Niedergänge

Manfred Lütz beklagt den Niedergang der atheistischen Kultur. Diesem Argument von religiöser Seite begegnet man öfter. Es hat etwas Skurriles. Seit Erscheinen von Dawkins’ „Gotteswahn“ wird gebetsmühlenartig immer wieder die Niveaulosigkeit der Argumente kritisiert. Früher seien die Atheisten fundierter und in theologischen Dingen belesener gewesen. Heute habe man es weniger mit theologischen Auseinandersetzungen, sondern nur noch mit niveaulosen, vor allem aber schrillen und aggressiven Pamphleten zu tun. An anderer Stelle war von theologisch-religiöser Seite zu lesen, ein Sartre oder ein Camus, ja die hätten noch mit sich gerungen, was die Frage nach Gott angeht, daher waren sie tiefere Denker, sie haben noch schwarz gesehen, weil es für sie offensichtlich keinen Gott gab. Keiner der „neuen“ Atheisten denke den „Tod Gottes“ noch zu Ende, keiner sei sich des geradezu armageddonartigen Chaos bewusst, das uns drohte, wenn die Masse Mensch ihren religiösen Halt und ihre absoluten Werte verlöre. (Dazu bietet sich ein kurzer Vergleich etwa zwischen Nordirland und Norwegen an. Länder, in denen Religiöse wenig zu melden haben, sind im Allgemeinen friedfertiger.)

Die Beispiele, die Lütz für den gehaltvollen Atheismus, der ihm anscheinend lieber ist, anführt, überbieten jedoch die sogenannten „Neuen Atheisten“ um ein Vielfaches an Aggressivität und Schrillheit:

„Die Leidenschaftlichkeit der alten Kämpfe ist längst dahin. Wo Nietzsche noch sein “Gott ist tot. Wir haben ihn getötet!” herausschrie, wo gegen das Christentum Voltaire noch sein “Écrasez l’infâme” schleuderte und Diderot gegen die Kirche den Tag heraufsteigen sah, “an dem der letzte Fürst mit den Gedärmen des letzten Pfaffen erdrosselt würde”, da haben sich nun ahnungsloser Atheismus, ungebildete Christentumskritik und klischeehafter Kirchenprotest breitgemacht.“

Aber warum beklagen sich Religiöse, dass Atheisten ihnen oder ihrem Gott nicht länger nach dem Leben trachten? Warum wollen sie so gern, dass andere Leute sich mit der gebührenden Inbrunst auf ihre Fragen und Probleme stürzen? Anscheinend gefällt ihnen ein Atheist nur dann, wenn er sich zumindest an denselben Problemen wie sie abarbeitet. Wenn er also eigentlich selbst gern ein Religiöser wäre, aber nicht die „Kraft zum Glauben“ aufbringen kann. Wer sich zu den von den Religionen besetzten Fragen äußert, hat gefälligst vorher die einschlägigen theologischen Schriften gelesen zu haben. Alles andere empfinden sie als beleidigend, sie sagen dann „seicht“, „ahnungslos“, „ungebildet“, aber im Grunde sind sie einfach beleidigt. Und ich kann das sogar verstehen.

Die Beschäftigung mit den Wissenschaften leuchtet jedem unmittelbar als sinnvoll ein. Jeder echte Gegenstand verdient seine wissenschaftliche Erforschung. Es herrscht großer Konsens darüber, dass Investitionen in die Forschung sinnvoll sind. Die Erfolge sind allzu offensichtlich. Nun hat der atemberaubende Triumph der Wissenschaften in den letzten 200 Jahren, insbesondere in der Astrophysik und der Biologie, die Theologie marginalisiert. (Nicht etwa die Religionswissenschaft, ein wichtiger Zweig der Psychologie und Soziologie, sondern die bekennenden Theologien. Davon gibt es ja so viele, wie es Bekenntnisse gibt.) Es besteht die Gefahr bzw. es gibt Grund zu der Hoffnung, dass immer mehr Leute die Theologie als die gewaltige Verschwendung von Ressourcen, Talenten und Lebenszeit sehen, die sie tatsächlich ist.

Die bekennende Theologie ist ein verkrusteter kultureller Atavismus, der ähnlich viel zu dem allgemeinen wissenschaftlichen Fortschritt beigetragen hat wie die Homöopathie zum Fortschritt in der Medizin. Sie lässt sich nur isoliert vom Stand der Forschung in allen anderen Disziplinen betreiben, indem man sie abschirmt gegen die Strahlung der Evidenz, die um sie herum immer stärker wird. Was also tatsächlich passiert, scheint mir eher der Niedergang der Theologie zu sein. (Der natürlich in krassem Gegensatz steht zu ihrer Finanzierung aus öffentlichen Geldern.)

Jetzt hat sich gerade Sam Harris mit nie gesehener Direktheit daran gemacht, die letzte vermeintlich unumstrittene Domäne der Religion zu schleifen: die Moral.

Sicher wird auch auf ihn ein Regen aus Pfeilen niedergehen, mit Aufschriften wie „seicht“, „ahnungslos“ und „ungebildet“, aber allein der Angriff ist schon revolutionär. Er trägt das schon länger bestehende sehr produktive Feld der nicht-religiösen Ethik endlich ins Rampenlicht. Was bliebe den Theologen denn noch, wenn ihnen auch noch das Standbein Moraltheologie weggeschlagen würde? Wo würde die Theologie landen?

Atheisten, die nicht mit sich ringen, sondern sehr entspannt mit dem Finger auf den lächerlichen nackten Kaiser zeigen, die kann der Theologe in dieser Situation nicht brauchen. Und ich kann das verstehen.


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