Family Values: Weißwein in der Sonne

Es ist wieder Advent, und vielerorts brennt das erste Lichtlein. Und jedes Jahr wieder fragen sich viele Ungläubige, wie sie eigentlich zu diesem Fest stehen und was sie damit anfangen sollen. Dieses Weihnachtslied von Tim Minchin hat seinen eigenen kleinen und Publicity fördernden Skandal gehabt, auf den ich hier nicht nochmal eingehen möchte. Der australische Künstler Tim Minchin ist eine hierzulande eher unbekannte Ikone der skeptischen Popkultur, und sein Song drückt dieses ambivalente Gefühl gegenüber Weihnachten perfekt aus.

Aber er tut noch mehr: Er reklamiert die sogenannten Family Values für uns Ungläubige zurück. Denn Familie ist viel zu wichtig, als dass man sie der religiösen Rechten überlassen dürfte.

Tim Minchin singt, dass er sich auf Weihnachten freue, weil er seine Familie wiedersehen wird. Er wird seine neugeborene Tochter mitbringen, die „wie ein Welpe in einer Grundschulklasse herumgereicht werden wird. Und dann singt er ihr die Zeilen, über die ich hier schreiben möchte:

„And you won’t understand,
but you will learn someday,
that wherever you are and whatever you face,
these are the people who’ll make you feel save in this world“

[„Noch wirst Du nicht verstehen,
aber eines Tages schon,
dass wo immer Du bist und was immer Dir auch passiert:
dies sind die Menschen, bei denen Du Dich in dieser Welt geborgen fühlen kannst“]

(Den ganzen Songtext gibt’s hier)

„Family Values steht seit jeher als Synonym für christlich-konservative Werte. Aber die Religiösen haben diesen Begriff zu einem Kampfbegriff gemacht, einer Waffe gegen Freiheit und Individualismus. So erscheint die Familie als der Ort, wo die Individualität endet. Als Ort der Ehre, nicht der Freiheit. Sicherheit und Geborgenheit gibt es in dieser Version der Family Values nur gegen Konformität, Liebe nur gegen Gehorsam.

Seit der Entstehung dieser moralischen Frontstellung ist einiges passiert. Der damalige Gegner der religiösen Rechten, die sozialistische und vor allem feministische Linke, hatte sich nicht besonders viel aus der Familie gemacht. Familie galt als reproduktive Keimzelle des Kapitalismus, als der Ort, in dem Menschen darauf konditioniert würden, im System zu funktionieren. In der Familie würden Gefühle der Besitzstandswahrung anerzogen, hier würden Mutterliebe und Eifersucht erst gelernt, hieß es. Die Familie der Rechten zu überlassen, das empfanden viele Linke als unwichtiges Bauernopfer.

Der Gegner hat sich geändert. Die besondere Stellung der Familie wird, wie so vieles, durch nichts besser erklärt als durch die Evolutionstheorie. Die linken Vorbehalte sind die üblichen Auswüchse der Theorie vom unbeschriebenen Blatt. Eifersucht oder Mutterliebe müssen nicht erst gelernt werden, sondern folgen als angeborene Instinkte direkt aus den Grundannahmen der Evolutionspsychologie. Family Values sind ein evolutionäres Konzept, und dass Menschen die engsten emotionalen Beziehungen zu ihren Familienangehörigen haben, ist eine ebenso triviale wie bedeutsame Tatsache. Deshalb ist Familie zu wichtig, als dass man sie der religiösen Rechten überlassen dürfte.

Tim Minchin feiert in diesem Song die Familie. Die Familie als Sozialverbund, als Hafen der Sicherheit, den ein Kind braucht, um gedeihen zu können, um zu einem freien und selbstständigen Individuum heranwachsen zu können.

