p><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/02/image-e1329390126710.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-5307" title="kardinaele" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/02/image-e1329390126710.jpg?w=519" alt=""   /></a></p>
<p>So können wir also auch mit dem Papst sagen, es gehe gerade heute, in dieser Diktatur des humoristischen Relativismus darum, nicht gesichtslos zu werden. Es kann also kein Zweifel bestehen: Der organisierte Karneval ist diejenige Instanz, die geradezu dazu prädestiniert ist, unseren Kindern humoristische Werte zu vermitteln. Was wirklich witzig ist auf der Welt, lernt man am ehesten im Karneval.</p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://evidentist.wordpress.com/category/erziehung/'>Erziehung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/uberzeugung/religion/'>Religion</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/wissenschaft/'>Wissenschaft</a> Tagged: <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/dieter-nuhr/'>Dieter Nuhr</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/humor/'>Humor</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/jurgen-becker/'>Jürgen Becker</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/karneval/'>Karneval</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/loriot/'>Loriot</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/monty-python/'>Monty Python</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/robert-gernhardt/'>Robert Gernhardt</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/satire/'>Satire</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/spd/'>SPD</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/stunksitzung/'>Stunksitzung</a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/evidentist.wordpress.com/2673/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/evidentist.wordpress.com/2673/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/evidentist.wordpress.com/2673/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/evidentist.wordpress.com/2673/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/evidentist.wordpress.com/2673/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/evidentist.wordpress.com/2673/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/evidentist.wordpress.com/2673/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/evidentist.wordpress.com/2673/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/evidentist.wordpress.com/2673/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/evidentist.wordpress.com/2673/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/evidentist.wordpress.com/2673/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/evidentist.wordpress.com/2673/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/evidentist.wordpress.com/2673/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/evidentist.wordpress.com/2673/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&amp;blog=17354116&amp;post=2673&amp;subd=evidentist&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Religion für Ungläubige?</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Feb 2012 21:47:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Alain de Botton schlägt in seinem Buch Religion für Atheisten vor, dass sich Ungläubige an den Religionen orientieren sollten. Sie sollten genau hinschauen, wie Religionen Macht ausüben, Gemeinschaften bilden und ihre Botschaften platzieren. Warum nicht von ihnen lernen? Zunächst einige Anmerkungen zur Terminologie: Atheismus braucht kein Upgrade 2.0. Atheismus 1.0 macht seinen Job tadellos. Es ist [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&amp;blog=17354116&amp;post=5044&amp;subd=evidentist&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Alain de Botton schlägt in seinem Buch </em><a href="http://www.amazon.de/gp/product/B006JP1Q6C/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B006JP1Q6C" target="_blank">Religion für Atheisten</a><em> vor, dass sich Ungläubige an den Religionen orientieren sollten. Sie sollten genau hinschauen, wie Religionen Macht ausüben, Gemeinschaften bilden und ihre Botschaften platzieren. Warum nicht von ihnen lernen?</em></p>
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<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/B006JP1Q6C/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B006JP1Q6C" target="_blank"><img class="alignright  wp-image-5240" title="debotton_religion" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/02/debotton_religion.jpg?w=159&#038;h=240" alt="" width="159" height="240" /></a>Zunächst einige Anmerkungen zur Terminologie: Atheismus braucht kein Upgrade 2.0. Atheismus 1.0 macht seinen Job tadellos. Es ist ein sehr einfaches Programm, dessen Funktionsumfang immer überschätzt wird. Es kann eigentlich nur eins: Immer, wenn die Rede auf &#8220;Gott&#8221; und &#8220;Jenseits&#8221; kommt, fragt es: &#8220;Wie bitte? Das hab ich nicht verstanden.&#8221; Immer, wenn Ballons mit transzendenten Illusionen aufgeblasen werden, schießt es eine Nadel ab. Es ist durch und durch destruktiv.</p>
<p>Das Ganze wird plausibler, wenn wir von <em>Religion für säkulare Humanisten</em> reden. Denn ein säkularer oder auch evolutionärer Humanismus ist nicht bloß destruktiv, <a href="http://www.giordano-bruno-stiftung.de/leitbild" target="_blank">er macht sehr weit reichende, konstruktive Angebote</a>. Der Atheismus, auf den er immer reduziert wird, ist für ihn bloß eine Art skeptisches Immunsystem, um den Unsinn fern zu halten.</p>
<p>In diesem Sinne ist vor allem dem ersten Punkt, den de Botton macht, zuzustimmen: Die Kritik an den inhaltlichen Behauptungen der Religionen ist geleistet. Siehe <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3406568599/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3406568599" target="_blank">Norbert Hoerster</a>, siehe <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3150080754?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3150080754" target="_blank">John Leslie Mackie</a>. <em>Now let&#8217;s move on.</em> Natürlich sind alle übernatürlichen Phänomene Fiktionen. Natürlich gibt es für scheinbare Wunder entweder eine wissenschaftlich überprüfbare Erklärung oder der Zeuge ist unglaubwürdig (so <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Eine_Untersuchung_über_den_menschlichen_Verstand" target="_blank">David Hume</a>). Natürlich war Jesus nur einer von unzähligen Wanderpriestern, hieß eigentlich <a href="http://www.youtube.com/profile?user=MontyPython#grid/uploads" target="_blank">Brian</a>, und das Ganze war ein Missverständnis.</p>
<p><em>Now let&#8217;s move on!</em></p>
<p>Religionen sind Memplexe, und sie sind unbestreitbar neben Sex und Subsistenzsorge die wichtigste treibende Kraft der kulturellen Evolution. Sie wirken, wie alle wichtigen Kräfte der Evolution, durch <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schöpferische_Zerstörung" target="_blank">schöpferische Zerstörung</a>. Uns modernen aufgeklärten Menschen im saturierten Westen mag es seltsam erscheinen, aber unsere Vorfahren sind massenhaft für ihre Religionen gestorben. (Viele unserer Zeitgenossen sind anscheinend immer noch dazu bereit.) Die verschiedenen christlichen Sekten haben Europa wiederholt in Schutt und Asche gelegt. Nur Religionen waren im Mittelalter in der Lage, die dringend benötigten Ressourcen abzuzweigen, um überall Kathedralen zu bauen. Religionen sind mächtig.</p>
<p>Vielen von uns Ungläubigen sind Religionen zuwider. Aber wir sollten gut unterscheiden zwischen dem, was diesen Widerwillen im Kern verursacht, und dem, was zu den Vertriebsstrukturen dieses Kerns gehört. Alain de Botton These ist, dass wir diese religiösen Vertriebsstrukturen nutzen könnten. So sollten wir etwa beim Wort &#8220;Propaganda&#8221; nicht gleich zusammenzucken und an Goebbels oder Paulus denken (ab Min. 11:40):</p>
<blockquote><p>&#8220;Propaganda ist eine Art und Weise, didaktisch zu sein im Hinblick auf eine Sache. Und wenn diese Sache gut ist, ist das überhaupt kein Problem.&#8221;</p></blockquote>
<p>Nun, darüber lässt sich streiten. Jeder, der Propaganda betreibt, ist natürlich davon überzeugt, dass &#8220;seine Sache gut ist&#8221;. Der Missionar ebenso wie der Nazi, Luther ebenso wie Lenin. Aber betreibt nicht Richard Dawkins auch Propaganda? Sam Harris? Michael Schmidt-Salomon? Und wenn wir entrüstet verneinen, streiten wir dann nicht um Worte? Wie wollen wir ihn nennen, den Kampf um die Vorherrschaft der Meme? Und was sonst sollen wir tun, um diesen Kampf zu führen?</p>
<p>Die Weltreligionen jedenfalls führen ihn hervorragend. Sie haben eine propagandistische Infrastruktur geschaffen und sie so tief in die Fundamente unserer Gemeinwesen eingegraben, dass selbst Ungläubige davor Angst haben, sie auszuschalten oder abzuschaffen. Die Frage ist doch jetzt vor allem: Sind ihre Methoden der Propaganda übertragbar auf andere Inhalte?</p>
<p>Hier liegt meines Erachtens die Schwäche des Ansatzes von de Botton. Er verkennt offenbar auf naive Weise, dass Religionen auf allen Ebenen <em>top-down</em> wirken, von oben nach unten; jeder Gegenentwurf zur Religion aber <em>bottom-up</em> wirkt: Evolution statt Schöpfung, Entdeckung statt Offenbarung, Konvention statt Gebot. Und Demokratie statt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gottesgnadentum" target="_blank">Gottesgnadentum</a>. Alles ist tatsächlich emergent.</p>
<p>So ist etwa das Ziel religiöser Erziehung die Vermittlung von im Grunde einfachen dogmatischen Wahrheiten und Geboten. Wir haben keine Zentrale, die unsere Wahrheit verkündet, und wir haben auch keine Wahrheit, die eine Zentrale verkünden könnte. Wir wollen, dass die Menschen selbst denken, selbst forschen und nur das für wahr halten, was sie belegen können. Wir wollen, dass ihre Ansichten <em>evidenzbasiert</em> sind. Auch die Wahrheit entsteht also <em>bottom-up</em>, sie ist emergent und sie ist immer vorläufig.</p>
<p><img class="alignright" style="margin-left:10px;margin-right:10px;" title="School of Life" src="http://www.theschooloflife.com/site/images/top_links/logotagline.gif" alt="" width="156" height="140" />Dennoch ist de Botton hier auf einer richtigen Spur. Wir besuchen einen Vortrag <a title="Auch Gottlose leben nicht vom Brot allein" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/08/14/auch-gottlose-leben-nicht-vom-brot-allein/" target="_blank">nicht nur, um etwas Neues zu erfahren</a>. Wir wollen uns mit Gleichgesinnten treffen und Gemeinsamkeit erleben. Vor allem dafür kommen Menschen in Kirchen zusammen. Dies ist ein Element der religiösen Vermittlung von Inhalten, Werten und Inspiration, das wir uns ohne Weiteres zu Nutze machen können. Und das passiert ja auch. Alain de Botton selbst hat die <em><a href="http://www.theschooloflife.com/" target="_blank">School of Life</a></em> mit gegründet, in der solche &#8220;Predigten&#8221; stattfinden können.</p>
<div class='embed-vimeo' style='text-align:center;'><iframe src='http://player.vimeo.com/video/31056022' width='400' height='300' frameborder='0'></iframe></div>
<p>Wer diesem <a href="http://www.theschooloflife.com/Sermons/Lawrence-Krauss-on-Cosmic-Connections" target="_blank">Vortrag von Lawrence Krauss</a> gern gelauscht hat, obwohl er den Inhalt schon kannte, sich jetzt aber daran stört, dass er &#8220;Predigt&#8221; genannt wird, der streitet wohl wieder um Worte. Wenn diese &#8220;Predigt&#8221; erbaulich ist, dann nicht im herkömmlichen Sinn von &#8220;erbaulich&#8221;. Seine Botschaft wird man in Kirchen eher selten hören:</p>
<blockquote><p>&#8220;Wenn Sie das nächste Mal depressiv sind, denken Sie daran, dass wir wirklich vollkommen bedeutungslos sind. Die beiden Botschaften, die ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte, sind 1. Sie sind viel unbedeutender, als Sie dachten, und 2. Das Universum, die Zukunft ist trostlos.&#8221;</p></blockquote>
<p>Das ist zwar ironisch, aber auch ernst gemeint. Krauss ist Astrophysiker. Unsere kosmische Bedeutungslosigkeit ist nun wirklich nichts Neues und die trostlose Zukunft des Universums ist nicht wirklich unsere Zukunft. Viel wichtiger und auch erbaulicher für uns sind solche Sätze:</p>
<blockquote><p>&#8220;Jedes Atom in Ihrem Körper kommt aus einem Stern, der explodiert ist. Und die Atome in Ihrer linken Hand kommen wahrscheinlich aus einem anderen Stern als die Ihrer rechten Hand. Vergessen Sie also Jesus: Die <em>Sterne</em> mussten sterben, damit Sie geboren werden konnten. Das ist wirklich das Poetischste, was ich über Physik weiß: Sie alle sind Sternenstaub.</p>
<p>Ich hoffe, dass Sie alle einmal im Leben diese Erfahrung machen: Dass etwas, woran Sie tief und fest glauben, weil es schön und elegant und wundervoll ist, sich als falsch herausstellt. Denn dann können Sie wirklich frei denken.&#8221; (ab ca. Min. 20)</p></blockquote>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/059306612X/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=059306612X" target="_blank"><img class="alignright  wp-image-5217" style="margin-left:10px;margin-right:10px;" title="Dawkins_MoR" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/02/51d84a1rkxl-_ss400_-e1328630895947.jpg?w=218&#038;h=279" alt="" width="218" height="279" /></a>Alain de Botton sieht sich als Antipode zu Richard Dawkins. Und Dawkins sieht das sicher ähnlich. Aber wenn ich de Botton richtig verstehe, dann füllt Dawkins den Rahmen, den er vorschlägt, auf ideale Weise aus! Seine Vorträge sind <a title="„Wir alle müssen sterben, das heißt, wir haben Glück gehabt“" href="http://evidentist.wordpress.com/2010/11/09/wir-alle-muessen-sterben/" target="_blank">Predigten im positiven Sinne des Wortes</a>. Er ist einer der großen Champions für die Verbreitung eines evolutionären, wissenschaftlichen Humanismus. Er sticht nicht bloß in die Ballons des Unsinns, er inspiriert und begeistert für die positive Alternative. Er steht damit in der Tradition von <a title="Blick von außen" href="http://evidentist.wordpress.com/2010/10/26/blick-von-aussen/" target="_blank">Carl Sagan</a>, dem vielleicht größten &#8220;Prediger&#8221; eines wissenschaftlichen Humanismus. Schauen Sie selbst, wie plastisch und mitreißend Dawkins in seinem neuesten Buch <em><a href="http://www.amazon.de/gp/product/059306612X/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=059306612X" target="_blank">The Magic of Reality</a></em> eben diese &#8220;poetische Magie der Wirklichkeit&#8221; der &#8220;übernatürlichen Magie des Mythos&#8221; gegenüberstellt. Hier am Beispiel des Kapitels &#8220;Wer war die erste Person?&#8221;:</p>
<span style="text-align:center; display: block;"><a href="http://evidentist.wordpress.com/2012/02/08/religion-fur-unglaubige/"><img src="http://img.youtube.com/vi/j4ClZROoyNM/2.jpg" alt="" /></a></span>
