Buzz Lightyears Weltbildnetz

Buzz Lightyear ist ein Spielzeug. Er lebt jedoch in dem Wahn, er sei ein Space Ranger, der tatsächlich auf einem fremden Planeten gelandet ist. Als er zufällig im Fernsehen eine Werbung für sich als Spielzeug sieht, mit dem Hinweis „Kein fliegendes Spielzeug“, bricht sein Bild von der Welt zusammen.

Unsere Überzeugungen sind Knotenpunkte im Netz unseres Weltbildes. Je mehr Verbindungen ein Knoten aufweist, desto wichtiger ist er für die Integrität des Netzes. Es gibt Teilnetze an der Peripherie, deren Auflösung nur geringe Auswirkungen auf das gesamte Netz hätte. Und es gibt zentrale Knoten, die das gesamte Netz tragen. Dass Buzz kein Spielzeug ist und dass er tatsächlich fliegen kann, ist Kernstück seiner Identität.

Charles_Sanders_Peirce_in_1859

Charles Sanders Peirce 1859

Es gibt verschiedene Methoden, wie wir zu unseren Überzeugungen kommen können. Der amerikanische Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Charles Sanders Peirce hat 1877 einen immer noch sehr lesenswerten Aufsatz darüber veröffentlicht. Es gibt nach Peirce eigentlich nur ein Motiv für den Versuch, eine Überzeugung festigen zu wollen, und das ist der Zweifel.

Vielleicht ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass der Zweifel keinen guten Ruf hat. Er wird meistens eher negativ gesehen. In der religiösen Tradition ist er ein Werkzeug des Teufels, das ist nicht verwunderlich. Wo evidenzloser Glaube Tugend ist, muss Zweifel als Laster gelten. Aber auch unabhängig von Religion gibt es Gründe, warum Menschen den Zweifel nicht mögen. Und die haben mit der Integrität Ihres Weltbildnetzes zu tun. Der Zweifel lockert einen Knoten und senkt seine Belastbarkeit. Dies kann eine Kettenreaktion auslösen. Je nachdem, wo sich der Knoten im Netz befindet, können sich zentrale Teile auflösen. Der Zweifel kann für ein solches Netz gefährlich werden.

In der Tat ist das Netz für uns sehr wertvoll. Es ist kein neutrales Gebilde, es ist unser Weltbild. Darin steckt die kognitive Arbeit unseres ganzen Lebens. Es wäre daher naiv, nur von Werten auf einer Wahrscheinlichkeitsskala zu reden, die wir unseren Überzeugungen zuweisen. Unsere Überzeugungen haben auch, und manchmal vor allem, emotionalen Wert. Somit steckt also nicht nur die kognitive, sondern auch die emotionale Arbeit unseres Lebens in diesem Weltbildnetz. Es liegt also nahe, dass wir unsere Überzeugungen nicht einfach nur für wahr halten, sondern sie auch lieben, in selteneren Fällen vielleicht auch hassen.

Manche Überzeugungen haben wir nicht nur, sondern wir sind sie. Buzz Lightyear ist ein Space Ranger und kein Spielzeug! Zentral eingebettet in unserem Weltbildnetz ist ein Selbstbild, eine Vorstellung davon, wer wir sind und in welchem Verhältnis wir zu der Welt stehen, die uns unser Weltbild präsentiert. Zwischen dem zentralen Selbstbild und dem übrigen Weltbildnetz bestehen vielfältige Verbindungen, sodass ein Zweifel an einer anderen Stelle im Weltbildnetz durchaus Auswirkungen haben kann auf unser Selbstbild. Für die überwiegende Anzahl meiner Überzeugungen ist diese Verbindung sehr schwach, Sachverhalte, die ich für trivial oder nebensächlich halte, können sich meinetwegen ändern, ohne dass ich mich ändere. Aber je mehr eine Überzeugung mit anderen verknüpft ist und je weiter sie ins Zentrum hineinreicht, desto weitreichender sind die Konsequenzen ihrer Aufgabe.

