Vatikan kann auch liberal

Und da heißt es immer, der Vatikan sei nicht liberal. Er setze zu sehr auf Verbote. Nein, je weiter nach rechts wir schauen, und wenn wir gute Teleskope benutzen, weil es so weit draußen ist, da sehen wir, wie liberal der Vatikan tatsächlich sein kann:
Der Vatikan ist gegen ein Verbot der Holocaust-Leugnung.
Da haben sie ausnahmsweise mal Recht. Aus diesen Zeilen spricht verblüffend viel Vernunft:

Vom Vatikan wird die Forderung, die Leugnung des Holocaust nach deutschem Vorbild auch in Italien zu verbieten, als kontraproduktiv bewertet. Die Leugnung der Judenvernichtung sei eine schwerwiegende «schändliche Aktion», heißt es in einem Meinungsbeitrag der Vatikanzeitung «Osservatore Romano» (Dienstagsausgabe). Die Bestrafung von Holocaust-Leugnern verhindere dies jedoch nicht, denn Zensur schaffe in der Demokratie «Märtyrer». Mit einem Verbot der Holocaust-Leugnung, wie es der Präsident der jüdischen Gemeinde Roms, Riccardo Pacifici, ins Gespräch gebracht hatte, werde eine historische Wahrheit rechtlich festgeschrieben, warnte die Vatikanzeitung.

Es stimmt: Meinungsverbote adeln Meinungen. Es steht einer liberalen Demokratie nicht gut zu Gesicht, Meinungsäußerungen zu verbieten. Ein anderes, aber verwandtes Beispiel: Das einzige praktisch verbotene Buch in Deutschland ist „Mein Kampf“. Welch eine Auszeichnung in den Augen der Nazis! Welch unverdienter Heiligenschein um den Schädel eines minderbemittelten Hooligans, den ungünstige historische Winde zu einem der einflussreichsten, weil destruktivsten Primaten der jüngeren Geschichte gemacht haben.

Und diese Einsicht von der Institution, die die Zensur, wenn nicht erfunden, so doch zur Perfektion gebracht hat. Ob allerdings die Opfer des Holocaust, die immer noch vor ohnmächtigem Zorn zittern müssten angesichts der Obszönität des Auftritts Ratzingers in Auschwitz 2006, wo er von den armen, von einer skrupellosen Verbrecherbande in die Irre verführten Deutschen sprach, (die mit ihrem Völkermord ja eigentlich die Katholiken meinten), und auch angesichts seiner „Heim-in-die-Kirche“-Holung der judenfeindlichen Untersekte Pius, und auch angesichts seiner liturgischen Ohrfeige der Wiedereinführung der Karfreitagsfürbitte zur Bekehrung der Juden, ob diese Opfer nun auch die Größe der liberalen Geste des Vatikans vollständig erfassen können?

Schlagwörter: , , , , ,

About Harald Stücker

Harald Stücker

Was denken Sie zum Thema?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: