Illusionen und Pubertät

Unser wissenschaftliches Weltbild legt nahe, dass das Leben mit dem Tod endet. Es gibt keine Evidenz für ein weiteres Leben danach. Es legt außerdem nahe, dass die Sonne in einigen Milliarden Jahren explodieren und unter anderem die Erde zerstören wird. Alles, was wir und die (bestenfalls) unzähligen Generationen nach uns bis dahin erreicht haben werden, alles, wofür wir gekämpft und gelitten haben werden, wofür wir gestorben sein werden, all das wird vernichtet sein.

Für viele Menschen ist dies eine schwer erträgliche Vorstellung. Sie halten sie deshalb für falsch. Sie glauben an eine Instanz, die einen Sinn sicherstellt, der über all das hinaus geht, was wir kennen und wissen. Die Position kann so formuliert werden, dass Mitleid für den armen ungläubigen Irren mitschwingt:

„Für den Atheisten gibt es nichts außerhalb dieser Welt, die wir kennen, für die seine Wissenschaft ihm Evidenz liefert. Daher kann es für ihn auch keinen objektiven Sinn für seine Existenz geben. Egal was er tut, und egal was alle anderen tun, am Ende macht es keinen Unterschied mehr. Natürlich kann auch der Atheist sich einen Sinn für sein Leben ausdenken, aber das ist nicht die Art von Lebenssinn, die dem Gläubigen sein Gott ist. Das Leben des Atheisten ist objektiv sinnlos. Sein Sinn ist eine Illusion!“
[Sinngemäß der Beitrag von William Lane Craig anlässlich einer Debatte mit Christopher Hitchens]

Die Antwort des so Verhöhnten wird darauf hinzuweisen haben, dass die Intensität eines Wunsches allein kein ausreichender Grund dafür sein kann, seinen Inhalt für wahr zu halten. Wir werden eine solche Position kindlich nennen müssen. Denn es ist das Vorrecht der Kindheit, Illusionen allein aus dem Grund für wahr halten zu dürfen, weil sie Freude, Glück und vor allem das Gefühl der Sicherheit mit sich bringen. Kinder leben in einem geschützten Raum, wie in einem eingezäunten Spielplatz, der sie vor der Brutalität des Straßenverkehrs schützt. Der Prozess des Erwachsenwerdens ist nicht zuletzt ein Prozess der Desillusionierung. Wenn wir als Erwachsene noch an Illusionen aus unserer Kindheit festhalten, dann müssen wir wohl vermuten, dass eine psychische Störung vorliegt. (Interessanterweise wirft Craig dem Atheisten vor, in Bezug auf seinen Lebenssinn selbst einer Illusion aufzusitzen. Auch dies als Anspielung auf eine mutmaßlich vorliegende psychische Störung. „Illusion“ ist also in dieser Debatte durchaus ein Kampfbegriff.)

Der Prozess des Erwachsenwerdens ist die Pubertät. In dieser Lebensphase kämpfen entgegengesetzte Kräfte innerhalb ein- und derselben Person um die Vorherrschaft. Auf der einen Seite das eher konservative Kind, das sich die alte Sicherheit zurückwünscht, und auf der anderen der entdeckungsfreudige Jugendliche, der wissen möchte, was es wirklich mit den Dingen auf sich hat.

Wir lernen, dass Geschichten außerhalb der Märchenwelt nicht immer gut ausgehen, dass es in der Welt nicht immer gerecht, ja noch nicht einmal überwiegend gerecht zugeht. Wir lernen, dass Krankheiten und Katastrophen aus heiterem Himmel zuschlagen und alles vernichten können, was uns lieb und teuer ist. Wir lernen die „Tatsachen des Lebens“ kennen. Und damit meine ich nicht Sex. (Schlimm genug, dass immer noch Bedarf an Euphemismen für Sex besteht.) Nein, eine schwer zu verdauende Tatsache des Lebens ist z.B. die Mühelosigkeit, mit der Menschen einander vernichten können. Aber nicht nur Menschen. Wir leben auf einer Insel der Biosphäre in einem Kosmos, in dem wir an keiner anderen uns bekannten Stelle auch nur eine Sekunde lang überleben könnten. Aber auch diese Biosphäre toleriert uns nur widerwillig.

Diese Insel ist nicht wirklich die perfekte Umwelt für uns (und sie war es vor Beginn der Industrialisierung erst recht nicht). Schweigen wir von Vulkanausbrüchen, Erdbeben und Tsunamis, von Hitzewellen und Eiszeiten, von Dürrekatastrophen und sintflutartigen Überschwemmungen. Wir leben in einer Biosphäre, die überwiegend aus Mikroben besteht, mit denen wir seit Millionen von Jahren im Krieg leben (allerdings ein Krieg, der uns in gewissem paradoxen Sinne erst hervorgebracht hat), und die uns in kürzester Zeit im großen Stil töten werden, wenn wir sie nicht im Auge behalten, in einer Biosphäre mit Pflanzen, die uns vergiften, mit Tieren, die uns zerreißen würden, wenn sie könnten, inmitten einer Gesellschaft von Mitmenschen, deren aggressive Triebe wir mühsam unter einer dünnen Firnis der Zivilisation in Schach halten und die sich dann und wann immer wieder in einem genozidalen Gemetzel Bahn brechen.

