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	<title>Evidenz-basierte Ansichten</title>
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		<title>Evidenz-basierte Ansichten</title>
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		<title>Das obszöne Tagebuch der Anne Frank</title>
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		<pubDate>Fri, 03 May 2013 21:19:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Das Tagebuch der Anne Frank ist Symbol und Dokument zugleich. Symbol für den Völkermord an den Juden durch die Nazi-Verbrecher und Dokument der Lebenswelt einer einzigartig begabten jungen Schriftstellerin.“ So steht es auf dem Buchrücken meiner einfachen Taschenbuchausgabe. Jetzt wurde bekannt, dass eine besorgte Mutter in den USA Anne Franks Werk „pornografisch“ findet.  Das Tagebuch [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=8477&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>„Das Tagebuch der Anne Frank ist Symbol und Dokument zugleich. Symbol für den Völkermord an den Juden durch die Nazi-Verbrecher und Dokument der Lebenswelt einer einzigartig begabten jungen Schriftstellerin.“ So steht es auf dem Buchrücken meiner einfachen Taschenbuchausgabe. Jetzt wurde bekannt, dass eine besorgte Mutter in den USA Anne Franks Werk „pornografisch“ findet. </em></p>
<div id="attachment_8614" class="wp-caption aligncenter" style="width: 529px"><a href="http://www.flickr.com/photos/66528566@N00/384855194/" target="_blank"><img class=" wp-image-8614" alt="Anne-Frank-Utrecht" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/05/anne-frank-utrecht-e1367613961153.jpg?w=519&#038;h=301" width="519" height="301" /></a><p class="wp-caption-text">Anne Frank Statue in Utrecht &#8211; © Marco Nijland, CC BY-NC-SA 3.0</p></div>
<p>Das Tagebuch der Anne Frank gilt als großes literarisches Werk.</p>
<blockquote><p>Bezüglich Anne Franks Schreibstil äußerte der Dramaturg Meyer Levin, der mit Otto Frank kurz nach der Veröffentlichung an einer dramaturgischen Umsetzung des Tagebuchs arbeitete, dass das Tagebuch „die Spannung eines gut konstruierten Romans erhält“. (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tagebuch_der_Anne_Frank#Literarische_Einordnung" target="_blank">Wikipedia</a>)</p></blockquote>
<p>Vor allem gilt es als einzigartiger <em>Coming-of-Age</em>-Roman, als authentische Schilderung des Erwachsenwerdens einer jungen Frau unter beispiellos beengten, und dadurch besonders dramatischen Umständen, immer unter dem Damoklesschwert der Entdeckung, das schließlich am 4. August 1944 tatsächlich fällt. Anne Frank wurde keine 16 Jahre alt.</p>
<blockquote><p>Der Dichter John Berryman schrieb, es sei eine einzigartige Beschreibung „des mysteriösen, fundamentalen Prozesses, bei dem ein Kind zum Erwachsenen wird, wie es wirklich passiert“. Die Biografin Melissa Müller hob hervor, Anne schreibe „in einem präzisen, sicheren, ökonomischen Stil, dessen Ehrlichkeit verblüfft“. (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tagebuch_der_Anne_Frank#Literarische_Einordnung" target="_blank">Wikipedia</a>)</p></blockquote>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/B009M697HA/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B009M697HA&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21" target="_blank"><img class="wp-image-8489 alignright" alt="Annefrankfischer" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/05/annefrankfischer.jpg?w=181&#038;h=275" width="181" height="275" /></a>Es sind die außergewöhnlichen, tragischen Umstände ihres Lebens und Sterbens, die das Tagebuch der Anne Frank zu dem einzigartigen Zeitdokument machen, als das es gilt. Als Symbol für die Verfolgung und Vernichtung der Juden Europas ist das Tagebuch vor allem ein literarisches Mahnmal. Als solches wird es auch immer wieder von Rechtsradikalen geschändet: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tagebuch_der_Anne_Frank#F.C3.A4lschungsthesen">angezweifelt</a>, <a href="http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ba&amp;dig=2011%2F03%2F22%2Fa0132&amp;cHash=f358dfd256">verhöhnt</a> und <a href="http://www.sueddeutsche.de/panorama/verbrennung-des-anne-frank-tagebuchs-nur-ein-missverstaendnis-1.923950">verbrannt</a>.</p>
<p>Aber nicht nur Rechtsradikale gehen gegen das Buch vor. Jetzt hat sich die Mutter einer Schülerin der 7. Klasse <a href="http://www.huffingtonpost.com/2013/04/29/anne-frank-diary-pornographic-7th-grade-michigan-parent_n_3180134.html" target="_blank">darüber beschwert</a>, dass einige Passagen der in der Schule gelesenen Ausgabe des Tagebuchs der Anne Frank zu explizit, ja geradezu pornografisch seien:</p>
<blockquote><p>It&#8217;s pretty graphic, and it&#8217;s pretty pornographic for seventh-grade boys and girls to be reading.</p></blockquote>
<p>Anne Frank pornografisch? Der Vorwurf ist nicht neu: Bereits 2010 hat eine Schule in Virginia das Monument <a href="http://www.welt.de/vermischtes/article6049286/Amerikaner-finden-Anne-Franks-Tagebuch-obszoen.html" target="_blank">zensiert</a>. Zu den angemahnten „Stellen“ gehören wohl auch die vom 24. März 1944. Ein Auszug:</p>
<blockquote><p>Bevor ich elf oder zwölf Jahre alt war, wußte ich nicht mal, daß es auch noch die inneren Schamlippen gab, die waren überhaupt nicht zu sehen. Und das Schönste war, daß ich dachte, der Urin käme aus dem Kitzler. Als ich Mutter einmal fragte, was dieser Stumpen bedeutet, sagte sie, daß sie das nicht wüßte. Die stellen sich immer so dumm! [...]</p>
<p>Von vorn siehst du, wenn du stehst, nur Haare. Zwischen den Beinen sind eine Art Kissen, weiche Dinger, auch mit Haaren, die beim Stehen aneinanderliegen. Man kann das, was drinnen ist, dann nicht sehen. Wenn du dich setzt, spalten sie sich auseinander, und innen sieht es sehr rot und häßlich fleischig aus. Am oberen Teil, zwischen den großen Schamlippen, ist eine Hautfalte, die bei näherer Betrachtung eigentlich eine Art Bläschen ist. Das ist der Kitzler.</p></blockquote>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/B005MHI0QM/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B005MHI0QM&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21" target="_blank"><img class="alignright  wp-image-8499" alt="AnneFrank_definitive" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/05/annefrank_definitive.jpg?w=191&#038;h=315" width="191" height="315" /></a>Die kritisierte Ausgabe des Tagebuchs heißt <a href="http://www.amazon.de/gp/product/B005MHI0QM/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B005MHI0QM&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21" target="_blank"><em>The Diary of a Young Girl: Anne Frank (The Definitive Edition)</em></a>. Auch meine einfache Taschenbuchausgabe enthält die „pornografischen“ Stellen. In der Einleitung lese ich auf Seite 6:</p>
<blockquote><p>Als das Buch 1947 in den Niederlanden erschien, war es noch nicht üblich, ungezwungen über sexuelle Themen zu schreiben, besonders nicht in Jugendbüchern.</p></blockquote>
<p>Nein, ich wundere mich nicht, dass eine große Subkultur in den USA immer noch in dieser geistigen Enge von 1947 lebt, und ich könnte das Ganze auch einfach mit einem Achselzucken abtun. Aber hier geht mir diese einfältige, bigotte, puritanische Schamradikalität zu weit, hier gerät sie zur Pietätlosigkeit.</p>
<p>Diese Leute sollten ihre Prioritäten neu ordnen! Wer reif genug ist, etwas darüber zu erfahren, wie gnadenlos Menschen andere Menschen töten können, sollte auch in der Lage sein, damit umzugehen, wenn eine junge Frau ihre Genitalien beschreibt.</p>
<p>Natürlich gibt es nicht „die Amerikaner“, und auch außerhalb der USA gibt es genügend Leute, die so denken. Aber in den USA nimmt schon seit einiger Zeit eine bigotte Sexualfeindschaft hysterische Züge an. Ein Wort wie „Nipplegate“ kann dort allen Ernstes Karriere machen, und tabu sind nicht mehr nur im engeren Sinne vulgäre Bezeichnungen für Genitalien wie „cunt“ (eines der „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Seven_Dirty_Words" target="_blank">seven words you can&#8217;t say on television</a>“ von George Carlin), sondern auch völlig neutrale Wörter wie „vagina“. In diesem Land ist nicht nur die „Beschneidung“ männlicher Kinder heute noch akzeptierte Praxis &#8211; eine Praxis, die <a href="http://www.historyofcircumcision.net/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=44" target="_blank">eingeführt wurde, um die Masturbation zu verhindern</a>  &#8211; in diesem Land wurde auch die „Beschneidung“ von Mädchen bis in die 1970er Jahre hinein praktiziert, <a href="http://www.primal-page.com/mutilate.htm" target="_blank">erst 1977</a> von der letzten Krankenversicherung aus dem Leistungskatalog genommen und <a href="http://telling-secrets.blogspot.de/2010/06/fgm-in-usa.html" target="_blank">erst 1996 verboten</a>.</p>
<p>Ein verantwortlicher Beamter in Virginia <a href="http://www.welt.de/vermischtes/article6049286/Amerikaner-finden-Anne-Franks-Tagebuch-obszoen.html" target="_blank">verteidigte 2010</a> die Entscheidung zur Zensur des Tagebuchs der Anne Frank so:</p>
<blockquote><p>Der Kern der Geschichte, der Kampf eines jungen Mädchens gegen schreckliche Grausamkeiten, geht nicht verloren, weil ein paar Seiten überarbeitet wurden, die die jugendliche Wahrnehmung intimer Themen beinhalten.</p></blockquote>
<p>Warum ist diese Geschichte überhaupt pädagogisch wertvoll? Was ist dieser „Kern der Geschichte“? Sicher nicht „der Kampf eines jungen Mädchens“, denn Anne Frank hat im eigentlichen Sinn nicht gekämpft, sie hat sich versteckt. Als Anne Frank sich versteckt hielt und schrieb, deutete nichts darauf hin, dass sie einmal zu einem Symbol werden würde. Ihr Vater Otto Frank zeigte sich nach der Lektüre ihres Tagebuchs, von dem er nichts wusste, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tagebuch_der_Anne_Frank#Ver.C3.B6ffentlichungen" target="_blank">erstaunt</a>: „Ich wusste gar nicht, dass meine kleine Anne so tief war.“ Sie war eben niemand Besonderes, sondern ein ganz normales Mädchen, die in dieser Zeit wie unzählige andere Menschen, jung oder alt, um ihr Überleben bangte. Je mehr sich jugendliche Leser in Anne Frank hineinversetzen können, desto mehr werden sie erahnen können, wie es war, in ständiger Todesangst zu leben. Und sie können sich umso besser in sie hineinversetzen, je mehr sie mit ihr gemeinsam haben. Das sind weder Heroismus noch schriftstellerisches Talent, das sind aber ihre alltäglichen Sorgen und Nöte, die Konflikte mit den Eltern &#8211; und das allen Jugendlichen gemeinsame Interesse an ihrer erwachenden Sexualität. Das verbindet sie mit allen anderen jungen Menschen damals und heute und zu allen Zeiten. Und insofern ist Anne Franks Tagebuch pädagogisch wertvoll. Daher ist der „Kern der Geschichte“ eben ihre Authentizität und ihre Alltäglichkeit. Und dann wird es letzten Endes doch wichtig, wenn sie über ihren eigenen Körper reflektiert.</p>
<p>Aber die Verfechter der Scham möchten verhindern, dass ihre Kinder erfahren, wie Anne Frank ihre Genitalien entdeckt hat. Womöglich haben Sie Angst davor, dass sie auf die Idee kommen könnten, ihre eigenen Genitalien zu erforschen. Das wäre ein erster Schritt hin zu den gefürchteten „<a href="http://thinkprogress.org/health/2013/04/16/1875991/ohio-gateway-sexual-activity/">Gateway Sexual Activities</a>“, einer Klasse von Handlungen, an denen Jugendliche nach der bigotten Logik der <em>„Abstinence-only“</em>-Lehre unbedingt zu hindern sind.</p>
<p>So erfahren die Kinder der Schamradikalen in der unzensierten, definitiven Version eine weitere Gemeinsamkeit mit Anne Frank. Auch sie erhielt von ihren Eltern offenbar keine Antwort auf ihre Fragen zu den sexuellen Aspekten ihrer Anatomie:</p>
<blockquote><p>Als ich Mutter einmal fragte, was dieser Stumpen bedeutet, sagte sie, daß sie das nicht wüßte. Die stellen sich immer so dumm!</p></blockquote>
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		<title>Wer zu Fuß geht &#8211; Feministische Sprachmagie</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Apr 2013 20:28:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Entgenderung der Sprache ist reine Symbolpolitik. Wer wirklich die Situation von Frauen verbessern möchte, sollte den Spielplatz der feministischen Linguistik verlassen und im wirklichen Leben gegen die historischen und brandaktuellen Ursachen der Frauenfeindlichkeit kämpfen: die fortdauernde Förderung und Finanzierung der monotheistischen Religionen. In den letzten Tagen haben sich die Menschen in Deutschland sehr über [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=8394&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die Entgenderung der Sprache ist reine Symbolpolitik. Wer wirklich die Situation von Frauen verbessern möchte, sollte den Spielplatz der feministischen Linguistik verlassen und im wirklichen Leben gegen die historischen und brandaktuellen Ursachen der Frauenfeindlichkeit kämpfen: die fortdauernde Förderung und Finanzierung der monotheistischen Religionen.<span id="more-8394"></span></em></p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/04/fuc39fgc3a4nger.png"><img class=" wp-image-8396 aligncenter" alt="fußgänger" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/04/fuc39fgc3a4nger.png?w=311&#038;h=311" width="311" height="311" /></a></p>
<p>In den letzten Tagen haben sich die Menschen in Deutschland sehr über eine neue Verordnung amüsiert. Wir haben gelernt, dass „der Fußgänger“ ein im Grunde sexistischer Ausdruck ist, denn sein Genus ist männlich. Damit Frauen ab jetzt von der verkehrspolitischen Amtssprache mitgemeint sind, heißt es jetzt nicht mehr „Fußgänger“, sondern „<a href="http://www.verkehrsportal.de/stvo/stvo_25.php" target="_blank">wer zu Fuß geht</a>“.</p>
<p>Die Theorie dahinter: Wer die Sprache entgendert, macht Sexismus unmöglich. Das Problem mit dieser Annahme verdeutlicht sehr schön das folgende Video:</p>
<blockquote><p>„Und helfen Sie besonders Tragenden von Röcken mit Brüsten, denn wer nichts von Technik versteht, ist besonders auf Hilfe angewiesen.“</p></blockquote>
<span class='embed-youtube' style='text-align:center; display: block;'><iframe class='youtube-player' type='text/html' width='519' height='322' src='http://www.youtube.com/embed/WXi08CelH3U?version=3&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;wmode=transparent' frameborder='0'></iframe></span>
<p>„Wer zu Fuß geht“. Wir scheuen Substantive, weil sie ein Genus haben. Lieber drücken wir einfache Substantive durch Relativsatzkonstruktionen aus. Aber welches Genus hat das Pronomen „wer“? Ist „wer“ etwa geschlechtsneutral? Dazu ein paar Beispielsätze.</p>
<p style="padding-left:30px;">„Wer hat seinen Bleistift liegen gelassen?“</p>
<p>Wir könnten auch fragen: „Wer hat ihren Bleistift liegen gelassen?“ Aber damit deuten wir an, dass wir die Besitzerin des Bleistifts schon kennen und nach ihr nicht gefragt wird. Das heißt, „wer“ und „seinen“ beziehen sich auf die dieselbe (unbekannte) Person, „wer“ und „ihre“ beziehen sich auf verschiedene Personen.</p>
<p>Daher sind auch folgende Sätze grammatikalisch korrekt:</p>
<p style="padding-left:30px;">„Wer hat seinen Lippenstift/BH/Tampon liegen gelassen?“</p>
<p>Das Genus von „wer“ ist klar maskulin. Daher können Gender-Änderer auch mit dieser lebensfremden Verkomplizierung der Sprache den Genderteufel nicht austreiben. Trotzdem lassen sich auch Frauen problemlos von „wer“ mitmeinen. Der beste Beweis dafür ist diese Verordnung zur Änderung von „Fußgänger“ zu „wer zu Fuß geht“, deren Verantwortliche das Genus von „wer“ offenbar übersehen haben.</p>
<p>Die Vorstellung, dass wir mit der Sprache eine effektive Stellschraube für gesellschaftliche Prozesse hätten und eine Veränderung der Sprache allein einen sozialen Wandel bewirken könnte, ist eine sprachmagische Vorstellung. Das generische Maskulinum ist Folge einer Jahrtausende alten patriarchalen Gesellschaftsstruktur. Wenn Frauen im Laufe der Evolution einer Sprache als Aktanten, als eigenständig handelnde Individuen kaum vorkommen, so wirkt sich das auf die Struktur der Sprache aus. Aber diese Sprachstruktur determiniert nicht die soziale Realität von Frauen, wie die feministische Linguistik implizit behauptet. Könnte aber eine Änderung der Sprache per Verordnung einen solchen Wandel nicht zumindest unterstützen? Ich glaube nicht. Drei Argumente, warum dieser Einfluss der Sprache maßlos überschätzt wird:</p>
<p>1. Wenn die Überzeugungen der feministischen Linguistik von den Ministerien übernommen und nach und nach umgesetzt werden, sollte man davon ausgehen können, dass sehr viele Frauen daran maßgeblich beteiligt sind. Wenn also eine Änderung der Sprache per Verordnung von oben möglich ist, dann ist der allgemeine Bewusstseinswandel, der dadurch angestoßen werden soll, bereits fast vollendet.</p>
<p>2. Hier ist <a href="http://www.fallacyfiles.org/archive032005.html#03012005" target="_blank">ein Rätsel</a>, dessen entscheidende Stelle nur auf Englisch funktioniert:</p>
<p style="padding-left:30px;"><em>Ein Vater fährt mit seinem Sohn zu einem Fußballspiel, als auf einmal das Auto auf einem Schienenübergang stehenbleibt. In der Ferne ertönt der Warnton eines Zuges. Voller Panik versucht der Vater, den Motor zu starten, schafft es aber nicht, und das Auto wird von dem heranrasenden Zug erfasst. Eine Ambulanz eilt herbei und nimmt die beiden auf. Auf dem Weg zum Krankenhaus stirbt der Vater. Der Sohn lebt noch, aber sein Zustand ist ernst, er muss sofort operiert werden. The surgeon came in, expecting a routine case. However, on seeing the boy, the surgeon blanched and muttered, &#8220;I can&#8217;t operate on this boy―he&#8217;s my son.&#8221;</em></p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/0465045669/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=0465045669&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21" target="_blank"><img class="alignright  wp-image-8430" alt="hofstadter_metamagical" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/04/hofstadter_metamagical.jpg?w=199&#038;h=300" width="199" height="300" /></a>Das Rätsel stammt von Douglas Hofstadter, der es 1982 in <em>Scientific American</em> und 1985 in dem Buch <a href="http://www.amazon.de/gp/product/0465045669/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=0465045669&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21" target="_blank"><em>Metamagical Themas</em></a> (Kap. 7, „Changes in Default Words and Images“) veröffentlicht hat. Warum ist das überhaupt ein Rätsel? Weil damals wohl höchst selten Frauen Chirurgen waren. (Das war einige Jahre vor der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Emergency_Room_%E2%80%93_Die_Notaufnahme" target="_blank">Serie <em>Emergency Room</em></a>, in der viele <em>doctors</em> und <em>surgeons</em> Frauen waren.) Das innere Bild, das sich jeder von diesem Chirurgen machte, war das Bild eines Mannes. Somit hat es bei den meisten sehr lange gedauert, bis sie auf die nächstliegende Lösung kamen: Der Chirurg ist die Mutter des Jungen!</p>
<p>In unserem Zusammenhang ist dieses Rätsel deshalb interessant, weil es (im Englischen) keinerlei sprachlich kodierte Hinweise auf das Geschlecht des Chirurgen enthält. Das bedeutet also, dass auch nach jeder magischen Gender-Änderung das Rätsel immer noch genauso bestünde. Denn die stillschweigende Annahme „Chirurg, Geschlecht männlich“ wird hier nicht sprachlich kodiert. Wenn wir inzwischen leichter auf die Lösung kommen, dann liegt das nicht an der Sprache, sondern nur daran, dass inzwischen mehr Frauen Chirurgen sind. Die stillschweigenden Annahmen, die Frauen ausschließen, werden nicht durch das generische Maskulinum verursacht. Solche Annahmen sind in einer patriarchalen Gesellschaft einfach erfolgreich. Verändert sich aber die Gesellschaft, werden sie immer wieder falsifiziert und immer seltener bestätigt. Wenn also unser Ziel ist, dass mehr Frauen Chirurgen, Abgeordnete oder Firmenchefs werden, dann sollten wir die Strukturen von Ausbildung, Beruf und Leben verändern, aber nicht sprachlichen Hokuspokus treiben.</p>
<p>3. Wenn wir nicht einen immer größeren Eiertanz vollführen wollen, um möglichst alle genusanzeigenden Informationen aus unseren Äußerungen zu entfernen, dann wäre vielleicht eine radikale Änderung der Struktur unserer Sprache geboten. Es könnte mit einigem Recht dafür argumentiert werden, dass das Problem der feministischen Linguistik nicht die eine oder andere generisch verwendete männliche Form ist, sondern das Genus selbst. Also weg mit dem Genus!</p>
<p>Weg mit dem Genus? Geht das denn überhaupt? Es wurde wahrscheinlich noch nie versucht, ein Genussystem ganz abzuschaffen, aber größer als bei der letzten Rechtschreibreform kann der Aufstand kaum werden. Im Prinzip ist das aber kein Problem, denn es gibt Sprachen ohne Genus, nach <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Genus#Kein_Genus" target="_blank">Wikipedia</a> ist das sogar die Hälfte aller Sprachen. Nach der Logik der Gender-Änderer sollte wohl gelten: Wenn eine Sprache kein Genussystem kennt, leben Frauen in den Ländern, in denen diese Sprachen gesprochen werden, freier und emanzipierter.</p>
<p>Schauen wir uns einige Beispiele für Sprachen ohne Genus an. In Klammern die Länder, in denen sie gesprochen werden:</p>
<p>Armenisch (Armenien), Assamesisch (Bangladesch), Georgisch (Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Griechenland, Iran, Russland, Türkei), Persisch (Iran, Afghanistan, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan, Bahrain, Irak), Zentral- und Südkurdisch (Iran, Irak), Malaiisch (Indonesien)</p>
<p>Das sieht ernüchternd aus. Wenn die Sprache wirklich den Einfluss auf die soziale Realität von Frauen hätte, den die Gender-Änderer vermuten, sähe diese Realität in diesen Ländern sicher anders aus.</p>
<p>Die soziale Realität der Frauen in den meisten dieser Länder hat mit einer patriarchalen Struktur zu tun, die überall außerhalb der aufgeklärten westlichen Welt noch offen religiös begründet wird. Aber auch wir haben immer noch mit diesem Erbe zu kämpfen. Anstatt symbolische Siege zu feiern, sollten Feministen also lieber vehement gegen die fortdauernde Förderung und Finanzierung der monotheistischen Religionen vorgehen. Man sollte dagegen protestieren, dass unsere Medien tagelang auf einen Schornstein starren und auf erschütternd unkritische Weise die vielleicht stärkste reaktionäre Macht der Welt in Sondersendungen feiern, nur weil ein <a title="Kein Beifall für Ratzinger!" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/06/22/kein-beifall-fur-ratzinger/" target="_blank">Reaktionär</a> dem <a href="http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/reformauftrag-papst-franziskus-laesst-rebellische-nonnen-ruegen-a-894511.html" target="_blank">nächsten</a> die Klinke in die Hand gibt. Was die katholische Hegemonie für Frauen bedeutet, hat nicht zuletzt die Affäre um die <a href="http://www.sueddeutsche.de/panorama/koeln-katholische-kliniken-weisen-vergewaltigungsopfer-ab-1.1575220" target="_blank">katholischen Kölner Kliniken</a> im Januar 2013 gezeigt. Man sollte lieber mutige Frauen wie Necla Kelek, Seyran Ates, Ayaan Hirsi Ali und andere unterstützen, die die offenkundige Frauenverachtung des Islams anprangern. Und gerade diejenigen, die politische Verantwortung tragen, sollten mit aller Macht und Entschiedenheit vorgehen gegen Ehrenmorde, Zwangsehen, <a href="http://evidentist.wordpress.com/2013/03/09/weg-mit-der-jungfrau/" target="_blank">Jungfrauenkult</a>, Geschlechtersegregation (<a href="http://news.yahoo.com/physicist-walks-gender-segregated-debate-london-university-215023206.html" target="_blank">nehmt Euch ein Beispiel an Lawrence Krauss</a>); die Liste der wirklichen Probleme ist lang. Aber gerade diejenigen, die sich mit der immer weitergehenden Entgenderung der Sprache immer lächerlicher machen, <a href="http://www.deutschland.net/content/aufschrei-kreisch-und-so-claudia-roth-die-kirche-braucht-jetzt-einen-reformpapst" target="_blank">wünschen sich hoffnungslos naiv einen „Reformpapst“</a> oder heißen den Islam „<a href="http://hpd.de/node/14675" target="_blank">zu seinen eigenen Bedingungen</a> am herzlichsten willkommen.</p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://evidentist.wordpress.com/category/aufklarung/'>Aufklärung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/erziehung/bildung/'>Bildung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/erziehung/'>Erziehung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/humanismus/'>Humanismus</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/illusion/'>Illusion</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/uberzeugung/religion/'>Religion</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/sakularismus/'>Säkularismus</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/werte/'>Werte</a> Tagged: <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/ayaan-hirsi-ali/'>Ayaan Hirsi Ali</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/douglas-hofstadter/'>Douglas Hofstadter</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/feministische-linguistik/'>Feministische Linguistik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/gender/'>Gender</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/genus/'>Genus</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/islam/'>Islam</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/katholische-kirche/'>Katholische Kirche</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/lawrence-krauss/'>Lawrence Krauss</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/linguistik/'>Linguistik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/necla-kelek/'>Necla Kelek</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/papst/'>Papst</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/seyran-ates/'>Seyran Ates</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/sprachwissenschaft/'>Sprachwissenschaft</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/war-on-women/'>War on Women</a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/evidentist.wordpress.com/8394/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/evidentist.wordpress.com/8394/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=8394&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Weg mit der „Jungfrau“</title>
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		<pubDate>Sat, 09 Mar 2013 11:19:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Sexismus-Debatte hat einen zentralen Aspekt vernachlässigt, nämlich den der religiös motivierten Frauenverachtung. Im Zentrum dieser systematischen Diskriminierung von Frauen liegt das Konzept der „Jungfrau“. Es ist ein Konzept der Unterdrückung, der Scham und des Hasses. Wir sollten es ersatzlos streichen. Der Begriff der „Jungfrau“ ist eine mächtige Waffe im Kampf gegen die weibliche Sexualität, damit [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=8289&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die Sexismus-Debatte hat einen zentralen Aspekt vernachlässigt, nämlich den der religiös motivierten Frauenverachtung. Im Zentrum dieser systematischen Diskriminierung von Frauen liegt das Konzept der „Jungfrau“. Es ist ein Konzept der Unterdrückung, der Scham und des Hasses. Wir sollten es ersatzlos streichen.<span id="more-8289"></span></em></p>
<div id="attachment_8290" class="wp-caption aligncenter" style="width: 282px"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/03/virgina-e1362743608847.jpeg"><img class="wp-image-8290  " alt="Virgina" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/03/virgina-e1362743608847.jpeg?w=272&#038;h=387" width="272" height="387" /></a><p class="wp-caption-text">Vagina, Virgina!</p></div>
<p>Der Begriff der „Jungfrau“ ist eine mächtige Waffe im Kampf gegen die weibliche Sexualität, damit gegen alle Frauen, und damit auch gegen alle Männer. Das Ideal der Jungfrau ist repressiv und brutal. Es ist ein Jahrtausende altes religiöses Ideal. Es lässt sich zwar evolutionsbiologisch erklären und verstehen, aber das gilt auch für Mord und Vergewaltigung. Wenn die „Jungfrau“ rein ist, dann ist Sex unrein. Der Wert der „Jungfrau“ entwertet den Sex und damit das Leben selbst, vor allem aber die Frauen, die Sex und Lebenslust genießen.</p>
<p>Die katholische Verklärung der Jungfrauengeburt ohne Sex als Idealform der Fortpflanzung ist eine Verunglimpfung des normalen weiblichen Lebens. Wenn die Empfängnis ohne Sex das unerreichbare Ideal der Reinheit ist, dann ist jede irdische, sexuelle Empfängnis moralisch minderwertig. Die religiöse Hierarchie der Möglichkeiten sexuellen Verhaltens (einschließlich einer Unmöglichkeit) sieht folgendermaßen aus:</p>
<ol>
<li>rein geistliche Empfängnis, ohne Sex (möglich nur im Mythos)</li>
<li>rein geistliches Leben ohne Sex, dafür aber auch ohne Empfängnis</li>
<li>minimaler Sex, nur zum Zweck der Zeugung</li>
<li>Sex zum Zweck der Zeugung, mit der zusätzlichen Motivation, Lust zu erzeugen oder gar zu maximieren, mit angemessenen Scham- und Schuldgefühlen</li>
<li>Sex zum Zweck der Zeugung, mit der zusätzlichen Motivation, Lust zu erzeugen oder gar zu maximieren, ohne Scham und Schuld</li>
<li>Sex mit dem primären Zweck, Lust zu maximieren, ohne Verhütung (Zeugung nicht ausgeschlossen)</li>
<li>Sex mit dem primären Zweck, Lust zu maximieren, mit Verhütung (Zeugung unerwünscht)</li>
<li>Sex, der gar nicht auf Zeugung abzielen kann, der nicht mal verhüten muss (Homosexualität)</li>
</ol>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/B0073WNSV6/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B0073WNSV6&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21%22" target="_blank"><img class="alignright  wp-image-8324" alt="sex-and-god-darrel-ray" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/03/sex-and-god-darrel-ray.jpg?w=200&#038;h=251" width="200" height="251" /></a>Im religiösen Verständnis ist dies eine Treppe, die vom Himmel direkt in die Hölle führt. Jede Stufe, die wir uns mit unserem sexuellen Verhalten vom Ideal der „jungfräulichen“ Empfängnis entfernen, bedeutet eine schwerere Sünde. Dabei gibt es das Ideal der Stufe 1 nur im Mythos. Stufen 2 und 3 versuchen, ihm so nah wie möglich zu kommen. Sehr viele religiöse Menschen, insbesondere Frauen, empfinden sich als ungenügend, als „sündig“. Sie halten ihre Sexualität für ein Unglück, für einen Grund zur Scham. Darrel Ray beschreibt in seinem Buch <em><a href="http://www.amazon.de/gp/product/B0073WNSV6/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B0073WNSV6&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21%22" target="_blank">Sex and God</a></em> den Unterschied zwischen Schuld und Scham:</p>
<blockquote><p>Scham ist eine tiefere Emotion. Sie umfasst die gesamte Identität einer Person und das Urteil anderer Menschen. Es ist die Idee, dass ein bestimmtes Verhalten aus Ihnen eine schlechte, beschädigte oder moralisch kranke Person macht. (S. 62, meine Übersetzung)</p></blockquote>
<p>Viele denken vielleicht, dass dies alles hinter uns liegt, dass dies ein Kampf ist, den unsere Vorfahren schon für uns gewonnen haben. Aber das ist leider Wunschdenken. Dieser Kampf ist so lange nicht gewonnen, so lange wir den Religionen zugestehen, ihre Werte als für uns alle geltende Werte zu formulieren und zu verbreiten.</p>
<p>In den <a href="http://www.focus.de/politik/ausland/usa/anstand-des-abgeordnetenhauses-verletzt-maulkorb-fuer-us-abgeordnete-nachvagina-aeusserung_aid_767963.html" target="_blank">USA</a> wie in der <a href="http://www.welt.de/politik/ausland/article112039819/Vagina-Streit-entzweit-das-tuerkische-Parlament.html" target="_blank">Türkei</a> kippen religiöse männliche Abgeordnete vor Entsetzen in Ohnmacht, wenn eine Frau das Wort „Vagina“ ausspricht. <a href="http://www.welt.de/newsticker/news3/article113706971/Zollitsch-Pille-danach-bei-Vergewaltigung-moeglicherweise-legitim.html" target="_blank">Gerade erst</a> haben alle Journalisten ihre Mikrofone mit devoter Spannung einem Sprecher der Bischofskonferenz hingehalten, in Erwartung einer moralischen Sensation: Ist Verhütung in Ausnahmefällen jetzt vielleicht doch erlaubt? Man mag dieses öffentliche Interesse an den Verlautbarungen alter asexueller Männer als morbides Interesse abtun. Tatsächlich kümmert sich kaum jemand wirklich darum.</p>
