Frohe Botschaft

Das Evangelium ist die frohe Botschaft. Sie bringt den Leuten Freude. Alle freuen sich, wenn sie die Botschaft hören. Aber was macht sie eigentlich so froh? Wir müssen uns einen Horrorfilm mit Happy End vorstellen, von dem wir nur die letzten fünf Minuten sehen. Wir begreifen, dass hier furchtbare Dinge geschehen sind, aber jetzt naht die Rettung. Viele Nebenfiguren sind tot, zerfetzt, zerstückelt, pulverisiert oder gefressen, aber jetzt naht die Rettung. In einer solchen Situation herrscht Freude unter den Überlebenden.

Das Christentum basiert auf einer zutiefst inhumanen Anthropologie. Es funktioniert nur vor dem Hintergrund der Idee der Erbsünde, der Idee also, nach der jeder Mensch sündig geboren wird. Das klingt nur harmlos, weil wir uns daran gewöhnt haben. Aber die Sünde durch Geburt ist das Merkmal des wohl pessimistischsten Menschenbildes, das sich denken lässt. Sie wirft den Menschen schuldlos in das Schicksal einer ewigen Verdammnis. Dies ist per definitionem das schlimmste Schicksal, das man sich vorstellen kann. Es kann nicht schlimmer kommen.

Jetzt aber kommt das Evangelium und bringt den Optimismus und die Hoffnung ins Spiel. Wer an Christus glaubt, kann der ansonsten sicheren Verdammnis entgehen. Nur vor dem Hintergrund der Fantasmagorie eines Folterlagers kosmischer Dimension bekommt das Christentum und sein Evangelium seinen Sinn. Man darf sich dieses Lager nicht als ein Vernichtungslager vorstellen, wie wir es von den Nazis kennen. Denn Vernichtung bedeutet natürlich auch Nichtung von Schmerz und Leid, und wäre insofern wiederum humaner als dieses Lager Gottes.

Das Lager heißt in der Tradition Hölle, der Kommandant dieses Lagers ist der gefallene Engel Luzifer, verantwortlich aber für seine Existenz und seinen Betrieb ist der alttestamentarische Gott Jahwe. Der Fluchthelfer für die Insassen ist sein Sohn, der in der Dreieinigkeitsversion mit dem Verantwortlichen identisch ist.

Diese Identität treibt weitere absurde Blüten: Einerseits möchte Jahwe ja auch, dass die Christen gerettet werden – und in der christlichen Fantasie nur die Christen, die andern landen ja, wie gesehen, in der Hölle – aber vorher muss noch jemand die Zeche zahlen. Ein Sündenbock muss her (warum eigentlich? Aber lassen wir das…), und wer eignete sich besser als Gottes Sohn, also Gott selbst? (Naja, eigentlich jeder andere, aber lassen wir das…) Ist ja auch nur halb so schlimm, da Gott nicht wirklich sterben kann. So gesehen, unterscheidet sich die Kreuzigung nicht wesentlich von den Passionsspielen, die diesen Mythos immer wieder darstellen. Weder hier noch dort wird wirklich gestorben. Golgatha = Oberammergau.

Die sogenannte und unermüdlich beschworene Humanität des Christentums ergibt sich erst vor dem Hintergrund dieser Kontrastfolie. Und erst vor diesem Hintergrund können auch die gewaltsamen Bekehrungen sogenannter Heiden, von denen die Geschichte voll ist, als die humane Intervention erscheinen, als die sie die Kirche stets ausgegeben hat. Mag sein, dass den Ungläubigen in diesem Leben durch Christenhand großes Leid zugefügt wurde, aber was ist das schon im Vergleich zur ewigen Verdammnis!?