<p>Das große Verdienst von Alain de Botton ist wohl, dass er diese Diskussion angestoßen hat. Man muss seine naive Wertschätzung der Religionen nicht teilen, um die Idee faszinierend zu finden, dass diese Religionen auf kulturellen Schätzen sitzen, die eigentlich uns allen gehören.</p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://evidentist.wordpress.com/category/aufklarung/'>Aufklärung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/erziehung/bildung/'>Bildung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/erziehung/'>Erziehung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/uberzeugung/glaube/'>Glaube</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/perspektive/'>Perspektive</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/uberzeugung/religion/'>Religion</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/sakularismus/'>Säkularismus</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/wissenschaft/'>Wissenschaft</a> Tagged: <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/alain-de-botton/'>Alain de Botton</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/atheismus/'>Atheismus</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/atheismus-2-0/'>Atheismus 2.0</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/david-hume/'>David Hume</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/john-leslie-mackie/'>John Leslie Mackie</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/lawrence-krauss/'>Lawrence Krauss</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/michael-schmidt-salomon/'>Michael Schmidt-Salomon</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/monty-python/'>Monty Python</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/norbert-hoerster/'>Norbert Hoerster</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/richard-dawkins/'>Richard Dawkins</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/sam-harris/'>Sam Harris</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/school-of-life/'>School of Life</a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/evidentist.wordpress.com/5044/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/evidentist.wordpress.com/5044/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/evidentist.wordpress.com/5044/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/evidentist.wordpress.com/5044/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/evidentist.wordpress.com/5044/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/evidentist.wordpress.com/5044/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/evidentist.wordpress.com/5044/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/evidentist.wordpress.com/5044/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/evidentist.wordpress.com/5044/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/evidentist.wordpress.com/5044/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/evidentist.wordpress.com/5044/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/evidentist.wordpress.com/5044/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/evidentist.wordpress.com/5044/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/evidentist.wordpress.com/5044/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&amp;blog=17354116&amp;post=5044&amp;subd=evidentist&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Worin sehen Gläubige den Sinn ihres Lebens?</title>
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		<pubDate>Sat, 04 Feb 2012 16:16:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Vor kurzem antwortete Paula Kirby auf die Frage, die sich gewöhnlich Ungläubige anhören müssen: &#8220;Wie findet Ihr eigentlich Sinn in Eurem Leben?&#8221; Oder etwas unverblümter: &#8220;Warum bringt Ihr Euch eigentlich nicht gleich um?!&#8221; Aber wissen wir denn überhaupt, wie Gläubige den Sinn in ihrem Leben finden? Die Frage scheint abwegig. Denn Gläubige glauben ja, dass sie (mindestens) [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&amp;blog=17354116&amp;post=5050&amp;subd=evidentist&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Vor kurzem antwortete <a href="http://www.washingtonpost.com/blogs/on-faith/post/how-do-atheist-find-meaning-in-life/2012/01/18/gIQAbiFP8P_blog.html" target="_blank">Paula Kirby</a></em><em> </em><em>auf die Frage, die sich gewöhnlich Ungläubige anhören müssen: &#8220;Wie findet Ihr eigentlich Sinn in Eurem Leben?&#8221; Oder etwas unverblümter: &#8220;Warum bringt Ihr Euch eigentlich nicht gleich um?!&#8221; Aber wissen wir denn überhaupt, wie Gläubige den Sinn in ihrem Leben finden?<span id="more-5050"></span><br />
</em></p>
<div id="attachment_5051" class="wp-caption alignleft" style="width: 232px"><a href="http://www.washingtonpost.com/archive/638929/12/08/ADmeN0B_page.html?type=panelist&amp;blogId=on-faith&amp;panelistId=paula_kirby" target="_blank"><img class="wp-image-5051    " title="Paula_Kirby" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/02/paula_kirby-e1328218833958.jpg?w=222&#038;h=210" alt="" width="222" height="210" /></a><p class="wp-caption-text">Paula Kirby</p></div>
<p>Die Frage scheint abwegig. Denn Gläubige glauben ja, dass sie (mindestens) zwei Leben haben. Eines im Diesseits (Leben Eins) und eines im Jenseits (Leben Zwei). Und das ist scheinbar auch bereits die Antwort auf die Frage: Leben Zwei verleiht Leben Eins seinen Sinn. Leben Eins ist eine Prüfung, und Leben Zwei ist die Belohnung dafür, dass wir sie bestanden haben. Die Prüfung zu bestehen, ist nicht selbstverständlich, sondern harte Arbeit. Leben Eins ist kurz und beschwerlich, unvollkommen und unglücklich. <em>Vor allem aber ist es endlich.</em> Leben Zwei ist ein einziger Superlativ. Es ist lang, vollkommen beschwerdefrei, überhaupt vollkommen und wird trotz allem nicht langweilig. <em>Vor allem aber ist es unendlich.</em></p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3865690467/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3865690467" target="_blank"><img class="alignright  wp-image-5098" style="margin-left:10px;margin-right:10px;" title="die-schrecken-des-paradieses-esther-vilar" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/02/die-schrecken-des-paradieses-esther-vilar.jpg?w=158&#038;h=240" alt="" width="158" height="240" /></a>Paula Kirby mäkelt nun an dieser Vorstellung rum. Vielleicht ermöglichen es psychologische Tricks, dass ein solcher Zustand der Vollkommenheit nicht langweilig wird, aber aus logischen Gründen muss er vollkommen bedeutungslos sein. So stellen wir uns vor, dass sich die Insassen des Paradieses herzlich über die Ankunft frisch verstorbener Angehöriger freuen. Aber dafür müsste ihr Zustand vorher ja suboptimal gewesen sein. Die Vollkommenheit schließt aber alle Schwankungen im Seligkeitsspiegel aus, so Kirby. Nichts kann einen Unterschied machen. Leben Nummer Zwei ist daher selbst absolut sinnlos. Ganz entgegen unserer Intuition sind es also gerade Ewigkeit und Vollkommenheit, die jeden Sinn ausschließen. Trotzdem scheint diese Intuition übermächtig. Weder Paula Kirby noch Esther Vilar werden etwas daran ändern, dass Menschen sich ihren Lebenssinn im Jenseits erhoffen.</p>
<p style="text-align:center;"><img class="aligncenter" title="Wartehalle" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/2a/UDT-Waiting_room.JPG/800px-UDT-Waiting_room.JPG" alt="" width="640" height="480" /></p>
<p>Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihren Flug verpasst. Jetzt müssen Sie einige Stunden in einer Wartehalle auf einem Flughafen verbringen. Diese Wartehalle interessiert Sie überhaupt nicht. Sie wollen eigentlich woanders sein. Hier ist es öde und langweilig.</p>
<p>Für Gläubige ist die Welt, die wir kennen, nur eine öde Flughafenwartehalle ins Jenseits. Das ist der Hintergrund der Frage: &#8220;Worin seht Ihr Ungläubige eigentlich den Sinn Eures Lebens?&#8221; Für Euch kommt doch gar kein Flugzeug? Was wollt Ihr in dieser jämmerlichen Wartehalle? Habt Ihr nichts Besseres zu tun? Selbstmord zum Beispiel?!</p>
<p>Darauf könnten wir antworten, dass wir unsererseits gar nicht in einer Wartehalle leben, dass wir nicht mal auf Reisen seien. Wir könnten uns dann freundlich empfehlen, noch eine schöne Wartezeit wünschen und den Flughafen verlassen &#8211; und damit aber auch die Metapher. Denn die Welt ist für uns größer, bunter und faszinierender als eine dumpfe Wartehalle, vor allem ist sie aber eine nicht-instrumentelle Welt, sie ist nicht gut oder schlecht <em>für</em> irgendetwas anderes, sie ist einfach gut oder schlecht. Sie ist einfach: Alles. Und sie ist endlich.</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3839156416/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3839156416" target="_blank"><img class="alignright  wp-image-5093" style="margin-left:10px;margin-right:10px;" title="Edgar Dahl, Wer zur Hölle...?" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/02/pid8066319.jpg?w=218&#038;h=353" alt="" width="218" height="353" /></a>Aber die Gläubigen warten weiter. Wenn ein Flugzeug kommt, gibt es zwei mögliche Ziele. Alle wollen in den Himmel, keiner in die Hölle. Es herrscht reger Streit zwischen verschiedenen Gruppen von Wartenden, ob und wie der Einzelne sein Ziel, seine Destination beeinflussen kann. Es gibt diejenigen, die glauben, es hänge von ihrem Verhalten in der Wartehalle ab. Verschiedene Gruppen hängen verschiedene Regelwerke an die Wände. Wenn sie die Regeln befolgen, sollte einem Flug zum Himmel nichts mehr im Wege stehen.</p>
<p>Andere glauben, dass die Passagierlisten schon vor ihrer Ankunft in der Wartehalle geschrieben wurden, dass die Destination immer schon festliegt, daher sprechen sie von einer <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Prädestination" target="_blank">Prä-Destination</a>. Aus der Prädestination folgt eigentlich, dass es egal ist, wie sie sich in der Wartehalle aufführen. Warum sollte der eine den andern also nicht rausschmeißen? (Wir würden sagen: töten.) Etwa wenn er andere Regeln propagiert? Für die Flughafenordnung (wir würden sagen: Moral) ist die Idee der Prädestination nicht gerade hilfreich. Warum nicht auch gleich selbst die Wartehalle verlassen, ohne aufgerufen zu werden? Dann kommt das Flugzeug und fliegt dorthin, wo immer die Destination ist. (Auch wir hätten also Grund zu fragen: &#8220;Warum bringt Ihr Gläubigen Euch eigentlich nicht gleich um?!&#8221;) Denn die Wartehalle ist ein Jammertal. Hier zu sein ist Zeitverschwendung.</p>
<p>Der Sinn, den Gläubige in ihrem Leben sehen, besteht also darin, die richtigen Regeln der Wartehalle zu erkennen und sich während ihres Aufenthalts nach ihnen zu richten. Für Gläubige steht sehr viel auf dem Spiel, aber nichts von Bedeutung spielt sich in der jämmerlichen Wartehalle ab. Die Wartehalle und auch die in ihr Wartenden haben keinerlei Wert an sich. Sie sind bloß Instrumente für ihren Transit.</p>
<p>Das, was uns Ungläubige davon abhält, einander zu schaden oder zu töten: die moralische Intuition, dass es falsch wäre, die goldene Regel, vor allem aber der als intrinsisch empfundene Wert des <em>einzigen</em> Lebens, das alles kann im Wartesaal keine Rolle spielen. <em>Wir</em> sehen im Tod das endgültige Ende dieses einzigen Lebens, <em>das</em> macht unser Leben wertvoll, die Gläubigen sehen darin den &#8211; im Grunde ersehnten &#8211; Rauswurf aus dem Wartesaal. Worin besteht also der Schaden? Warum nicht alle rausschmeißen? Warum nicht den ganzen Wartesaal in einer heroischen Aktion in die Luft jagen? Warum sollten wir Angst vor der Apokalypse haben? <em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_Amalrich">Der Herr wird die Seinen schon erkennen</a>.</em> Die Vorstellung, dass unser Leben in unserer Welt nur eine lästige Wartezeit in einer heruntergekommenen Wartehalle ist, begünstigt Massaker aller Art. Diese Massaker finden täglich statt. Und zwar genau aus diesem Grund.</p>
<p>Der Kern der Vorstellung des Lebens als Wartehalle ist die Idee, dass nur Ewigkeit dem Leben einen Sinn verleihen kann. Gläubige, die diesen Kerngedanken ihrer Religion wirklich Ernst nehmen, mutieren zu moralisch unberechenbaren Aliens. Denn alles, was wir erleben, das Erhabene und das Profane, das Alltägliche und das Besondere, Euphorie und Verzweiflung, all das ist: <em>nichts wert</em>.</p>
<span style="text-align:center; display: block;"><a href="http://evidentist.wordpress.com/2012/02/04/worin-sehen-glaubige-den-sinn-ihres-lebens/"><img src="http://img.youtube.com/vi/jNVPalNZD_I/2.jpg" alt="" /></a></span>
<p>Die meisten Menschen sind nicht in diesem Sinne gläubig, auch wenn sie sich selbst als religiös verstehen. Sie lieben diese Welt und dieses Leben. Sie freuen sich wie wir über den ersten Schrei ihres Kindes, sie kämpfen wie wir gegen Krankheit und Tod, sie trauern wie wir um ihre Angehörigen. Aber hüten wir uns vor Menschen, die allen Ernstes in ihrem Leben nur eine lästige Episode sehen. Und hoffen wir, dass ihr Regelwerk ihnen gebietet, andere in ihrem Wartesaal so zu behandeln wie sich Menschen ohne solche Wahnvorstellungen normalerweise behandeln, mit Respekt vor dem unschätzbar wertvollen einzigen Leben des Anderen.</p>
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		<title>Ethik ohne Wunschdenken</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Jan 2012 09:46:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#8220;Wie gut oder schlecht ist eine Welt? Das hängt allein davon ab, wie gut oder schlecht es den Individuen in der Welt geht. Die Welt ist umso besser, je besser es den Individuen geht. Und wie gut oder schlecht geht es den Individuen? Das hängt allein davon ab, wie wohl sie sich fühlen und in [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&amp;blog=17354116&amp;post=4693&amp;subd=evidentist&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>&#8220;Wie gut oder schlecht ist eine Welt? Das hängt allein davon ab, wie gut oder schlecht es den Individuen in der Welt geht. Die Welt ist umso besser, je besser es den Individuen geht. Und wie gut oder schlecht geht es den Individuen? Das hängt allein davon ab, wie wohl sie sich fühlen und in welchem Maße die Wünsche, die sie hegen, erfüllt sind.&#8221;</p></blockquote>
<div id="attachment_4699" class="wp-caption alignnone" style="width: 470px"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/01/ulla2.jpg"><br />
<img class="size-full wp-image-4699" title="Ulla2" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/01/ulla2.jpg?w=519" alt=""   /></a><p class="wp-caption-text">Ulla Wessels</p></div>
<p>So beginnt <a href="http://www.uwessels.de/" target="_blank">Ulla Wessels</a> ihr Buch <em>Das Gute</em>. Die Autorin ist eine wichtige Vertreterin der analytischen, nicht-religiösen Ethik, die in Deutschland immer noch unterrepräsentiert ist. Ulla Wessels gehört dem wissenschaftlichen <a href="http://www.giordano-bruno-stiftung.de/beirat/wessels-ulla" target="_blank">Beirat der Giordano Bruno Stiftung</a> an und ist vielen durch ihre Rolle als Klägerin im Rechtsstreit um die <a href="http://konkordatslehrstuhlklage.de/?cat=1" target="_blank">Konkordatslehrstühle</a>* bekannt.<span id="more-4693"></span></p>