Das sind die Tatsachen des Lebens, die wir lernen müssen, wenn wir erwachsen werden wollen. Von einem größeren, umfassenderen Sinn des Ganzen ist dabei nicht die Rede. Es ist nicht verwunderlich, dass sich der heranwachsende Mensch nur zögerlich in diese Welt der Tatsachen begibt, immer wieder sich rückversichernd bei den Sicherheiten, mit denen er aufgewachsen ist. Für viele gehört auch die Religion dazu.

Aber ist dieses Weltbild nicht erschreckend? Können wir wirklich in dem Bewusstsein leben, in einem objektiv sinnlosen Universum zu existieren, das uns ständig droht, uns in seiner überwältigenden Gleichgültigkeit zu vernichten? Ja, ich würde sagen, dieses Bild ist erschreckend. Es bürdet uns viel auf. Wir haben nicht nur die Verantwortung dafür, ein sinnvolles Leben zu leben, sondern auch dafür, diesen Sinn selbst zu entwickeln. Und es wird eine Zeit geben, in der nichts und niemand mehr sich an all das erinnern wird.

Hier ist eine andere Geschichte, die auch zu den Daten passt. Am Ende dürfen Sie entscheiden, welche Version Ihnen angenehmer erscheint. Wahrscheinlich würde der Religiöse meiner Beschreibung der Tatsachen des Lebens ja so weit zustimmen, nur würde er bestreiten, dass das schon alles sei. Denn all das bezieht sich auf eine vorläufige Realität. Wir alle befinden uns in einer Art Prüfungssituation. Denn all das, was uns nicht gefällt, ist eine Prüfung Gottes, das, was uns gefällt, ist eine Gnade Gottes. Die größte Gnade steht demjenigen bevor, der alle Prüfungen bestanden hat: und diese Gnade ist eine ganz andere, die eigentliche Realität.

Wir leben in einer virtuellen Welt, einem Adventure Game namens „Jammertal“, in dem wir Punkte sammeln müssen. Wir balancieren eine wertvolle Fracht über Abgründe und durch Gefahren, erreichen dabei viele Level, und nur, wenn wir diese Fracht am Ende heil übergeben können, erreichen wir das endgültige Level namens „Paradies“. Dies ist dann nicht mehr die virtuelle, sondern die eigentliche Realität. Wir treffen den Designer des Spiels und feiern mit ihm zusammen eine Party, von der wir uns einfach keine Vorstellung machen können. Haben wir die Fracht jedoch verloren, dann steigen wir in eine andere nicht-virtuelle Realität namens „Hölle“ ab, und die ist nun auf eine Weise schlimmer als unsere virtuelle, dass wir uns davon wiederum einfach keine Vorstellung machen können. Die Fracht ist natürlich der Glaube, und der wird immer wieder vom Zweifel bedroht. Die größte Gefahr, der größte Zweifel besteht darin, das Spiel selbst für die Realität zu halten. Zu bezweifeln, dass es tatsächlich ein letztes jenseitiges Level namens „Paradies“ oder „Hölle“ gibt. Und um diese Prüfung möglichst schwer zu machen, hat der Designer des Spiels uns nicht etwa vor eine Konsole gesetzt, auf dass wir wissen, dass wir spielen, sondern uns in diese virtuelle Realität hinein geboren. Wir sind von ihm so designt, dass wir unsere virtuelle für die eigentliche Realität halten müssen. Er hat uns nur spärliche Hinweise mit auf den Weg gegeben. Meist in der Form alter Schriften, deren Authentizität aber sehr einfach zu bezweifeln ist. Zudem hat er seine Spielwelt noch perfiderweise mit einer wissenschaftlichen Kultur ausgestattet, die Fortschritte macht, und diese Fortschritte machen es späteren Generationen von Spielfiguren viel schwerer, die heilige Fracht zu bewahren. Denn mit ihr können wir unsere Welt zunehmend so erklären, dass der Glaube an den Spieldesigner immer unplausibler wird. Wer ihn trotzdem behält, wird umso reicher belohnt.

Ich kann gut verstehen, wenn Menschen die Realität Angst macht. Noch besser kann ich verstehen, dass ihre Realität den Urmenschen Angst machte. Ich kann allerdings nicht verstehen, wenn Menschen sich lieber als intelligent designte Figuren in einer Art göttlich-diabolischem Computerspiel verstehen. Ich kann nicht verstehen, warum das Dasein als Spielfigur eine sinnvollere Existenz sein sollte als unser Dasein in unserer Realität, wenn wir sie nicht-virtuell verstehen.

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Harald Stücker

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