Schwach im Glauben

Wie stark, denken Sie, sollten Ihre Überzeugungen sein? Identifizieren Sie sich mit ihnen? Halten Sie eine Schwäche der Überzeugung für eine Schwäche des Charakters? Halten Sie den Glauben für eine Tugend? Verachten Sie Flip-Flopper? Was würde Sie dazu bringen, Ihre Überzeugung zu ändern? Und was würden Sie dabei empfinden? Gibt es Überzeugungen, mit denen Sie sich so sehr identifizieren, dass Sie denken, Sie würden zu jemand anderem, wenn Sie sie nicht mehr hätten?

Stellen Sie sich vor, Ihre Überzeugungen seien konkrete Dinge, mit denen Sie etwas tun können. Sie könnten Sie sich als die Steine vorstellen, aus denen Sie ein Haus bauen möchten. Dann benötigen Sie wahrscheinlich starke Überzeugungen, die kein Sturm so leicht umhaut. Sie werden dadurch immobil und unflexibel, aber ein Haus, das gibt Sicherheit.

Sie können Ihre Überzeugungen jedoch auch bei Ihrer Wanderschaft im Rucksack mitführen. Als provisorische Hilfe, wie ein Schweizer Messer, eine Taschenlampe, Regenschutz oder Kompass. Das ist etwas mühsamer, gibt aber ein freieres Gefühl. Sie werden sich auch weit weniger mit Ihren Überzeugungen identifizieren müssen. Es ist selten, dass sich jemand mit seinem Regenschutz identifiziert. Es gibt wenige Wanderer, die ihre alte schwere gewachste Baumwolle der neuen leichteren Funktionsjacke vorziehen.

Sie werden schon bemerkt haben, dass ich den Wanderer sympathischer finde als den Hausbauer. Und dass ich der Meinung bin, wir sollten die Anzahl der Überzeugungen, mit denen wir uns identifizieren, so gering wie möglich halten. Wenn wir die Metapher auflösen, so passt das Bild des Wanderers besser zu unserer Situation als das des Hausbewohners. Wir sind alle in einer weitgehend unbekannten Welt in Richtung einer ungewissen Zukunft unterwegs. Dabei benötigen wir unsere Überzeugungen als Werkzeuge. So lange sie klaglos ihren Dienst tun, fein. Aber wenn sie versagen, weg mit ihnen!

Das Schöne am Haus ist natürlich, dass wir uns in ihm auskennen. Es dient als Schutz gegenüber einer Welt, in der wir uns überwiegend nicht auskennen. Das ist aber auch das Problem. Die Sicherheit, die ein Haus aus Stein, Mörtel und Zement bietet, ist bis zu einem gewissen Grad real, bei einem Haus aus Überzeugungen jedoch ist sie illusorisch. Sie ist ein Wahn.

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Harald Stücker

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