<p><a href="http://www.klostermann.de/philo/phi_4123.htm" target="_blank"><img class="wp-image-4708 alignright" style="margin-left:5px;margin-right:5px;" title="Wessels_Gute" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/01/wessels_gute.jpg?w=172&#038;h=274" alt="" width="172" height="274" /></a></p>
<p>Wie gut es einem Individuum geht, seine Wohlfahrt, setzt sich laut Ulla Wessels also genau aus zwei Dingen zusammen: aus seinem hedonischen Glück und der Erfüllung seiner Wünsche. Aus nicht mehr und aus nicht weniger. Auch die Frage, was überhaupt als moralisch relevantes Individuum, als moralisches Objekt zählen kann, lässt sich so relativ einfach bestimmen: Alles, was sich besser oder schlechter fühlen kann, und alles, was Wünsche hegen kann. Menschen und Tiere sind also in diesem Sinn moralisch relevante Individuen, aber nicht etwa, weil sie Menschen oder Tiere sind, sondern weil &#8211; und auch nur insofern &#8211; sie sich besser oder schlechter fühlen und Wünsche hegen können. Ein Speziesismus wird auf diese Weise elegant vermieden.</p>
<p>Dadurch, dass Ulla Wessels die Erfüllung von Wünschen neben das Erleben von Glück stellt, geht sie über einen reinen Hedonismus hinaus. So kann sie etwa auch Wünsche posthumen Inhalts berücksichtigen, obwohl wir definitionsgemäß keine glücklichen Erlebnisse nach unserem Tod haben können. Aber die Tatsache, dass es Testamente und Nachfolgeregelungen gibt, zeigt eindeutig, dass Menschen Wünsche haben in Bezug auf das, was nach ihrem Tod passiert.</p>
<p>Wir haben überhaupt mehr Wünsche als wir glauben und mehr, als wir uns ausdrücklich klarmachen. Niemand denkt ständig explizit an alles, was ihm wichtig ist. Dass es meinen Freunden, Eltern und Kindern gut geht, dass sie gesund sind und möglichst lange bleiben, wünsche ich immer, egal, womit ich gerade beschäftigt bin. Über allzu viele unserer Wünsche werden wir uns erst klar, wenn sie jäh frustriert werden. Das gilt auch für viele unserer Wünsche in Bezug auf Politik. In diesem Sinne sagt <a href="http://www.tagesspiegel.de/wissen/interview-mein-grossvater-hackte-sich-den-daumen-ab/5900132.html" target="_blank">Steven Pinker</a>:</p>
<blockquote><p>&#8220;Man vergisst leicht, welche Vorzüge es hat, in einer friedlichen, modernen Demokratie aufzuwachsen. Ich vergesse nie, wie viel Glück ich habe.&#8221;</p></blockquote>
<p>Womit er eher untypisch ist. Denn Menschen tendieren dazu, sich an gewonnene Standards zu gewöhnen. Wir vergessen leicht, dass vergangene Generationen manche unserer politischen Standards als Ideale sehnlich erwünscht und blutig erkämpft haben. Wir vergessen auch leicht, wie viele sehnliche Wünsche in Bezug auf einen besseren Lebensstandard inzwischen erfüllt sind. &#8220;Güte sei Dank für frisches Trinkwasser aus der Leitung&#8221;, <a title="Thank Goodness – Güte sei Dank!" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/11/25/thank-goodness/" target="_blank">schreibt etwa Dan Dennett</a>. Der einstige bescheidene Wohlstand entspricht einem Leben unterhalb der Armutsgrenze heute. Wir vergessen allzu leicht, wie viel Glück wir haben.</p>
<p>Ulla Wessels entwickelt ihren Begriff des Guten, indem sie eine Fülle von Einwänden gegen eine Glück-Wunsch-Ethik diskutiert. Die Tatsache, dass wir unsere Wünsche unserer Lebenssituation anpassen, ist im Übrigen schon ein solcher Einwand. Weitere betreffen scheinbar unvernünftige Wünsche, externe, insbesondere unmoralische Wünsche oder Wünsche, die sich im Laufe eines Lebens ändern. Im letzten Kapitel geht es um Entscheidungen über Leben und Tod und um Populationsethik. Wenn eine Welt umso besser ist, je mehr Wünsche der existierenden Individuen erfüllt werden, ist eine Welt dann auch besser, in der es mehr Individuen gibt? Die Antworten auf solche Fragen können leicht selbst wieder zum Problem werden. (Zu einiger Berühmtheit hat es z.B. die sogenannte <em><a href="http://plato.stanford.edu/entries/repugnant-conclusion/" target="_blank">Abstoßende Konklusion</a></em> gebracht. Kurze und knappe Erläuterung <a href="http://www.ethikseite.de/prinzipien/zrepugnant.html" target="_blank">hinter diesem Link</a>.) Hier wird die Relevanz der Fragestellung des Buches besonders deutlich. Und hier wird auch deutlich, wie wichtig es ist, die zentralen Begriffe im Voraus geklärt zu haben.</p>
<p>Ein Punkt, auf den Ulla Wessels nur am Rande eingeht, ist unsere Tendenz zum Wunschdenken. Wunsch<em>erfüllung</em> und Wunsch<em>befriedigung </em>ist nicht dasselbe. Wir sind vielleicht glücklich, wenn (wir wissen, dass) unsere Wünsche erfüllt sind. Wir sind aber vielleicht genauso glücklich, wenn wir fälschlicherweise glauben, dass unsere Wünsche erfüllt sind.</p>
<p>Nehmen wir zum Beispiel eine Mutter, die über das Schicksal ihres Sohnes im Ungewissen ist. Der Sohn ist als Soldat in geheimer Mission im Einsatz, und sie kann keine Nachricht von ihm erhalten. Angenommen, sie träfe jetzt jemanden namens Morpheus, der ihr eine blaue Pille anbietet, die sie nur schlucken müsse, um immer überzeugt zu sein, dass es ihrem Sohn bestens geht, unabhängig davon, was ihm tatsächlich passiert. Oder eine rote Pille, mit der sie immer die Wahrheit erführe. Welche Pille sollte sie schlucken? Würde sie selbst die Illusion der Wahrheit vorziehen? Der Vorteil wäre ein konstant gutes Gefühl. Ihr Glück, der hedonische Anteil ihrer Wohlfahrt, wäre dadurch also garantiert.</p>
<p><img class="alignleft  wp-image-5018" style="margin-left:5px;margin-right:5px;" title="RedPillBluePill" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/01/redpillbluepill.jpg?w=240&#038;h=169" alt="" width="240" height="169" />Trotzdem glaube ich, dass sich die meisten in einer solchen Situation gegen die blaue und für die rote Pille entscheiden würden. Das Wohlergehen unserer Kinder ist uns zu wichtig, als dass wir es uns herbeifantasieren wollten. Wir wollen nicht einfach nur ein gutes Gefühl, sondern wir wollen auch, dass dieses Gefühl auf die richtige Weise verursacht wird. Wir wollen uns gut fühlen, <em>weil wir wissen</em>, dass es unseren Kindern gut geht. Und wir wollen uns auch schlecht fühlen, falls es unseren Kindern <em>tatsächlich</em> schlecht ergeht. Wenn es um unsere Kinder geht, wollen wir <em>evidenzbasierte Gefühle</em>.</p>
<p>Religiöse Ethiken lehnen es meist ab, blaue Pillen zu schlucken oder sich an <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/The_Experience_Machine" target="_blank">Lustmaschinen</a> anzuschließen, wie sie sich der Philosoph Robert Nozick ausgedacht hat. Vordergründig plädieren sie gegen den Schein, die Zerstreuung, den Hedonismus. Aber sie basieren auf dem Wunsch, dass es ein festes moralisches Fundament geben möge, das unsere Normen und Entscheidungen trägt. Sie wünschen sich eine jenseitige Gerechtigkeit und einen jenseitigen Trost. Damit erweist sich die religiöse Ethik als wunschbasierte Ethik der blauen Pille.</p>
<p>Aber Fragen, wie sie Ulla Wessels in ihrem Buch behandelt, Fragen nach den moralisch richtigen Kriterien, nach dem, was die moralische Qualität einer Welt ausmacht, also nach dem Guten, sind wichtiger als die Frage nach dem Wohlergehen unserer Kinder, weil die Antwort auf sie allererst bestimmt, was Wohlergehen <em>heißt</em>. Wer diese Fragen angeht, sollte sich für die rote Pille entschieden haben.</p>
<p>In dem Rechtsstreit um die <a href="http://konkordatslehrstuhlklage.de" target="_blank">Konkordatslehrstühle</a>* geht es darum, ob für eine Berufung an eine Universität andere Kriterien als fachliche Qualifikation ausschlaggebend sein sollten. In diesem Falle wären diese anderen Kriterien Konfession, Gesinnung, Linientreue, die rechte Lebensführung, vor allem aber die &#8220;richtige Einstellung&#8221; in Bezug auf bestimmte materialethische Fragen. Einen Ruf an eine Uni unter römisch-katholischem Vorbehalt wird Ulla Wessels wohl aus vielen Gründen nicht erhalten. Was den einen Makel ist, gilt anderen als Auszeichnung. Mit <em>Das Gute</em> erweist sich Ulla Wessels jedenfalls als unabhängige Moralphilosophin auf höchstem Niveau.</p>
<p>_____________</p>
<p>* <em>Ein Rechtsstreit, der im Übrigen noch ziemlich teuer werden kann. Daher läuft zur Zeit eine <a href="http://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/prozess-gegen-konkordatslehrstuehle-entscheidende-phase" target="_blank">Spendenkampagne der gbs</a>. Wer ebenfalls der Meinung ist, dass ein Bischof bei der Besetzung eines nicht-theologischen (!) Lehrstuhls kein Vetorecht haben sollte, der kann mit einer Spende dazu beitragen, dass diesem wichtigen Projekt nicht kurz vor der Ziellinie finanziell die Puste ausgeht. (Weitere Spendenkonten unter <a href="http://konkordatslehrstuhlklage.de/?page_id=214" target="_blank">Konkordatslehrstuhlklage.de</a>)</em></p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/'>Ethik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/illusion/'>Illusion</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/moral/'>Moral</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/perspektive/'>Perspektive</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/uberzeugung/religion/'>Religion</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/rezension/'>Rezension</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/werte/'>Werte</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/wissenschaft/'>Wissenschaft</a> Tagged: <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/abstosende-konklusion/'>Abstoßende Konklusion</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/analytische-ethik/'>Analytische Ethik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/daniel-c-dennett/'>Daniel C. Dennett</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/das-gute/'>Das Gute</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/derek-parfit/'>Derek Parfit</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/giordano-bruno-stiftung/'>Giordano Bruno Stiftung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/gluck-wunsch-ethik/'>Glück-Wunsch-Ethik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/hedonismus/'>Hedonismus</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/konkordatslehrstuhl/'>Konkordatslehrstuhl</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/konkordatslehrstuhlklage/'>Konkordatslehrstuhlklage</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/matrix/'>Matrix</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/nicht-religiose-ethik/'>Nicht-religiöse Ethik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/religiose-ethik/'>Religiöse Ethik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/robert-nozick/'>Robert Nozick</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/steven-pinker/'>Steven Pinker</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/ulla-wessels/'>Ulla Wessels</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/utilitarismus/'>Utilitarismus</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/wohlfahrtsethik/'>Wohlfahrtsethik</a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/evidentist.wordpress.com/4693/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/evidentist.wordpress.com/4693/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/evidentist.wordpress.com/4693/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/evidentist.wordpress.com/4693/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/evidentist.wordpress.com/4693/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/evidentist.wordpress.com/4693/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/evidentist.wordpress.com/4693/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/evidentist.wordpress.com/4693/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/evidentist.wordpress.com/4693/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/evidentist.wordpress.com/4693/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/evidentist.wordpress.com/4693/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/evidentist.wordpress.com/4693/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/evidentist.wordpress.com/4693/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/evidentist.wordpress.com/4693/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&amp;blog=17354116&amp;post=4693&amp;subd=evidentist&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Angst vor der Ungleichheit</title>
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		<pubDate>Sat, 21 Jan 2012 12:59:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Starten wir alle als unbeschriebene Blätter ins Leben? Es sieht nicht so aus. Aber trotzdem hält sich diese Illusion hartnäckig, vor allem aus Angst um die Grundlagen unserer Moral. Aber unsere Moral hängt nicht ab von Erkenntnissen der Genetik. Viele Menschen fürchten, dass die genetische Forschung immer weitere Indizien dafür liefern könnte, dass Menschen von [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&amp;blog=17354116&amp;post=4531&amp;subd=evidentist&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color:#000000;"><em>Starten wir alle als unbeschriebene Blätter ins Leben? Es sieht nicht so aus. Aber trotzdem hält sich diese Illusion hartnäckig, vor allem aus Angst um die Grundlagen unserer Moral. Aber unsere Moral hängt nicht ab von Erkenntnissen der Genetik.<span id="more-4531"></span></em></span></p>
<div id="attachment_4665" class="wp-caption alignnone" style="width: 433px"><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/A.I._–_Künstliche_Intelligenz" target="_blank"><img class=" wp-image-4665" title="AI_604" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/01/ai_6041.jpg?w=423&#038;h=238" alt="" width="423" height="238" /></a><p class="wp-caption-text">Der Horror der Gleichheit: Android David erkennt, was er ist: ein Massenartikel (Steven Spielberg, A.I., 2001)</p></div>
<p>Viele Menschen fürchten, dass die genetische Forschung immer weitere Indizien dafür liefern könnte, dass Menschen von Geburt an verschieden sind. Sie haben Angst vor dieser Ungleichheit, der Ungleichheit zwischen einzelnen Menschen sowie zwischen ethnischen Gruppen.</p>
<p>Die Angst wird verstärkt durch die Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit war etwa die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Eugenik" target="_blank">Eugenik</a> populär. Die ersten IQ-Tests, obwohl komplett ungeeignet, wurden euphorisch begrüßt als Mittel zur Feststellung erblichen Schwachsinns. Zwangssterilisierungen waren die Folge, in den USA bis in die Vierziger Jahre hinein völlig legal. Dann das Erschrecken über die Nazi-Verbrechen und der Pendelschlag in die andere Richtung. Jetzt wurde die Idee einer Erblichkeit von Persönlichkeitsmerkmalen zum Tabu.</p>