Wenn der Zweifel eine potentielle Gefahr für das Weltbildsystem ist, warum lässt das System ihn dann überhaupt zu? Weil es als lebendiges System auf Input angewiesen ist. Das kognitive Netz ist ein dynamisches System, und die empirischen Daten über die Welt, die über die Sinnesorgane und per Kommunikation aus anderen Weltbildsystemen hereinkommen, verhindern seine Erstarrung. Der Zweifel ist für das Weltbildsystem wie der Sauerstoff für einen Organismus. Einerseits ist er ein Gift, das zur Desintegration beiträgt, andererseits ist er lebensnotwendig.

Das Netz hat verschiedene Aufgaben zu erfüllen, zwischen denen es zu Konflikten kommen kann. Es integriert unsere Überzeugungen, um in der bekannten Umgebung handlungsfähig zu bleiben. Eine wichtige Anforderung an ein solches Netz ist also die korrekte Repräsentation der Umgebung. Aber um handlungsfähig zu sein, muss das System zunächst das Bild eines Subjekts erzeugen, das handeln kann. Zweifel, die seine Handlungsfähigkeit beeinträchtigen, müssen zurückgewiesen werden. Buzz weiß, dass die anderen Kreaturen auf dem fremden Planeten ihn für ein Spielzeug halten, aber was soll’s? Das ist für ihn keine hinreichende Evidenz, um eine zentrale Überzeugung über Bord zu werfen. Die Evidenz aus dem Werbespot aber ist für ihn unabweisbar und führt direkt in die Identitätskrise.

Wenn Überzeugungen durch Erfahrungen oder die Wahrnehmung, dass andere anderes glauben, in Zweifel gezogen werden, dann gibt es einen Kampf, der zu einer Untersuchung führt, so Peirce. Ziel dieser Untersuchung ist die Festigung einer Überzeugung. Irgendeiner Überzeugung. Sobald die Überzeugung gefestigt ist, ist der Zweifel verschwunden, und damit jeder Anlass, die Untersuchung fortzuführen. Peirce schreibt,

„sobald eine feste Überzeugung erreicht ist, sind wir völlig zufrieden, sei die Überzeugung nun wahr oder falsch.“

Natürlich wären wir in der Tat nicht zufrieden, wenn wir wüssten, dass die Überzeugung, zu der unsere Untersuchung geführt hat, falsch ist. Aber wir halten unsere Überzeugungen ja definitionsgemäß für wahr.
Peirce unterscheidet vier Methoden zur Festigung der Überzeugung:

  1. Die Methode des Beharrens
  2. Die autoritäre Methode
  3. Die apriorische Methode
  4. Die wissenschaftliche Methode

Er favorisiert natürlich die wissenschaftliche Methode, da sie die einzige ist, die

„irgendeine Unterscheidung zwischen einem richtigen und einem falschen Weg zeigt“.

Trotzdem hat sicher jede der Methoden ihre Vorteile: Die apriorische Methode liefert einfache Konklusionen. Die autoritäre Methode generiert Tabus und kann so den gesellschaftlichen Frieden fördern, auch wenn die so hergestellte Ruhe eine Friedhofsruhe sein mag. Zur Methode des Beharrens merkt Peirce eher ironisch an:

„Doch am meisten bewundere ich die Methode des Beharrens wegen ihrer Stärke, Einfachheit und Direktheit. […] Es ist unmöglich, den Menschen nicht zu beneiden, der Vernunft entbehren kann, obwohl wir wissen, wie das schließlich ausgehen wird.“

Und hierin liegt meiner Meinung nach die Stärke dieses Ansatzes (und dieses Aufsatzes), dass er ohne großes moralisches Pathos auskommt, wenn er die wissenschaftliche Methode ins rechte Licht rückt. Kein Ethos der Wahrheitsliebe, keine hehren Ziele der Menschheit werden beschworen. Es kommt vor allem darauf an, was wir wollen.