Erst vor diesem Hintergrund wird auch die Arbeit der Anjezë Gonxhe Bojaxhiu, besser bekannt als „Mutter Teresa“, verständlich, die von christlicher Seite als „Missionarin der Nächstenliebe“ oder „Engel der Armen“ verehrt wird, deren Kritiker sie jedoch eher als „Todesengel von Kalkutta“ bezeichnen. Für sie war das Leiden durchaus der „Kuss Jesu“, der uns Gott näher bringt. Entsprechend verpönt waren in ihrem Krankenhaus daher auch Schmerzmittel. Erik Möller schrieb schon 2003 in einem lesenswerten Artikel über sie:

„Ihre reale Einstellung zum Leid der Armen kam jedoch am besten in einem Interview in Washington 1981 zum Ausdruck. Auf die Frage, ob sie den Armen beibringe, ihr Schicksal zu ertragen, antwortete sie: „Ich glaube, das es eine sehr schöne Sache ist, wenn die Armen ihr Los akzeptieren, es mit dem Leid Christi teilen. Ich glaube, das Leid der armen Menschen ist eine große Hilfe für den Rest der Welt.“ Wen diese Logik irritiert, der sollte sich vor Augen führen, dass das Symbol der zugrunde liegenden Religion ein Hinrichtungsinstrument ist.“

Und weiter unten:

„Die gewollte Nichtunterscheidung zwischen heilbaren und unheilbaren Patienten in Kombination mit mangelnder Desinfektion von Spritzen und anderen Werkzeugen (sofern überhaupt vorhanden) führt natürlich zu Infektionen und vermeidbaren Todesfällen. Der Hippokratische Eid ist eben eine heidnische Erfindung.“

Der Tod war nicht ihr Problem, sondern die Abtreibung. Gegen die Abtreibung – auch in Fällen von Massenvergewaltigung – und gegen den Einsatz von Verhütungsmitteln führte sie den üblichen katholischen Kreuzzug. So trug sie ihr bescheidenes katholisches Scherflein dazu bei, die real existierende Slumhölle Kalkuttas zu verschlimmern.

Der Tod ist nicht das Problem, denn vergessen wir nicht: Der Tod ist im Katholizismus die Pforte zum ewigen Leben. Der Tod ist die frohe Botschaft. Der Tod ist das Leben.

Überhaupt Worte: Leben, Tod, Hilfe, Barmherzigkeit, Glück, Freude; all diese Worte bedeuten im christlich-katholischen Kontext durchaus etwas anderes als das, was wir normalerweise darunter verstehen, mitunter auch das Gegenteil.

Die kritiklose Verklärung dieser katholischen Funktionärin zur Ikone des Guten ist vielleicht der größte Propagandaerfolg der Kirche in jüngerer Zeit. Ihr Name ist bereits als Synonym für Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft in die Umgangssprache eingegangen. Er ist zum Archilexem für das Gute avanciert, d.h. also „Mutter Teresa“ verhält sich zu „moralisch vortrefflich“ wie „Tempo“ zu „Papiertaschentuch“. Ein weiteres Indiz dafür, dass diese Kampagne auf ganzer Linie ein Erfolg war: Klicken Sie sich mal durch diese Liste der Bücher zu „Mutter Teresa“ bei Amazon und suchen Sie nach dem ersten kritischen Titel über sie.

Der durch die Aufklärung geläuterte Christ sieht den Höllenglauben gern als überholt an, als archaisches Element der Religion, das wir ebenso hinter uns gelassen haben wie den Glauben an den Weihnachtsmann. Einige Prälaten und Theologen lassen bisweilen komfortable Bonmots aus der Tradition der Kasuistik verlauten, wie etwa: „Selbst wenn es die Hölle gibt, kann ich immer noch glauben, dass sie leer ist.“ (So ein Weihbischof in der Sendung Kerner anlässlich des Tribunals gegen Richard Dawkins 2007 im ZDF.)

Evangelikale, also die nach Merkel „intensiv evangelischen Christen“, und Päpste halten von so einer weichgespülten Humanisierung der Religion nichts. Und natürlich haben sie damit Recht. Was soll denn das Gerede von einer Erlösung auch bedeuten, wenn es die Hölle gar nicht gibt oder niemand rein kommt? Die Hölle ist denknotwendige Voraussetzung für das Evangelium. Das weiß Ratzinger. Und je mehr unsere diesseitige Welt dieser Hölle ähnlich ist, desto strahlender die Verheißung des Evangeliums. Das wusste auch „Mutter Teresa“.


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About Harald Stücker

Harald Stücker

5 responses to “Frohe Botschaft”

  1. dubiator says :

    Klasse Blog! Habe ihn in meine Blogroll übernommen.

    Gefällt mir

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