<p>Sowohl die primitive Pervertierung der Evolutionstheorie in den <a title="Atheismus ist irrelevant" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/09/19/atheismus-ist-irrelevant/" target="_blank">Spencerschen &#8220;Sozialdarwinismus&#8221;</a> als auch die spätere Tabuisierung der Erblichkeit in den Zeiten des nicht minder primitiven Umweltdeterminismus waren vor allem eins: miserable Wissenschaft. So schreibt Matt Ridley 1999 in <em><a href="http://www.amazon.de/ALPHABET-LEBENS-Geschichte-menschlichen-Genoms/dp/3546002261/ref=sr_1_5?ie=UTF8&amp;qid=1326670918&amp;sr=8-5" target="_blank">Alphabet des Lebens</a></em>:</p>
<blockquote><p>Angeblich besteht der Fortschritt der Wissenschaft darin, dass man Hypothesen aufstellt und sie dann durch Überprüfung zu falsifizieren versucht. Aber so ist es nicht. Genau wie die genetischen Deterministen der zwanziger Jahre, die immer nach einer Bestätigung ihrer Ideen und niemals nach ihrer Widerlegung strebten, suchten auch die Umweltdeterministen der sechziger Jahre stets nach unterstützenden Belegen, und bei gegenteiligen Befunden, nach denen sie aktiv hätten suchen sollen, steckten sie den Kopf in den Sand.</p></blockquote>
<p>Aus Angst vor der Ungleichheit möchten viele auch heute noch glauben, dass wir als <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3827005094?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3827005094" target="_blank">unbeschriebene Blätter</a> zur Welt kommen. Das tun wir nicht. Und tatsächlich finden wir das auch gut so. Darauf weisen nicht nur viele durchaus positiv besetzte Begriffe hin, die wesentliche Unterschiede implizieren: <em>Individualität, Originalität, Kreativität, Charakter, Persönlichkeit</em>. Nein: Absolute Gleichheit ist die eigentliche Horrorvorstellung. Sie ist ein Ideal totalitärer Ideologien. Unbeschriebene Blätter lassen sich mit allem bedrucken und einfach gleichschalten. Das Ererbte ist der Feind des <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1302817/" target="_blank">Neuen Menschen</a>. Huxleys <em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schöne_neue_Welt" target="_blank">Schöne neue Welt</a></em> ist eine Welt des Klonens, in der Individualität und Persönlichkeit als Verbrechen gelten. Dennoch ist unsere Angst vor der Ungleichheit ungleich größer.</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3498076671/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3498076671&quot;" target="_blank"><img class="size-full wp-image-4624 alignright" style="margin-left:5px;margin-right:5px;" title="Zimmer_Intelligenz" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/01/zimmer_intelligenz.jpg?w=519" alt=""   /></a>Auf den <a title="Leseprobe aus Zimmer: Ist Intelligenz erblich? " href="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/01/zimmer_intelligenz.pdf" target="_blank">ersten Seiten seines neuesten Buches beschreibt Dieter E. Zimmer</a> die Reaktion der SPD-Spitze auf Sarrazin. Wer diesen Bericht liest, wähnt sich im ideengeschichtlichen <em>Time Tunnel</em>. Als sei seit der Blütezeit des Behaviorismus nichts geschehen. Als sei die Revolution in der genetischen Forschung an diesem politischen Spitzenpersonal spurlos vorübergegangen. Zimmer geht auf die Minen der politischen Korrektheit ein, auf die zu treten jeder riskiert, der sich öffentlich zu diesem Thema äußert:</p>
<blockquote><p>Ideologische Ambitionen verfolgt das Buch nicht. Ich selber halte mich für einen Naturalisten. Wenn jemand seinen Inhalt für «reduktionistisch», «mechanistisch», «darwinistisch», «sozialdarwinistisch», «positivistisch» und so weiter halten möchte, bitte sehr. Aber «biologistisch»? «Biologisch» wäre das Wort. Jemand, der die Welt durch die Brille der Soziologie zu sehen beliebt, muss sich von niemandem «Soziologist» schimpfen lassen. Und «rassistisch»? Das Wort sollte strikt für jene reserviert sein, die einzelne Ethnien in Wort oder Tat geringschätzen, verunglimpfen und diskriminieren. Wenn schon die Konstatierung von ethnischen Differenzen «Rassismus» sein soll, verlöre das Wort seinen Sinn, denn dann wäre letztlich jedermann ein Rassist.</p></blockquote>
<p>Die Angst vor der Ungleichheit ist analog der Angst eines Dostojewski um unsere moralischen Grundlagen: Wenn der Antibiologismus tot ist, ist alles erlaubt! Diese Parallele zwischen moralisch motiviertem Theismus und dogmatischem Antibiologismus kommt nicht von ungefähr. Bei beiden findet sich das Phänomen des &#8220;Glaubens an den Glauben&#8221;: Auch wer insgeheim an Unterschiede glaubt, hält es für wichtig, diese Tatsache öffentlich zu leugnen. Beide stehen wissenschaftlichen Erkenntnissen zutiefst skeptisch gegenüber und wollen sie unter Vorbehalt stellen. Beide lehnen die Idee einer Evolution des Geistes ab. Es ist für beide kein Problem, dass körperliche Unterschiede genetisch bedingt sind. Nicht aber die geistigen Anlagen und Vermögen, nicht die &#8220;Seele&#8221;. Der dogmatische Antibiologismus wie auch der Theismus setzen somit einen cartesianischen Dualismus voraus. Sie widersprechen also jeder Annahme einer Einheit von Körper und Geist, jeder naturalistischen Psychologie, a fortiori also jeder evolutionären Psychologie. Eine Position, die sich evolutionärer Humanismus nennt, kann einen solchen dogmatischen Antibiologismus daher also schon aus theoretischen Gründen kaum mittragen.</p>
<p>Beide Positionen misstrauen nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der einzigen Art von Moral, zu der Menschen fähig sind: der Moral nämlich, zu der sie sich gegenseitig durch Konventionen verpflichten. Daher verspüren beide das dringende Bedürfnis, dieser Moral ein vermeintlich faktisches Fundament zu geben. So stellen sie unsere moralischen Grundlagen unter theologischen bzw. politischen Vorbehalt. Aber weder theologische noch politische Fantasien sind nachhaltig. Sie sind Kartenhäuser aus Wunschgedanken. Eine Moral, die auf solchen Kartenhäusern aufbaut, kann nur mit ihnen zusammenfallen.</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3596172152/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3596172152&quot;" target="_blank"><img class="alignright size-medium wp-image-4629" style="border-color:initial;border-style:initial;border-width:0;" title="Diamond Der dritte Schimpanse" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/01/514xnyg0tzl-_ss500_-e1326229761932.jpg?w=196&#038;h=300" alt="" width="196" height="300" /></a></p>
<p>Wissenschaftliche Forschung hat gezeigt, dass es kaum Unterschiede zwischen menschlichen Rassen gibt, die signifikanter wären als die Unterschiede zwischen Individuen. Sie hat also dem Rassismus die Grundlage entzogen. Aber sie legt auch nahe, dass Rassismus in uns angelegt ist. Offensichtlich gehört es auch zur menschlichen Natur, Fremden zu misstrauen, sie zu diskriminieren und im Konflikt zu töten. In <em>Der dritte Schimpanse</em> plädiert Jared Diamond eindringlich dafür, diese harten Tatsachen nicht zu verdrängen. Rassismus, Krieg und Völkermord brechen nicht aus heiterem Himmel über uns herein. Sie sind in gewisser Weise natürlich, sie sind menschlich. Der edle Wilde, der zwangsläufig gut ist, weil er nicht von unseren gesellschaftlichen Verhältnissen korrumpiert wurde, ist ein Fabelwesen. Das mag schockierend klingen für Leute, die zu glauben gelernt haben, das Natürliche sei das Gute. Aber der Schock muss sein. Wir müssen auch den Gefahren ins Auge sehen, die von uns selbst ausgehen. Denn wer ständig nur &#8220;Nächstenliebe&#8221; anmahnt oder &#8220;Wir sind doch alle Menschen!&#8221; ruft, ringt auch nach dem nächsten Genozid die Hände gen Himmel und fragt fassungslos: &#8220;Wie konnte das nur passieren?&#8221;</p>
<p><a href="http://books.google.de/books?id=Yve7lgvtLcsC&amp;lpg=PP1&amp;hl=de&amp;pg=PP1#v=onepage&amp;q&amp;f=false" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-4981" style="margin-left:5px;margin-right:5px;" title="j9434" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/01/j9434.gif?w=519" alt=""   /></a>Aber auch moralisches Verhalten ist in uns angelegt. Auch die Moral ist also natürlich und menschlich. Sie hat sich wie alles andere allmählich entwickelt, und sie entwickelt sich weiter. Solange aber für diese Entwicklung Institutionen zuständig sind, denen ein fantastisch-mythologisches Menschenbild zu Grunde liegt, entwickelt sich die Moral, wenn überhaupt, nur quälend langsam weiter. Zu biblischen Zeiten waren <a href="http://bricktestament.com/exodus/the_ten_commandments/ex20_17.html" target="_blank">Frauen als Besitz des Mannes dem Vieh gleichgestellt</a>, einige Tausend Jahre später dann, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Frauenrechte#Mitte_20._Jahrhundert_bis_heute" target="_blank">seit 1958, dürfen sie in Deutschland ein eigenes Konto führen</a> und heute haben sie die vollen Menschenrechte. Moralischer Fortschritt findet also unleugbar statt. Er besteht darin, den <a href="http://press.princeton.edu/titles/9434.html" target="_blank">Kreis um unsere <em>Ingroup</em> immer weiter zu ziehen</a>. Inzwischen sind Sexismus und Rassismus geächtet, <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3100616049/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3100616049" target="_blank">ist die </a><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3100616049/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3100616049" target="_blank">Gewalt </a><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3100616049/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3100616049" target="_blank">rückläufig</a>. Vor allem in Kulturen, in denen auch der Einfluss von Religionen, <a title="Das war schon immer so" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/05/13/das-war-schon-immer-so/" target="_blank">Traditionen</a> und Ideologien rückläufig ist und in denen Wissenschaft einen hohen Status hat.</p>
<p>Das scheint kein Zufall zu sein. Moralischer Fortschritt verdankt sich offenbar denselben Werten wie wissenschaftlicher Fortschritt: Alles ist Gegenstand der Kritik, es gibt keine Tabus, keine Dogmen, keine absoluten Wahrheiten. Autorität ist kein Argument. Aber gute Argumente haben Autorität, solange sie nicht durch bessere widerlegt werden. In dem Maße, in dem wir uns von Illusionen und Denkverboten über die Natur des Menschen befreien, können wir unsere moralischen Konventionen anhand von wissenschaftlichen Daten über diese Natur kritisieren und weiterentwickeln. Das ist das Programm von <a href="http://hpd.de/node/12134" target="_blank">Sam Harris</a>: Ethik ist zu wichtig, um sie Theologen oder anderen Ideologen zu überlassen. Denn der Mensch ist weder ein Ebenbild Gottes noch ein unbeschriebenes Blatt. Und was noch wichtiger ist: Beide Vorstellungen sind für eine Ethik auf wissenschaftlicher Grundlage nicht nur entbehrlich, sondern völlig irrelevant.</p>
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		<title>Vom Hoerster zum Paulus</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Dec 2011 00:26:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Piusbrüder, kath.net, das Bistum Regensburg etc. bejubeln dieser Tage den Abfall des bislang religionskritischen Philosophen Norbert Hoerster vom Unglauben, zumindest seinen Austritt aus der Giordano Bruno Stiftung. Sie feiern die Neuauflage der Geschichte der Bekehrung des Saulus zum Paulus, der von den Gründen seiner Bekehrung in der FAZ Zeugnis ablegt. Nein, er bezweifelt nicht die Evolutionstheorie. [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&amp;blog=17354116&amp;post=4412&amp;subd=evidentist&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:left;"><a href="http://bricktestament.com/acts_of_the_apostles/jesus_blinds_saul/ac09_03-04p26_13.jpg" target="_blank"><img class="aligncenter" title="Jesus blendet Saulus" src="http://bricktestament.com/acts_of_the_apostles/jesus_blinds_saul/ac09_03-04p26_13.jpg" alt="" width="640" height="480" /></a><br />
Die <a href="http://www.piusbruderschaft.de/streitende-kirche/954-atheismus/6133-mit-den-affen-gegen-den-papst" target="_blank">Piusbrüder</a>, <a href="http://kath.net/detail.php?id=34108" target="_blank">kath.net</a>, das <a href="http://www.bistum-regensburg.de/default.asp?op=show&amp;id=4912" target="_blank">Bistum Regensburg</a> etc. bejubeln dieser Tage den Abfall des bislang religionskritischen Philosophen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Norbert_Hoerster" target="_blank">Norbert Hoerster</a> vom Unglauben, zumindest <a href="http://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/hamed-abdel-samad-neues-stiftungsmitglied" target="_blank">seinen Austritt aus der Giordano Bruno Stiftung</a>. Sie feiern die Neuauflage der Geschichte der Bekehrung des Saulus zum Paulus, der von den Gründen seiner Bekehrung in der FAZ Zeugnis ablegt. Nein, er bezweifelt nicht die Evolutionstheorie. Er bezweifelt bloß, dass sie den Gottesglauben widerlege. Und nein, er hat nicht den Primat des Papstes in Fragen der Philosophie und Politik anerkannt. Er meint bloß, man müsse Kritik am Papst zunächst philosophisch abwägen und gewissenhaft durchdenken. (Der Papst bedankt sich damit, dass er Atheisten &#8211; wie Hoerster &#8211; für den Holocaust und so gut wie alle anderen Verbrechen und Übel der Welt verantwortlich macht.)<span id="more-4412"></span></p>
<p><img class="alignright" style="float:right;border-color:initial;border-style:initial;border-width:0;" title="Norbert Hoerster" src="http://upload.wikimedia.org/wikibooks/de/e/ee/N_Hoerster.jpg" alt="Norbert Hoerster" width="179" height="260" /></p>
<p>Norbert Hoerster hat einige inspirierende Bücher geschrieben. Sein philosophischer Stil ist kurz, prägnant, analytisch. Sein dünner Band <em><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3518285297/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3518285297" target="_blank">Abtreibung im säkularen Staat</a></em> erschien mir immer schon als das Werk, das den gesamten Problembereich abschließt. Er zeigt darin, dass alle Gründe für ein Abtreibungsverbot entweder explizit oder implizit religiöse Gründe sind. Diese Gründe sind aber für einen säkularen Staat irrelevant.</p>
<p>Wenn der Philosoph zum Marktplatz geht, kann er übers Ohr gehauen werden. Weisheit schützt vor Ganoven nicht. Es ist schön, dass Hoerster seine Argumente glasklar formulieren kann, und es ist auch schön, wenn er andere Argumente kritisiert. Das gehört sich so in philosophischen Debatten. Wenn die Debatte aber nach außen auf den politischen Marktplatz wirkt (und ja, die FAZ ist schon Marktplatz), dann hört sie auf, philosophisch zu sein, dann wird sie politisch.</p>
<p>In der Politik wird selten mit dem Skalpell analysiert, stattdessen öfter mit dem Vorschlaghammer. (Erinnert sich noch jemand an den „<a href="http://www.tagesspiegel.de/politik/der-professor-aus-heidelberg/4334590.html" target="_blank">Professor aus Heidelberg</a>“?) Und wirklich gute, auch geniale Argumentationen, werden nur danach beurteilt, ob sie im politischen Kampf als Keule taugen. Dem Keulenschwinger ist der Name des genialen Philosophen dabei egal, und auch, ob er die Keule überhaupt schwingen darf. Denn schauen wir, was hier passiert: Argumente von Norbert Hoerster, einem guten &#8211; atheistischen &#8211; Philosophen, gelangen in die Hände von Leuten, die normalerweise den Hinweis auf eine Bibelstelle für ein echtes, schlagendes Argument halten. Dem Piusbruder sind die Feinheiten der Hoersterschen Gedankengänge ganz egal, er sieht nur, dass sie ein Instrument für einen Schlag gegen seinen politischen Gegner darstellen. Ein aggressiver Schimpanse greift zur Keule, aber wenn stattdessen gerade ein modernes Teleskop herumliegt, kann er auch damit zuschlagen.</p>
