Christliche Werte sind lieb

„Wir lassen uns von christlichen Werten leiten … unsere gesamte Tradition basiert auf christlichen Werten … wir sind in christlichen Werten zu Hause … wer sich integrieren will, muss unsere christlichen Werte akzeptieren…“ Die Leitkulturdebatte ist zurück, und zwar vehementer als noch vor einigen Jahren, als die multikulturelle Fraktion es geschafft hat, aus ihr eine semantische Debatte über den Begriff „Leitkultur“ zu machen. Jetzt wird auf allen Kanälen und immer wieder der Punkt festgehämmert: Kern unserer Leitkultur sind die „christlichen Werte“.

Das mag für Anders- und vor allem Nichtgläubige bedrohlich klingen, aber fürchtet Euch nicht: Christliche Werte sind lieb! Man kann eigentlich nicht wirklich was gegen sie haben. In den einschlägigen Fernsehdiskussionen werden sie auch so gut wie niemals kritisch hinterfragt. Sie tauchen außerdem immer nur in toto auf als monolithischer Block, als plurale tantum, als Paket, das, wie es scheint, nicht aufgeschnürt werden darf, wie bei Koalitionskompromissen. Herausgegriffen wird oft nur exemplarisch die Nächstenliebe. Ein Totschlagswert, denn niemand kann etwas haben gegen Nächstenliebe. Schaut her, so sind wir christlichen Werte, sagt die Nächstenliebe und klimpert ein wenig mit ihren langen Wimpern über den Kulleraugen.

Christliche Werte sind aber in erster Linie religiöse Werte. Es stellt sich nun die ganz simple Frage (die jedoch überaus selten tatsächlich gestellt wird), warum sich Menschen um diese besonderen religiösen Werte kümmern sollten, die dieser Religion nicht anhängen? Und was sollen Menschen mit religiösen Werten allgemein anfangen, die gar keiner Religion anhängen?

Wenn es um religiöse Fragen geht, also etwa darum, was ich zu glauben habe, was ich wie anzubeten habe und in welche Richtung, welche Hüte ich dabei auf dem Kopf zu tragen habe, sogar, was ich essen darf und was nicht, dann haben religiöse Autoritäten den Anhängern ihrer Religionen durchaus etwas zu sagen, da sollte sich niemand von außen einmischen. Aber es gibt auch Fragen der individuellen Lebensführung, des sozialen Miteinanders, Fragen in Bezug auf Individualität und Kollektivität, auf Leben und Tod, die für nicht-religiöse Menschen nichts mit Religion zu tun haben, und die von verschiedenen Religionen notorisch unterschiedlich beantwortet werden.

Menschenrechte sind Grundwerte par excellence. Sie gelten in allen aufgeklärten Demokratien als Grundwerte. Allerdings hat die letzte absolutistische christliche Theokratie der Welt, der Vatikan, die Europäische Menschenrechtskonvention nicht unterzeichnet. Dürfen wir daraus folgern, dass die Menschenrechte den christlichen Werten, die gerade alle propagieren, nicht entsprechen?

Könnten religiöse Werte auch Grundwerte sein? Könnten also insbesondere christliche Werte Grundwerte sein? Aus mehreren Gründen können sie das nicht. Der offensichtlichste und triviale Grund ist wohl die Tatsache, dass in einem Staat verschiedene Gruppen mit verschiedener oder ohne Religionsbindung leben. Religiöse Normen und Werte können nur für die Mitglieder der jeweiligen Religionsgemeinschaft verbindlich sein. Ein Staat, der sich die Normen und Werte einer bestimmten Religionsgemeinschaft zu eigen macht, ist weltanschaulich nicht mehr neutral und hört auf, ein säkularer Staat zu sein. Wir haben dann eine Staatsreligion.

Ein weiterer Grund gegen religiöse Werte als Grundwerte ist viel wesentlicher. Wer sich auf religiöse Werte bezieht, läuft schnell in eine argumentative Falle. Und hier wird deutlich, dass eine religiöse Begründung von Grundwerten nicht nur nicht überzeugt, sondern dass sie die Gefahr birgt, diese Grundwerte zu zerstören.

