Tag-Archiv | Nicht-religiöse Ethik

Ethik ohne Wunschdenken

“Wie gut oder schlecht ist eine Welt? Das hängt allein davon ab, wie gut oder schlecht es den Individuen in der Welt geht. Die Welt ist umso besser, je besser es den Individuen geht. Und wie gut oder schlecht geht es den Individuen? Das hängt allein davon ab, wie wohl sie sich fühlen und in welchem Maße die Wünsche, die sie hegen, erfüllt sind.”


Ulla Wessels

So beginnt Ulla Wessels ihr Buch Das Gute. Die Autorin ist eine wichtige Vertreterin der analytischen, nicht-religiösen Ethik, die in Deutschland immer noch unterrepräsentiert ist. Ulla Wessels gehört dem wissenschaftlichen Beirat der Giordano Bruno Stiftung an und ist vielen durch ihre Rolle als Klägerin im Rechtsstreit um die Konkordatslehrstühle* bekannt. Lies mehr …

Peter Singer und der Kampf um Anerkennung

An der Debatte über Peter Singer, wie sie gegenwärtig aus Anlass der Verleihung des Ethikpreises der Giordano-Bruno-Stiftung wieder geführt wird, zeigen sich die Grenzen eines vernünftigen öffentlichen Diskurses über emotionale und komplexe Themen. Wir sind alle bereit, über vieles zu diskutieren, aber wir werden alle zunehmend ungehalten, wenn Überzeugungen in Frage gestellt werden, die unsere eigene Identität betreffen.

Ich persönlich stehe auf der Seite derjenigen, die glauben, dass eine Debatte über die schwierigen ethischen Fragestellungen, die Peter Singer aufwirft, nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig ist. Meine Überzeugung ist, dass wir für die Entscheidung moralischer Fragen kein besseres Werkzeug haben als das klare Denken. In der Wertedebatte bietet die analytische Ethik die besten Chancen, zu tragfähigen Lösungen zu kommen. Je mehr auf dem Spiel steht, desto weniger sollten Autorität, Religion, Tradition, Emotion und Erfahrung  eine Rolle spielen. Das gilt insbesondere für relativ neue Optionen, die sich aus dem Einsatz neuer Technologien ergeben, für die wir emotional überhaupt nicht gerüstet sein können. Zu meinem Weltbild gehört die Überzeugung, dass wir emotional weit hinter unseren technologischen, aber auch analytischen Fähigkeiten herhinken, ebenso wie unsere traditionellen Institutionen.

Aber ich habe leicht reden: Ich bin nicht betroffen. Ich lebe ohne angeborene oder erworbene Behinderung. Ich rede von Behinderungen wie der Blinde von der Farbe. Wir verlangen von den Debatten-Gegnern, dass sie von ihrer eigenen emotionalen Position abstrahieren. Sie sollen Argumente bringen, aber ihre Emotionen und Erfahrungen lassen wir nicht als Argument gelten. In meinem letzten Posting zeigte ich mich verblüfft und ungehalten, dass jemand die Unterscheidung zwischen behinderter Person und Behinderung nicht treffen will und sogar bereit ist, die Konsequenzen zu akzeptieren, nämlich dass der Wert der Person damit auf die Behinderung übergeht. Ich stehe immer noch dazu, dass diese Unterscheidung von zentraler moralischer Bedeutung ist. Aber ich will hier etwas anderes versuchen: Ich will versuchen, mich in die Position der Gegenseite hineinzuversetzen. Lies mehr …