<p>Keuschheitsbewegungen wie „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Wahre_Liebe_Wartet" target="_blank">Wahre Liebe wartet</a>“ haben Zulauf. Manche sehen darin eine positive Entwicklung, da sie glauben, dass Keuschheitsgelübde ungewollte Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten verhindern helfen. Leider ist <a href="http://www.sueddeutsche.de/leben/anti-aids-programme-no-sex-kampagnen-sind-nutzlos-1.862674" target="_blank">das Gegenteil der Fall</a>. Denn es ist <a href="http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/magazine/3846687.stm" target="_blank">wohl unmöglich</a>, Sex bewusst und umsichtig vorzubereiten und Verhütungsmaßnahmen zu treffen, wenn man sich gleichzeitig geschworen hat, keinen Sex zu haben. <a href="http://freethoughtify.com/the-morning-after/" target="_blank">Wenn „es“ dann doch passiert</a>, war es der Alkohol oder der Teufel.</p>
<p>Im Gespräch mit Richard Dawkins erläutert Darrel Ray, dass sich das Sexualverhalten zwischen religiösen und ungläubigen Menschen im Wesentlichen nur in einem Aspekt unterscheidet: den Gefühlen von Schuld und Scham, die es begleiten [ab Min. 2:25]:</p>
<span class='embed-youtube' style='text-align:center; display: block;'><iframe class='youtube-player' type='text/html' width='519' height='322' src='http://www.youtube.com/embed/bYr48dvZ5As?version=3&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;wmode=transparent' frameborder='0'></iframe></span>
<p>Mit dem Erstarken extrem reaktionärer Versionen von Religion sind all die überwunden geglaubten Probleme wieder auferstanden. Jetzt stehen wir Phänomenen gegenüber wie weibliche Genitalverstümmelung, Hymenrekonstruktion und Ehrenmord. Und ohne eine klare moralische Positionierung stehen wir ihnen hilflos gegenüber. Alle basieren auf dem Mythos der „Jungfrau“:</p>
<ul>
<li>Mädchen werden verstümmelt, damit sie von sich aus nicht auf die Idee kommen, Sex zu haben.</li>
<li>Frauen lassen sich ihr Hymen rekonstruieren, um vor ihrem neuen Ehemann und ihrer Familie als unberührt zu gelten.</li>
<li>Schwestern und Töchter werden von ihrer eigenen Familie getötet, weil sie keine „Jungfrauen“ mehr, sondern Frauen sind, die selbst entscheiden wollen.</li>
</ul>
<p>Die <a href="http://www.taz.de/!68058/" target="_blank">Hymenrekonstruktion</a> ist sicher in jedem Einzelfall nachvollziehbar. Jede einzelne Frau ist zu schwach, um einen Kampf gegen ihre frauenverachtende Kultur zu führen. Aber gleichzeitig bekräftigt und stärkt jede einzelne chirurgische Wiederherstellung eines Jungfernhäutchens die Kulturen der Genitalverstümmelung und des „Ehrenmords“.</p>
<p>„<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ehrenmord" target="_blank">Ehrenmord</a>“ ist ein widerwärtiger Euphemismus. Er konnotiert ein ehrenwertes Motiv. Ein „Ehrenmord“ ist kein gewöhnliches Familiendrama mit tragischem Ausgang, ein „Ehrenmord“ ist vorsätzlicher, oft kaltblütiger Mord. Ein „Ehrenmord“ ist ein Angriff auf unsere Werte, auf Menschenrechte, auf Gleichberechtigung, auf Individualismus, auf die Lust am Leben, auf den Wert des Lebens selbst.</p>
<p>Es wird Zeit, dass der Begriff der „Jungfrau“ mit seiner Konnotation der Reinheit stirbt. Wir sollten ihn öffentlich hinrichten. „Jungfrau“ ist ein gutes Beispiel für einen Begriff, der sterben muss, damit Menschen in Frieden und freier Selbstbestimmung leben können. Schicken wir die „Jungfrau“ auf den Müllhaufen der Sprachgeschichte. Dort, neben dem „Fräulein“, dem „<i><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Recht_der_ersten_Nacht" target="_blank">Jus primae Noctis</a></i>“ und dem „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kranzgeld" target="_blank">Kranzgeld</a>“ ist noch viel Platz.</p>
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		<title>Politisch korrekt und moralisch orientierungslos</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Feb 2013 23:01:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die politische Korrektheit ist kein Instrument der Erkenntnis, sondern dient der Meinungspflege innerhalb einer Gruppe. Da sie aber die Tabuisierung auch wissenschaftlicher Hypothesen fordert, ist sie ebenso wie Religion und Esoterik der natürliche Gegner einer jeden skeptisch-säkularen Bewegung. Sollte man meinen. Aber die MIZ tickt anders. Der Text „Falsche Freunde“ von Malte Jessl offenbart, wie sehr [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=8125&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die politische Korrektheit ist kein Instrument der Erkenntnis, sondern dient der Meinungspflege innerhalb einer Gruppe. Da sie aber die Tabuisierung auch wissenschaftlicher Hypothesen fordert, ist sie ebenso wie Religion und Esoterik der natürliche Gegner einer jeden skeptisch-säkularen Bewegung. Sollte man meinen.</em></p>
<div id="attachment_8127" class="wp-caption aligncenter" style="width: 529px"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/02/grooming_monkeys.jpg"><img class=" wp-image-8127" alt="Grooming_monkeys" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/02/grooming_monkeys.jpg?w=519&#038;h=369" width="519" height="369" /></a><p class="wp-caption-text">Meinungspflege politische Korrektheit: <em>Social Grooming</em> für Affen ohne Fell. Foto: Muhammad Mahdi Karim, Licence: GNUFDL, Version 1.2</p></div>
<p><span id="more-8125"></span></p>
<p>Aber die MIZ tickt anders. Der Text „<a href="http://www.miz-online.de/node/379" target="_blank">Falsche Freunde</a>“ von Malte Jessl offenbart, wie sehr diese sogenannte „säkulare Szene“ im magischen Denken der politischen Korrektheit verfangen ist. MIZ steht für die Zeitschrift „Materialien und Informationen zur Zeit“. Sie ist, so kann man wohl sagen, ohne ihr Unrecht zu tun, das Meinungsblatt der „linken säkularen Szene“.</p>
<h5>Politische Korrektheit ist ein religiöses Stratagem</h5>
<p>Die <a href="http://www.focus.de/finanzen/news/tid-29319/political-correctness-klappe-zu_aid_911015.html" target="_blank">politische Korrektheit</a> ist ein Verfahren zur Meinungspflege einer <em>Ingroup</em>, sie dient zur Abgrenzung von der jeweiligen <em>Outgroup</em>. Sie ist die moderne Variante eines uralten Reflexes, nämlich dem, sich der Solidarität der eigenen <em>Ingroup</em> zu vergewissern. Die PC-Tabuisierungen und -Sprachcodes sind also eine Form des <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Social_grooming" target="_blank"><em>Social Groomings</em></a>, die Meinungspflege ist die Weiterentwicklung der Fellpflege für Affen ohne Fell. Die Empörung über politisch nicht korrektes Verhalten ist ein Ritus der Selbstreinigung. Ein <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCndenbock" target="_blank">Sündenbock</a> wird in die Wüste geschickt. Es ist ein geradezu paradigmatisch religiöses Stratagem. Eine „Szene“, die sich selbst „säkular“ nennt, sollte darüber einmal nachdenken.</p>
<p>Diese Meinungspflege findet sich offensichtlich in allen religiösen und politischen Bewegungen wieder, egal ob rechts oder links. Auch rechte <em>Ingroups</em>, die sich ostentativ „politisch inkorrekt“ nennen, pflegen ihre Meinungen und sanktionieren Abweichler. Gut für die Bewegung, schlecht für die Wahrheit. Es ist eine interessante Frage, ob eine größere Bewegung überhaupt darauf verzichten könnte. Aber eine skeptisch-säkulare Bewegung, die ihren Gegnern vorwirft, sich nur gut fühlen zu wollen und sich nicht um Tatsachen zu kümmern, muss es versuchen.</p>
<h5>Die rechten falschen Freunde der gbs</h5>
<p>Seit einiger Zeit wird in der MIZ und auf anderen Kanälen über die rechten Tendenzen in der säkularen Szene <a href="http://www.miz-online.de/node/366" target="_blank">debattiert</a>. Dabei geht es jedoch nicht darum, inwiefern die Etiketten „rechts“ und „links“ relevante Kategorien bezeichnen, wenn es um die Trennung von Staat und Religion geht, sondern wie man sich am besten von den rechten, den „falschen Freunden“ distanzieren kann. Prämisse des Artikels von Malte Jessl ist also, dass jemand, dem Rechte zustimmen können, etwas falsch machen muss. Die Welt ist also weiß oder schwarz, links oder rechts.</p>
<p>Jessl kritisiert vor allem die Giordano Bruno Stiftung, weil sie zu wenig darauf achte, ob ihre Positionen auch Rechte gut finden können. Die gbs ist allerdings keine politische Partei, sondern nennt sich selbst „Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung“. Sie hat daher keine direkten und klar definierten politischen Gegner außer der organisierten Religion und Esoterik und denjenigen politischen Kräften, die sich für den starken Einfluss von Religion und Esoterik einsetzen. Das waren historisch vor allem rechte Kräfte, aber diese Zeiten des seligen, weil übersichtlichen Lagerkampfs sind schon lange Geschichte. Heute sitzen die Kirchenfunktionäre in allen Parteispitzen, auch in denen der SPD und der Grünen.</p>
<p>Zwar mag der Evolutionäre Humanismus besser zu rechten Denkschablonen als zu linken passen, sofern „evolutionär“ betont wird, allerdings kaum, wenn „Humanismus“ im Sinne eines Eintretens für Menschenrechte verstanden wird. Das zeigen auch die <a href="http://www.miz-online.de/node/379" target="_blank">Beispiele</a>, die Jessl anführt: Das hasserfüllte Geseiere eines Herrn Geiser ist abstoßend. Es wird von Jessl nur deshalb zitiert, weil der Herr Geiser ein gbs-Fördermitglied sei. Das ist peinlich. Aber für wen? Offensichtlich zumindest auch für Herrn Geiser, da er das mit dem Humanismus wohl nicht recht verstanden hat.</p>
<p>Soweit zur Form. Allerdings: Die These, dass ein evolutionärer Prozess ein Prozess der natürlichen Auslese ist, der Gewinner und Verlierer hervorbringt, ist eine biologische Binsenweisheit. Sie zu tabuisieren, bringt überhaupt nichts. Die Frage ist doch, wie relevant sie für uns Menschen ist. Fragen wir doch einmal unvoreingenommen &#8211; ohne die Hassrhetorik des Herrn Geiser &#8211; ob ein flächendeckender Sexualfrust tatsächlich ein gewaltiges Aggressionspotenzial generiert. Wollen wir das bestreiten? Weil es uns nicht passt? Nie werden wir die brutale Dynamik in Haftanstalten verstehen, nie den Horror von Massenvergewaltigungen in Kriegen, wenn wir das einfach leugnen, weil es uns nicht gefällt.</p>
<h5>Messer und Scheren: die Karikaturen von Jacques Tilly</h5>
<p><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/02/tilly_messer.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-8133" alt="SONY DSC" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/02/tilly_messer.jpg?w=230&#038;h=300" width="230" height="300" /></a>Jessl kritisiert zusammen mit dem politisch-religiösen Mainstream die ursprüngliche Karikatur von Jacques Tilly zum Thema Beschneidung. Das Urteil lautet: „äußerst verunglückt“. Die „entschärfte“ Version der Karikatur zeigt keine blutigen Messer, sondern nur noch Scheren. Ist das besser? In Großbritannien <a href="http://www.bbc.co.uk/news/uk-england-manchester-21374643" target="_blank">ist gerade ein Kind verblutet</a>, das mit einer Schere beschnitten wurde.</p>
<p><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/02/tilly_scheren.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-8134" alt="tilly_scheren" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/02/tilly_scheren.jpg?w=230&#038;h=300" width="230" height="300" /></a></p>
<p>Natürlich werden die blutigen Messer kritisiert, weil auch Nazis in ihrer antisemitischen Propaganda Juden mit blutigen Messern dargestellt haben, seltener mit Scheren. Aber gerade darin zeigt sich die ganze Oberflächlichkeit der Kritik. Politisch unklug waren die blutigen Messer sicher, denn jetzt konnten die Befürworter der Beschneidung auf die Form der Kritik abheben und den Inhalt ignorieren. Warum aber macht die „linke säkulare Szene“ bei diesem Ablenkungsmanöver von der Sache mit? Tatsächlich kommen bei der rituellen Beschneidung scharfe Messer zum Einsatz, und <a title="Beschneidung: Ignoranz und Sexismus" href="http://evidentist.wordpress.com/2012/09/11/beschneidung-ignoranz-und-sexismus/" target="_blank">es geht um Blut</a>. Aber man will sich mit den Fakten gar nicht erst befassen. Eine klare moralische Positionierung wird vermieden, aus Angst vor den „falschen Freunden“. Menschenrechte, Kinderrechte, alles einerlei. Es geht nur um den größtmöglichen Abstand zu den „falschen Freunden“. Merkt eigentlich niemand, wie viel Macht diesen „falschen Freunden“ dadurch zugestanden wird? Deutungsmacht! Es gibt tatsächlich Leute in der „säkularen Szene“, die ein religiöses Recht auf Beschneidung befürworten, <em>eben weil</em> auch antisemitische und antimuslimische Rechte gegen Beschneidung sind, <em>damit</em> niemand behaupten kann, man sei Antisemit. Oder schlimmer noch: „islamophob“.</p>
<h5>Biologismus</h5>
<p>Und dann der Biologismus. Die GBS erhält zwar von Jessl die Absolution. Sie habe sich „glaubwürdig [vom Biologismus] distanziert“. Allerdings gilt dieser Freispruch nicht für jedes einzelne Beiratsmitglied. Für Thomas Junker, Sabine Paul und Ulrich Kutschera lautet das Urteil: Schuldig des Biologismus!</p>
<div id="attachment_8139" class="wp-caption alignright" style="width: 250px"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/02/eowilson.jpg"><img class=" wp-image-8139" alt="eowilson" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/02/eowilson.jpg?w=240&#038;h=203" width="240" height="203" /></a><p class="wp-caption-text">E.O. Wilson, Foto: Jim Harrison, CC BY 2.5</p></div>
<p>„Biologismus“?! Ja: „Biologismus“! Wir befinden uns im politischen <em>Time Tunnel</em>. Wir schreiben das Jahr 1975. Edward O. Wilson hat gerade sein Buch <a href="http://www.amazon.de/gp/product/0674002350/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=0674002350&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21" target="_blank"><em>On Sociobiology</em></a> veröffentlicht. Das letzte Kapitel dieses Buches beschäftigt sich mit dem Menschen als biologischem Wesen. Die ungeheuerliche These: Die Biologie des Menschen hat Auswirkungen auf soziale Tatsachen. Was nun folgt, ist ein Shit-Tornado gegen Wilson, zu einer Zeit, als es das Wort &#8220;Shitstorm&#8221; noch nicht gibt. Die Thesen, die gegen ihn ins Feld geführt werden, könnten platter nicht sein: Die Biologie spiele keine nennenswerte Rolle. Es gebe keine biologisch relevanten Unterschiede zwischen Männern und Frauen, und schon gar nicht zwischen Menschen verschiedener …äh, regionaler Herkunft. Jeder Mensch werde als unbeschriebenes Blatt geboren, und erst die soziale Umwelt und die Erziehung machten ihn überhaupt zum Menschen. Umwelt sei alles, Anlage nichts. Der Grund für diese paranoide Leugnung unleugbarer Tatsachen? Die Angst vor den falschen Freunden. Die Rechten glauben, dass die Biologie des Menschen eine Rolle spielt. Also muss das falsch sein.</p>
<p>In der Zwischenzeit hat sich aus den grundlegenden Überlegungen von E.O. Wilson die Evolutionspsychologie entwickelt. Inzwischen ist klar, dass die Leugnung der menschlichen Natur intellektuell auf der gleichen Stufe wie der religiöse Kreationismus anzusiedeln ist. Ohne die Hypothese der Evolution wären Biologie und <a title="Keine Zukunft für Retro-Krankenhaus" href="http://evidentist.wordpress.com/2012/05/18/keine-zukunft-fur-retro-krankenhaus/" target="_blank">Medizin immer noch im 18. Jahrhundert</a>. Die Annahme, dass der menschliche Geist einen anderen Ursprung hat als die Biologie des Gehirns, dass er ohne ein Verständnis der Biologie des Menschen verstanden werden kann, ist eine weitere paradigmatisch religiöse Annahme. Von diesem Niveau aus wäre ein „Abrutschen in einen Biologismus der Warum-Frauen-immer-Schuhe-kaufen-Schublade“ (<a href="http://www.miz-online.de/node/379" target="_blank">Jessl</a>) tatsächlich kein Abrutsch, sondern ein Aufstieg.</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3406605974/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3406605974&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21" target="_blank"><img class="alignright  wp-image-8141" alt="darwincode" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/02/darwincode.jpg?w=192&#038;h=270" width="192" height="270" /></a>Sabine Paul und Thomas Junker, so Jessl, „vertreten in ihrem Buch ein stark auf die Biologie reduziertes Menschenbild und versuchen sogar, mit Hilfe der Evolutionstheorie Sinnfragen zu beantworten.“ Nicht sehr überraschend, wenn man bedenkt, dass Paul und Junker als GBS-Beiräte offenkundig &#8211; und offen &#8211; die Position des evolutionären Humanismus vertreten. Was sollte das „Evolutionäre“ am Humanismus denn sein, wenn gleichzeitig apodiktisch vorausgesetzt ist, dass die Evolutionstheorie für die Beantwortung menschlicher Sinnfragen nicht relevant ist?</p>