Wollen wir, dass sich unsere Überzeugungen „der Vernunft angemessen“ erweisen, dann sollten wir die apriorische Methode wählen, sollten dann aber auch wissen, dass sie „aus der Untersuchung etwas [macht], das der Entwicklung des Geschmacks ähnelt“, da die sogenannte „Vernunft“ kein objektivierbares Kriterium ist, sondern eine Sammlung von zufällig biografisch verursachten Vorurteilen enthält. Jedem seine eigene empiriefreie Metaphysik.

Wollen wir Untersuchungen möglichst ganz vermeiden, weil uns das Gefühl des Zweifels zuwider ist oder Angst macht, oder weil die Überzeugungen, die wir schon haben, uns so kostbar und ehrwürdig erscheinen, dass allein schon der Gedanke an eine kritische Überprüfung wie eine Beleidigung erscheint, dann sollten wir die Methode der Beharrung übernehmen. Das ist nicht unbedingt gering zu schätzen, wie gesehen, können Überzeugungen durchaus identitätsstiftend sein, so dass der Zweifel als Bedrohung empfunden werden kann. Das offensichtlichste Beispiel sind natürlich religiöse Überzeugungen, aber dieses Phänomen erstreckt sich auf alle Lebensbereiche.
Auch Buzz versucht es zunächst mit Beharrung auf seiner Überzeugung:

Woody: DU… BIST… EIN… SPIELZEUG!!! Du bist nicht der echte Buzz Lightyear! Du bist ein – argh, Du bist eine Actionfigur! Du bist das Spielzeug eines Kindes!
Buzz: Sie sind ein trauriger, seltsamer kleiner Mann, und Sie tun mir leid. Leben Sie wohl. (Quelle: Wikiquote)

Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der diese Methode des Beharrens im großen Stil praktiziert wird, so hängen wir der autoritären Methode an. Eine Institution, etwa ein Staat oder eine Kirche, idealerweise eine Staatskirche, legt unsere Überzeugungen fest. Wir müssen sie dann nur noch übernehmen. Zweifel ist dann nicht mehr nötig, oft steht er dann sogar unter Strafe. Eine solche Gesellschaft wird oft Diktatur oder Theokratie geschimpft, aber ihr Vorteil liegt klarerweise in der Stabilität und im sozialen Zusammenhalt. Wenn der Einfluss des Zweifels erfolgreich zurückgedrängt werden kann, dann ist eine autoritäre gegenüber einer eher liberalen Gesellschaft im Vorteil. Wer also die Freiheit der eigenen Gedanken und Meinung geringer schätzt als die relative Größe und Stabilität der Gemeinschaft, in der er lebt, der sollte die Methode der Autorität vorziehen. Eine liberale Gesellschaft wird sich in einem Krieg notgedrungen in Richtung der autoritären Methode bewegen müssen, um gegenüber einem autoritativen Gegner bestehen zu können. Das ist bedauernswert, aber die Geschichte ist voller Beispiele dafür.

Es ist also nicht abwertend, sondern nur nüchtern deskriptiv, wenn Peirce feststellt, dass zu den Vorteilen dieser Methoden nicht gehört, dass sie eine Entsprechung zwischen Überzeugung und Realität gewährleisten oder fördern. Wenn wir das wollen, dann bleibt nur die wissenschaftliche Methode.

Diese ist wie die anderen auch eine Methode zur Festigung von Überzeugungen, im Gegensatz zu den anderen jedoch keine zum Schutz von Überzeugungen. Wer sich mit seinen Überzeugungen identifiziert, kann die wissenschaftliche Methode als rücksichtslos und unbarmherzig empfinden. Sie schmeichelt nicht (wie die apriorische Methode), sie beruhigt nicht (wie das Beharren) und sie bedient keine kollektivistischen Instinkte (wie die Autorität), sie kann eigentlich nur eins: Wahre von falschen Überzeugungen, also Tatsachen von bloßen Meinungen unterscheiden. Nicht wenige halten dies für einen Vorteil.

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