<p><a title="Niedergänge" href="http://evidentist.wordpress.com/2010/11/12/niedergaenge/" target="_blank">Manfred Lütz wirft dem „Neuen Atheismus“ vor, zu seicht zu sein.</a> Oh, sagte ich Lütz? Nein, es ist Hoerster, tatsächlich. Hume habe lang und breit über das Theodizeeproblem sinniert, Dawkins widme diesem Problem gerade mal eine halbe Seite. Aber zunächst: Wenn Hume schon „mit großer Klarheit die kaum lösbaren Herausforderungen [aufgezeigt hat,] denen der Theist durch das […] sogenannte Theodizeeproblem ausgesetzt ist“, warum sollte Dawkins noch mal dasselbe tun? Und zum anderen macht Dawkins auf dieser halben Seite sehr deutlich, dass dieses Problem eines für Theologen und Gläubige an einen guten Gott ist, keines für Atheisten. Das Theodizee-Problem stellt sich nur für Schöpfungen lieber Götter. Warum soll es also &#8211; als theoretisches Problem &#8211; jemanden kümmern, der nicht davon ausgeht, dass es sich bei der Welt um eine Schöpfung handelt? Unter evolutionstheoretischem Aspekt gibt es kein Theodizee-Problem. Es wirkt etwas unverschämt, Richard Dawkins vorzuwerfen, er kümmere sich nicht ausreichend um theologische Probleme. Religiöse (und jetzt auch Hoerster) können sich wohl nur schwer vorstellen, dass jemand ihre Probleme nicht hat. Es ist keine Neuigkeit, dass Liebe-Gott-Theorien an der Theodizee-Hürde scheitern, aber als Zombie-Mem lässt es sich ja offensichtlich auch sehr zäh und gut überleben.</p>
<p>Die Evolutionstheorie widerlege nicht den Gottesglauben. Mag sein, aber wer behauptet das eigentlich? Dawkins weist lediglich darauf hin, dass die Evolutionstheorie die Gotteshypothese (wieder mal) ein Stück unnötiger gemacht hat. Stimmt das etwa nicht?</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3150080754?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3150080754"><img class="    alignright" title="Mackie: Wunder des Theismus" src="http://ecx.images-amazon.com/images/I/41dMPqYgjwL._SL500_AA300_.jpg" alt="Mackie: Wunder des Theismus" width="240" height="240" /></a></p>
<p>Man müsse sich fundierter mit der Religionsphilosophie auseinandersetzen, mahnt Hoerster. Warum? Neben mir liegt gerade ein Büchlein von Norbert Hoerster mit dem Titel <em><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3406568599/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3406568599" target="_blank">Die Frage nach Gott</a></em>, es umfasst 124 Seiten und behandelt die Frage nach Gott ziemlich umfassend. Wer etwas tiefer in die Materie einsteigen möchte, dem sei noch das Standardwerk von John Leslie Mackie <em><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3150080754/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3150080754" target="_blank">Das Wunder des Theismus</a></em> empfohlen. Wer die Frage danach immer noch für weiter vertiefenswert hält, der sollte Theologie studieren.</p>
<p>Eben noch habe ich Hoersters Werk <em>Abtreibung im säkularen Staat</em> gelobt, weil es die hereinbrechende Flut theologisch begründeter Abtreibungsverbote mit dem Hinweis auf ihre Irrelevanz für einen säkularen Staat elegant zurückweist. Bricht die Flut jetzt doch über uns herein? Müssen wir uns jetzt doch mit diesen für uns irrelevanten Begründungen auseinandersetzen? Warum?</p>
<p>Die Kritik Hoersters an der Papstkritik der gbs mutet an wie ein theologischer Sophismus:</p>
<blockquote><p>Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es bekanntlich: &#8220;Der Geschlechtsakt darf ausschließlich in der Ehe stattfinden&#8221;; und dies ist auch die Position des Papstes. Ich wüsste nicht, zu welchen Abermillionen Todesfolgen der eheliche Geschlechtsverkehr ohne Verhütungsmittel bislang geführt hat.</p></blockquote>
<p>Hier kommt eben doch wieder die (von den Katholiken und jetzt auch von Hoerster) so verpönte Biologie ins Spiel. Der Mensch ist keine monogame Spezies, er ist eine Primatenart mit einer leicht polygamen Lebensweise. (Wichtigstes Indiz dafür ist die durchschnittliche <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Selektion#Paarungsstrategien_und_Paarungssysteme" target="_blank">Hodengröße</a>.) Daran ändern weder &#8220;Die Kritik der reinen Vernunft&#8221; noch &#8220;Tristan und Isolde&#8221; etwas.</p>
<p>Die katholische Phantasie bildet die Realität also nicht ab, versteht sich aber als realistische Beschreibung der menschlichen Natur. Das ist <a title="Respektable Denkfehler" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/10/01/respektable-denkfehler/" target="_blank">Wunschdenken</a> auf niedrigem Niveau, mit katastrophalen Auswirkungen auf hohem Niveau. Die katholische Phantasmagorie steht auf einer Stufe mit dem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Lyssenkoismus" target="_blank">Lyssenkoismus</a>. Die Verleugnung von Tatsachen verursacht in der Tat den Tod von Abermillionen Menschen.</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3892013349/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3892013349" target="_blank"><img class="alignright  wp-image-4439" title="41YD+bMlyZL-1._SS500_" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/12/41ydbmlyzl-1-_ss500_.jpg?w=270&#038;h=270" alt="" width="270" height="270" /></a>Desweiteren: &#8220;Der Vatikan ist ein Schurkenstaat&#8221; bedürfe einer Begründung. (Und nein, Hoerster macht sich nicht über die Bezeichnung „Staat“ für dieses rechtlich bizarre Gebilde lustig, er bestreitet tatsächlich die Legitimität der näheren Bestimmung „Schurke“.) Nun, solche Begründungen liegen inzwischen in Form zahlreicher Anklageschriften vor. Der Vatikan opfert nachweislich die Sicherheit und das Wohlergehen von Kindern dem, was wir bei echten Staaten „Staatsräson“ nennen.</p>
<div id="attachment_4461" class="wp-caption aligncenter" style="width: 529px"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/12/volker-sommer-schimpanse-max.jpg"><img class="size-full wp-image-4461" title="Volker Sommer und Schimpanse Max" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/12/volker-sommer-schimpanse-max.jpg?w=519&#038;h=226" alt="" width="519" height="226" /></a><p class="wp-caption-text">Volker Sommer (links), Max (rechts)</p></div>
<p>Große Vorbehalte hat Hoerster gegen das „Great Ape Project“ der gbs, das Grundrechte für Menschenaffen fordert. Er schreibt, „Affen und andere Wirbeltiere haben nun einmal nicht das typisch menschliche, in die Zukunft gerichtete Überlebensinteresse.“ <a href="http://www.zeit.de/2000/52/200052_interview.affen.xml" target="_blank">Menschen, die sich intensiv mit Menschenaffen beschäftigen, kommen zu ganz anderen Ergebnissen</a>. Aber zumindest würde Hoerster wohl zugeben, dass es sich hier um eine empirische Frage handelt. Für den religiösen Speziesisten, der ihm hier frenetisch applaudiert, ist der Mensch ganz einfach von Gottes Gnaden und ohne jede Empirie etwas Besseres. Interessanterweise argumentiert gerade Hoerster in seinem Buch über die Abtreibung für die „Unhaltbarkeit des Speziesismus“ und begründet diese nicht zuletzt mit der Parallele zum Rassismus. Im Lichte seines nun vorliegenden Artikels frage ich mich, ob sich daran etwas geändert hat.</p>
<p>In seiner Kritik an Michael Schmidt-Salomon polemisiert Hoerster auch gegen dessen Verwendung des Begriffs „nachäffen“. Schmidt-Salomon wendet diesen Begriff allerdings dadurch, dass er ihn auf Menschen bezieht, ironisch und adelt ihn geradezu. Hoerster aber ist darauf bedacht, ihn ganz unironisch in seiner negativen Bedeutung zu belassen. Er müsste es besser wissen. Die Fähigkeit zur Nachahmung ist tatsächlich zentral für die Ausbildung vieler natürlicher und all unserer kulturellen Leistungen.</p>
<p>Eines muss aber auch Hoerster klar sein: Mit der Wiederbelebung des „Great Ape Project“ greift die gbs die naive und arrogante Vorstellung einer Sonderstellung des Menschen im Kosmos an. Es ist von daher das radikalste religionskritische Projekt überhaupt. Verbalattacken gegen den Papst sind dagegen eine Petitesse.</p>
<p>An dieser Stelle steigt Hoerster aus der gbs aus. Auch aus der Religionskritik?</p>
<p>Mag sein, dass der Mensch tatsächlich eine Sonderstellung einnimmt. Aber bislang ist er durch seine überragenden geistigen Fähigkeiten einfach nur der Stärkere. Eine wirklich moralische Überlegenheit kann er erst dann für sich beanspruchen, wenn er die Verantwortung ernst nimmt, die ihm durch seine Machtfülle zukommt. Dazu gehört auch eine philosophisch genaue und klare Analyse der Rechte und Pflichten anderen Spezies gegenüber. Dabei kann Norbert Hoerster helfen. Auch außerhalb der gbs.</p>
<div>
<p><em>[<strong>Update 12.12.11:</strong> Norbert Hoerster hat sich inzwischen bei mir gemeldet. Er hat mir erklärt, wie es zu dem Artikel in der FAZ kam. Demnach hat die Zeitung ganz unabhängig von ihm von seinem Austritt aus der gbs erfahren und ihn um eine Stellungnahme zur Veröffentlichung gebeten. </em></p>
<p><em>Er hat mich nicht um diese Ergänzung gebeten, sie erscheint mir aber geboten. Denn mein Artikel legt ja auch nahe, was viele zunächst dachten, nämlich dass er von sich aus die Initiative ergriffen hätte, um der gbs zu schaden. Das ist nicht der Fall.</em></p>
</div>
<p><em>Politische Auswirkungen seines Artikels, insbesondere dessen Ausnutzung durch fromme Gruppierungen aller Art, seien ihm „völlig egal“. Politik interessiere ihn nicht. Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden. Und vielleicht hat er damit auch Recht. Letzten Endes ist der gbs ja auch kein echter Schaden entstanden. Meinungsverschiedenheiten gehören bei ihr zum Geschäft, auch wenn ihre hierarchisch verfassten politischen Gegner das nicht verstehen können. </em><em>Hoerster ist nicht der Hohepriester eines Kultes, der mit der Monstranz durchgebrannt ist. Trotzdem bedeutet das Ausscheiden eines so brillanten Philosophen einen großen Verlust für die gbs. </em></p>
<p><em><img class="alignleft" title="Mackie" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/7/76/John_Leslie_Mackie.jpg" alt="" width="150" height="198" />Aber der wichtigste Hinweis, den mir Hoerster gegeben hat, betrifft <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/J._L._Mackie" target="_blank">John Leslie Mackie</a>, den australischen Philosophen. Wir konnten uns schnell darauf einigen, dass Dawkins' </em>Gotteswahn<em> Mackies </em>Wunder des Theismus<em> in Sachen Religionsphilosophie nicht das Wasser reichen könne. (Auch schon nicht in Sachen Ironie des Titels.) Dieser J. L. Mackie ist heute, am 12.12., vor 30 Jahren gestorben. Vielleicht sollten wir ihm zu Ehren <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3150080754/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3150080754" target="_blank">seinen Klassiker</a> lesen, wieder lesen, empfehlen oder verschenken.]</em></p>
<div><em><br />
</em></div>
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		<title>Thank Goodness &#8211; Güte sei Dank!</title>
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		<pubDate>Fri, 25 Nov 2011 13:19:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aufklärung]]></category>
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		<category><![CDATA[Randy Newman]]></category>

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		<description><![CDATA[Daniel C. Dennett, Philosoph, Kognitions- und Religionsforscher, wäre vor 5 Jahren an einem Riss in seiner Aorta beinahe gestorben. Nach seiner Rettung hat er den folgenden Text verfasst, eine Eloge an die moderne Medizin und die Wissenschaft, und eine Zurechtweisung all derjenigen, die für das Gute in der Welt immer noch Kräften außerhalb der Welt danken [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&amp;blog=17354116&amp;post=4355&amp;subd=evidentist&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:left;"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/11/daniel_dennett1.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-4378" style="margin-top:15px;margin-bottom:15px;" title="daniel_dennett" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/11/daniel_dennett1.jpg?w=519" alt=""   /></a><a href="http://edge.org/memberbio/daniel_c_dennett" target="_blank">Daniel C. Dennett</a>, Philosoph, Kognitions- und Religionsforscher, wäre vor 5 Jahren an einem Riss in seiner Aorta beinahe gestorben. Nach seiner Rettung hat er <a href="http://edge.org/conversation/thank-goodness" target="_blank">den folgenden Text</a> verfasst, eine Eloge an die moderne Medizin und die Wissenschaft, und eine Zurechtweisung all derjenigen, die für das Gute in der Welt immer noch Kräften außerhalb der Welt danken wollen, und dadurch eben dieses Gute auf subtile Weise unterminieren.</p>
<p>Seit einiger Zeit schon hatte ich vor, diesen Text für diesen Blog zu übersetzen. Jetzt, zu Thanksgiving, passt er recht gut. Er drückt das, worum es auch hier in vielen Postings geht, beispielhaft, klar und pointiert aus. Und es gelingt ihm, einen entscheidenden Punkt deutlich herauszustellen: Die Moral der säkularen wissenschaftlichen Medizin ist der Moral der Religionen haushoch überlegen.</p>
<p>Der Text ist etwas länger als ein typisches Blog-Posting, aber das Lesen lohnt sich! Für diejenigen, die trotzdem nicht so viel Zeit investieren möchten, hier die Highlights:</p>
<blockquote><p>[...] während Religionen einem guten Zweck dienen mögen, indem sie es vielen Menschen ermöglichen, mit dem moralischen Niveau, das diese erreichen können, zufrieden zu sein, so legt doch keine Religion an ihre Mitglieder die hohen Standards moralischer Verantwortung an, wie sie in der säkularen Welt von Wissenschaft und Medizin gelten! [...]</p>
<p>Aber ich mache keine Witze, wenn ich sage, dass ich meinen Freunden verzeihen musste, die sagten, sie hätten für mich gebetet. Ich widerstand der Versuchung zu antworten: &#8220;Danke, ich schätze das, aber hast Du auch eine Ziege geopfert?&#8221; [...]</p>
<p>Das Beste daran, wenn wir Güte sei Dank anstatt Gott sei Dank sagen, ist, dass es wirklich viele Möglichkeiten gibt, unsere Schuld dem Guten gegenüber zurückzuzahlen &#8211; indem wir dazu beitragen, dass es mehr davon gibt, zum Vorteil all derer, die nach uns kommen. Das Gute nimmt viele Formen an, nicht nur die von Medizin und Wissenschaft. [...] Güte sei Dank für frisches Trinkwasser aus der Leitung und für das Essen auf unserem Tisch. [...]</p>
<p>Ich ziehe wirklich Gutes symbolisch Gutem vor. [...]</p>
<p>Auf lange Sicht, so glaube ich, können wir von religiösen Menschen verlangen, dass sie sich an den gleichen hohen moralischen Standards messen lassen wie die säkularen Menschen in Wissenschaft und Medizin.</p></blockquote>
<p>Thank Goodness für diesen Text! Thank Goodness für Daniel C. Dennett.<span id="more-4355"></span></p>
<p><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/11/dennett201.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-4364" title="dennett201" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/11/dennett201.jpg?w=519" alt=""   /></a></p>
<blockquote>
<h4><em>Thank Goodness &#8211; Güte sei Dank!</em></h4>
<p>von Daniel C. Dennett</p>
<p><em>Es gibt keine Atheisten in Schützengräben, so lautet ein altes, aber zweifelhaftes Sprichwort, und es gibt zumindest einige wenige anekdotische Belege zu seinen Gunsten in den berüchtigten Fällen berühmter Atheisten, die nach Nahtod-Erlebnissen der Welt verkündet haben, dass sie ihre Meinung geändert hätten. Der britische Philosoph Sir A. J. Ayer, der 1989 gestorben ist, ist ein neueres Beispiel. Hier ist eine weitere Anekdote, über die Sie nachgrübeln dürfen.</em></p>
<p><em>Vor zwei Wochen wurde ich mit der Ambulanz ins Krankenhaus gefahren, wo man mittels CT-Scan feststellte, dass ich einen „Riss in der Aorta“ hatte – die Wand des Hauptausgangsgefäßes, das Blut von meinem Herzen transportiert, war zerrissen, und hat so eine zwei-kanalige Röhre entstehen lassen, wo nur eine sein sollte. Zum meinem Glück hat mir die Tatsache, dass ich vor sieben Jahren einen aortokoronaren Bypass erhielt, wahrscheinlich das Leben gerettet, da das Gewirr von Narbengewebe, das in den letzten Jahren mein Herz wie Efeu umrankte, die Aorta stärkte, und so ein katastrophales Auslaufen aus dem Riss in der Aorta selbst verhindert hat. Nach neunstündiger OP, während der mein Herz vollständig gestoppt wurde und mein Körper und mein Gehirn auf etwa 7°C abgekühlt wurden, um einen Hirnschaden durch Sauerstoffmangel zu verhindern, bis sie die Herz-Lungen-Maschine ans Laufen bringen konnten, bin ich nun der stolze Besitzer einer neuen Aorta und eines Aortenbogens aus starker Dacron-Faser, die von dem Chirurgen vor Ort in Form genäht wurde, mit meinem Herzen durch ein Ventil aus Carbonfaser verbunden, das jedes Mal, wenn mein Herz schlägt, ein beruhigendes kleines Klick macht.</em></p>
<p><em>Jetzt, da ich in eine milde Phase der Erholung eintrete, gibt es Vieles, über das ich nachzudenken habe, zunächst natürlich die schreckliche Erfahrung selbst, mehr aber noch die Flut an wohlmeinenden Grüßen, die ich erhalten habe, seitdem mein letztes Abenteuer bekannt geworden ist. Freunde wollten dringend erfahren, ob ich eine Nahtod-Erfahrung hatte, und falls ja, welche Auswirkung sie auf meinen langjährigen öffentlich vertretenen Atheismus hätte. Hatte ich eine Erleuchtung? Würde ich Ayer nachfolgen (der, nachdem er einige Tage später seine Souveranität wieder erlangte, darauf bestand, dass „ich besser Folgendes gesagt hätte: meine Erfahrungen haben nicht meine Überzeugung geschwächt, dass es kein Leben nach dem Tod gibt, sondern meine unnachgiebige Einstellung gegenüber dieser Überzeugung“), oder war mein Atheismus immer noch intakt und unverändert?</em></p>
<p><em>Ja, ich hatte eine Erleuchtung. Ich sah mit größerer Klarheit als je zuvor in meinem Leben, dass mein Ausruf „Thank goodness!“ nicht einfach ein Euphemismus für „Gott sei Dank!“ ist. (Wir Atheisten glauben nicht, dass es einen Gott gibt, dem wir danken könnten.) Ich meine wirklich </em>Güte sei Dank!<em> Es gibt eine Menge Gutes und Güte in dieser Welt, und mehr Gutes jeden Tag, und dieses fantastische von Menschen gemachte Netzwerk an Spitzenleistungen ist direkt verantwortlich für die Tatsache, dass ich heute noch lebe. Es ist ein würdiger Empfänger der Dankbarkeit, die ich heute empfinde, und ich möchte diese Tatsache hier und jetzt feiern.</em></p>
<p><em>Wem schulde ich nun also Dank? Dem Kardiologen, der mich über Jahre hinweg am Leben gehalten hat und der die ursprüngliche Diagnose, es sei nichts Schlimmeres als eine Lungenentzündung, schnell und überzeugt zurückgewiesen hat. Den Chirurgen, Neurologen, Anästhesisten und dem Kardiotechniker, die meine Systeme für viele Stunden unter sehr entmutigenden Umständen am Laufen hielten. Dem Dutzend ärztlichen Assistenten und den Krankenpflegerinnen und Physiotherapeuten und Röntgentechnikern und einer kleinen Armee an Phlebologen, die so geschickt arbeiten, dass Du kaum merkst, wenn sie Dir Blut abnehmen, und die Leute, die das Essen brachten, mein Zimmer sauber machten, die Berge an Wäsche wuschen, die ein so chaotischer Fall mit sich bringt, die mich im Rollstuhl zum Röntgen fuhren, und so weiter. Diese Leute kamen aus Uganda, Kenia, Liberia, Haiti, den Philippinen, Kroatien, Russland, China, Korea, Indien &#8211; und aus den USA natürlich &#8211; und ich habe niemals auf beeindruckendere Weise gegenseitigen Respekt gesehen, während sie einander halfen und die Arbeit des jeweils anderen überprüften. Aber trotz all ihrem Teamwork hätten diese wenigen Leute ihre Jobs nicht erledigen können ohne die gewaltige Menge an Beiträgen, die andere im Hintergrund leisten. Ich erinnere mich mit Dankbarkeit an meinen verstorbenen Freund und Kollegen an der Tufts Universität, den Physiker <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Allan_McLeod_Cormack" target="_blank">Allan Cormack</a>, der zusammen mit anderen den Nobelpreis für die Erfindung des CT-Scanners erhielt. Allan &#8211; Du hast posthum wieder mal ein Leben gerettet, aber wer zählt schon noch mit? Die Welt ist eine bessere durch die Arbeit, die Du geleistet hast. Güte sei Dank. Dann ist da das gesamte System der Medizin, sowohl die Wissenschaft als auch die Technik, ohne die die Anstrengungen Einzelner mit den besten Absichten vergeblich wären. Ich danke also auch den Herausgebern und Gutachtern, früheren wie aktuellen, von </em>Science<em>, </em>Nature<em>, des </em>Journal of the American Medical Association<em>, </em>Lancet<em> und all den anderen Institutionen in Wissenschaft und Medizin, die am laufenden Band Verbesserungen ausspucken, Fehler erkennen und korrigieren.</em></p>
<p>Bete<em> ich die moderne Medizin an? Ist Wissenschaft meine </em>Religion<em>? Überhaupt nicht; es gibt keinen Aspekt der modernen Medizin oder Wissenschaft, den ich von der strengstmöglichen Überprüfung ausnehmen würde, und ich kann aus dem Stand eine ganze Menge an ernsthaften Problemen nennen, die gelöst werden müssen. Und sie können natürlich auch einfach gelöst werden, denn die Welt der Medizin und der Wissenschaft unterliegt schon den obsessivsten und intensivsten Mechanismen der Selbstkorrektur, die für menschliche Institutionen einzigartig sind, und die Ergebnisse dieser Selbstprüfungen werden regelmäßig veröffentlicht. Darüberhinaus ist genau diese niemals abgeschlossene rationale Kritik, so unvollkommen sie auch sein mag, das Geheimnis hinter dem erstaunlichen Erfolg dieser menschlichen Unternehmungen. Jeden Tag sehen wir neue messbare Ergebnisse. Wäre meine Aorta zehn Jahre früher geplatzt, hätte mich kein Gebet retten können. Es ist zwar auch heute noch kein Routinefall, aber die Chancen dafür, dass ich überleben würde, standen gar nicht so schlecht (heutzutage sterben etwa 33 Prozent der Patienten mit Aortendissektion in den ersten 24 Stunden ohne Behandlung, und die Chancen werden mit jeder weiteren Stunde schlechter).</em></p>
<p><em>Eine Sache ist mir besonders aufgefallen, als ich die medizinische Welt, von der mein Leben jetzt abhing, mit den religiösen Institutionen verglich, die ich in den letzten Jahren so intensiv studiert habe. Eines der freundlicheren, eher unterstützenden Motive, das sich in jeder Religion findet (soweit ich weiß), ist die Vorstellung, dass es vor allem darauf ankommt, wie es in Deinem Herzen aussieht: wenn Du nur gute Absichten hast und Dich bemühst, das zu tun, was (Gott sagt, was) richtig ist, dann ist das alles, was man verlangen kann. Ganz anders in der Medizin! Wenn Du falsch liegst &#8211; und besonders, wenn Du es hättest besser wissen können &#8211; zählen Deine guten Absichten überhaupt nicht. Und während das Handeln nach dem Glauben und ohne weitere Prüfung der Optionen, die einem offen stehen, von Religionen zumeist gelobt wird, gilt es in der Medizin als schwere Sünde. Ein Arzt, der wegen seines festen Glaubens an seine persönlichen Offenbarungen darüber, wie ein Aortenaneurysma zu behandeln ist, nicht getestete Versuche mit menschlichen Patienten durchführte, würde schwer bestraft und dürfte wahrscheinlich nicht länger praktizieren. Es gibt natürlich Ausnahmen. Ein paar verwegene, risikobereite Pioniere werden toleriert, und (wenn sie letzten Endes richtig liegen) am Ende auch geehrt, aber sie können nur bestehen als seltene Ausnahmen vom Ideal des methodisch vorgehenden Forschers, der alternative Theorien gewissenhaft ausschließt, bevor er seine eigene in der Praxis umsetzt. Gute Absichten und Inspiration sind einfach nicht genug.</em></p>
<p><em>Mit anderen Worten, während Religionen einem guten Zweck dienen mögen, indem sie es vielen Menschen ermöglichen, mit dem moralischen Niveau, das diese erreichen können, zufrieden zu sein, so legt doch keine Religion an ihre Mitglieder die hohen Standards moralischer Verantwortung an, wie sie in der säkularen Welt von Wissenschaft und Medizin gelten! Und ich spreche nicht nur über die Standards &#8216;an der Spitze&#8217; &#8211; unter Chirurgen und Ärzten, die täglich Entscheidungen über Leben und Tod treffen. Ich spreche über die Standards der Gewissenhaftigkeit, die auch für Labortechniker und Küchenbedienstete gelten. Diese Tradition setzt ihren Glauben in die </em>unbegrenzte<em> Anwendung von Vernunft und empirischer Forschung, von Prüfung und erneuter Prüfung, und in die gewohnheitsmäßige Frage &#8220;Was, wenn ich falsch liege?&#8221; Berufungen auf Glauben oder Glaubenszugehörigkeit werden nie toleriert. Stellen Sie sich vor, was ein Wissenschaftler zu hören bekäme, wenn er damit argumentierte, dass andere seine Ergebnisse nicht replizieren könnten, weil sie einfach nicht denselben Glauben hätten wie die Leute in seinem Labor! Und, um zu meinem Thema zurückzukehren, es ist das Gute dieser Tradition der Vernunft und der offenen Forschung, der ich verdanke, heute noch am Leben zu sein.</em></p>
<p><em>Was sage ich denn nun denjenigen meiner religiösen Freunde (und ja, ich habe einige religiöse Freunde), die den Mut und die Ehrlichkeit aufbrachten, mir zu sagen, dass sie für mich gebetet haben? Ich habe ihnen gern vergeben, denn es gibt wenige Umstände, die frustrierender sind, als jemandem, dem man nahesteht, nicht auf direktere Weise helfen zu können. Ich bekenne mein Bedauern darüber, dass ich nicht (aufrichtig) für meine Freunde und Verwandten beten konnte, als sie Hilfe brauchten, daher würdige ich das Bedürfnis, wenn ich auch deutlich seine Vergeblichkeit erkenne. Ich übersetze die Bemerkungen meiner religiösen Freunde schnell in die eine oder andere Version dessen, was mir meine Brights-Freunde sagten: &#8220;Ich habe an Dich gedacht und mit ganzem Herzen gewünscht [eine weitere unwirksame, aber unwiderstehliche Bemerkung], dass Du aus all dem heil wieder rauskommst.&#8221; Die Tatsache, dass diese lieben Freunde auf diese Weise an mich gedacht </em>haben<em> und mir das gesagt haben, ist selbst schon, ohne übernatürliche Zutaten, eine wundervolle Medizin. Diese Nachrichten von meinen Verwandten und Freunden aus der ganzen Welt waren in meinem Fall buchstäblich herzerwärmend, und ich bin dankbar für diese Steigerung meiner Moral (in wirklich manische Höhen, fürchte ich!), zu der sie geführt haben. Aber ich mache keine Witze, wenn ich sage, dass ich meinen Freunden verzeihen musste, die sagten, sie hätten für mich </em>gebetet<em>. Ich widerstand der Versuchung zu antworten: &#8220;Danke, ich schätze das, aber hast Du auch eine Ziege geopfert?&#8221; Ich empfinde dafür dasselbe Gefühl, das ich empfände, wenn einer von ihnen gesagt hätte: &#8220;Ich habe gerade einen Voodoo-Medizinmann bezahlt, für Deine Gesundheit einen Zauberspruch zu sprechen.&#8221; Was für eine treudoofe Verschwendung von Geld, das für Wichtigeres hätte ausgegeben werden können! Erwarte nicht von mir, dass ich dankbar bin, oder auch nur gleichgültig. Ich würdige die Zuneigung und geistige Großzügigkeit, die Dich motiviert haben, aber ich wünschte, Du hättest eine vernünftigere Art und Weise gefunden, sie zum Ausdruck zu bringen.</em></p>
<p><em>Aber ist das nicht furchtbar streng? Es schadet doch sicher nicht, wenn diejenigen, die es aufrichtig tun können, für mich beten! Nein, da bin ich mir nicht so sicher. Zunächst einmal, wenn sie </em>wirklich<em> etwas Nützliches tun wollten, hätten sie die Zeit und Energie für das Beten einem dringenderen Projekt widmen können, zu dem sie etwas beitragen </em>können<em>. Und außerdem haben wir eine ziemlich gute Datenbasis (z.B., die kürzlich veröffentlichte <a href="http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16569567" target="_blank">Benson-Studie aus Harvard</a>), um zu glauben, dass Fürbittegebete einfach nicht funktionieren. Jeder, der diese Forschungsergebnisse einfach durch sein Verhalten mit einem Achselzucken wegwischt, unterminiert auf subtile Weise den Respekt für genau die Art des Guten, der ich danke. Wenn Sie darauf bestehen, den Mythos der Effektivität von Gebeten am Leben zu halten, dann schulden Sie uns allen angesichts der Beweislage eine Rechtfertigung. Solange eine solche Rechtfertigung auf sich warten lässt, werde ich Sie dafür entschuldigen, dass Sie sich in Ihrer Tradition wohlfühlen; ich weiß, wie tröstend Traditionen sein können. Aber ich möchte, dass Sie erkennen, dass das, was Sie tun, bestenfalls moralisch fragwürdig ist. Falls Sie jemals auch nur </em>erwägen<em> sollten, einen Arzt wegen Falschbehandlung zu verklagen, oder gegen ein pharmazeutisches Unternehmen vorzugehen, weil es nicht alle korrekten Kontrolltests durchgeführt hat, bevor es Ihnen durch den Verkauf eines Medikaments Schaden zugefügt hat, dann müssen Sie zugeben, dass Sie die hohen Standards rationaler Forschung, die sich die medizinische Welt selbst verordnet hat, stillschweigend anerkennen; und trotzdem frönen Sie weiter einem Verhalten, für das es überhaupt keine bekannte rationale Rechtfertigung gibt, und glauben selbst, dass Sie tatsächlich einen Beitrag leisten. (Versuchen Sie sich Ihre Entrüstung vorzustellen, wenn ein pharmazeutisches Unternehmen auf Ihre Klage mit der unbekümmerten Antwort reagieren würde: &#8220;Aber wir haben gut und ausdauernd für den Erfolg des Medikaments gebetet! Was wollen Sie mehr?&#8221;)</em></p>