<h5>Islamkritikphobie</h5>
<p>Linke tun oft so, als hätten sie den Humanismus im Sinne des Kampfes für Menschenrechte gepachtet. Das ist aber nicht der Fall. So akzeptieren etwa viele Linke stillschweigend die Ansicht, dass die Androhung der Vernichtung Israels durchaus legitim sei. Warum sonst ist <a href="http://www.berliner-kurier.de/politik---wirtschaft/high-five-skandal-warum-klatscht-sich-claudia-roth-mit-dem-iranischen-botschafter-ab-,7169228,21683570.html" target="_blank">Claudia Roth nach ihrem High Five mit dem iranischen Botschafter</a> nicht politisch tot? Warum sonst ist <a href="http://www.tagesspiegel.de/meinung/spd-und-fatah-nahles-aussenpolitik/7379918.html" target="_blank">Andrea Nahles nach ihrer Beteuerung der „gemeinsamen Werte“ mit der Terrororgansiation Fatah</a> nicht politisch tot? Sind solche Leute die richtigen Freunde?</p>
<p>Das Erstarken des politischen Islams ist die größte Bedrohung für unsere freiheitliche Grundordnung &#8211; und ganz besonders für jegliche säkulare Bewegung innerhalb dieser Grundordnung. Aber eine Kritik am Islam findet auf dem linken Spektrum kaum statt, im Gegenteil: Sie ist tabuisiert, weil politisch inkorrekt.</p>
<p style="padding-left:30px;"><em>[<strong>Update</strong>: Fairerweise möchte ich diesen Punkt in Bezug auf die MIZ einschränken. Redakteur Frank Welker wies mich darauf hin, dass gerade die MIZ und der <a href="http://www.alibri-buecher.de/Buecher/Islamkritik:::1_5.html" target="_blank">Alibri-Verlag</a> sich dafür eingesetzt hätten, dass dieses Thema in der säkularen Szene Beachtung findet. Allerdings sagte er auch, dass sie eben dafür von Teilen der Linken Prügel einstecken mussten.]</em></p>
<p>Diese Kritik wird den Rechten überlassen. Deshalb kann ja auch jede Kritik am Islam gleich als rechtsextrem neutralisiert werden. Was allerdings in linken Kreisen politisch korrekt ist, ist die kampflose Aufgabe unserer Werte, der Menschenrechte. So möchte etwa <a href="http://www.bundestag.de/dokumente/protokolle/plenarprotokolle/plenarprotokolle/17213.txt" target="_blank">Marieluise Beck von den Grünen</a> jüdisches und muslimisches Leben nicht einfach willkommen heißen, sondern „auch zu den Bedingungen der Juden und Muslime [...] und nicht nur zu unseren Bedingungen.“ Dazu schreibt <a href="http://hpd.de/node/14675" target="_blank">Walter Otte</a> sehr zu Recht:</p>
<blockquote><p>„Es zeigt sich jetzt konkret, wohin eine unreflektierte Akzeptanz solcher Rituale wie der Knabenbeschneidung, wohin aber auch eine Wertebeliebigkeit, eine Werteindifferenz führt: zur Relativierung von Menschenrechten.“</p></blockquote>
<p>Darin offenbart sich das größte Problem eines linken Säkularismus: der Moralrelativismus, die moralische Orientierungslosigkeit. Sie zeigt sich auch darin, dass in der aktuellen Sexismusdebatte die offenkundigste und eklatanteste Form des Sexismus, nämlich die <a href="http://berliner-morgen.com/2013/01/30/von-gefuhltem-und-echtem-sexismus/" target="_blank">fundamental-religiös motivierte Frauenverachtung</a> - und speziell die islamische in Form von Zwangsheirat, Ghettoisierung, Jungfrauenkult und Ehrenmord &#8211; nicht thematisiert wird, schon gar nicht von der säkularen Bewegung.</p>
<h5>Der moralische Relativismus ist selbstwidersprüchlich</h5>
<p>Die Moralrelativisten wollen sich nicht anmaßen, einer anderen Kultur vorzuschreiben, „westliche“ Normen zu beachten, auch wenn es sich bei diesen Normen um die Menschenrechte handelt. Aber eine solche radikalrelativistische Position wie die von Frau Beck ist selbstwidersprüchlich. Denn auch die Forderung nach Relativierung von Menschenrechten ist eine starke moralische Position. Frau Beck gibt den Subkulturen völlig freie Hand, mit ihren Menschen das zu tun, was ihnen beliebt. Sie dürfen ihre Kinder beschneiden und indoktrinieren, ihre Frauen aus der Öffentlichkeit entfernen, sie schlagen und zwangsverheiraten. Es würde mich nicht wundern, wenn Frau Beck für Ehrenmörder auf mildernde Umstände plädierte. Frau Beck entscheidet damit, dass diese Menschen nicht in den Genuss der moralischen Fortschritte kommen, die wir wie selbstverständlich in Anspruch nehmen. In der Rhetorik der Moralrelativisten können wir sie fragen: „Wie können Sie sich anmaßen, eine solch weitreichende moralische Entscheidung über andere Menschen zu treffen!?“</p>
<p>Selbstkritik an der eigenen kollektiven Identität ist durchaus positiv zu werten. Die Rechten haben eindeutig zu wenig davon. Aber eine Bewegung, die daraus ableitet, kein Recht darauf zu haben, moralische Werte zu setzen, und keine Pflicht, sie zu verteidigen, hat kein Ziel und keinen Zweck. Eine solche Bewegung kämpft für überhaupt nichts mehr &#8211; außer für die Pflege der eigenen Meinung.</p>
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		<title>Sollen wir Pippi verbrennen?</title>
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		<pubDate>Sat, 26 Jan 2013 21:50:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[The difference between the almost right word &#38; the right word is really a large matter–it’s the difference between the lightning bug and the lightning. Mark Twain, Brief an George Bainton, 1888 Dale McGowan berichtet auf seinem Blog, dass ein Professor in Alabama die Romane von Mark Twain, Huckleberry Finn und Tom Sawyer, von dem Begriff [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=8031&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>The difference between the almost right word &amp; the right word is really a large matter–it’s the difference between the lightning bug and the lightning.<br />
Mark Twain, Brief an George Bainton, 1888<span id="more-8031"></span></p></blockquote>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 193px"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/01/twain.jpg"><img alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5c/Beckwith_Twain.jpg" width="183" height="248" /></a><p class="wp-caption-text">Mark Twain, Gemälde von James Carroll Beckwith 1890</p></div>
<p>Dale McGowan berichtet <a href="http://parentingbeyondbelief.com/blog/?p=5187" target="_blank">auf seinem Blog</a>, dass ein Professor in Alabama die Romane von Mark Twain, <em>Huckleberry Finn</em> und <em>Tom Sawyer</em>, <a href="http://www.newstatesman.com/blogs/cultural-capital/2011/01/word-nigger-twain-gribben-finn">von dem Begriff „Nigger“ säubern und diesen durch „Slave“ ersetzen will</a>. Das erste (und vergleichsweise kleine) Problem: „Nigger“ ist kein Synonym von „Slave“. Das zeigt sich in Sätzen wie:</p>
<blockquote><p>Maybe you’re free, but you’re still a nigger.</p></blockquote>
<p>Nach der Ersetzung lesen wir erstaunt:</p>
<blockquote><p>Maybe you’re free, but you’re still a slave.</p></blockquote>
<p>Das größere Problem ist die Ungeheuerlichkeit, dass sich überhaupt <em>irgendjemand</em> herausnimmt, in Werken der Weltliteratur herumzupfuschen. Natürlich mit den besten Absichten. Wie wir inzwischen wissen, ist diese Form des Banausentums nicht auf die USA beschränkt.</p>
<p>In der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pippi_Langstrumpf#Rezeption" target="_blank">Wikipedia</a> steht über „Pippi Langstrumpf“ zu lesen:</p>
<blockquote><p>„Seit den 1970er Jahren gab es Rassismus-Vorwürfe wegen der Darstellung von Schwarzen in Kinderbüchern, so auch gegenüber Pippi Langstrumpf. [...] Anstoß nahmen Kritiker auch an der Behauptung Pippis, „dass es im Kongo keinen einzigen Menschen gibt, der die Wahrheit sagt. Sie lügen den ganzen Tag.“ 2009 wurde der Text der deutschen Ausgabe überarbeitet und die Bezeichnungen <em>Neger</em> und <em>Zigeuner</em> entfernt. Pippis Vater wurde vom Negerkönig der Originalausgabe von 1945 in Südseekönig umbenannt. Astrid Lindgren hatte zu Lebzeiten eine solche Bearbeitung untersagt.“</p></blockquote>
<p>Leider hat es nichts genützt. Denn jetzt ist sie tot, und wer schert sich um den Willen eines toten Autors? Und wen interessiert der philosophisch einigermaßen anspruchsvolle Kontext, in dem Pippi die Kongolesen „beleidigt“? <a href="http://www.zeit.de/2013/04/Kinderbuch-Sprache-Politisch-Korrekt/komplettansicht" target="_blank">Ulrich Greiner</a> weist darauf hin:</p>
<blockquote><p>„Jetzt lügst du“, sagte Thomas. Pippi überlegte einen Augenblick. „Ja, du hast recht, ich lüge“, sagte sie traurig. „Lügen ist hässlich“, sagte Annika. „Ja, Lügen ist sehr hässlich“, sagte Pippi noch trauriger. „Aber ich vergesse es hin und wieder, weißt du. Und übrigens“, fuhr sie fort, und sie strahlte über ihr ganzes sommersprossiges Gesicht, „will ich euch sagen, dass es im Kongo keinen einzigen Menschen gibt, der die Wahrheit sagt. Sie lügen den ganzen Tag. Sie fangen früh um sieben an und hören nicht eher auf, als bis die Sonne untergegangen ist.“</p></blockquote>
<p>Political-Correctness-Inspektoren sind vielleicht zu verbildet, hierin auf Anhieb das <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCgner-Paradox" target="_blank">Lügnerparadox</a> zu erkennen. Für die meisten 5-jährigen Kinder, die nicht von Gedanken an ein bedenkliches Stereotyp abgelenkt werden, ist das wohl kein Problem.</p>
<div class="wp-caption aligncenter" style="width: 650px"><img alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/7/7d/Filmstaden_2008k.jpg/640px-Filmstaden_2008k.jpg" width="640" height="479" /><p class="wp-caption-text">Es gibt viele Denkmäler für Astrid Lindgren. Ich wette, ihr wäre es lieber gewesen, hätte man einfach ihr Werk in Ruhe gelassen. Foto: Holger Ellgaard CC BY-SA 3.0</p></div>
<h4>Es gibt mehr als eine Art und Weise, ein Buch zu verbrennen</h4>
<p>Dabei sind diese PC-Kommissare nicht nur borniert, sondern vor allem feige. Denn keiner von ihnen traut sich, tatsächlich zu fordern, was sie alle wirklich wollen: Die <em>Säuberung</em> unseres kulturellen Erbes von allen Zeugnissen des Rassismus, Sexismus, etc. Das <em>Ausmerzen</em> schädlichen Gedankenguts. Das <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCcherverbrennung" target="_blank"><em>Verbrennen der Bücher</em></a>, die ein falsches Bewusstsein transportieren. <em>Das</em> ist ihre Fantasie:</p>
<blockquote><p>&#8220;Ich übergebe den Flammen die Schriften von Astrid Lindgren, Michael Ende, Ottfried Preußler, Hergé, Mark Twain, [...]!&#8221;</p></blockquote>
<p>Aber sie trauen sich nicht, weil „Säuberung“, „Ausmerzen“ und „Bücherverbrennung“ selbst kontaminierte Wörter sind, und weil das umstandslose Verbrennen von Büchern zu tendenziell schlechter Presse führt.</p>
<p><img class="aligncenter" style="font-size:13px;" alt="" src="http://www.sensesofcinema.com/wp-content/uploads/2010/07/fahrenheit-451-6.jpg" width="852" height="456" /></p>
<p>Ray Bradbury hat mit <a href="http://www.amazon.de/gp/product/B0064CPN7I/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B0064CPN7I&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21" target="_blank"><em>Fahrenheit 451</em></a> einen Roman über die Zensur geschrieben, der in der Folgezeit selbst immer wieder zensiert und „korrigiert“ wurde. In einem Nachwort macht er sich entnervt Luft:</p>
<blockquote><p>There is more than one way to burn a book. And the world is full of people run­ning about with lit matches. Every minority, be it Baptist / Unitarian, Irish / Italian / Octogenarian / Zen Buddhist, Zionist/Seventh-day Adventist, Women’s Lib/ Republican, Mattachine/ Four Square Gospel feels it has the will, the right, the duty to douse the kerosene, light the fuse. Every dimwit editor who sees himself as the source of all dreary blanc-mange plain porridge unleavened literature, licks his guillotine and eyes the neck of any author who dares to speak above a whisper or write above a nursery rhyme.</p>
<p>[Es gibt mehr als eine Art und Weise, ein Buch zu verbrennen. Und die Welt ist voll von Leuten, die mit brennenden Streichhölzern herumlaufen. Jede Minderheit, ob Baptisten / Unitarier, Iren / Italiener / Achtzigjährige / Zen-Buddhisten, Zionisten / Adventisten des Siebenten Tages, Frauenrechtlerinnen / Republikaner, Schwule / Evangelikale, sie alle fühlen den Willen, das Recht, die Pflicht, das Benzin auszuschütten, die Lunte zu zünden. Jeder schwachsinnige Herausgeber, der sich als Quelle aller tristen, ungesäuerten Pudding-Literatur versteht, wetzt seine Guillotine und taxiert den Nacken eines jeden Autors, der es wagen sollte, seine Stimme zu erheben oder etwas Interessanteres als ein Schlaflied zu schreiben. (Meine Übersetzung.)]</p></blockquote>
<p>Dabei verdient, wer Bücher verbrennt, sogar eine gewisse Ehrenrettung. Zwar begeht er einen Frevel an Literatur und Kultur, aber er erweist den verfemten Autoren einen größeren Respekt als derjenige, der ihre Bücher behutsam „korrigiert“. Der Bücherverbrenner sagt vielleicht:</p>
<blockquote><p>„Dieses Buch ist gefährlich! Es verdirbt unsere Jugend. Es schwächt den Überlebenswillen des Volkes! Es ist defätistisch! Wir können nicht dulden, dass unsere Jugend diese Bücher zu lesen bekommt. Also weg damit!“</p></blockquote>
<p>Der Bücherverbrenner mag das Werk verachten, aber er achtet seine Integrität. Er verbrennt es ganz. Der PC-Korrektor behandelt die Autoren hingegen wie unmündige Kinder:</p>
<blockquote><p>„Das hast Du fein geschrieben. Ich merke, dass Du Dir richtig Mühe gegeben hast. Aber dieses Wort hier solltest Du lieber durch jenes ersetzen, es könnten sich sonst manche Leute beleidigt fühlen. Und dieser Gedanke hier ist für viele Leute ziemlich anstößig. Sie werden ganz traurig, wenn sie das lesen. Das möchtest Du doch sicher nicht, oder? Weißt Du was? Ich ändere das für Dich. Dann merkt niemand, dass Du das jemals so geschrieben hast. Und sicher hast Du es auch nicht so gemeint.“</p></blockquote>
<p>Aber nicht nur die Autoren werden herablassend behandelt. Auch die Rezipienten, die Kinder selbst, werden von diesem beleidigend einfachen Bild ihrer psychischen Entwicklung verhöhnt: Es gibt einen Input, das Wort „Neger“, und einen Output, das rassistische Denken. B.F. Skinner hatte sicher eine höhere Meinung von seinen Tauben als diese Vulgärpsychologen von einem Kind als <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3827005094?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3827005094" target="_blank">unbeschriebenem, aber beliebig zu beschreibendem Blatt</a>. Ich empfinde dieses behavioristische Modell meines Geistes als schwere Beleidigung. Wo kann ich mich beschweren gehen? Welche Bücher müssen umgeschrieben oder verbrannt werden, damit diese Missachtung kindlicher Genialität, Kreativität und Komplexität ein Ende findet? Die von John Locke? Iwan Pawlow? John B. Watson? B.F. Skinner?</p>
<h4>Angriff aufs Weltkulturerbe</h4>
<p>Während ich dies schreibe, erreicht mich die <a style="font-size:13px;" href="http://www.wunschliste.de/tvnews/16996" target="_blank">Nachricht</a>, dass das PC-Dezernat der BBC eine Folge von <em>Fawlty Towers</em> zensiert hat. Die BBC, immerhin der Staatssender im Land von George Orwell. Und <em>Fawlty Towers</em>, immerhin die Serie, die John Cleese drehte, nachdem er mit Monty Python weltberühmt geworden war. Wir reden hier also nicht von einer x-beliebigen Sitcom, wir reden hier vom Weltkulturerbe. In der Folge „The Germans“ fällt gleich mehrmals das Wort „Nigger“.</p>
<span class='embed-youtube' style='text-align:center; display: block;'><iframe class='youtube-player' type='text/html' width='519' height='322' src='http://www.youtube.com/embed/8s4BqzHEK6o?version=3&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;wmode=transparent' frameborder='0'></iframe></span>