Nehmen wir zum Beispiel die Folterpraxis der genitalen Verstümmelung kleiner Mädchen. Verursacht wird diese Praxis durch eine Tradition, die wiederum begründet wird mit religiösen Geboten. Welche Position ist gegenüber einer solchen Praxis einzunehmen? Und wie kann eine solche Position begründet werden? Zunächst einmal widerspricht diese Praxis Artikel 5 der UN-Menschenrechtskonvention, falls wir uns darauf einigen können, dass es sich dabei um „Folter oder grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung“ handelt. Nach den allgemein anerkannten Menschenrechten handelt es sich hier also um ein Verbrechen. Kleine Mädchen grausam zu verstümmeln, ist moralisch falsch. Dieses Urteil ist wenig überraschend, da es jedem Menschen intuitiv einleuchten dürfte. Aber die religiöse Tradition ist machtvoll. Denn stellen wir uns nur einmal vor, was hier geschieht: Jedes Mal aufs Neue müssen mächtige moralische Intuitionen der Folternden überwunden werden. Wenn Sie selber eine kleine Tochter haben, fragen Sie sich, wie hoch der religiöse „Wert“ sein müsste, bevor Sie Ihre Tochter dem Folterer ausliefern würden.

Wir sagten, die Praxis sei moralisch falsch. Ist sie auch religiös falsch? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber was könnte für die moralische und strafrechtliche Verurteilung dieser Folterpraxis irrelevanter sein?! Nun wird aber jeder gutmeinende christliche oder muslimische Kommentator, der dieses Ritual offenkundig missbilligt, die Frage stellen, was wohl der Koran dazu sage. Und jeder Muslim, der sich davon distanzieren will, wird sich beeilen zu betonen, dass der Koran diese Praxis nicht vorschreibe. Hier schnappt jetzt die Falle zu. Denn was wäre, wenn der Koran sie vorschriebe? Was, wenn Allah klipp und klar und überdeutlich hingeschrieben hätte: „Bevor Deine Tochter zur Frau wird, schneide ihr die Klitoris heraus!“ Ja, müsste der Muslim dann sagen, wenn das so wäre, könnte man leider nichts tun. Wenn der Koran diese Praxis vorschriebe, müsste ich auch meine eigene Tochter verstümmeln, da ich ja gläubiger Muslim bin.

Wir haben einfach Glück, wenn in heiligen Texten nicht steht, dass wir umgebracht oder gefoltert werden sollen. Manche haben dieses Glück nicht, etwa Salman Rushdie, Ayaan Hirsi Ali, Kurt Westergaard oder viele andere couragierte Menschen, die auf den Todeslisten der Religiösen stehen, oder die schon ermordet wurden, wie Theo van Gogh oder auch Dr. George Tiller.

Aber wir sprachen ja über die christlichen Werte, die so viel zivilisierter und lieber sind als die Atavismen anderer Religionen. Nun, wenn das wirklich so ist, dann haben wir einfach Glück gehabt. Entscheidend aber ist, dass wir eine Kultur der Kritik religiöser Werte entwickelt haben, wir haben sie gezähmt. Diese Tradition der Eindämmung und Kultivierung religiöser Atavismen ist es, die unser Gemeinwesen zu der Oase der Freiheit macht, die es zu verteidigen lohnt. Nahezu alle republikanischen Freiheitsrechte, auf die wir zu Recht so stolz sind, sind gegen die Kirchen erkämpft worden: u.a. Gleichberechtigung der Frau, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit der Wissenschaft. Dies sind die Grundwerte, die wir schützen müssen, und eben nicht die christlichen Grundwerte. Nun gibt es die Tendenz, Freiheitsrechte, die die Kirchen zähneknirschend zugestehen müssen, nach einiger Zeit dem Christentum anzurechnen. Mit dem Freiheitskampf der Homosexuellen tobt gerade wieder solch ein Kampf. Wenn auch dieser gewonnen wird, werden vielleicht auch Schwulenrechte in einigen Jahrzehnten zu den christlichen Werten gezählt.

