Tag-Archiv | Satire

Keine Zukunft für Retro-Krankenhaus

Der gescheiterte Geschäftsmann ist am Boden zerstört: Seine gesamte Investition erwies sich als Riesen-Flop: Kaum jemand wollte sich in seinem Krankenhaus des späten 18. Jahrhunderts behandeln lassen. Wir trafen den  Neu-Pleitier, der allerdings lieber anonym bleiben möchte. Denn trotz seines Scheiterns hält er seine Idee für zukunftsfähig.

Krankenhaus in Middlesex, London, um 1800

Krankenhaus in Middlesex, London, um 1800

„Wir haben uns so sehr um Authentizität bemüht. Aber niemand wollte sich im Krankenhaus so behandeln lassen wie im ausgehenden 18. Jahrhundert. Das verstehe ich nicht. Wieso haben ambulante Therapien aus dieser Zeit so großen Erfolg? Wieso kann bei Arzneimitteltherapien das Wort „traditionell“ wahre Marketing-Wunder vollbringen, aber stationär möchte keiner nach dem Wissensstand dieser Zeit behandelt werden?“

Motiviert durch den Erfolg traditioneller und alternativer Heilverfahren wie „Ayurveda“ oder „Traditionelle Chinesische Medizin“, „Signaturen-Lehre“, „Spagyrik“, „Hildegard-Medizin“, „Homöopathie“ oder „Anthroposophische Medizin“, die teilweise beträchtlich älter sind als 200 Jahre, haben der Unternehmer und sein Team viel historische Forschung betrieben.

„Wenn es das ist, was die Menschen wollen, hab ich gedacht, die Liebe zum historischen Detail, bitteschön, das kann ich bieten.“

Konsequenterweise wurden in dem Krankenhaus auch weniger ausgebildete Fachärzte und Chirurgen, als vielmehr Historiker der Medizin und Chirurgie eingestellt.

„Wir standen natürlich vor dem Problem, dass die Fachleute von damals alle schon lange verstorben sind. Und an unseren medizinischen Fakultäten wird das alte, traditionelle Wissen ja nicht mehr gelehrt, was sich aber ja langsam ändert. Die Chirurgen, die heute ausgebildet werden, wissen ja gar nicht mehr, wie man unter Zeitdruck operiert, weil ja immer auf moderne Weise anästhesiert wird.“

So gehe wertvolles traditionelles Wissen verloren. Die erste erfolgreiche Anästhesie wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts durchgeführt. Es ist klar, dass bei chirurgischen Eingriffen davor Schnelligkeit eine besondere Rolle spielte.

Gaspare Traversi (um 1722–1770): Die Operation

Gaspare Traversi (um 1722–1770): Die Operation

Auf die Frage, warum es denn ein Krankenhaus aus der Zeit Ende des 18. Jahrhunderts sein sollte, antwortet der gescheiterte Visionär:

„Nun, wir hören überall und ständig Kritik an der Schulmedizin. Gleichzeitig haben traditionelle Therapien aus der Vergangenheit großen Zulauf. Wir haben uns gefragt, worin unterscheidet sich eigentlich die moderne von der traditionellen Medizin? Denn auch die traditionellen Therapien waren zu ihrer Zeit natürlich Schulmedizin. Die einzige wirklich einschneidende Änderung in der Geschichte der Medizin ist die Rolle, die die Wissenschaft etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts spielt. Seitdem hat sich die Medizin rasant entwickelt. Auf einmal fing man an, Therapien zu testen und vieles von dem, was über Jahrhunderte gut genug war, wurde einfach aufgegeben. Das berühmteste Beispiel ist sicher der Aderlass. Wenn die Leute heute unzufrieden sind mit der Schulmedizin, dann müssen sie die wissenschaftliche, die evidenzbasierte Medizin meinen. Wenn die Leute die heutige Schulmedizin hassen, dann bieten wir ihnen hier die Möglichkeit, in der Zeit zurück zu reisen an einen Zeitpunkt, der noch gänzlich unbefleckt ist mit moderner Schulmedizin. Impfungen z.B. sind heute sehr umstritten. Sie wurden damals gerade erst erfunden. Bei uns wird daher selbstverständlich nicht geimpft. Von daher müsste unser Angebot vor allem für alle Impfskeptiker sehr attraktiv sein.“

Was aber ist mit Homöopathie oder Anthroposophischer Medizin? Obwohl relativ jung, sind beide wie selbstverständlich Bestandteil der angebotenen Therapieformen.