<p>Aber wie schon im Falle Pippi Langstrumpf sind die PC-Funktionäre zu einfältig, um Hochkultur wirklich zu begreifen: Der „rassistische Spruch“ wird hier dem alten &#8211; rassistischen &#8211; trotteligen Major in den Mund gelegt. Wer lacht, weil er den Witz verstanden hat, lacht nicht über „Nigger“, sondern über den alten Trottel. Wer sich empört, ist zu dämlich für <em>Fawlty Towers</em>.</p>
<h4>Politische Korrektheit ist magisches Denken</h4>
<p>Die Vorstellung, Wörter trügen Schuld und ihr Ausmerzen könne diese Schuld tilgen, ist magisches Denken in Reinform. Die politische Korrektheit ist in diesem Sinne eine moderne Form der Geisteraustreibung. Sie versucht, die bösen Geister des Rassismus, des Sexismus, und überhaupt jedes falschen Bewusstseins auszutreiben, indem sie ihre Träger, die Wörter, ausmerzt und so die Welt besser macht. Und offenbar schämt sich niemand für so viel naive Einfalt.</p>
<p>Ein Euphemismus hat noch nie einen außersprachlichen Zustand verbessert. Eher ist es umgekehrt. Mit der Zeit wird er kontaminiert und übernimmt die negativen Konnotationen seines Vorgänger-Begriffs. Das ist die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Euphemismus-Tretm%C3%BChle" target="_blank">Euphemismus-Tretmühle</a>. Der „ausländische Gastarbeiter“ erscheint uns inzwischen zwar vor seinem „Migrationshintergrund“, aber dieser transportiert bald schon dieselben negativen Konnotationen, die früher die Wörter „Gastarbeiter“ oder „Ausländer“ transportierten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir „Migrant“ und „Migrationshintergrund“ als beleidigend empfinden.</p>
<p style="padding-left:30px;">[<strong>Update</strong> am 26.2.2013: <a href="http://nationalearmutskonferenz.de/index.php/presse/pressemitteilungen/253-25022013-liste-der-sozialen-unwoerter" target="_blank">Siehe da</a>: Nationale Armutskonferenz, „Liste der sozialen Unwörter“, Nr. 16: „Person mit Migrationshintergrund (<em>=Häufig wird damit „einkommensschwach“, „schlecht ausgebildet“ und „kriminell“ in Zusammenhang gebracht. Während mit diesem Begriff Klischees reproduziert werden, wird er der sehr unterschiedlichen Herkunft der so Bezeichneten nicht gerecht</em>)“]</p>
<h4>Der Wert der Literatur</h4>
<p>Ein ganz entscheidender Punkt kommt den PC-Aposteln bei ihrer eifrigen Arbeit an den Newspeak-Versionen nicht in den Sinn: Der <em>Wert</em> von Literatur. Es ist wie mit frischem Wasser und frischer Luft. Nur wenige bemerken überhaupt, dass es sie gibt. Nur wenige schätzen ihren Wert richtig ein. Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder klarmachen, was Bücher und Filme eigentlich zu bieten haben. Sie sind ein Fenster in andere Vorstellungswelten &#8211; und in andere Zeiten. Sie sind kognitive und emotionale Zeitmaschinen. Wenn wir mit ihnen reisen, schauen wir direkt in die Köpfe von Menschen, die vor langer Zeit gelebt haben. Wir bekommen eine unmittelbare, authentische Vorstellung davon, welche Vorstellung sich der Autor von der Welt gemacht hat. Oder aber wir werden umgeleitet in die armseligen Köpfe fantasieloser Bürokraten, die glauben, besser zu wissen, was der Autor hätte sagen sollen.</p>
<p><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/01/carlsagan_books.jpg"><img alt="carlsagan_books" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/01/carlsagan_books.jpg?w=519&#038;h=389" width="519" height="389" /></a></p>
<p>Ein Buch besteht aus nichts als seinen Zeichen. Es ist dem Buch wesentlich, welche Wörter sie in welcher Reihenfolge bilden. Wem diese Wörter in dieser Reihenfolge nicht gefallen, muss sie nicht lesen. Es gibt unzählige Bücher. Jeder hat zudem das Recht, sein eigenes Buch zu schreiben. (Gemessen an der Anzahl der Neuerscheinungen tut das auch fast jeder.) Aber niemand sollte das Recht haben, Bücher anderer Autoren zu verändern, zu verstümmeln oder zu verpfuschen. Das geschieht öfter, als wir glauben. Dale McGowan hat an den Beispielen <a href="http://parentingbeyondbelief.com/blog/?p=5087" target="_blank">Samuel Pepys</a> und <a href="http://parentingbeyondbelief.com/blog/?p=5219" target="_blank">Charles Darwin</a> gezeigt, wie gefährlich die Reise authentischer Ideen durch die Zeit sein kann. Moralapostel, Bedenkenträger, Tugendwächter lauern hinter jeder Kurve, um zu korrigieren, zu editieren, zu löschen und zu verbrennen.</p>
<p>Wir verstehen das Urheberrecht zu eng und falsch, wenn wir es nur ökonomisch verstehen. Das Urheberrecht sollte das Recht eines Urhebers auf die unverfälschte Reproduktion seines geistigen Eigentums sein. Wir sollten anfangen, dieses Recht ernster zu nehmen, schärfer zu formulieren und Verstöße dagegen streng zu ahnden. Denn dieses Recht nutzt nicht nur dem einzelnen Urheber, sondern uns allen. Es ist die Grundlage unserer gesamten Kultur und Zivilisation.</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3421045283/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3421045283"><img class="alignright size-full wp-image-4220" title="Ridley_Sex.jpg" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/11/41pyc1mzrll-_sl500_aa300_-e1320880255250.jpg?w=519"   /></a>Literatur, Kino, Fernsehserien, ja, auch YouTube-Videos, sie alle sind semiotische Zeitmaschinen. Sie transportieren Ideen über Raum und Zeit. Schrift, Buchdruck, Bibliotheken, Theater, Kamera, Kino, Fernsehen, Internet &#8211; das alles sind technologische Meilensteine. Sie sind nicht nur Teil unseres Weltkulturerbes, sie sind ihr Motor. Gute Ideen entstehen nicht einfach so, sie entstehen durch intimen Kontakt von Ideen mit anderen Ideen. Gute Ideen entstehen, wenn Ideen Sex haben. Wenn wir den technologischen, sozialen, moralischen Fortschritt gutheißen und feiern, dann sollte uns klar sein, dass er nur auf dem freien und unzensierten Sex der Ideen beruht und ohne diesen nicht denkbar ist.</p>
<p>Wenn die Islamisten Buddha-Statuen sprengen, regen sich die gleichen Menschen darüber auf, die selbst der Literatur und der Kunst ihre eigene einfältige Weltsicht aufzwingen wollen. Dabei ist die Verstümmelung von Ideen, sei es aus Motiven der politischen oder der religiösen Korrektheit, immer auch ein Anschlag auf diesen zentralen Motor von Innovation und Fortschritt. Sie ist barbarisch.</p>
<p>_____________</p>
<p><em>Weitere, gute Beiträge zu diesem Thema:</em></p>
<ul>
<li>Zunächst ein Text, der zeigt, dass dieses Thema nicht neu ist, und dass das Schreiben exzellenter Artikel auf lange Sicht nichts nützt. Dieter E. Zimmer in der Zeit vom 23.2.1996: <em><a href="http://www.zeit.de/1996/09/Leuchtbojen_auf_einem_Ozean_der_Gutwilligkeit/komplettansicht" target="_blank">Leuchtbojen auf einem Ozean der Gutwilligkeit.</a></em></li>
<li>Dann die bereits oben verlinkten, sehr lesenswerten Artikel von Dale McGowan von 2011 zur Geschichte des Herumpfuschens an den Werken von Samuel Pepys, Charles Darwin und Mark Twain:
<ul>
<li>Screwing with Pepys (<a href="http://parentingbeyondbelief.com/blog/?p=5087" target="_blank">Part 1</a>, <a href="http://parentingbeyondbelief.com/blog/?p=5098" target="_blank">2</a>, <a href="http://parentingbeyondbelief.com/blog/?p=5100" target="_blank">3</a> and <a href="http://parentingbeyondbelief.com/blog/?p=5129" target="_blank">4</a>)</li>
<li>Screwing with Darwin (<a href="http://parentingbeyondbelief.com/blog/?p=5219" target="_blank">Part 1</a>, <a href="http://parentingbeyondbelief.com/blog/?p=5237" target="_blank">2</a> and <a href="http://parentingbeyondbelief.com/blog/?p=5709" target="_blank">3</a>)</li>
<li><a href="http://parentingbeyondbelief.com/blog/?p=5187" target="_blank">Screwing with Twain</a></li>
</ul>
</li>
<li>Mely Kiyak in der Frankfurter Rundschau vom 18.1.2013: <em><a href="http://www.fr-online.de/meinung/kolumne-liebe-neger-,1472602,21497890.html" target="_blank">Liebe Neger!</a></em></li>
<li>Dazu ihre Antwort auf den Shitstorm der Dimwits (u.a. auch auf die Frage: „Was ist so schlimm daran, die Wörter einfach wegzulassen?“ - „Ganz einfach: Der Autor schreibt den Text, nicht der Leser.“) auf Facebook vom 20.1.2013: <em><a href="https://www.facebook.com/notes/fans-friends-of-mely-kiyak/an-die-leser-meiner-kolumne-liebe-neger/499145596803345" target="_blank">An die Leser meiner Kolumne „Liebe Neger!“</a></em></li>
<li>Und ein sehr schöner Beitrag von Christian Buggisch vom 26.1.2013 (also heute, der in die gleiche Kerbe haut wie mein Text, und demgegenüber ich mich jetzt so ähnlich fühle wie wohl <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Russel_Wallace" target="_blank">Alfred Russell Wallace</a> gegenüber Charles Darwin): <em><a href="http://buggisch.wordpress.com/2013/01/26/der-negerkoenig-und-die-hosenmaler/" target="_blank">Der Negerkönig und die Hosenmaler.</a></em></li>
</ul>
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	</item>
		<item>
		<title>Na gut, dann bin ich eben „Antisemit“</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Jan 2013 00:01:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Vorwurf des Antisemitismus verliert in Deutschland seinen Schrecken. Das ist eine Katastrophe. Denn echte Antisemiten gibt es nach wie vor, auch in Deutschland. Aber der Begriff trifft sie nicht mehr so wie noch vor einigen Monaten. Denn wenn jeder „Antisemit“ genannt wird, der den Vorrang rechtsstaatlicher Prinzipien vor religiösen Geboten fordert, sind auf einmal [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=7940&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Der Vorwurf des Antisemitismus verliert in Deutschland seinen Schrecken. Das ist eine Katastrophe. Denn echte Antisemiten gibt es nach wie vor, auch in Deutschland. Aber der Begriff trifft sie nicht mehr so wie noch vor einigen Monaten. Denn wenn jeder „Antisemit“ genannt wird, der den Vorrang rechtsstaatlicher Prinzipien vor religiösen Geboten fordert, sind auf einmal nicht mehr nur <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/antisemitismus-so-antijuedisch-sind-die-deutschen-a-869519.html" target="_blank">10-20%</a>, sondern <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/studie-mehrheit-der-deutschen-gegen-beschneidungsgesetz-a-874473.html" target="_blank">70% der Deutschen</a> Antisemiten.<span id="more-7940"></span></em></p>
<div id="attachment_7986" class="wp-caption aligncenter" style="width: 581px"><a href="http://savingsons.org" target="_blank"><img class=" wp-image-7986  " alt="cutcookiesnotbabies" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/01/cutcookiesnotbabies.jpg?w=571&#038;h=211" width="571" height="211" /></a><p class="wp-caption-text">SavingSons.org &#8211; Eine Website offensichtlich israelfreundlicher „Antisemiten“</p></div>
<p>Wenn jeder „Antisemit“ ist, der Zwangsbeschneidung für eine Menschenrechtsverletzung hält, na gut, dann bin ich eben „Antisemit“.</p>
<p>Es nützt nichts, immer wieder zu betonen, dass <a title="Es geht nicht um Religion, es geht um die Kinder" href="http://evidentist.wordpress.com/2012/08/10/es-geht-nicht-um-religion-es-geht-um-die-kinder/" target="_blank">es bei der Kritik an der Zwangsbeschneidung nicht um Religion geht</a>. Es nützt nichts, immer wieder zu betonen, dass es nicht darum geht, Beschneidung generell, sondern nur Beschneidung <em>als Zwang</em> zu kritisieren. Sie ist zwar <em>auch</em> ein jüdischer und islamischer Ritus, aber der Horror-Masterplan der WHO zur <a title="Beschneidung gegen HIV: Des Kaisers neues Kondom" href="http://evidentist.wordpress.com/2012/07/19/beschneidung-gegen-hiv-des-kaisers-neues-kondom/" target="_blank">Eindämmung von AIDS</a> zum Beispiel &#8211; <a href="http://pastebin.com/jTM9qcwL" target="_blank">flächendeckende Beschneidung von 20 Millionen Männern in Afrika in zwei Jahren</a> &#8211; hat unmittelbar nichts mit Religion zu tun.</p>
<p>Die Inflation des Antisemitismus-Vorwurfs wurde nach dem Kölner Beschneidungsurteil zunächst vor allem von religiösen Juden selbst betrieben. Inzwischen erleben wir, wie der Begriff für das alltägliche Geschäft des Parteiengezänks weiter abgeschliffen und entwertet wird, die Grünen setzen ihn jetzt sogar als Waffe für eine <a href="http://www.nwzonline.de/politik/niedersachsen/gruene-pruefen-ausschluss-von-dunkel_a_2,0,568349672.html" target="_blank">innerparteiliche Säuberungsaktion</a> ein. Gerade sie, die so viel Wert auf Nachhaltigkeit legen, verstehen offenbar nicht, dass auch politische Kampfbegriffe endliche Ressourcen sind. „Antisemitismus“ ist ein wichtiger Begriff. Er bezeichnet eine tödliche Gefahr. Nutznießer dieser Inflation ist der echte Antisemitismus, und ganz besonders die größte Bedrohung für alle Juden der Welt, vor allem für Israel: der fanatische Islamismus. Wie wollen wir diesen echten, den mörderischen Antisemitismus nennen, wenn mit dem Begriff „Antisemit“ bald nach jedem geworfen wird, der einfach nur den Primat rechtsstaatlicher Grundsätze über die Religion einfordert? Das große Verdienst von Henryk M. Broder ist, dass er unermüdlich auf die islamistische Gefahr hinweist. Jetzt hat er Jakob Augstein einen Antisemiten genannt. Vielleicht hat Broder Recht. Die Einhelligkeit, mit der auf ihn, Broder, eingedroschen wird, spricht dafür. Aber die Leichtfertigkeit, mit der Broder jeden „Antisemit“ nennt, der etwas am Judentum oder an Israel kritisiert, spricht dagegen.</p>
<p>Es nützt nichts. Wenn jeder „Antisemit“ ist, der Zwangsbeschneidung für eine Menschenrechtsverletzung hält, na gut, dann bin ich eben „Antisemit“.</p>
<p>Es nützt nichts, zu betonen, dass ich Israel für die einzige echte Demokratie im Nahen Osten halte, dass ich ihr nicht nur ihr „Lebensrecht“ selbstverständlich zugestehe, sondern allein die Frage danach für eine antisemitische Unverschämtheit halte.</p>
<p><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/01/amery_hitler.jpg"><img class="alignright  wp-image-7941" alt="Amery_Hitler" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/01/amery_hitler.jpg?w=172&#038;h=294" width="172" height="294" /></a>Es nützt nichts, zu betonen, dass ich jeden, der die historische Tatsache des Holocaust leugnet, intellektuell auf eine Stufe mit Kreationisten und moralisch auf eine Stufe mit Nazis stelle. Für manche Leute ist schon der Antisemit, der die historische Einmaligkeit des Völkermords an den Juden bezweifelt. Das ist eine große Gefahr. Denn ein einmaliges Ereignis kann sich per definitionem nicht wiederholen. Ein Völkermord allerdings kann sich wiederholen. Viele möchten glauben, dass es nicht schlimmer kommen kann, denn dann hätten sie das Schlimmste schon hinter sich. Aber das ist gefährliches Wunschdenken. <a href="http://www.gazette.de/Archiv/Gazette-15-Juli1999/Leseproben3.html" target="_blank">Es kann immer schlimmer kommen</a>. Die Gefahr für die Juden geht nicht mehr von Deutschland aus. Zwar gibt es auch in Deutschland noch echte Antisemiten, aber den mörderisch gefährlichen, eliminatorischen Antisemitismus, den gibt es in vielen arabischen Ländern. <a title="„Affen und Schweine“" href="http://evidentist.wordpress.com/2010/11/16/%e2%80%9eaffen-und-schweine%e2%80%9c/" target="_blank">Im Islamismus wird der Holocaust nicht geleugnet, dort wird er gefeiert.</a></p>
<div class='embed-vimeo' style='text-align:center;'><iframe src='http://player.vimeo.com/video/16779150' width='400' height='300' frameborder='0'></iframe></div>
<p>Wie wollen wir sie in Zukunft nennen, die islamistischen Nazis? Oder ist es wirklich ernst gemeint, dass die Einforderung grundlegender Menschenrechte auch für Kinder eigentlich <a href="http://hpd.de/node/14033" target="_blank">viel schlimmer ist als ein Völkermord</a>?</p>
<p>Es nützt nichts, zu betonen, dass - <a href="http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article5823155/Islamkritik-ist-nicht-vergleichbar-mit-Judenhass.html" target="_blank">im Gegensatz zur „Islamophobie“</a>, der gut begründeten Angst vor einem Erstarken des Islamismus &#8211; der Antisemitismus tatsächlich ein Wahn ist, der seinen Ursprung in religiösen Wahnvorstellungen von Christen und Muslimen hat. Das Judentum kennt keine Selbstmordattentäter, keine Ehrenmorde, keine Kinder als Ehefrauen. In Israel werden weder Ehebrecherinnen gesteinigt, noch Schwule und Atheisten aufgehangen. Wer jetzt einwenden möchte, dass das aber so in der Bibel steht, trifft genau ins Schwarze: Die Juden haben gelernt, grausame und inhumane religiöse Gebote zu ignorieren. Sie haben sich zivilisiert.</p>