Sensation: Obermufti lockert Tötungsgebot

Jussuf Al-Ratzad

Jussuf Al-Ratzad auf einem Foto der theologischen Fachzeitschrift Titanic

Das ist eine sensationelle Überraschung: Der oberste Mufti Katholistans, Sheik Jussuf Al-Ratzad, ist von seiner harten kompromisslosen Linie abgewichen, nach der Ungläubige in jedem Fall den Tod verdient haben. Diese Position hatte ihm bei einem Teil der katholistanischen Gläubigen einiges an Kritik eingebracht. Fortschrittliche Kreise hatten bemängelt, dass das unbedingte Tötungsgebot nicht mehr zeitgemäß sei. Bislang jedoch hat Al-Ratzad jede Kritik an seiner harten Linie mit dem Hinweis abgelehnt, man dürfe die Moral nicht dem relativistischen Zeitgeist opfern. Jetzt ist er scheinbar unter dem Druck durch eben diesen Zeitgeist eingebrochen. In dem ersten Interview, das er den Medien überhaupt gewährt, gesteht er zu, dass es in begründeten Einzelfällen moralisch vertretbar sei, Ungläubige am Leben zu lassen. Noch vor Jahresfrist hat er mit seiner Äußerung, ein Tötungsverbot würde das Problem der Ungläubigen nicht aus der Welt schaffen, weltweit für Entrüstung gesorgt.

Konservative Kreise jedoch sind alles andere als erfreut. “Der alte Mann ist vor dem Druck zusammengeklappt”, schreibt etwa die ultrakonservative “Halbmond.net”. “Wir haben an unserem Obermufti immer seine Standfestigkeit bewundert und ihn als Fels in der Brandung verehrt. Er hat sich bislang stets geweigert, die UN-Menschenrechtskonvention zu unterzeichnen, da das darin festgeschriebene Tötungsverbot mit unserer Religion natürlich unvereinbar ist. Jetzt hat er in diesem zentralen Punkt nachgegeben. Eine Schande ist das.”

Von liberaler Seite wird der Schritt zwar begrüßt, aber es wird auch kritisiert, dass Al-Ratzad diese Lockerung seiner Position erst jetzt, anlässlich des Erscheinens seines neuen Buches “Vom Licht des dunklen Zeitalters” verkündet, obwohl er dies auch schon vor Monaten hätte tun können. In diesem Falle wäre vielen Menschen der Tod erspart geblieben. Allerdings, diese Einschränkung müssen wir natürlich fairerweise gelten lassen, nur Ungläubigen.

Die Ungläubigen selbst geben sich fassungslos angesichts des “medialen Theaters” um diese als “Meilenstein” gefeierte Banalität. “Wir Ungläubigen sterben wie die Fliegen, vor allem, weil dieser geistige Führer sich nicht dazu durchringen kann, ein klares Tötungsverbot auszusprechen. Jetzt sollen wir uns darüber freuen, dass wir ‘in begründeten Einzelfällen’ nicht getötet werden müssen?! Wenn es nicht so bitter ernst wäre, müssten wir wohl allein vor Lachen tot umfallen.”

Besonders radikale und aggressive Ungläubige wie etwa Sam Harris fordern seit einiger Zeit, man solle sich in seinen moralischen Entscheidungen überhaupt nicht mehr nach religiösen Führern wie dem Mufti Al-Ratzad richten, sondern die wissenschaftliche Vernunft nutzen, um das Wohlergehen aller Menschen, auch das der Ungläubigen, zu mehren: “Ob der Obermufti sich dazu durchringt, einzelne Ungläubige zu verschonen oder ob der Papst in Einzelfällen Kondome erlaubt, sollte uns nicht mehr interessieren als der sprichwörtliche Sack Reis in China. Das Problem sind nicht die Moralfantasien greiser Religionsführer, das Problem ist die öffentliche Aufmerksamkeit, die wir ihnen schenken.” Den meisten Menschen erscheint dieser Schritt allerdings zu radikal. Vor allem Gläubige warnen vor den Konsequenzen einer völligen Abkehr von Gott und seinen heiligen Vertretern wie Al-Ratzad: “Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt. Dann darf man am Ende auch Gläubige einfach töten oder sogar Verhütungsmittel benutzen.”

[Anm. der Red.: Leider sind uns bei der Bearbeitung einige Fehler unterlaufen. Die Links beziehen sich alle auf eine andere Sensation in einem parallel existierenden Religionsuniversum. Wir bitten dies zu entschuldigen.]

Niedergänge

Lütz, links im Bild

Lütz, links im Bild

Manfred Lütz beklagt den Niedergang der atheistischen Kultur. Diesem Argument von religiöser Seite begegnet man öfter. Es hat etwas Skurriles. Seit Erscheinen von Dawkins’ „Gotteswahn“ wird gebetsmühlenartig immer wieder die Niveaulosigkeit der Argumente kritisiert. Lies mehr …

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