Und was ist mit der Tradition? Was mit dem christlichen Erbe? Ja, eine Jahrhunderte herrschende Staatsreligion ist eine kulturelle Monokultur und hinterlässt notgedrungen neben einer Brache auch ein kulturelles Erbe. Aber inwiefern kann das ein Argument für die so tradierten Werte sein? Ist ein Wertesystem ethisch umso überzeugender, je länger es gewaltsam in Kraft war? Dann haben wir einfach nur Glück, dass das Sowjetimperium gerade mal 75 Jahre gedauert hat, Glück, dass die Nazis nur 12 Jahre lang geherrscht haben. Sonst würden unsere Nachkommen im Jahre 3000 von einem marxistisch-leninistischen oder von einem nationalsozialistischen Erbe reden und dieses als Argument für die jeweiligen Werte und Normen verstehen. Aus diesem Argument würde übrigens auch folgen, dass die kommunistischen Werte 1988 ehrwürdiger waren als 1917, dass die Werte der Nazis 1945 ethisch überzeugender waren als noch 1933.

Fazit: Wenn wir unsere Grundwerte religiös begründen oder als religiöse Werte hervorheben, dann müssen wir auch den Angehörigen anderer Religionen gestatten, ihre Entscheidungen gemäß ihren religiösen Werten zu treffen. Aber es sind die Menschenrechte, die wir als Grundwerte einfordern müssen und die unhintergehbar sind. Im Zweifelsfall müssen wir von Bürgern verlangen, dass sie sich gegen ihre religiösen Vorschriften verhalten.

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Harald Stücker

6 responses to “Christliche Werte sind lieb”

  1. Heinz Göd says :

    Ein sehr notwendiger Artikel!
    Gerade heute werden ‚christliche Werte‘ von Priestern, Politikern und sonstigen zur Abgrenzung gegen den Islam ins Treffen geführt.
    Fragt mensch einen dieser Leute, was denn die ‚christlichen Werte‘ sind, so kommen bestenfalls leere Worthülsen, z.B.:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Christliche_Werte
    http://www.christlichewerteleben.de/werte-und-gesellschaft
    oder die eines „christlichen“ Politikers, der der
    Öffentlichkeit die Werte vorstellte: „Leistung“,
    „Zuverlässigkeit“ und „Familie“.
    („Leistung“ und „Zuverlässigkeit“ sind Beurteilungspunkte für Maschinen und Roboter, für Menschen wären die Werte „Verantwortungsbewußtsein“ und „Einfallsreichtum“
    angebracht).
    Vor Jahrzehnten habe ich für ein BuchProjekt bezüglich ‚christlicher Werte‘ nachgebohrt und folgendes gefunden:
    Im Kath.Katechismus gibt es kein Kapitel ‚Christliche Werte‘,
    es werden aufgeführt:
    die 3 göttlichen Tugenden: Glaube, Hoffnung, Liebe;
    die christlichen Zentralwerte: NächstenLiebe, FeindesLiebe
    die KardinalTugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung.
    kirchliche Werte: Demut, Gehorsam,
    jesuansche Werte: Armut, Almosen-geben, Selbstverleugnung, Selbsterniedrigung, sexuelle Enthaltsamkeit(Ehelosigkeit),
    Erdulden von Ungemach und Unrecht.
    Hinter den 10 Geboten stehen auch noch Werte, wie:
    GottesFurcht, Gehorsam, Schutz des Eigentums, …
    Der Kern des Christentums ist ein ‚SündenFall mit
    SippenHaftung'(‚Erbsünde‘) und eine ‚Entschuldung durch Stellvertretung'(‚KreuzesOpfer Christi‘),
    das ist mit einem neuzeitlichen WerteSystem nicht vereinbar.
    Einige der obigen Werte sind leere Worthülsen,
    mensch findet sie in mehreren WerteSystemen mit jeweils anderem Inhalt.
    Die eigentlichen ‚christlichen Werte‘ sind die jesuanischen, da Jesus-Christus sie ja auch überlieferungsgemäß vorgelebt hat. An erster Stelle ist da Armut – die er ja auch von seinen Bewunderern fordert. Diesen ‚Wert‘ haben die
    ‚christlichen‘ Eroberer in der Tat den alteingesessenen Bewohnern Südamerikas, Nordamerikas, Afrikas, Asiens und Australiens gebracht – natürlich aus reiner Nächstenliebe,
    denn ein Armer kommt ja geradewegs ins Himmelreich.
    Im zuge des BuchProjektes habe ich versucht, den
    ‚christlichen Werten‘ einen ‚unchristlichen Wertekatalog‘ entgegenzustellen
    http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zukunft/2069FaqD/2069FaqD_Erzieh.html#Werte
    habe dabei aber das unbestimmte Gefühl, dass ich dabei selbst

    irgendwie im Kreise gehe …

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