<p>So ist es doch eigentlich erstaunlich, dass es von jüdischer Seite in Deutschland nach 1945 kaum Racheaktionen gegeben hat. Wie unerträglich muss es für die Überlebenden des Holocaust gewesen sein, das deutsche Wirtschaftswunder mit anzuschauen; zu sehen, wie die Nutznießer der Arisierung reiche Ernte einfahren; wie unbeschwert das Leben aus den Ruinen erblüht. Wären die ersten Eisdielen im sommerlichen Deutschland der Fünfziger Jahre nicht ein idealer Ort gewesen für Bombenanschläge, so wie sie heute in Tel Aviv an der Tagesordnung sind? Der Verzicht auf Rache ist ein moralisches Verdienst.</p>
<div id="attachment_7961" class="wp-caption aligncenter" style="width: 334px"><a href="http://youtu.be/S7z9NcBer8g" target="_blank"><img class="wp-image-7961 " alt="Neckermann_Joel" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2013/01/neckermann_joel.jpg?w=324&#038;h=182" width="324" height="182" /></a><p class="wp-caption-text">Ein Klick aufs Bild führt zu der sehenswerten Dokumentation einer Arisierung: „The Joel Files“.</p></div>
<p>Es nützt nichts, <a title="Säkulare Juden, empört Euch!" href="http://evidentist.wordpress.com/2012/10/30/saekulare-juden-empoert-euch/" target="_blank">zu betonen</a>, dass ich das säkularisierte Judentum für die entscheidende treibende Kraft des wissenschaftlichen, technologischen und moralischen Fortschritts halte, dass ich glaube, dass wir ohne die Beiträge jüdischer Wissenschaftler, Unternehmer und Philosophen immer noch mit mindestens einem Bein im christlichen dunklen Mittelalter stecken würden.</p>
<p>Israel ist nominell ein Gottesstaat, aber 44% seiner Einwohner bezeichnen sich als säkular. Diese Menschen haben keinerlei Nachteile. Die jüdische Kultur ist am weitesten gekommen bei der Emanzipation von der Erblast des Religiösen. Diesen Weg zur Säkularisierung muss jede Zivilisation gehen, wenn sie erwachsen werden will. Darin ist uns die jüdische Kultur voraus.</p>
<p>Das Judentum ist von allen Monotheismen am wenigsten virulent: Juden missionieren nicht. Sie klingeln nicht an Ihrer Haustür, um mit Ihnen über „G&#8217;tt“ zu sprechen, und sie belästigen Sie in der Fußgängerzone nicht unaufgefordert mit der Torah. Synagogen läuten keine Glocken. Das Judentum ist, soweit ich weiß, die einzige Religion, für die man tatsächlich eine Prüfung ablegen muss, um ihr beizutreten. Das ist sympathisch.</p>
<p>Aber es nützt nichts. Wenn jeder „Antisemit“ ist, der Zwangsbeschneidung für eine Menschenrechtsverletzung hält, na gut, dann bin ich eben „Antisemit“.</p>
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		<title>Würden Sie Ihrem Gott Ihr Kind opfern?</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Dec 2012 22:30:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Religiöse Zumutungen sind nicht so harmlos, wie es in der Debatte um Zwangsbeschneidungen ständig behauptet wird und wie es religiöse Nostalgiker gern hätten. Der Preis für eine religiöse Moral ist hoch. Befürworter der Zwangsbeschneidung argumentieren oft damit, dass der Eingriff harmlos sei. Der Bundestag hat jetzt sogar festgestellt, dass er eigentlich im Kindeswohl liege. Aber das [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=7808&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><i>Religiöse Zumutungen sind nicht so harmlos, wie es in der Debatte um Zwangsbeschneidungen ständig behauptet wird und wie es religiöse Nostalgiker gern hätten. Der Preis für eine religiöse Moral ist hoch.</i></p>
<p><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/12/sacrifice-of-isaac-caravaggio.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-7869" alt="sacrifice-of-isaac-caravaggio" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/12/sacrifice-of-isaac-caravaggio.jpg?w=519&#038;h=398" width="519" height="398" /></a></p>
<p><span id="more-7808"></span>Befürworter der Zwangsbeschneidung argumentieren oft damit, dass der Eingriff harmlos sei. Der Bundestag hat jetzt sogar festgestellt, dass er eigentlich im Kindeswohl liege. Aber das widerspricht dem Kern der religiösen Sache. Denn nach einer gängigen Interpretation des Abraham-Mythos <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Menschenopfer#Antikes_Judentum" target="_blank">ersetzt die Beschneidung <em>pars pro toto</em> die Opferung des Kindes</a>, also seine Ermordung auf dem Altar zu Ehren Gottes. Wie kann aber eine harmlose Kleinigkeit ein solch großes Opfer ersetzen? Muss es dafür nicht selbst auch ein Opfer sein?</p>
<p>Für die Kinder und auch für manche Eltern ist es sicher ein Opfer. Im Laufe dieser Debatte war von rabbinischer Seite des Öfteren zu hören, dass <a href="http://www.welt.de/regionales/muenchen/article108741492/Rabbiner-will-weiter-ohne-Betaeubung-beschneiden.html" target="_blank">Betäubung aus religiösen Gründen nicht in Frage komme</a> - eine Ansicht mit altehrwürdiger Tradition. So schreibt der mittelalterliche jüdische Philosoph Maimonides in <em><a href="http://www.cirp.org/library/cultural/maimonides/" target="_blank">Führer der Unschlüssigen</a></em>:</p>
<blockquote><p>Der körperliche Schmerz, der diesem Körperteil zugefügt wird, ist der eigentliche Zweck der Beschneidung.</p></blockquote>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3548367135/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3548367135&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21" target="_blank"><img class="alignright" alt="" src="http://ecx.images-amazon.com/images/I/41G9A0PJ4DL._SL500_.jpg" width="146" height="233" /></a>Mit entwaffnender Offenheit schrieb Paul Spiegel 2004 in seinem Buch <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3548367135/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3548367135&amp;linkCode=as2&amp;tag=evidentistwor-21" target="_blank"><em>Was ist koscher?</em></a> über die Notwendigkeit des Schmerzes (S. 36):</p>
<blockquote><p>Das Baby wird nicht betäubt, es erhält nicht einmal eine örtliche Narkose, denn den Bund mit Gott muss man sozusagen bei vollem Bewusstsein vollziehen. Natürlich schreit das Baby, natürlich tut ihm der Eingriff weh.</p></blockquote>
<p>Er beeilt sich aber sofort, die Harmlosigkeit des Rituals zu beteuern:</p>
<blockquote><p>Viele Menschen ﬁnden diesen Vorgang barbarisch, doch ich kann versichern, man wird durch die Beschneidung weder traumatisiert, noch trägt man irgendwelche anderen Schäden gleich welcher Art davon.</p></blockquote>
<p>Also doch kein so großes Opfer.</p>
<p>Wenn die Zwangsbeschneidung das Kindesopfer ersetzt, dann haben wir vielleicht einfach Glück gehabt. Wie hätte der Bundestag wohl entschieden, wenn eine altehrwürdige Religionsgemeinschaft einen heiligen Text vorgelegt hätte, der eben dies vorschreibt: Die Opferung von Kindern!? Hätte er auch dies abgesegnet? Die Logik wäre dieselbe.</p>
<p>Wir können die Frage auch direkt den Gläubigen stellen: <em>Würden Sie Ihrem Gott Ihr Kind opfern, wenn er es Ihnen befehlen würde? </em></p>
<p>Die meisten Eltern werden diesen Gedanken entrüstet zurückweisen: <em>Auf keinen Fall. So weit geht der Glaube dann doch nicht.</em> Aber dann haben sie offensichtlich die Frage nicht richtig verstanden. Also nochmal:</p>
<p><em>Würden Sie Ihrem Gott Ihr Kind opfern, wenn er es Ihnen befehlen würde?</em><em> </em></p>
<p>Wir kennen die Geschichte aus der Bibel. Abraham hat im hohen Alter endlich einen Sohn bekommen. Jetzt befiehlt ihm Gott, eben diesen Sohn zu opfern. Abraham gehorcht. In unseren Kinderbibeln steht heute zu lesen, wie gütig Gott doch gewesen sei, da er das Opfer im letzten Moment verhindert habe. Kein Wort hingegen über Abrahams Kadavergehorsam. Allerdings herrscht für Abraham tatsächlich Befehlsnotstand! Er könnte sogar noch eine überzeugendere als die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Befehlsnotstand#Anwendungsf.C3.A4lle:_Drittes_Reich" target="_blank">Nürnberger Verteidigung</a> vorbringen: Es gibt keine Moral außer der Moral Gottes.</p>
<p>Mitchell und Webb arbeiten diesen Aspekt in ihrer Version der Geschichte ebenso deutlich wie amüsant heraus:</p>
<span class='embed-youtube' style='text-align:center; display: block;'><iframe class='youtube-player' type='text/html' width='519' height='322' src='http://www.youtube.com/embed/C3c2WgQ9nJo?version=3&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;wmode=transparent' frameborder='0'></iframe></span>
<blockquote><p>Gott: Du würdest nicht sagen, dass ich von Dir etwas Unrechtes verlange?</p>
<p>Abraham: Ob ich denken würde, es sei unrecht? Als ob ich das wüsste! Als ob ich eine Möglichkeit hätte, unabhängig zu entscheiden, was richtig und was falsch ist, außerhalb der Anweisungen eines überwachenden Wesens. Nein Herr, ich bin Dein völlig willenloser Sklave! [No Lord, I am your bitch!]&#8220;</p></blockquote>
<p>Wir stellen uns Abraham gewöhnlich im moralischen Konflikt vor. Aber den gibt es tatsächlich nicht. Die Anweisung ist vollkommen klar und eindeutig. Es mag sein, dass Abraham &#8211; anders als im Sketch &#8211; in einem emotionalen Konflikt steckt. Aber für die Frage, was er tun soll, ist das völlig unerheblich. Er hat keine Option. Im Angesicht Gottes verdampft die Möglichkeit des Widerspruchs oder gar der Befehlsverweigerung.</p>
<p>Wenn die Existenz Gottes unabweisbar ist, dann ist wohl auch seine diktatorische Herrschaft über uns unabweisbar. Dann ist jede Ethik tatsächlich nichts anderes als Moraltheologie. Dann hat uns nur zu interessieren, was Er will, nicht etwa, was wir wollen. Wenn wir dennoch eigene, abweichende Vorstellungen von Moral haben, stecken wir sofort im <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Euthyphron-Dilemma" target="_blank">Euthyphron-Dilemma</a>.</p>
<p>Die Kehrseite dieser Vorstellung, sozusagen die Moral von der Geschicht, ist natürlich, dass ein moralischer Fortschritt in einer solchen Version von Ethik höchstens Glücksache ist. Wenn Gott ein Opfer verhindert, ist das einfach nur ein Einfall von ihm. Es gibt zahllose andere Beispiele in der Bibel, in denen er Gemetzel anordnet oder dem grausamen Schicksal seinen Lauf lässt.</p>
<p><a href="http://www.noharmm.org/CArabbi%20admits.htm"><img class="alignright" alt="" src="http://www.noharmm.org/images/worch.jpg" width="191" height="163" /></a>In seinem Film <em><a href="http://www.cutthefilm.com/" target="_blank">Cut. Slicing through the myths of circumcision</a> </em>interviewt Eliyahu-Ungar-Sargon den <a href="http://www.noharmm.org/CArabbi%20admits.htm" target="_blank">Rabbi Hershy Worch</a> (<a href="http://www.noharmm.org/worch%20audio.wav" target="_blank">Audio</a>). Dieser Rabbi hat kein Problem damit, zuzugeben, dass er bei einer Beschneidung das Kind missbraucht und traumatisiert. Und dass diese Folter eigentlich unentschuldbar ist, es sei denn&#8230; (meine Übersetzung)</p>
<blockquote><p><b>Rabbi Worch:</b> Es tut weh. Es ist Missbrauch. Es traumatisiert. Und wenn jemand, der nicht in einem Bund ist, das tut, sollte man ihn einsperren. Ich glaube, dass niemand eine Entschuldigung dafür vorbringen kann, ein Kind zu verstümmeln, einen Teil seines Geschlechtsteils zu rauben. Wir haben keine Rechte über die Körper anderer Menschen, und die Rechte eines Babys müssen geschützt werden. Ich glaube, dass jeder, der ein Baby beschneidet, Missbrauch begeht, es sei denn, es liegen zwingende medizinische Gründe wegen einer Komplikation vor und ein Urologe sagt: Dieses Baby muss beschnitten werden. Andernfalls, warum?</p>
<p><b>Eliyahu-Ungar-Sargon: </b>Also wie kann dieser Bund Sie von Ihrer ethischen Verantwortung entbinden, die Sie gerade so wortgewandt dargelegt haben? Wie schafft es Ihr Bund, dass der Begriff nicht auf Sie zutrifft? Wie können Sie behaupten, sich nicht des Missbrauchs schuldig zu machen?</p>
<p><b>Rabbi Worch:</b> Ich bin ein Täter. Ich missbrauche Kinder, weil ich in einem Bund mit Gott bin. Und letzten Endes gehört Gott meine Moral. Ihm gehört mein Körper. Und ihm gehört meine Vergangenheit und meine Zukunft, und das ist die Bedeutung dieses Bundes; dass ich zugestimmt habe, die Schmerzen und die Rechte und das Trauma meines Kindes zu ignorieren, um in diesen Bund einzutreten.</p></blockquote>
<p>Die Zwangsbeschneidung von Säuglingen ist also unentschuldbar, ebenso unentschuldbar wie es die Opferung des eigenen Kindes wäre, es sei denn … Gott hätte sie tatsächlich befohlen. Letzten Endes gehört dieser Rabbi seinem Gott, ebenso wie das von ihm zugegebenermaßen schwer misshandelte Kind. Er ist &#8211; wie Abraham &#8211; Gottes williger Vollstrecker. Und das Kind gehört nicht etwa sich selbst. Es gehört Gott.</p>
<p style="text-align:left;">Dieses Interview ist dem Sketch von Mitchell und Webb sehr ähnlich &#8211; aber es ist nicht lustig. Niemand könnte öffentlich ein solches Statement in einem anderen als religiösen Kontext äußern und für etwas anderes als verrückt gehalten werden. Und niemand könnte das, was in diesem religiösen Wahnbild beschrieben wird, in einem anderen als religiösen Kontext <em>tatsächlich tun</em> und am nächsten Tag noch frei und unbehelligt herumlaufen.</p>
<p>Wer jedoch gewohnt ist, in einem religiösen Kontext zu denken, ist der Idee vielleicht weniger abgeneigt, die Grundrechte von Kindern einem Gott zu opfern. In der Tat haben im Laufe der Debatte vor allem gläubige Menschen viel Verständnis aufgebracht für die religiösen Nöte der Andersgläubigen. Wer gewohnt ist, in einem religiösen Kontext zu denken, fühlt vielleicht auch eine gewisse Bewunderung dafür, dass hier Religionen noch echte Opfer verlangen. Vielleicht denkt es sich in solch einem Kontext: <em>Hier ist ein kleiner Fels des festen Fundaments aus biblischen Zeiten, der die Erosion durch Moderne, Aufklärung und Menschenrechte </em><em>überstanden hat, und den wollen die militanten Atheisten uns jetzt auch noch nehmen.</em></p>
<p>In diese nostalgische Stimmung hinein wiederhole ich gern meine Frage: <em>Würden Sie Ihrem Gott Ihr Kind opfern?</em> Denn das ist die Logik des Opfers: Das Teuerste opfern! Das ist der Kern der religiösen Metaphysik, die sich für Gläubige so heimelig anzufühlen scheint wie ein knisternder Ofen in einer Winternacht. Wer das Recht auf Zwangsbeschneidung aus Nostalgie gewähren möchte &#8211; und sich gleichzeitig einredet, dass die Amputation der Vorhaut harmlos sei, ja sogar im Kindeswohl liege &#8211; will Religion eigentlich nur spielen. Aber für die Kinder und viele Eltern ist es kein Spiel, sondern blutiger Ernst, ein echtes Opfer, das nur zu rechtfertigen ist, wenn der religiöse Kontext todernst genommen wird.</p>
<p>Die Beschneidungsfrage ist also im Kern die Gretchenfrage. Deshalb ist sie so zentral für unser aller Selbstverständnis. Und deshalb polarisiert sie. Sie fordert auf zum Schwur. Es wäre nämlich im Lichte der Ausführungen des Rabbi Worch vollkommen grotesk, Menschenrechtsverletzungen nur deshalb zu legalisieren, weil andernfalls gläubige Menschen sehr traurig wären. Nein, wer den Kindesmissbrauch legalisiert, legt eine religiöse Metaphysik zu Grunde und bestätigt implizit, dass sie zentrale Menschenrechte einfach aushebelt. Ein solches Gesetz ist daher im Grunde nur in einer Theokratie möglich, in einer säkularen Demokratie eigentlich undenkbar.</p>
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		<title>Eine kulturelle Revolution braucht kein Gesetz</title>
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		<pubDate>Sun, 09 Dec 2012 00:22:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der deutsche Gesetzgeber wird die Beschneidung legalisieren. Damit ist die Amputation der männlichen Vorhaut die einzige Form physischer Gewalt gegen Kinder, die im 21. Jahrhundert in Deutschland ausdrücklich zugelassen wird. Die Debatte wird das Gesetz allerdings nicht beenden, denn es stellt sich gegen einen mächtigen Menschheitstrend, gegen den es aber letzten Endes machtlos ist. Jetzt kommt [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=7690&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Der deutsche Gesetzgeber wird die Beschneidung legalisieren. Damit ist die Amputation der männlichen Vorhaut die einzige Form physischer Gewalt gegen Kinder, die im 21. Jahrhundert in Deutschland ausdrücklich zugelassen wird. Die Debatte wird das Gesetz allerdings nicht beenden, denn es stellt sich gegen einen mächtigen Menschheitstrend, gegen den es aber letzten Endes machtlos ist.<span id="more-7690"></span></em></p>