<p><em>Das Beste daran, wenn wir </em>Güte sei Dank<em> anstatt </em>Gott sei Dank<em> sagen, ist, dass es wirklich viele Möglichkeiten gibt, unsere Schuld dem Guten gegenüber zurückzuzahlen &#8211; indem wir dazu beitragen, dass es mehr davon gibt, zum Vorteil all derer, die nach uns kommen. Das Gute nimmt viele Formen an, nicht nur die von Medizin und Wissenschaft. Güte sei Dank für die Musik z.B. von Randy Newman </em>[s.u., A.d.Ü.]<em>, die es ohne all diese wundervollen Pianos und Aufnahmestudios nicht geben könnte, ganz zu schweigen von den musikalischen Werken aller großen Komponisten von Bach bis Wagner, von Scott Joplin bis zu den Beatles. Güte sei Dank für frisches Trinkwasser aus der Leitung und für das Essen auf unserem Tisch. Güte sei Dank für faire Wahlen und einen der Wahrheit verpflichteten Journalismus. Wenn Sie Ihre Dankbarkeit der Güte gegenüber ausdrücken möchten, können Sie einen Baum pflanzen, ein Waisenkind ernähren, Bücher für Schulmädchen in der islamischen Welt kaufen oder auf Tausende andere Weisen zu der manifesten Verbesserung des Lebens auf diesem Planeten jetzt und in naher Zukunft beitragen.</em></p>
<p><em>Oder Sie können Gott danken &#8211; aber die ganze Idee, Gott etwas zurückzuzahlen, ist grotesk. Was könnte ein allwissendes, allmächtiges Wesen (der Mann, der alles hat?) mit irgendwelchen armseligen Zahlungen von Ihnen anfangen? (Und im Übrigen hat Gott gemäß der christlichen Tradition bereits die Schuld für alle Zeit beglichen, durch das Opfer seines Sohnes. Versuchen Sie mal, </em>dieses<em> Darlehen zurückzuzahlen!) Ja, ich weiß, diese Motive sollten nicht </em>wörtlich<em> verstanden werden; sie sind symbolisch. Zugestanden, aber dann müssen wir die Vorstellung, dass Sie mit Ihrem Dank an Gott tatsächlich etwas Gutes tun, auch symbolisch verstehen. Ich ziehe wirklich Gutes symbolisch Gutem vor.</em></p>
<p><em>Aber ich entschuldige dennoch all diejenigen, die für mich beten. Ich sehe sie so wie Wissenschaftler, die gut belegten Theorien widerstehen, die sie nicht mögen, obwohl schon seit langem ein eleganter Rückzug die angemessene Reaktion gewesen wäre. Ich applaudiere Ihnen für die Loyalität Ihrer eigenen Position gegenüber &#8211; aber bedenken Sie: Loyalität gegenüber der Tradition ist nicht genug. Sie müssen sich fortwährend selbst fragen: Was, wenn ich falsch liege? Auf lange Sicht, so glaube ich, können wir von religiösen Menschen verlangen, dass sie sich an den gleichen hohen moralischen Standards messen lassen wie die säkularen Menschen in Wissenschaft und Medizin.</em></p>
<p>Übersetzt von Harald Stücker</p>
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		<title>Wie unwahrscheinlich sind Sie?</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Nov 2011 21:39:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie existieren? Nicht etwa jemand wie Sie, etwa eine mögliche Schwester von Ihnen, sondern Sie, mit der einzigartigen genetischen Ausstattung, die Sie unverwechselbar macht? Die Wahrscheinlichkeit ist astronomisch gering, und das ist noch untertrieben. Die folgende Grafik von visually (?!) visualisiert einen Versuch von Ali Binazir, diese Wahrscheinlichkeit &#8211; oder besser Unwahrscheinlichkeit [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&amp;blog=17354116&amp;post=4314&amp;subd=evidentist&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4338" class="wp-caption aligncenter" style="width: 529px"><a href="http://www.amazon.de/gp/product/059306612X/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=059306612X" target="_blank"><img class="size-full wp-image-4338    " title="No First Ancestor" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/11/noancestor.jpg?w=519&#038;h=187" alt="" width="519" height="187" /></a><p class="wp-caption-text">Der Stapel der Vorfahren, aus: Richard Dawkins, The Magic of Reality (Grafik: Dave McKean)</p></div>
<p style="text-align:left;">Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie existieren? Nicht etwa jemand <em>wie</em> Sie, etwa eine mögliche Schwester von Ihnen, sondern <em>Sie</em>, mit der einzigartigen genetischen Ausstattung, die <em>Sie</em> unverwechselbar macht? Die Wahrscheinlichkeit ist astronomisch gering, und das ist noch untertrieben.<span id="more-4314"></span></p>
<p>Die folgende Grafik von <a href="http://visual.ly/what-are-odds" target="_blank">visually</a> (?!) visualisiert einen <a href="http://blogs.law.harvard.edu/abinazir/2011/06/15/what-are-chances-you-would-be-born/" target="_blank">Versuch von Ali Binazir</a>, diese Wahrscheinlichkeit &#8211; oder besser Unwahrscheinlichkeit &#8211; Ihrer Existenz zu schätzen. Dabei geht er in der Zeit rückwärts. Je weiter der Zeitpunkt in der Vergangenheit liegt, desto unwahrscheinlicher werden Sie. Binazir geht zurück bis zum Zeitpunkt t<sub>0</sub> der Entstehung des Lebens. Diese Unwahrscheinlichkeit  potenziert sich letztendlich auf 1/10<sup>2.685.000</sup>. Zum Vergleich: Die Anzahl der Atome im uns bekannten Universum wird auf 10<sup>80</sup> geschätzt.</p>
<p>Natürlich kürzt sich jede Besonderheit, die wir aus dieser Unwahrscheinlichkeit für uns vielleicht ableiten möchten, im Alltag raus, denn jeder Einzelne der 7 Milliarden Menschen auf der Welt ist gleich unwahrscheinlich. Aber es geht hier nicht um unser Verhältnis zu den ebenfalls tatsächlich existierenden Menschen, sondern zu den bloß potentiellen, aber nicht aktualisierten Wesen. Denn die Tatsache, dass 7 Milliarden in einer Lotterie von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Googol" target="_blank">Googolschen Ausmaßen</a> das große Los der Existenz gezogen haben, bedeutet umgekehrt, dass für jeden von uns eine giganteske Zahl von Nieten gezogen wurden, beziehungsweise eben nicht gezogen wurden. Wir stehen an der Stelle, die auch eine unvorstellbare Anzahl anderer Wesen hätte einnehmen können. (Ich schreibe &#8220;Wesen&#8221;, weil damit auch alle nicht aktualisierten Spezies gemeint sind, die sich an Stelle von uns Menschen hätten entwickeln können.) Wir sind einzigartige aktualisierte Spitzen eines Eisgebirges von bloß potentiellen Wesen, deren Existenz mit uns unmöglich geworden ist.</p>
<p>Wenn wir mit Binazir ein Wunder als Ereignis definieren, das so unwahrscheinlich ist, dass es praktisch unmöglich erscheint, dann ist unsere &#8211; je eigene &#8211; Existenz ein Wunder. Aus einer solchen Vorstellung kann ein Gefühl der Verantwortung für das eigene Leben entstehen. Und wenn wir uns klarmachen, dass jeder Einzelne eine solche Eisgebirgsspitze ist, auch für das Leben der anderen.</p>
<blockquote><p>&#8220;Nun geh und fühle Dich und handle wie das Wunder, das Du bist.&#8221;</p></blockquote>
<p><em>Siehe auch zum Thema:</em></p>
<ul>
<li><a title="„Wir alle müssen sterben, das heißt, wir haben Glück gehabt“" href="http://evidentist.wordpress.com/2010/11/09/wir-alle-muessen-sterben/" target="_blank">Wir alle müssen sterben, das heißt, wir haben Glück gehabt</a></li>
<li><a title="Schön, dass Sie hier sind!" href="http://evidentist.wordpress.com/2010/12/27/schoen-dass-sie-hier-sind/" target="_blank">Schön, dass Sie hier sind!</a></li>
<li><a title="Sie sind nichts Besonderes" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/07/01/sie-sind-nichts-besonderes/" target="_blank">Sie sind nichts Besonderes</a></li>
</ul>
<p><em>(Grafik verlinkt auf visual.ly, dort zum Vergrößern anklicken)</em></p>
<p><a href="http://visual.ly/what-are-odds" target="_blank"><img class="alignnone  wp-image-4316" title="WhatAreTheOdds_4ebb1b0343634" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/11/whataretheodds_4ebb1b0343634.png?w=675&#038;h=2375" alt="" width="675" height="2375" /></a></p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/'>Ethik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/evolution/'>Evolution</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/perspektive/'>Perspektive</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/werte/'>Werte</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/wissenschaft/'>Wissenschaft</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/zeitloses/'>Zeitloses</a> Tagged: <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/ali-binazir/'>Ali Binazir</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/dave-mckean/'>Dave McKean</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/richard-dawkins/'>Richard Dawkins</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/wahrscheinlichkeit-der-existenz/'>Wahrscheinlichkeit der Existenz</a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/evidentist.wordpress.com/4314/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/evidentist.wordpress.com/4314/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/evidentist.wordpress.com/4314/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/evidentist.wordpress.com/4314/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/evidentist.wordpress.com/4314/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/evidentist.wordpress.com/4314/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/evidentist.wordpress.com/4314/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/evidentist.wordpress.com/4314/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/evidentist.wordpress.com/4314/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/evidentist.wordpress.com/4314/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/evidentist.wordpress.com/4314/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/evidentist.wordpress.com/4314/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/evidentist.wordpress.com/4314/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/evidentist.wordpress.com/4314/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&amp;blog=17354116&amp;post=4314&amp;subd=evidentist&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Gilad Shalit und der Wert des Einzelnen</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Nov 2011 22:57:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Den Medien wird oft vorgeworfen, sie würden Menschen in westlichen Demokratien höher gewichten als Menschen in der islamischen Welt. Aber auch die islamische Welt selbst scheint das zu tun. Das legt zumindest der zwischen Israel und der Hamas frei ausgehandelte Austausch des israelischen Soldaten Gilad Shalit gegen 1027 palästinensische Gefangene nahe. Wie die meisten Menschen im [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&amp;blog=17354116&amp;post=4143&amp;subd=evidentist&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!--?xml version="1.0" encoding="UTF-8" standalone="no"?--> <img class="alignnone" title="Shalit und Netanjahu" src="http://www.aufbauonline.com/image/Li4vZGF0YS91cGxvYWRzL25ld3NfaW1hZ2VzL2NmYjFmNmUxNGI0NDRjNzkxN2ZjNzE3OTZmZWU0ZDJkYmNjYzllODkuanBn.580.700.1.1.70.jpg" alt="" width="580" height="217" /></p>
<p>Den Medien wird oft vorgeworfen, sie würden Menschen in westlichen Demokratien höher gewichten als Menschen in der islamischen Welt. Aber auch die islamische Welt selbst scheint das zu tun. Das legt zumindest der zwischen Israel und der Hamas frei ausgehandelte Austausch des israelischen Soldaten <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gilad_Schalit" target="_blank">Gilad Shalit</a> gegen 1027 palästinensische Gefangene nahe.<span id="more-4143"></span></p>
<p>Wie die meisten Menschen im westlichen Kulturkreis glaube auch ich, dass alle Menschen genau den gleichen Wert und die gleichen Rechte haben, eben die Menschenrechte. Aber diese Idee eines universell gleichen Werts aller Menschen ist eine relativ neue, eine westliche Idee. Jede Kultur bestimmt den Wert selbst, den sie ihren Menschen zuweist. Dieser Gefangenenaustausch liefert uns einen Anhaltspunkt dafür, wie groß der Unterschied zwischen den Kulturen sein kann: Ein Israeli ist 1027 Palästinenser wert.</p>
<p>Netanjahu ist damit eine eindrucksvolle Demonstration gelungen: Er hat seine Feinde vorgeführt, die ihrerseits darüber jubeln, ihn vorgeführt zu haben. Netanjahu wird vorgeworfen, durch die Freilassung von Terroristen bringe er seine Bürger in Gefahr. Aber Israel ist umzingelt von Terroristen und immer in Gefahr. Die größte Gefahr für Israel sind nicht die freigelassenen Terroristen, sondern die Kultur seiner Feinde, die das Leben ihrer eigenen Menschen so gering schätzt, nämlich genau 1/1027tel so gering wie das Leben eines Israelis.</p>
<p>Aus der Evolutionsbiologie kennen wir die Unterscheidung zwischen Quantität und Qualität als evolutionäre Strategien. Viele Nachkommen und geringe elterliche Investition versus wenige Nachkommen und große elterliche Investition, Sperma versus Eier. Quantität ist männlich, Qualität ist weiblich. Der weibliche Kinderzahlrekord liegt bei <a href="http://www.welt.de/wams_print/article2627948/Kindersegen-in-Deutschland.html" target="_blank">69</a>, Männer können es auf bis zu 1000 Kinder bringen, allerdings nur mit Harem. Heute noch lassen sich die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Dschingis_Khan" target="_blank">Spuren Dschingis Khans im Erbgut von 8% der Bevölkerung Asiens nachweisen</a>.</p>
<p>Überall in der Natur entstehen Gruppen in Reaktion auf Gefahren, denen Individuen hilflos gegenüberstehen. Zu diesen Gefahren gehören bei uns Primaten vor allem auch rivalisierende Gruppen. Der äußere Feind schweißt Gruppen zusammen. In menschlichen Gruppen entwickeln sich Religionen als sozialer Klebstoff. Die Religion überzeugt Einzelne, dass es sinnvoll sei, sich für die Gruppe zu opfern. (Dies ist die <a title="Religion ist nützlich. Ja und?" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/07/24/religion-ist-nutzlich-ja-und/" target="_blank">offene Tür, die Evolutionstheologen einrennen</a>.) In Kriegszeiten herrscht immer die Tendenz, zu religiösen Werten zurückzukehren. Denn sie haben als Werte des Kollektivs einen unschätzbaren militärischen Vorteil: Freiheitsrechte müssen nicht erst umständlich eingeschränkt werden, Menschen müssen nicht erst langwierig auf die Zumutung vorbereitet werden, ihre Kinder für das Kollektiv zu opfern.</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3423307447/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3423307447" target="_blank"><img class="alignright  wp-image-4231" title="Fehige, Meggle, Wessels: Der Sinn des Lebens" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/11/mol1.jpg?w=167&#038;h=268" alt="Fehige, Meggle, Wessels: Der Sinn des Lebens" width="167" height="268" /></a>Je weiter sich unsere westlichen Kulturen von ihren religiösen Wurzeln emanzipieren, desto mehr orientieren sie sich am Prinzip der Qualität. Wir werden individueller. Wir sind immer seltener zufrieden damit, dass unser individuelles Leben bloß einen Sinn innerhalb eines kollektiven Ganzen ergibt. Wir fordern einen eigenen Sinn für unser je eigenes Leben. Und wir sind nicht länger bereit, unsere Kinder im Krieg für unsere Gruppe zu opfern.</p>
<p>Diese Entwicklung hin zu Individualität und Subjektivität hat viele Ursachen und ist ein sehr komplexer Prozess. Aber eine einfache Tatsache spielt sicher eine entscheidende Rolle: Wir werden weniger. Unsere Frauen haben im Schnitt unter 2 Kinder, die infolgedessen immer wertvoller werden, sowohl für die Eltern als auch für die Gemeinschaft. Der Wert des Einzelnen steigt so ins Unermessliche. Und wir empfinden ihn universell. Diese Universalität trägt oft groteske Züge. Etwa, wenn wir allen Ernstes <a href="http://www.google.de/#hl=de&amp;sugexp=crnk_totw&amp;cp=37&amp;gs_id=3v&amp;xhr=t&amp;q=darf+man+sich+über+den+tod+bin-ladens+freuen&amp;pq=darf+man+sich+über+den+tod+eines+menschen+freuen&amp;pf=p&amp;sclient=psy-ab&amp;source=hp&amp;pbx=1&amp;oq=darf+man+sich+über+den+tod+bin-ladens+freuen&amp;aq=f&amp;aqi=&amp;aql=&amp;gs_sm=&amp;gs_upl=&amp;bav=on.2,or.r_gc.r_pw.r_cp.,cf.osb&amp;fp=34fbd79056109ada&amp;biw=1920&amp;bih=1103" target="_blank">diskutieren, ob Freude über den Tod Bin Ladens legitim sei</a>. Wir lieben unsere Feinde tatsächlich wie uns selbst.</p>