Wir haben auch vergleichsweise moderne Therapieformen mit aufgenommen, wenn sie sozusagen den Geist des Alten atmen. Denn das Neue an der modernen Medizin ist die Idee von Test und Evidenz als alleinige Richtschnur. Die alternativen Therapien sind ja definitionsgemäß nicht evidenzbasiert. Sie sind also auch in diesem Sinne vormodern.

Weiter bestärkt wurde der ungewöhnliche Gründer durch den vor kurzem verstorbenen Präsidenten der Bundesärztekammer Hoppe, der festgestellt hat, dass Medizin sowieso keine Naturwissenschaft sei. Daher, so der Gründer, sei die Prämisse der modernen Medizin, dass getestete Methoden immer besser seien als bloß ausgedachte, eine „arrogante Haltung“. Diese „schulmedizinische Hegemonie“ habe das traditionelle Wissen aus der universitären Ausbildung verdrängt. In letzter Zeit lässt sich allerdings eine Umkehrung dieses Trends beobachten.

„Wir haben uns natürlich sehr gefreut über die vielen Studiengänge an den Universitäten zu traditionellen und alternativen Therapieformen. Das hat uns dazu inspiriert, unser Projekt Retro-Krankenhaus zu starten. Wenn die Unis jetzt vermehrt in die alternative und traditionelle Medizin einsteigen, brauchen sie über kurz oder lang ja auch eine solche Retro-Uni-Klinik. Daher sehe ich für unser Projekt auch immer noch eine Zukunft. Aber obwohl wir gerade im grün-alternativen und anthroposophischen Milieu viele Vorschusslorbeeren einheimsen konnten, müssen wir jetzt sehen, dass auch von diesen Leuten tatsächlich niemand bereit ist, sich auf traditionelle Weise auch nur den Blinddarm entfernen zu lassen. Die Zeit ist wohl noch nicht ganz reif.“

Einer der Fehler im Business Plan für das Projekt Retro-Krankenhaus war also sicher die Unterschätzung dieses Trends zur Weinerlichkeit. Aber viele der Patienten, die sich dann doch für ein modernes Krankenhaus entschieden, hatten nicht nur Angst vor Schmerzen, sondern auch vor Sepsis und Infektionen.

„Wir versuchen immer, diese Einwände damit zu entkräften, dass wir für eine sehr gute Luft in unseren Räumlichkeiten sorgen, damit das bösartige Miasma keine Chance hat. Daraufhin erleben wir immer wieder, dass die Leute zuerst mit Erstaunen reagieren und dann einwenden, dass Krankheiten doch durch Viren und Bakterien verursacht würden. Das sitzt wirklich tief bei den Leuten. Wir müssen selbst die Anhänger von traditionellen Therapieformen immer wieder an deren theoretische Grundlagen erinnern. Im ausgehenden 18. Jahrhundert gab es noch keine Bakterien! Damals war es noch die schlechte Luft, das Miasma, an dem die Leute krank wurden. Ein Retro-Krankenhaus muss sich natürlich um der Authentizität willen auch an den Theorien von damals orientieren. Das tun die ambulanten Arzneimitteltherapien ja auch!