<p>Jetzt kommt sie also, die so ersehnte „Rechtssicherheit“. Kleine Jungen dürfen weiter beschnitten werden. Aber auf lange Sicht gilt: Eine kulturelle Revolution muss nicht auf einen Gesetzgeber warten. Es reicht aus, wenn junge Eltern Bescheid wissen &#8211; und wenn sie sich denken können, dass ihre Kinder später von der Debatte erfahren und daher wissen werden, was ihre Eltern im Jahre 2012 schon alles wissen konnten.</p>
<span class='embed-youtube' style='text-align:center; display: block;'><iframe class='youtube-player' type='text/html' width='519' height='322' src='http://www.youtube.com/embed/HfnqN3YgTd8?version=3&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;wmode=transparent' frameborder='0'></iframe></span>
<p>Dieses Statement von Miriam Pollack habe ich bereits in einem <a title="Beschneidung: Ignoranz und Sexismus" href="http://evidentist.wordpress.com/2012/09/11/beschneidung-ignoranz-und-sexismus/" target="_blank">früheren Artikel</a> gezeigt. Schauen Sie es sich noch einmal an. Sie klagt darüber, dass sie zum Zeitpunkt der rituellen Beschneidung ihrer Söhne einfach nicht genug wusste:</p>
<blockquote><p>„Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß, hätte ich nie und nimmer zugelassen, dass dies meinen Jungs geschieht!“</p></blockquote>
<p>In dem folgenden Film sehen Sie, wie eine jüdische Großmutter in New Orleans dazulernt.</p>
<span class='embed-youtube' style='text-align:center; display: block;'><iframe class='youtube-player' type='text/html' width='519' height='322' src='http://www.youtube.com/embed/YI7cRGBsrZA?version=3&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;wmode=transparent' frameborder='0'></iframe></span>
<p>Auch dies ist ein sehr bewegendes Dokument. Eine jüdisch sozialisierte Frau, die also von der Rechtmäßigkeit der Vorhautamputation überzeugt ist, hört sich interessiert und unvoreingenommen die Argumente von Beschneidungsgegnern an &#8211; und ändert vor laufender Kamera ihre Meinung!</p>
<blockquote><p>„Redet mir aus&#8230; wie ich erzogen wurde. Bringt mich ins Licht&#8230;“</p></blockquote>
<p>Diese Sätze klingen unwirklich, wie aus einer <a href="http://evidentist.wordpress.com/2011/01/19/standpunkt-widerlegen/" target="_blank">philosophischen Utopie</a>. Der nächste Satz allerdings zeigt, dass diese Frau ihr allzu menschliches Motiv hat:</p>
<blockquote><p>„&#8230; damit ich mich von dem Problem meiner inneren Einstellung gegenüber meiner Schwiegertochter befreien kann.“</p></blockquote>
<p>Sie lebt im Streit mit ihrer Schwiegertochter, seit diese entschieden hat, ihren Sohn nicht zu beschneiden. Diese Frau sucht Informationen, um eine soziale Dissonanz aufzulösen. Als sie ihre eigenen Söhne beschneiden ließ, und als alle um sie herum dasselbe taten, hätte sie diese Informationen vielleicht noch gescheut, um eine kognitive Dissonanz zu vermeiden. Jetzt aber, da sie mit dieser neuen sozialen Realität konfrontiert ist, da der Riss in ihrer Matrix direkt durch ihre Familie läuft, ist sie offen für neue Informationen.</p>
<p>Diese Informationen sind da. Sie sind überall abrufbar. Allein dadurch sorgen sie überall für Risse in der religiösen Matrix. So wie Miriam Pollack und der Großmutter in New Orleans wird es vielen Müttern und Vätern gehen. Ihre Tragik wäre vermeidbar gewesen, aber die Informationen kamen zu spät. Heute und in Zukunft kommen sie schneller, und immer öfter rechtzeitig. Im Zeitalter der Information wird Nicht-Wissen zur persönlichen Entscheidung.</p>
<p><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/11/ignoranceisachoice.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-7691" title="ignoranceisachoice" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/11/ignoranceisachoice.jpg?w=519&#038;h=385" width="519" height="385" /></a></p>
<p>Das Kölner Urteil hätte seine revolutionäre Wirkung nicht allein entfalten können. Es fiel allerdings in die Zeit einer umfassenderen Kulturrevolution, die nämlich der sozialen Medien und des viralen Marketings, des Shitstorms und der überall verfügbaren Information. Eine religiöse Idee wie die „Beschneidung“ kann sich über Jahrtausende entgegen aller elterlichen Schutzinstinkte halten, weil die Autorität von Priesterkasten von der Ignoranz der Gläubigen lebt, auf ihr wächst und gedeiht. Die <em><a title="Universalsäure Internet" href="http://evidentist.wordpress.com/2011/02/21/universalsaeure-internet/" target="_blank">Universalsäure Internet</a></em> zersetzt diese Autorität. Der Mythos vom Bund mit Gott muss schon seit weit über einem Jahrhundert durch neue hanebüchene Mythen unterfüttert werden, die dem neuen Paradigma entsprechend wissenschaftlich klingen müssen. Während der Beschneidungsdebatte Mitte des 19. Jahrhunderts zwischen orthodoxen und Reformjuden in Deutschland <a href="http://www.cirp.org/library/history/ephron1/" target="_blank">ergänzten die Befürworter erstmals ihren religiösen Diskurs um medizinisch-hygienische Versatzstücke</a>.</p>
<p>Zu dieser Ignoranz kommt noch das Tabu. Es geht schließlich um Geschlechtsteile, und die sind tabu. Wir sprechen nicht öffentlich über unsere Geschlechtsteile und darüber, was wir damit tun, sie dürfen nicht öffentlich gezeigt werden: Jugendschutz. Denn es wäre nicht vereinbar mit dem Kindeswohl, wenn ein Kind ausgewachsene Geschlechtsteile zu sehen bekäme.</p>
<p>Es ist ermutigend zu sehen, wie dieses Tabu im Laufe dieser Debatte so durchlöchert wird wie einst die Berliner Mauer. Mehr und mehr Männer wagen ihr Coming Out und trauen sich, <a href="http://www.taz.de/!101655/" target="_blank">öffentlich über ihre sexuellen Probleme zu sprechen</a>. Das wiederum lockt andere aus der Reserve. Ein Schneeballeffekt. Wie lange wird die Mauer aus Empathielosigkeit, Ignoranz und Tabu Stand halten können? Einige Generationen? <a href="http://www.lto.de/recht/nachrichten/n/podiumsdiskussion-beschneidung-uni-koeln-merkel-hoefling/" target="_blank">Reinhard Merkel tippt auf 50 Jahre</a>, dann sei die Zwangsbeschneidung überall verboten. Vielleicht ist das noch zu pessimistisch.</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/gp/product/3100616049/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=evidentistwor-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3100616049" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-4148" title="better-angels-our-nature-why-violence-has-declined-steven-pinker-hardcover-cover-art" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2011/11/better-angels-our-nature-why-violence-has-declined-steven-pinker-hardcover-cover-art.jpg?w=519"   /></a>Die Befürworter der Beschneidung werden diese Schlacht gewinnen, aber ihr Krieg ist aussichtslos. Der Trend ist die Entwicklung weg von der religiösen Ethik eines jähzornigen Tyrannengotts, der ein Volk auserwählt, aber andere zum Genozid freigibt, der einzelne Individuen auserwählt, aber alle anderen ersäuft oder verbrennt; weg von der religiösen Ethik der ethnischen Reinheit, der auserwählten Völker, der patriarchalen Bündnisse mit Göttern; weg vom religiösen Kollektivismus hin zu einer Ethik des Individuums. Dieser Trend ist ein langfristiger Trend, er ist ein Menschheitstrend. Das Gesetz stemmt sich gegen ihn, aber schon in seinen Formulierungen muss es auf ihn Rücksicht nehmen.</p>
<p>Die kollektivistischen Beschneidungsbefürworter haben schon längst die Deutungshoheit verloren. So wie sie ihr biblisches Märchen schon seit über hundert Jahren mit wissenschaftlich klingenden Märchen unterfüttern müssen, so müssen sie jetzt auch noch die Rhetorik der Menschenrechte bemühen. Die Rede von „Religionsfreiheit“ und „Elternrecht“ ist das trojanische Pferd, mit dem sich der religiöse Kollektivismus in unsere individualistische Ethik hineinschmuggelt. Denn der Wille der Eltern ist nicht so frei und autonom, wie es das Gesetz vorgaukelt. In ihm drückt sich der Wille &#8211; und der Zwang &#8211; der Verwandtschaft, der Sippe, eben der Religionsgemeinschaft aus. Eltern, die sich gegen eine Beschneidung entscheiden, entscheiden sich damit oft für die soziale Isolation. Die wenigsten werden eine Verwandtschaft haben, die so wie die sympathische, offene Großmutter aus New Orleans bereit ist, dazuzulernen.</p>
<p>Indem die Kollektivisten sich so mit individualistischer Rhetorik tarnen, geben sie das für sie Wichtigste aus der Hand: nämlich die <a href="http://hpd.de/node/14066" target="_blank">Rede vom göttlichen Gesetz</a>. In dem Gesetzestext kommen weder Gott noch Abraham vor, es geht ausdrücklich überhaupt nicht mehr um Religion. Geschickt, sagen einige Befürworter, so ist das Gesetz weniger angreifbar. Aber jetzt sind sie abhängig davon, dass ihre altehrwürdige Tradition sich alleine trägt. Denn wenn die Eltern &#8211; aus welchen Gründen auch immer &#8211; ihr Kind nicht mehr beschneiden lassen wollen, dann ist die Tradition überwunden. Und diese Gründe finden Eltern heute überall. Der wichtigste Grund ist das Kölner Urteil und die gewaltige Flut an Informationen seither. Je mehr sie wissen, desto mehr werden sie dagegen sein.</p>
<p>Miriam Pollack und die jüdische Großmutter aus New Orleans konnten sich bei ihren Söhnen noch glaubhaft entschuldigen: „Es tut mir leid, aber ich wusste es nicht besser. Ich dachte, es muss sein. Ich wollte nur Dein Bestes.“ Und der wichtigste Satz:</p>
<blockquote><p>„Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß, hätte ich nie und nimmer zugelassen, dass dies meinen Jungs geschieht!“</p></blockquote>
<p>Eltern, die jetzt, im Herbst 2012 oder später, ihre Kinder beschneiden lassen wollen, werden sich nicht auf diese Weise bei ihnen entschuldigen können. Denn im Zeitalter der Information wird Nicht-Wissen zum Nicht-Wissen-Wollen, und damit zur bewussten, zur moralischen Entscheidung. Die Kinder, die 2012 und später geboren werden, werden später wissen, dass ihre Eltern kaum umhin konnten, es besser zu wissen.</p>
<p>Auf lange Sicht hat dieses Gesetz keine Chance, etwas anderes zu werden als ein Mahnmal für eine katastrophale Legislative, die versucht, moralisch überholte Standards der Vergangenheit zu zementieren. Alle, die federführend an diesem Gesetz mitgewirkt haben, werden sich in wenigen Jahren dafür schämen und entschuldigen.</p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://evidentist.wordpress.com/category/aufklarung/'>Aufklärung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/erziehung/bildung/'>Bildung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/'>Ethik</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/humanismus/'>Humanismus</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/moral/'>Moral</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/perspektive/'>Perspektive</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/uberzeugung/religion/'>Religion</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/sakularismus/'>Säkularismus</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/ethik/werte/'>Werte</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/category/wissenschaft/'>Wissenschaft</a> Tagged: <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/beschneidung/'>Beschneidung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/beschneidungsdebatte/'>Beschneidungsdebatte</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/beschneidungsgesetz/'>Beschneidungsgesetz</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/empathie/'>Empathie</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/gender-empathy-gap/'>gender empathy gap</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/ignoranz/'>Ignoranz</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/internet/'>Internet</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/kolner-beschneidungsurteil/'>Kölner Beschneidungsurteil</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/kolner-urteil/'>Kölner Urteil</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/male-genital-mutilation/'>Male Genital Mutilation</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/matrix/'>Matrix</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/mannliche-genitalverstummelung/'>männliche Genitalverstümmelung</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/mgm/'>MGM</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/miriam-pollack/'>Miriam Pollack</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/steven-pinker/'>Steven Pinker</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/tabu/'>Tabu</a>, <a href='http://evidentist.wordpress.com/tag/vorhautamputation/'>Vorhautamputation</a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/evidentist.wordpress.com/7690/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/evidentist.wordpress.com/7690/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=7690&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>PID &#8211; die religiöse Indikation</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Nov 2012 00:02:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Bei Facebook war zu folgendem Bild der Kommentar zu lesen: „Bringt sie bloß nicht auf Ideen!“ Mich hat das Bild allerdings auf eine Idee für eine kleine Science-Fiction-Geschichte gebracht. Dass daraus einmal Science werden könnte, ist aber unwahrscheinlich. Allerdings dürften die Hürden weniger wissenschaftlicher oder technologischer, als vielmehr sozialer, oder genauer: religiöser Natur sein.  Wissenschaftlern [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=7517&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Bei Facebook war zu folgendem Bild der Kommentar zu lesen: „Bringt sie bloß nicht auf Ideen!“ Mich hat das Bild allerdings auf eine Idee für eine kleine Science-Fiction-Geschichte gebracht. Dass daraus einmal Science werden könnte, ist aber unwahrscheinlich. Allerdings dürften die Hürden weniger wissenschaftlicher oder technologischer, als vielmehr sozialer, oder genauer: religiöser Natur sein. </em></p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://www.thewholenetwork.org/" target="_blank"><img class="aligncenter  wp-image-7518" title="Foreskin_DNA" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/11/foreskin_dna.jpg?w=519&#038;h=389" width="519" height="389" /></a></p>
<p><span id="more-7517"></span>Wissenschaftlern ist es gelungen, die Genkombination zu entdecken und zu isolieren, die für das Wachsen der Vorhaut zuständig ist. In langwierigen Forschungen haben sie jetzt eine Möglichkeit entwickelt, das Genom des Menschen so zu verändern, dass sich die Vorhaut gar nicht erst entwickelt.</p>
<p><em>[Extra für diesen Bericht wurde außerdem definitiv ausgeschlossen, dass die fragliche Gensequenz auch noch für etwas anderes im Körper wichtig ist. Was also normalerweise nie vorkommt, sei hier der Fall, nur für den Zweck des Arguments. Science-Fiction eben.]</em></p>
<p>Die Forscher, einige davon jüdischer Herkunft, haben sich schon lange daran gestört, dass die Beschneidung männlicher Säuglinge von immer mehr Menschen weltweit als ein barbarisch-brutales, archaisch-atavistisches Ritual wahrgenommen wird, das offenbar nicht mehr in unsere Zeit passt. Daran wollten sie etwas ändern. Wer sich ein vorhautloses männliches Baby wünscht, kann jetzt nach einer künstlichen Befruchtung mithilfe von Gentherapie und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4implantationsdiagnostik" target="_blank">Präimplantationsdiagnostik (PID)</a> den Embryo so verändern lassen, dass die Beschneidung unnötig wird.</p>
<p>Der Sprecher der Forschergruppe ist enthusiastisch: „Dies ist die gewaltigste Entdeckung in der religiösen Wissenschaft seit …“ Denkpause. „Dies ist die gewaltigste Entdeckung in der religiösen Wissenschaft überhaupt! Keine Vorhaut mehr! Keine Beschneidung mehr! Jetzt können wir die gesamte Menschenrechtsproblematik elegant umgehen.“ In der Tat! Wenn das männliche Baby gleich ohne Vorhaut geboren wird, entfällt die Notwendigkeit, sie ihm abzuschneiden.</p>
<p>Der sehr engagierte Sprecher gibt sich überzeugt, auch in einem anderen Sinne etwas für die Belange der Religion in der Gesellschaft getan zu haben:</p>
<blockquote><p>„Menschen, die für ihre Kinder ein Risiko für Erbkrankheiten sehen, steht die Möglichkeit der PID offen. Für viele religiöse Menschen ist die Vorhaut ihres männlichen Kindes ein Geburtsfehler, also eine Krankheit, sie wird eindeutig vererbt, also ist sie eine Erbkrankheit. Ihre Eintrittswahrscheinlichkeit liegt zudem bei 100%. Damit haben wir jetzt neben den medizinischen also erstmals auch eine religiöse Indikation für eine PID.“</p></blockquote>
<p>Das muss nicht die letzte bleiben. Nachgedacht wird schon über die gentechnologische Rückbildung auch der übrigen äußeren Sexualorgane, von jeher die religiösen Problemzonen des menschlichen Körpers. Angespornt durch die Erfolge des Vorhaut-Teams hat ein weiteres Forscherteam die Suche nach der Genkombination für Klitoris und G-Punkt aufgenommen. Die Forscher denken weiter:</p>
<blockquote><p>„Viele Religionsführer verteufeln die Gentechnologie. Offenbar übersehen sie die riesige Chance, so auf längere Sicht den gesamten Sex eliminieren zu können. Wir können uns inzwischen künstlich reproduzieren! Eine künstliche Befruchtung hat nichts Erotisches an sich, glauben Sie mir. Bei den gewaltigen Problemen, die Religionen seit jeher mit Sex und Lust haben, ist es mir einigermaßen unverständlich, warum sie hier so ablehnend reagieren.“</p></blockquote>
<p>Dass sich die religiöse Indikation durchsetzen könnte, daran hat der religiöse Wissenschaftler keinen Zweifel:</p>
<blockquote><p>„In einer pluralistischen Gesellschaft können wir den Gläubigen nicht sagen, dass ihre Indikation weniger schwer wiegt als z.B. das Risiko einer Mukoviszidose. Im Übrigen wäre es doch verrückt, wenn religiöse Erbkrankheiten als Indikation nicht anerkannt würden, wo doch die Religionen durch ihre Mitwirkung in Ethikräten in erster Linie darüber bestimmen, welche Indikationen gelten und welche nicht.“</p></blockquote>
<p>Nach eigenen Angaben haben die Forscher mit nichts anderem als einhelliger Begeisterung von allen Seiten gerechnet. Aber die Gegner der Vorhautbeschneidung reagierten entsetzt: „Wie bitte?“ empörte sich ein Intaktivist.</p>
<blockquote><p>„Wenn es schon irre ist, den Menschen nach religiösen Vorstellungen zu verstümmeln, so ist es doch mindestens ebenso irre, wenn nicht noch irrer, ihn nach religiösen Vorstellungen genetisch verändern zu wollen!“</p></blockquote>
<p>Das war schon eine sehr unerwartete Abfuhr für die Forscher. Noch weniger vorbereitet waren sie allerdings auf den heiligen Shitstorm, der jetzt über ihnen explodierte.</p>
<p>Die katholischen Vertreter, die mit der postnatalen jüdischen oder islamischen Körpermodifikation von Jungen kein Problem haben, schimpfen jetzt über den „Eingriff in die Schöpfung“ und über „die gotteslästerliche Formung des Menschen nach seinen eigenen Vorstellungen“. Auch die notwendige künstliche Befruchtung samt PID ist ihnen ein Dorn im Auge. Und anders als von den Wissenschaftlern vermutet, erbost sie vor allem die Vorstellung einer religiösen Motivation für die PID. Das ist verständlich, denn wenn es bei der PID nicht mehr nur um weltliche Trivialitäten wie die Heilung oder Verhinderung von Krankheiten ginge, sondern um wirklich wichtige Dinge, wie die Erfüllung göttlicher Gebote, dann könnte die kategorische Ablehnung seitens der Religionen ins Wanken geraten. Das wäre sozusagen die Einführung der PID durch die heilige Hintertür.</p>
<p>Auch von islamischer Seite flogen den Forschern die Suren wie Schrapnelle um die Ohren: „Alles was Gott gemacht hat, ist perfekt“, <a href="http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/beschneidung-und-religion/islam/beschneidung-im-koran.html" target="_blank">etc. pp.</a> Weitere Kritikpunkte: Die Beschneidung ist Anlass für ein großes Familienfest. Das würde dann wegfallen. Sie macht den Jungen erst zum Mann. Wie soll aus einem Jungen ein Mann werden, wenn ihm keine Vorhaut abgeschnitten werden kann?</p>
<p>Am meisten überrascht hat die Wissenschaftler jedoch die Reaktion von einigen jüdischen Rabbinern. Von einer beispiellosen Blasphemie ist da die Rede, einem Höllenabgrund, der das gesamte jüdische Volk verschlingen werde, von einer Endzeit-Apokalypse, die selbst den Holocaust in den Schatten stelle. Manche versteigen sich sogar zu der Behauptung, ein solches Vorhaben sei schlimmer als ein Verbot der Beschneidung.</p>
<p>Diese auf den ersten Blick völlig unerwartete Reaktion wird verständlicher, wenn wir uns die Mühe machen, die innere Logik des religiösen Denkens nachzuvollziehen. Dann wird schnell klar: Gott hat die Vorhaut wirklich nicht ohne Grund erschaffen. Sie dient dazu, <a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/07/die-be-deutung-der-beschneidung-von-jungen/" target="_blank">in einem blutigen Ritual</a> abgeschnitten zu werden. Sie dient dazu, <a href="http://www.zwangsbeschneidung.de/phoenix-diskussion-zur-beschneidung.html" target="_blank">dem Kind Schmerzen zu bereiten</a>. Sie dient dazu, dem Vater &#8211; wie Abraham &#8211; ein unmissverständliches Zeichen seiner Unterwerfung unter das göttliche Gebot abzuverlangen. Und sie dient dazu, der Mutter klarzumachen, dass sie nichts zu melden hat und nichts tun kann, um ihr Kind vor dieser religiösen Zumutung zu schützen.</p>
<p>Den Bund mit Gott gibt es eben nicht umsonst. Der Preis ist die Vorhaut, der Schmerz und das Blut. Wer ohne Vorhaut geboren wird, kann diesen Preis nicht zahlen, und für den gibt es auch keinen Bund. Gerade die Religionen, die Sexualorgane rituell amputieren, können am wenigsten auf sie verzichten. Ja, das ist eigentlich ganz einfach. Das hätten sich die Forscher wirklich denken können.</p>
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		<title>Beschneidung im Hinterhof: Legalize it?!</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Nov 2012 15:44:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Stücker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wenn die Beschneidung verboten wird, dann schlägt die Stunde der Barbiere und Metzgergesellen. Denn wenn die Eltern in die Illegalität getrieben werden, bleibt ihnen keine Wahl. Dann müssen sie ihre Kinder den ungewaschenen Händen dubioser Gestalten im Hinterhof ausliefern. Dort kann von angemessener Betäubung oder Hygiene keine Rede sein. Wenn wir das nicht wollen, dann [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=evidentist.wordpress.com&#038;blog=17354116&#038;post=7509&#038;subd=evidentist&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Wenn die Beschneidung verboten wird, dann schlägt die Stunde der Barbiere und Metzgergesellen. Denn wenn die Eltern in die Illegalität getrieben werden, bleibt ihnen keine Wahl. Dann müssen sie ihre Kinder den ungewaschenen Händen dubioser Gestalten im Hinterhof ausliefern. Dort kann von angemessener Betäubung oder Hygiene keine Rede sein. Wenn wir das nicht wollen, dann müssen wir der Legalisierung zustimmen. <a href="http://www.sabah.de/de/warnung-vor-hinterhof-beschneidungen.html" target="_blank">So lautet das Hinterhof-Argument</a>.<span id="more-7509"></span></em></p>
<div id="attachment_7513" class="wp-caption aligncenter" style="width: 457px"><a href="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/11/hinterhof-e1353273421587.jpg"><img class=" wp-image-7513" title="Hinterhof" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/11/hinterhof-e1353273421587.jpg?w=447&#038;h=459" width="447" height="459" /></a><p class="wp-caption-text">© Stern, CC BY-SA 3.0</p></div>
<p>Dazu ist einiges zu sagen. Aber zunächst sei vor allem darauf hingewiesen, dass die orthodox-religiöse jüdische Zeremonie schon jetzt zumeist nicht weit vom Hinterhof, nämlich zu Hause oder in der Synagoge stattfindet. Auch wenn es dort hygienischer zugeht als im skizzierten Szenario, eine dem Stand der medizinischen Versorgung angemessene Narkose ist dort tatsächlich nicht möglich, weil erstens der Mohel kein Anästhesist ist (und eventuell <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/oberrabbiner-in-berlin-rabbi-metzger-zieht-die-grenzen-der-beschneidung-1.1446407" target="_blank">die Betäubung aus religiösen Gründen sogar ablehnt</a>) und sie zweitens für Säuglinge außerhalb einer Klinik viel zu gefährlich wäre.</p>
<p>Auch die islamisch motivierten Beschneidungen finden oft außerhalb von Krankenhäusern statt. Oft auch im Ausland, da ein großes Familienfest in der alten Heimat einfacher zu organisieren ist.</p>
<p>Die Beschneidungen von Mädchen finden schon seit langem im Hinterhof oder auch im Ausland statt, und zwar, wie wir vermuten müssen, unter teilweise erbärmlichen hygienischen Zuständen. Die Eltern, die es als ihre heilige Pflicht empfinden, die Genitalien ihrer Töchter zu verstümmeln, werden also systematisch in die Illegalität getrieben. Offenbar hat damit niemand ein Problem, jedenfalls kein so großes, dass wir das Hinterhof-Argument für eine Legalisierung der Beschneidung von Mädchen <a href="http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2810%2961042-2/fulltext" target="_blank">öfter zu hören bekämen</a>.<a href="http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2810%2961042-2/fulltext" target="_blank"><br />
</a></p>
<p>Das Hinterhof-Argument taucht nicht nur im Zusammenhang mit der Beschneidung auf, sondern immer wieder in allen Debatten, in denen es darum geht, ein moralisch umstrittenes Verhalten zu legalisieren oder zu kriminalisieren. Wir kennen es aus den Diskussionen über Abtreibung und über Drogen. Es wird von denjenigen eingesetzt, die für eine Legalisierung oder zumindest gegen eine Kriminalisierung eintreten. Es geht immer um medizinische oder hygienische Standards, die eine Legalisierung ermöglicht, eine Kriminalisierung aber verhindert. Es geht zumeist um Leben oder Tod.</p>
<p><a href="http://www.classwarfareexists.com/why-is-romney-and-ryans-gop-trying-to-send-women-back-to-the-back-alley/#axzz2CbR3ULuI" target="_blank"><img class="alignright  wp-image-7545" title="Hanger-Abortion" alt="" src="http://evidentist.files.wordpress.com/2012/11/hanger-abortion.jpg?w=240&#038;h=211" width="240" height="211" /></a>Im Falle der Abtreibung sorgt Legalisierung dafür, dass der Eingriff für die Frau relativ sicher ist. Eine Kriminalisierung der Abtreibung hingegen lässt das Risiko für Leben und Gesundheit betroffener Frauen massiv ansteigen. Das war das Schicksal unzähliger Frauen in früheren Zeiten und ist es noch heute dort, wo rigide religiöse Vorstellungen herrschen. So wie der <a href="http://www.spiegel.de/panorama/irland-streitet-nach-savitas-tod-ueber-abtreibungsgesetz-a-867493.html" target="_blank">aktuelle Fall in Irland</a> zeigt, in dem die Inderin Savita Halappanawar an der katholischen Ideologie des Landes gestorben ist.</p>
<p>Im Falle des Drogenkonsums könnte eine Legalisierung nicht nur den ganzen Sumpf mafiöser Drogenkartelle austrocknen, sondern für den einzelnen Konsumenten auch den Vorteil bieten, dass sein Produkt einer nachvollziehbaren Qualitätskontrolle unterläge. Drogenkonsumenten sterben meist an gepanschten Produkten, deren Qualität Glücksache ist. Im Falle der Legalisierung könnte Qualität garantiert und ein gepanschtes Produkt wie bei Lebensmitteln zum Skandal werden.</p>
<p>Was sagt jetzt wohl ein Gegner von Abtreibung und Drogenkonsum zu diesem Hinterhof-Argument? Zunächst mal sicher dies:</p>
<blockquote><p>Aber Frauen sollen nicht abtreiben und Menschen sollen keine Drogen nehmen!</p></blockquote>
<p>Für ihn ist klar: In beiden Fällen haben die betroffenen Menschen ihre Situation im Hinterhof selbst mit verursacht, in beiden Fällen haben sie moralische oder religiöse Gebote missachtet und müssen daher die Konsequenzen ihrer Verfehlungen tragen. Es ist die zeitlose Geschichte von Schuld und Sühne. In einem religiösen Weltbild muss das Hinterhof-Argument in den Fällen Abtreibung und Drogenkonsum als reichlich skurril erscheinen, denn warum sollte es hier überhaupt ein Argument sein?</p>
<p>Wer den Hinterhof nicht als Argument gelten lassen und die umstrittenen Verhaltensweisen kriminalisieren will, fällt wichtige moralische Werturteile. Er nimmt die negativen Konsequenzen für diejenigen, die trotzdem abtreiben oder Drogen konsumieren, billigend in Kauf. Er meint zu wissen, dass niemand in eine solche Situation gerät, ohne vorher ein moralisches Gebot missachtet zu haben. Wer ungewollt schwanger ist, hat wohl zuvor ungeschützt, womöglich außerehelichen, also verbotenen Sex getrieben. Wer drogensüchtig ist, hat irgendwann einmal verbotenerweise Drogen probiert oder das Suchtpotential der Droge unterschätzt. Die Sicherheit, dass eine moralische Verfehlung vorliegen muss und daher das Elend ein verdientes Elend ist, trägt entscheidend dazu bei, wenn jemand dem Hinterhof-Argument in diesen Fällen keine Beachtung schenkt.</p>
<p>So weit die konservative, erbarmungslose und im Kern religiöse Argumentation. Es sollte klar geworden sein: Das Hinterhof-Argument läuft gegenüber moralischer Selbstgerechtigkeit vollkommen ins Leere.</p>
<p>Wie verhalten sich diese herkömmlichen Versionen des Hinterhof-Arguments jetzt zu der neuen Version, zur Beschneidung im Hinterhof? Zunächst fällt auf, dass das Argument die Seiten gewechselt hat. Während in den Fällen von Abtreibung und Drogenkonsum Menschen mit moralisch-religiöser Selbstsicherheit den Hinterhof einfach ignorieren konnten, stehen sie nun selbst in diesem Hinterhof. Auf einmal ist ihr Ritual von der Illegalität bedroht. Und dennoch ist die Situation nicht einfach umgekehrt! Denn Opfer sind sie immer noch nicht. Opfer sind in diesem Fall die Kinder. Und das Hinterhof-Argument, das in den Fällen von Abtreibung und Drogenkonsum an das Mitleid appellierte, nur um an der moralischen Selbstgerechtigkeit zu scheitern, zielt jetzt ab auf das Mitleid der Beschneidungsgegner mit den wehrlosen Kindern &#8211; <em>und scheitert nicht!</em>  Denn Beschneidungsgegner denken ernsthaft über das Hinterhof-Argument nach, um der Kinder willen!</p>
<p>Machen wir uns das klar! Die moralisch-religiös Selbstgerechten, die in den Nöten von abtreibenden Frauen oder Drogenkonsumenten im Hinterhof gerechte göttliche Strafen sehen, stehen jetzt mit ihren Kindern in genau diesem Hinterhof und benutzen diese Kinder als Geisel, um aus dem Hinterhof wieder herauszukommen und die Legalisierung ihres blutigen Rituals zu erreichen.</p>
<p>Das Hinterhof-Argument ist im Falle der Beschneidung also vollkommen anders gelagert als in den Fällen Abtreibung oder Drogenkonsum. Der entscheidende Unterschied: Im Falle der Beschneidung geht es nicht um Gesundheit, Leben oder Tod der Person, die im Begriff ist, ein Gesetz zu brechen. Es geht um Gesundheit, Leben oder Tod einer <em>anderen</em> Person. Derjenige, der bereit ist, im Hinterhof die Gesundheit oder sogar das Leben dieser anderen Person aufs Spiel zu setzen, handelt nicht aus Verzweiflung und nicht aus einem Notstand heraus. Es ist daher schäbig, das Hinterhof-Argument für religiöse Beschneidungen anzuführen.</p>
<p>Die Not der Religiösen, ihr Ritual nicht auf legalem Wege durchführen zu können, steht in keinem Verhältnis zu der Not einer verzweifelten Frau, die keinen anderen Ausweg als eine Abtreibung sieht, und deren Leben vielleicht von diesem Eingriff abhängt. Wer seine religiöse Verzweiflung allen Ernstes auf der gleichen Stufe ansiedelt und daher bereit ist, sein eigenes Kind zum Opfer einer Hinterhof-Beschneidung zu machen, braucht keine Legalisierung, der braucht eine Therapie!</p>
<p>Das Hinterhof-Argument ist aber tatsächlich wirksam, weil sich die Gegner einer Beschneidung Unmündiger wirklich um das Wohl der Kinder sorgen und nicht nur um die Einhaltung moralischer Prinzipien. Allerdings und noch einmal: Wenn es im Falle der Beschneidung kleiner Jungen gilt, muss es auch im Falle der Beschneidung kleiner Mädchen gelten. Es ist also nicht nur aus den genannten Gründen schäbig, wenn Befürworter der Beschneidung das Hinterhof-Argument anführen, sondern es hat auch seinen Preis.</p>
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