Zu heilig für Witze?


Heute erschien die Karikataz, die Ausgabe der taz zum ersten Jahrestag des islamfaschistischen Terroranschlags auf Charlie Hebdo. Darin auch ein Kommentar von Daniel Bax, in dem er sich ein Argument zu eigen macht, das mir immer schon schief und moralisch fragwürdig erschien: Was den Muslimen ihr Mohammed, sei uns der Holocaust.

Bax n'est pas charlie

„Je ne suis pas Charlie“

So überschreibt Daniel Bax seine „blasphemischen Gedanken zum Jahrestag“. Die Argumentation ist vorhersehbar. Die Opfer wurden zu „Märtyrern der Meinungsfreiheit“, damit selbst zu heiligen, unantastbaren Figuren, und er, Daniel Bax, und andere Kritiker, wie z.B. Emmanuel Todd, die trauen sich was, wenn sie diese „Idole“ und „Propheten“ eines neuen „posthumen Kults, der totalitäre Züge trägt“ kritisieren.

Dabei „kannte auch Charlie Hebdo Tabus“. Und eines dieser Tabus sei der Holocaust. Das ist die argumentative Figur, die wir zuerst 2006 aus dem Iran gehört haben. Was den einen ihr Mohammed, das sei den anderen ihr Holocaust. Lieb und teuer und zu heilig für Witze. Aus Protest gegen die harmlosen, aber dennoch welterschütternden Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten veranstaltete die iranische Zeitung Hamshahri einen Holocaust-Karikaturenwettbewerb. Hier sind die Ergebnisse. Bax’ Version des Arguments im Wortlaut:

„Antijüdische Karikaturen sind in der europäischen Presse ein Tabu, nicht zuletzt aus Respekt vor den Gefühlen der Opfer des Holocausts. Zu Recht. Aber mit welchem Argument kritisiert man antisemitische Karikaturen etwa in arabischen Medien, wenn man antimuslimische Karikaturen vehement mit Verweis auf die Meinungsfreiheit verteidigt? Gilt die Meinungsfreiheit nur für Europäer, die sich über den Islam lustig machen? Oder warum hat keine deutsche Zeitung die berüchtigten Holocaust-Karikaturen aus dem Iran nachgedruckt, wenn es doch angeblich darum geht, alles verspotten zu dürfen?“

Selbst wenn antijüdische Karikaturen in der europäischen Presse wirklich tabuisiert sind, so sind sie erstens deswegen noch nicht verboten, zweitens ist noch niemand wegen ihnen ermordet worden, drittens gibt es hier das Ventil der „Israelkritik“, aus dem reichlich Druck entweicht, und viertens ist in diesem Zusammenhang erwähnenswert, dass auch der iranische Holocaust-Karikaturenwettbewerb eine Antwort erhielt, nämlich aus Israel: den israelischen antisemitischen Karikaturenwettbewerb. Als Hauptpreis wurde neben Geld auch ein Original-Mazzebrot gestiftet, gebacken mit dem Blut christlicher Kinder. „Wir werden der Welt zeigen, dass wir die besten, schärfsten und schlimmsten anti-jüdischen Cartoons aller Zeiten machen können!“, versprach der Veranstalter Amitai Sandarovitsch.

Nun zum eigentlichen Argument, verpackt in der unschuldig daherkommenden rhetorischen Frage:

„Warum hat keine deutsche Zeitung die berüchtigten Holocaust-Karikaturen aus dem Iran nachgedruckt, wenn es doch angeblich darum geht, alles verspotten zu dürfen?“

shoah hebdoIst der Holocaust wirklich unser Mohammed? Es ist schon interessant, dass immer wieder der Vergleich zwischen Mohammed und Holocaust gemacht wird, wenn es um die Frage geht, worüber gelacht werden darf. Nicht nur der iranische Holocaust-Karikaturenwettbewerb ist hier zu nennen, sondern auch die Selbstverständlichkeit, mit der Gegnern von Charlie Hebdo offenbar die Idee kam, die „Sharia hebdo“-Ausgabe durch eine „Shoa hebdo“-Ausgabe zu karikieren.

Eigentlich ist es eine gute Idee, darauf hinzuweisen, dass wir normalerweise nicht mit Spott auf Leichen zielen, wenn man zeigen möchte, dass es auch für uns Dinge gibt, über die wir nicht lachen und die wir nicht ins Lächerliche gezogen sehen möchten. Bei Mord, Massenmord, Völkermord gar hört der Spaß auf. Das ist für beinahe jeden von uns richtig. Seht Ihr?, triumphiert der Islamophile: Auch Euch sind gewisse Dinge heilig!