Dieses Thema liegt dem verhinderten Gründer sehr am Herzen. Von den kreativen Denkern der Postmoderne wüssten wir doch jetzt schon seit über 30 Jahren, dass die Wissenschaft nur ein Narrativ unter vielen sei. (Das gilt im Übrigen nicht nur für die Medizin.) Warum sollten wir die Geschichten, die die Wissenschaft uns erzählt, eher glauben als das, was der reiche Schatz an kollektiver Erfahrung und Tradition für uns bereithält? Zumal es auch durchaus Vorteile biete:

„Überlegen Sie mal, was gerade in modernen Krankenhäusern mit all diesen Superkeimen geschieht. Die Antibiotika sind am Ende! Wäre es da nicht viel besser, wenn wir uns wieder die gute alte Geschichte vom Miasma erzählen würden? Statt teurer Forschung und evolutionärem Wettrennen mit Mikroben müssten wir nur ausreichend lüften!“

Aber es hilft nichts. Obwohl sich viele Patienten bei ihrer Arztwahl und in der Apotheke – bewusst oder unbewusst – für Therapien entscheiden, die auf Theorien von damals beruhen, will sich niemand wirklich nach damaligem Wissensstand operieren lassen. Es scheint, als gäbe es auch beim Glauben an die traditionelle Medizin einen Punkt, an dem der Spaß aufhört.

Humoristen in der SPD

Eine Meldung von Kamelle.Net

Ein versprengtes Grüppchen antikarnevalistischer Sozialdemokraten wollte einen „Arbeitskreis der Humoristen in der SPD“ gründen. Das Präsidium der SPD hat dies jetzt einstimmig verboten. Vorrangiges Ziel dieser Gruppierung ist die Trennung von Karneval und Staat, insbesondere soll dem Karnevalsverband das durch die Verfassung verbriefte Recht auf Ausübung des Karnevalsunterrichts an öffentlichen Schulen streitig gemacht werden. Stattdessen schwebt den Sektierern ein für alle verpflichtender Humorunterricht vor. Aber, so der Sprecher des Arbeitskreises „Karnevalisten in der SPD“ Thierse, die Verfassungsväter haben sich schon etwas dabei gedacht, als sie die Karnevalsverbände damit beauftragten, unsere Kinder zu humoristischen Werten zu erziehen. Wir wüssten doch alle, wohin es führen könne, wenn der Staat entscheidet, was witzig ist und was nicht. Lies mehr …

Vertauscht und vertuscht – Homöopathischer Etikettenschwindel

EXTRABLATT zur weltweiten 10:23-Aktion am 5.2.2011

Hier fehlt noch das Entscheidende: das Etikett

[UPDATE: Dies ist eine Satire. Viele haben diesen Eintrag für eine echte Nachricht gehalten. Das hätte ich nicht gedacht. Aber es zeigt, dass ein solcher Fall nicht so unwahrscheinlich ist, wie er zunächst vielleicht klingt.]

eba. Wie erst heute bekannt wurde, hat ein Mitarbeiter bei der HahneMed*, einem der größten Hersteller homöopathischer Arzneimittel, über Jahre hinweg Etikettenschwindel betrieben und so der Firma großen Schaden zugefügt. Er hatte sich nach vielen Jahren treuer Mitarbeit in der Verschüttelungsabteilung soviel Vertrauen erschlichen, dass man ihn die zentrale Abteilung des Unternehmens leiten ließ: die Etikettierung. Dort hat er dann systematisch die Kennzeichnung der Etiketten vertauscht. Lies mehr …

Sanfte Notaufnahme

Dieses kleine Video ist schon längst ein Klassiker. Ich zögere etwas zu sagen, es sei “viral”, vielleicht sollte man seine Verbreitung lieber “miasmatisch” nennen, aus Respekt gegenüber der “komplementär”-medizinischen Weltsicht, die hier dargestellt wird. “Viral” wäre nämlich ein metaphorischer Affront, denn Viren und Bakterien sind ja lange Zeit nach Samuel Hahnemanns Tod erst “erfunden” worden (ich zögere, ebenfalls aus Respekt, das brutalere Wort “entdeckt” zu verwenden), somit scheiden sie als Verursacher von Krankheiten in der alternativen Weltsicht der Klassischen Homöopathie aus. Lies mehr …