<p>Unsere Feinde tun das nicht. Aber offenbar hassen sie uns so sehr wie sie sich selbst geringschätzen. Und sie schätzen sich gering, das zeigt der Shalit-Austausch. Tatsächlich orientiert sich die Kultur islamischer Länder am Quantitätsprinzip. <a href="http://britta-kanacher.suite101.de/islam-und-erziehung-zum-individualismus-a81662" target="_blank">Die Umma ist alles, der Einzelne ist nichts</a>. Wachsende Bevölkerungen, kaum Investitionen in Bildung, schon gar nicht für Frauen (und wenn, dann ist es <a href="http://www.wissenrockt.de/2010/03/12/wissenschaft-im-islam-2549/" target="_blank">Bildung unter islamischem Vorbehalt</a>), kaum individuelle Freiheiten. Menschen opfern sich bereitwillig als Märtyrer.</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3100616049/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3100616049" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-4148" title="better-angels-our-nature-why-violence-has-declined-steven-pinker-hardcover-cover-art" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/11/better-angels-our-nature-why-violence-has-declined-steven-pinker-hardcover-cover-art.jpg?w=519" alt=""   /></a>Der Weg von der Quantität zur Qualität wird von uns als moralischer Fortschritt wahrgenommen. Gerade hat <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3100616049/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3100616049" target="_blank">Steven Pinker die Geschichte des beeindruckenden Rückgangs der Gewalt</a> in unserer Kultur geschrieben. Wir ziehen nicht mehr begeistert in den Krieg, wir betrachten ihn als Katastrophe. Das ist neu. Die Uniform als Statussymbol ist aus unserer Öffentlichkeit verschwunden. Wir bemühen uns um Vermeidung ziviler Opfer im Krieg, wir entwickeln Waffen mit „chirurgischer Präzision“. „Menschliche Schutzschilde“ sind für unser Militär ein echtes Problem. Auch wenn vieles davon nur Rhetorik und Propaganda ist, so ist es doch eben nicht mehr die Rhetorik des Krieges. Wo der Wert des Einzelnen steigt, wo der Primat des Kollektivs in Frage gestellt wird, da wird Gewalt geächtet, da ist moralischer Fortschritt.</p>
<p>Aber was muss in einer Kultur passieren, damit der Wert des Einzelnen steigt? Obwohl hier sicher viele Faktoren eine Rolle spielen, legt doch eine einfache ökonomische Faustregel nahe: Er sollte seltener werden. Der wichtigste Faktor aber, um das Bevölkerungswachstum einzudämmen, ist neben der wirtschaftlichen Entwicklung die Emanzipation der Frauen.</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3421045283/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3421045283"><img class="alignright size-full wp-image-4220" title="Ridley_Sex.jpg" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/11/41pyc1mzrll-_sl500_aa300_-e1320880255250.jpg?w=519" alt=""   /></a>Matt Ridley schreibt in seinem Buch <em><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3421045283/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3421045283" target="_blank">Wenn Ideen Sex haben (The Rational Optimist)</a></em> über das Phänomen der sinkenden Geburtenraten:</p>
<blockquote><p>&#8220;Die Korrelation zwischen verbreiteter weiblicher Bildung und niedrigen Geburtenraten ist ziemlich eng, und die Fruchtbarkeit vieler arabischer Länder ist sicher auch deswegen so hoch, weil Frauen relativ wenig Kontrolle über ihr eigenes Leben haben. Wahrscheinlich ist die bei weitem beste Maßnahme zur Senkung der Bevölkerungszahl, die Bildung der Frauen zu verbessern. Es ist evolutionslogisch plausibel, dass Frauen relativ wenig Kinder möchten, die sie dann optimal aufziehen können, während Männer gern viele Kinder haben und sich weniger um die Qualität ihrer Erziehung kümmern.&#8221; (meine Übersetzung aus <em>The Rational Optimist</em>, S. 209)</p></blockquote>
<p>Wie gesagt, die Strategie der Qualität ist weiblich, die der Quantität männlich. Für die Menschen in der islamischen Welt ist das natürlich ein ernüchternder Befund. Überall auf der Welt verhilft wirtschaftliche Prosperität dem Qualitätsprinzip zu mehr Gewicht und sorgt dafür, dass die Geburtenraten sinken und der Einzelne an Wert gewinnt. Auch in islamischen Ländern könnte das so sein. Kein Naturgesetz steht dem entgegen. Nur die Macht der Männer und ihrer Religion.</p>
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		<title>Sollten wir für unsere Überzeugungen sterben?</title>
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		<pubDate>Thu, 27 Oct 2011 22:24:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
				<category><![CDATA[Überzeugung]]></category>
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		<description><![CDATA[Im letzten April wurden UN-Mitarbeiter im nordafghanischen Masar-i-Sharif abgeschlachtet. Nur ein Russe kam mit dem Leben davon, weil er das islamische Glaubensbekenntnis mit der MG an der Schläfe herbeten konnte: „Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet“. Auf Facebook war der treffende Kommentar zu lesen, wir sollten unseren Kindern diesen Satz einschärfen. [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&amp;blog=17354116&amp;post=4012&amp;subd=evidentist&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/10/georg_elser-briefmarke.jpg"><br />
</a><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/10/sebastian.jpg"><img class="alignright  wp-image-4044" title="sebastian" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/10/sebastian.jpg?w=251&#038;h=393" alt="" width="251" height="393" /></a>Im letzten April wurden UN-Mitarbeiter im nordafghanischen <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,755142,00.html" target="_blank">Masar-i-Sharif abgeschlachtet</a>. Nur ein Russe kam mit dem Leben davon, weil er das islamische Glaubensbekenntnis mit der MG an der Schläfe herbeten konnte: „Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet“. Auf Facebook war der treffende Kommentar zu lesen, wir sollten unseren Kindern diesen Satz einschärfen. Er kann über Leben und Tod entscheiden. Aber sollten unsere Kinder diesen Satz aufsagen, nur um sich vor religiösen Amokläufern zu retten? Wer selbst Kinder hat, wird diese Frage wohl nicht mal verstehen &#8230; es sei denn, er ist religiös.</p>
<p><span id="more-4012"></span>Einem <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,789062,00.html" target="_blank">christlichen Pastor, der angeblich früher Moslem war, droht im Iran die Todesstrafe</a>. Die Diplomatie ist in Aufruhr. Aber warum? Der Iran ist eine theokratische Diktatur. Auf Apostasie steht laut Koran die Todesstrafe. Wie unterscheidet sich dieser Fall von dem des UN-Mitarbeiters? Warum spricht der Pastor nicht einfach das islamische Glaubensbekenntnis, um zu überleben? Er hat zwei Kinder und damit Grund und Verantwortung genug, zu überleben. Er könnte ja trotzdem im Verborgenen Christ bleiben. Warum tut er das nicht? Vor allem aber: Warum legt ihm das niemand nahe?</p>
<p>Die Vorstellung, es sei wertvoll und tugendhaft, für die eigenen Überzeugungen zu sterben, ist weit verbreitet. Sie ist Teil unseres so oft beschworenen christlichen Erbes. Aktuell ziehen zwar vor allem islamische Märtyrer die Aufmerksamkeit auf sich. Aber gerade die christliche Kultur ist eine Märtyrerkultur, sie wurde auf dem Märtyrertod gegründet. So heißt es im Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. <a href="http://www.vatican.va/archive/DEU0035/_P8P.HTM#5W" target="_blank">2473</a>:</p>
<blockquote><p>&#8220;Das Martyrium ist das erhabenste Zeugnis, das man für die Wahrheit des Glaubens ablegen kann; es ist ein Zeugnis bis zum Tod. Der Märtyrer legt Zeugnis ab für (&#8230;) die Wahrheit des Glaubens und die christliche Glaubenslehre.</p></blockquote>
<p>Ich will im Folgenden versuchen zu zeigen, warum der Märtyrertod als &#8220;Zeugnis&#8221; innerhalb eines religiös-ideologischen Weltbilds ein Wert sein muss, und warum er innerhalb eines skeptisch-rationalen Weltbilds kein Wert sein sollte.</p>
<div>
<p>Eine Überzeugung ist eine Einstellung zu einem Sachverhalt. Dieser besteht oder er besteht nicht, unabhängig von der Einstellung. Wir können uns also irren. Und bei der Einstellung können wir unterscheiden zwischen einer kognitiven Dimension, nämlich der subjektiven Wahrscheinlichkeit, die wir dem Sachverhalt beimessen, und einer moralischen Dimension. Sie bewertet das Halten der Überzeugung selbst. Ist es wichtig oder unwichtig, richtig oder falsch, gut oder schlecht, diese Überzeugung zu haben?</p>
<p>Der religiös-ideologische Idealfall sieht jetzt so aus:</p>
<div>
<ul>
<li>Die kognitive Dimension der Überzeugung orientiert sich an der Glaubens-Wahrheit. Da diese schon feststeht, ist die Sache einfach. Fragen, die nicht direkt mit der Glaubens-Wahrheit zu tun haben, sind immer im Lichte einer Interpretation der Glaubens-Wahrheit zu entscheiden. Daher sind Glaubens-Wahrheitsgelehrte immer zuständig, auch wenn sie von dem jeweiligen Sachgebiet keine Ahnung haben.</li>
<li>Die moralische Bewertung der Überzeugung ist klar: Jede dogmatisch richtige Überzeugung ist gut, jeder Zweifel an einer Glaubens-Wahrheit ist schlecht.</li>
</ul>
<p>Diese moralische Bewertung ist hier von besonderer Bedeutung: Da es außer den grundlegenden Texten, außer Tradition und Autorität von Schriftgelehrten und Hohepriestern keine Evidenz für Glaubens-Wahrheiten gibt, erhält das Bekenntnis selbst ungeheures Gewicht. Märtyrertum ist ein &#8220;Zeugnis&#8221;, ein Zeichen. Es steht für die kaum steigerbare emotionale und moralische Intensität des Glaubens. Es soll die Glaubens-Wahrheit belegen. Es ist ein überaus effektives Zeichen. Tatsächlich sind wir beeindruckt von der Glaubenskraft eines Märtyrers. Aber wie so oft, nutzt die Religion hier nur eine Schwäche unseres Denkens aus: Die im Märtyrertod implizite rhetorische Frage lautet: Kann jemand irren, der so stark glaubt? Die richtige Antwort muss aber natürlich lauten: Ja, warum nicht? Auch wenn ich um den Tisch tanze, auch wenn ich mich auf den Kopf stelle, auch wenn ich mich umbringen lasse, nichts davon ist ein Beleg für die Wahrheit meiner Überzeugung, bestenfalls für die Intensität, mit der ich sie für wahr halte.</p>
</div>
<div>
<p>Der skeptisch-rationale Idealfall sieht so aus:</p>
<ul>
<li>Die subjektive Wahrscheinlichkeit der Überzeugung orientiert sich an den Gründen, die sich aus einer möglichst unvoreingenommenen Untersuchung ergeben.</li>
<li>Und moralisch gesehen gilt: Es ist gut, wenn Du nur die Überzeugungen hast, die Du ausreichend gut belegen kannst. Die Tatsache selbst, eine bestimmte Überzeugung zu haben, hat keinen Wert, der unabhängig wäre von den Belegen, die für sie sprechen. Ändern sich die Daten, ändert sich die Überzeugung.</li>
</ul>
<p><a href="http://edge.org/annual-question/what-have-you-changed-your-mind-about-why" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-4059" style="margin-right:5px;margin-left:5px;" title="edge_changed" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/10/edge_changed.jpg?w=519" alt=""   /></a>Die Lehre aus Theorie und Geschichte der Wissenschaft ist kognitive Bescheidenheit: &#8220;Wahrheit&#8221; ist ein großes Wort, und wir nähern uns ihr bestenfalls an, sie bleibt jedoch unerreichbar. Diese Haltung der kognitiven Bescheidenheit ist auch ein zentraler Wert einer humanistisch-diesseitigen Ethik. Wer sich daran gewöhnt hat, die Wahrheit immer nur am Horizont zu sehen, wird weder bereit sein, für sie zu sterben noch für sie zu töten. Eine Überzeugung, die auf wissenschaftlicher Grundlage steht, muss nicht als Beleg für sich selbst herhalten. Diktatorischer Druck von außen kann also ein ausreichender Grund sein, eine solche Überzeugung zu verleugnen. Was soll&#8217;s? Es muss, wie immer im Leben, eine Güterabwägung stattfinden. Das Leben ist kostbar, die Wahrheit sorgt für sich selbst. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Galileo_Galilei" target="_blank">Galileo Galilei</a> hat also höchst vernünftig gehandelt, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Giordano_Bruno" target="_blank">Giordano Bruno</a> hingegen eher töricht. Gegenüber katholischen oder islamischen oder anderweitig ignoranten Machthabern muss die Devise lauten: Weiterleben, um im Verborgenen weiter forschen zu können. Es hat keinen Sinn, für eine wissenschaftliche Theorie zu sterben.</p>
<p><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/10/georg_elser-briefmarke.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-4099" style="border-color:initial;border-style:initial;border-width:0;" title="Georg Elser" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/10/georg_elser-briefmarke.jpg?w=240&#038;h=235" alt="Georg Elser" width="240" height="235" /></a>Es gibt aber sicher gute Gründe, für eine freie Gesellschaft zu streiten und auch, für sie zu sterben. Aber wenn schon Märtyrertod, dann sollte er eine mächtige Waffe sein, kein &#8220;Zeugnis&#8221;, kein bloßer Kommunikationsversuch. Wer im Krieg gegen Tyrannen stirbt, stirbt nicht umsonst. Natürlich billigen wir nicht die Motive islamistischer Selbstmordattentäter, aber wir wären heute etwa einem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Elser" target="_blank">Georg Elser</a> grenzenlos dankbar, hätte er seine Bombe gegen Hitler direkt selbst und mit Erfolg gezündet, statt per Zeitzünder und auf tragische Weise vergebens. Andererseits: Der Märtyrertod als Kommunikationsversuch, nur um einen Punkt zu machen, hat wohl noch nie zum Sturz von Unrechtsregimen geführt. Ein System, das Menschen hinrichtet, die für die Menschenrechte eintreten, wird durch Menschen, die sich dafür hinrichten lassen, kaum beeindruckt werden. Eine Diktatur, ein Terrorregime muss gestürzt, nicht überzeugt werden.</p>
<p>Anders als wissenschaftliche Theorien sorgen Glaubens-Wahrheiten aber eben nicht für sich selbst. Ohne Überlieferung, ohne Mission und ohne Religionsunterricht verschwinden sie. Es gibt keinen Anlass für Gläubige, ihre Wahrheiten gelassen sich selbst zu überlassen. Religionen und Ideologien sind darauf angewiesen, dass ihre Träger, die Gläubigen, sich für sie einsetzen, dass sie &#8220;Zeugnis ablegen&#8221;, notfalls mit dem eigenen Leben. Der Märtyrertod als Zeugnis muss daher für jede religiöse Ideologie wertvoll und geboten sein. Mit einem klaren analytischen Blick können wir allerdings leicht sehen, dass das gesamte Leid aller Märtyrer nicht den kleinsten Beleg darstellt für das, wofür sie gestorben sind. Der religiöse Märtyrer ist eine tragische Figur.</p>
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