„Wir alle müssen sterben, das heißt, wir haben Glück gehabt“

Vor einigen Tagen wurde der 2nd Annual Carl Sagan Day begangen. Aber heute erst, am 9. November, wäre er 76 Jahre alt geworden. Über ihn ist der Lichtkegel der Zeit vor 14 Jahren schon hinweggewandert, aber jemand, dessen Arbeit am ehesten beanspruchen dürfte, Carl Sagans Erbe anzutreten, steht noch voll im Scheinwerferlicht.
unweaving-the-rainbowHeute möchte ich daher – auch zu Ehren Carl Sagans – in der Kategorie „Zeitloses“ einen Text von Richard Dawkins vorstellen, von dem er selbst sagt, er habe ihn schon für seine eigene Begräbnisfeier vorgesehen. Es ist der Beginn seines Buches Der entzauberte Regenbogen: Wissenschaft, Aberglaube und die Kraft der Phantasie [Unweaving the Rainbow: Science, Delusion and the Appetite for Wonder] (als Leseprobe des Verlags frei zugänglich).

Der Text ist eine euphorisierende Antwort auf die herablassende Frage, warum Ungläubige überhaupt jemals morgens aufstehen. Wie können sie jemals tiefes, echtes Glück oder irgend etwas in ihrem endlichen Leben als sinnvoll empfinden, wenn diese endliche Welt doch alles ist, was es gibt? Wenn es nicht noch etwas „Höheres“ „Ewiges“ gibt? Usw. usf. (Vgl. dazu auch das Zitat von William Lane Craig in einem früheren Artikel.)
Welch eine Verachtung unserer Welt aus diesen Fragen tropft, welch eine Respektlosigkeit uns Menschen gegenüber – ja, allen, nicht nur uns „ungläubigen“ Menschen gegenüber – vor allem aber: welch einfältige, dumpfe Fantasielosigkeit! Vielleicht helfen ja die folgenden Passagen der Fantasie auf die Sprünge?

Wir alle müssen sterben, das heißt, wir haben Glück gehabt. Die meisten Menschen sterben nie, weil sie nie geboren werden. Die Männer und Frauen, die es rein theoretisch an meiner Statt geben könnte und die in Wirklichkeit nie das Licht der Welt erblicken werden, sind zahlreicher als die Sandkörner in der Sahara. Und unter diesen ungeborenen Geistwesen sind mit Sicherheit größere Dichter als Keats, größere Wissenschaftler als Newton. Das wissen wir, weil die Menge an Menschen, die aus unserer DNA entstehen könnten, bei weitem größer ist als die Menge der tatsächlichen Menschen. Und entgegen dieser gewaltigen Wahrscheinlichkeit gibt es gerade Sie und mich in all unserer Gewöhnlichkeit.
Moralphilosophen und Theologen messen dem Augenblick der Empfängnis großes Gewicht bei: Er ist in ihren Augen der Zeitpunkt, ab dem die Seele zu existieren beginnt. Und auch wer sich wie ich durch solches Gerede nicht rühren lässt, muss einen bestimmten Moment neun Monate vor der Geburt als das entscheidendste Ereignis seines persönlichen Schicksals betrachten. Es ist der Augenblick, in dem unser Bewusstsein plötzlich billionenmal genauer vorhersehbar wird als noch einen Sekundenbruchteil zuvor. Sicher, der embryonale Mensch, der nun existiert, hat noch viele Hürden zu überwinden. Die meisten Befruchtungsprodukte enden in einer frühen Fehlgeburt, bevor die Mutter überhaupt davon weiß, und wir alle haben Glück gehabt, dass es uns nicht so ergangen ist. Außerdem besteht die persönliche Identität nicht nur aus Genen – das erkennen wir an eineiigen Zwillingen (die sich nach dem Augenblick der Befruchtung trennen). Dennoch war der Moment, in dem eine bestimmte Samenzelle in eine bestimmte Eizelle eingedrungen ist, in unserem persönlichen Rückblick von Schwindel erregender Einzigartigkeit. Damals verschob sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir zu einem Menschen wurden, vom Astronomischen in den einstelligen Bereich.
Begonnen hat die Lotterie schon vor der Empfängnis. Unsere Eltern mussten sich kennen lernen, und ihre Empfängnis war ebenso unwahrscheinlich wie unsere eigene. Und so weiter rückwärts in die Vergangenheit über unsere vier Großeltern und acht Urgroßeltern bis in eine Zeit, an die wir nicht einmal denken mögen. […] Der Faden des historischen Geschehens, an dem unser Dasein hängt, ist erschreckend dünn.
[…]
Auch in anderer Hinsicht haben wir Glück gehabt. Das Universum ist über 100 Millionen Jahrhunderte alt. Nach einem vergleichbar langen weiteren Zeitraum wird die Sonne zu einem roten Riesen angewachsen sein und die Erde verschlingen. Jedes dieser vielen hundert Millionen Jahrhunderte war zu seiner Zeit «das derzeitige Jahrhundert» oder wird es sein, wenn seine Zeit kommt. Interessanterweise können sich manche Physiker mit der Vorstellung von einer «wandernden Gegenwart» nicht anfreunden: Sie ist in ihren Augen ein subjektives Phänomen, für das sie in ihren Gleichungen keinen Platz finden. Aber ich argumentiere hier durchaus subjektiv. Für mich – und ich nehme an, auch für andere Menschen – fühlt es sich so an, als ob die Gegenwart aus der Vergangenheit in die Zukunft wandert, wie ein winziger Scheinwerferkegel, der an einem riesigen Zeitlineal entlangkriecht. Hinter dem Lichtkegel liegt alles im Dunkeln, in der Düsternis einer toten Vergangenheit. Und alles vor dem Lichtkegel liegt in der Dunkelheit der unbekannten Zukunft. Die Chance, dass unser Jahrhundert gerade dasjenige ist, auf dem der Scheinwerfer ruht, ist ebenso groß wie die Wahrscheinlichkeit, dass ein zufällig in die Luft geworfener Pfennig auf eine ganz bestimmte, auf der Straße von New York nach San Francisco krabbelnde Ameise trifft. Mit anderen Worten: Jeder von uns ist mit überwältigend großer Wahrscheinlichkeit tot.

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