Sensation: Obermufti lockert Tötungsgebot

Jussuf Al-Ratzad

Jussuf Al-Ratzad auf einem Foto der theologischen Fachzeitschrift Titanic

Das ist eine sensationelle Überraschung: Der oberste Mufti Katholistans, Sheik Jussuf Al-Ratzad, ist von seiner harten kompromisslosen Linie abgewichen, nach der Ungläubige in jedem Fall den Tod verdient haben. Diese Position hatte ihm bei einem Teil der katholistanischen Gläubigen einiges an Kritik eingebracht. Fortschrittliche Kreise hatten bemängelt, dass das unbedingte Tötungsgebot nicht mehr zeitgemäß sei. Bislang jedoch hat Al-Ratzad jede Kritik an seiner harten Linie mit dem Hinweis abgelehnt, man dürfe die Moral nicht dem relativistischen Zeitgeist opfern. Jetzt ist er scheinbar unter dem Druck durch eben diesen Zeitgeist eingebrochen. In dem ersten Interview, das er den Medien überhaupt gewährt, gesteht er zu, dass es in begründeten Einzelfällen moralisch vertretbar sei, Ungläubige am Leben zu lassen. Noch vor Jahresfrist hat er mit seiner Äußerung, ein Tötungsverbot würde das Problem der Ungläubigen nicht aus der Welt schaffen, weltweit für Entrüstung gesorgt.

Konservative Kreise jedoch sind alles andere als erfreut. “Der alte Mann ist vor dem Druck zusammengeklappt”, schreibt etwa die ultrakonservative “Halbmond.net”. “Wir haben an unserem Obermufti immer seine Standfestigkeit bewundert und ihn als Fels in der Brandung verehrt. Er hat sich bislang stets geweigert, die UN-Menschenrechtskonvention zu unterzeichnen, da das darin festgeschriebene Tötungsverbot mit unserer Religion natürlich unvereinbar ist. Jetzt hat er in diesem zentralen Punkt nachgegeben. Eine Schande ist das.”

Von liberaler Seite wird der Schritt zwar begrüßt, aber es wird auch kritisiert, dass Al-Ratzad diese Lockerung seiner Position erst jetzt, anlässlich des Erscheinens seines neuen Buches “Vom Licht des dunklen Zeitalters” verkündet, obwohl er dies auch schon vor Monaten hätte tun können. In diesem Falle wäre vielen Menschen der Tod erspart geblieben. Allerdings, diese Einschränkung müssen wir natürlich fairerweise gelten lassen, nur Ungläubigen.

Die Ungläubigen selbst geben sich fassungslos angesichts des “medialen Theaters” um diese als “Meilenstein” gefeierte Banalität. “Wir Ungläubigen sterben wie die Fliegen, vor allem, weil dieser geistige Führer sich nicht dazu durchringen kann, ein klares Tötungsverbot auszusprechen. Jetzt sollen wir uns darüber freuen, dass wir ‘in begründeten Einzelfällen’ nicht getötet werden müssen?! Wenn es nicht so bitter ernst wäre, müssten wir wohl allein vor Lachen tot umfallen.”

Besonders radikale und aggressive Ungläubige wie etwa Sam Harris fordern seit einiger Zeit, man solle sich in seinen moralischen Entscheidungen überhaupt nicht mehr nach religiösen Führern wie dem Mufti Al-Ratzad richten, sondern die wissenschaftliche Vernunft nutzen, um das Wohlergehen aller Menschen, auch das der Ungläubigen, zu mehren: “Ob der Obermufti sich dazu durchringt, einzelne Ungläubige zu verschonen oder ob der Papst in Einzelfällen Kondome erlaubt, sollte uns nicht mehr interessieren als der sprichwörtliche Sack Reis in China. Das Problem sind nicht die Moralfantasien greiser Religionsführer, das Problem ist die öffentliche Aufmerksamkeit, die wir ihnen schenken.” Den meisten Menschen erscheint dieser Schritt allerdings zu radikal. Vor allem Gläubige warnen vor den Konsequenzen einer völligen Abkehr von Gott und seinen heiligen Vertretern wie Al-Ratzad: “Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt. Dann darf man am Ende auch Gläubige einfach töten oder sogar Verhütungsmittel benutzen.”

[Anm. der Red.: Leider sind uns bei der Bearbeitung einige Fehler unterlaufen. Die Links beziehen sich alle auf eine andere Sensation in einem parallel existierenden Religionsuniversum. Wir bitten dies zu entschuldigen.]

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