In einem anderen Sinn ist es aber eine entlarvende Idee, sich für diesen Nachweis ausgerechnet den Holocaust auszusuchen. Denn sie zeigt, dass Islamfaschisten – nun eben: Faschisten sind. Denn wer einen Karikaturenwettbewerb zum Holocaust veranstaltet, zieht eben diesen Völkermord ins Lächerliche. Er zeigt uns die Tatsache, dass wir über Völkermorde nicht lachen wollen (die wir ohnehin gern zugeben), indem er sich selbst als jemand zeigt, der durchaus über Völkermorde – oder zumindest über diesen Völkermord – lacht.

Es ist kein willkürliches westliches Tabu, sondern Konsens einer minima moralia, dass Opfer von Mord, Massenmord, Völkermord sich nicht als Opfer von Spott eignen. Das heißt nicht, dass wir solchen Spott verbieten müssten, sondern nur, dass die meisten Menschen solchen Spott nicht witzig finden werden.

Bei näherem Hinsehen wird dann auch deutlich, dass sich die meisten Holocaust-Karikaturen nicht direkt über die Opfer lustig machen, denn das würde als Witz eben nicht funktionieren, sondern dass sie entweder den Holocaust als Tatsache in Zweifel ziehen oder die vermeintliche Immunität kritisieren, die er Israel verleihe. Meistens aber wird ganz einfach die These illustriert, dass die Israelis die neuen Nazis und Muslime die neuen Juden seien. Diese These zeugt zwar von einer beispiellosen moralischen Orientierungslosigkeit, ist aber in Deutschland und in der gesamten westlichen Welt alles andere als tabuisiert.

Ein abstruser Vergleich

Am meisten verwundert jedoch, dass es für viele anscheinend nicht offensichtlich ist, wie abstrus dieser Vergleich zwischen Prophet und Völkermord eigentlich ist. Ein Prophet mag heilig sein, ein Völkermord ist es nicht. An einen Propheten muss man glauben, bevor man sich über Prophetenkarikaturen aufregen kann, an einen Völkermord muss niemand glauben. Man kann ihn höchstens mit aller Kraft leugnen und verdrängen.

Sich über einen Völkermord wie den Holocaust lustig zu machen, ist so pietätlos wie das Beschmieren von Millionen Gräbern mit Hakenkreuzen, würdigt das Andenken an Millionen Opfer herab, verharmlost ein nach wie vor schwer vorstellbares Verbrechen, zeugt von tief gehender moralischer Verwahrlosung – und ist nicht verboten (oder sollte es zumindest nicht sein).

Sich über Propheten lustig zu machen, ist nicht pietätlos, sondern höchstens respektlos gegenüber Tradition, Religion und Autoritäten, würdigt niemanden herab (wenn er nicht gerade zufällig Prophet ist) – und ist in repressiven Theokratien verboten, bei uns aber nicht.

Sich über Propheten oder Religionen lustig zu machen, untergräbt ihre Autorität und ist daher ein genuin emanzipatorischer Akt. Theokraten sehen das natürlich anders, sie sehen dadurch ihre Macht von Gottes Gnaden in Gefahr gebracht. Eine Witzfigur eignet sich nicht als Instrument totalitärer Repression. Auf welchen vergleichbar positiven Aspekt können die Veranstalter von Holocaust-Karikaturenwettbewerben verweisen?

Vielleicht gibt es diese Leute, die Massengräber, Gaskammern, Leichenberge spontan zum Lachen finden. Ich kenne sie nicht. Aber ich kenne sehr viele Leute, die Religionen in ihrem heiligen Ernst, mit ihrem bombastischen Pomp und ihren flachsinnigen Tiefigkeiten inhärent komisch finden. Ein Witz über Propheten oder Päpste liegt nahe, einer über ein Verbrechen hingegen, ein monströses zumal, liegt den meisten Menschen fern. Er wird in jedem Fall weit hergeholt wirken.

Es ist daher entlarvend, wenn sich antisemitische Islamofaschisten und Islamophile ausgerechnet immer wieder den Holocaust aussuchen, um uns zu zeigen, dass auch wir nicht über alles lachen wollen. Aber es ist auch in gewisser Weise schmeichelhaft. Unterhalb der Schwelle des Menschheitsverbrechens scheinen sie nichts zu finden, was sie uns als „zu heilig für Witze“ um die Ohren hauen könnten. Ihr „Siehste“ wirkt in dieser moralischen Höhe selbst wieder unfreiwillig komisch. Dabei behauptet eigentlich niemand, dass wir über alles lachen sollten. Nur sollten Witze nicht unter Strafe stehen, erst recht nicht unter Todesstrafe.

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