Wherever you are and whatever you face,
These are the people who make you feel save in this world

Seine kleine Tochter wird später in jedem Jahr zu Weihnachten von ihrer Familie erwartet werden, auch wenn sie 9000 Meilen weit entfernt sein sollte, ihre Familie wird auf sie warten. Sie werden Weißwein trinken in der Sonne und auf sie warten. Der Song legt die Vermutung nahe, dass sie auch dann auf sie warten werden, wenn sich herausstellen sollte, dass sie vorehelichen Geschlechtsverkehr mit einem Mann anderer Hautfarbe hat. Sie werden auch dann auf sie warten, wenn sie Geschlechtsverkehr mit einer Frau haben sollte; auch dann, wenn sie geschieden sein sollte; auch dann, wenn sie ihr Kind allein oder gar kein Kind aufziehen sollte. Sie werden auch dann auf sie warten, wenn sie sich für einen (anderen) religiösen Glauben entscheiden sollte. Sie werden auf sie warten, und sie werden sie unterstützen.

Die religiösen Family Values haben ihren Ursprung und ihre Begründung im vierten/fünften Gebot (je nach Konfession). Darin ist nicht die Rede von einer bedingungslosen Unterstützung, sondern von der Ehrerbietung den Eltern gegenüber. Was sagen die heiligen Texte sonst noch zu den Family Values?

Fangen wir an bei Abraham und Isaak. Bekanntlich ist Abraham bereit, seinen einzigen Sohn aus Befehlsgehorsam zu opfern. Es lohnt sich nachzulesen, was Dale McGowan in seinem herausragenden Blog The Meming of Life dazu schreibt: Es sei doch schon erstaunlich, dass ausgerechnet der Begründer des Judentums die Nürnberger Verteidigung zum allerersten Mal verwendet. Könnte Abraham allen Ernstes zu seinem Sohn sagen: Wo immer Du bist und was immer Dir auch passiert: ich bin der Mensch, bei dem Du Dich geborgen fühlen kannst?

In der Geschichte von Sodom und Gomorrha versucht Lot den Mob davon abzubringen, seine Gäste zu vergewaltigen. Er bietet ihnen stattdessen eine Massenvergewaltigung seiner jungfräulichen Töchter an. Könnte Lot zu seinen Töchtern sagen: Wo immer Ihr seid und was immer Euch auch passiert: ich bin der Mensch, bei dem Ihr Euch in dieser Welt geborgen fühlen könnt?

Im Deuteronomium (21:18-21) findet sich eine klare Anweisung zum Umgang mit ungehorsamen Söhnen:

Wenn jemand einen eigenwilligen und ungehorsamen Sohn hat, der seines Vaters und seiner Mutter Stimme nicht gehorcht und, wenn sie ihn züchtigen, ihnen nicht gehorchen will, so sollen ihn Vater und Mutter greifen und zu den Ältesten der Stadt führen und zu dem Tor des Orts, und zu den Ältesten der Stadt sagen: Dieser unser Sohn ist eigenwillig und ungehorsam und gehorcht unsrer Stimme nicht und ist ein Schlemmer und ein Trunkenbold. So sollen ihn steinigen alle Leute der Stadt, daß er sterbe, und sollst also das Böse von dir tun, daß es ganz Israel höre und sich fürchte.

Nun ist diese Passage um einiges älter als die „historisch-kritische Methode“, die uns immer als Mittel der Wahl verkauft wird, wenn es darum geht, bestialische Bibelstellen zu entschärfen, einfach indem man sie zu Metaphern erklärt, deren Interpretation dann dem jeweiligen ethischen Entwicklungsstand angepasst werden kann.
Hätten bibelgläubige Eltern vor der Entdeckung/Entwicklung dieser „historisch-kritischen Methode“ ihren Kindern zusagen können: Wo immer Ihr seid und was immer Euch auch passiert: wir sind die Menschen, bei denen Ihr Euch in dieser Welt geborgen fühlen könnt?

Und schließlich noch eine Textstelle aus dem Neuen Testament, das ja nicht nur als humaner als das alte, sondern als der Ursprung von Humanität überhaupt gilt. Wohlan, Lukas 14:26, O-Ton Jesus:

So jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein.

Klar, alles nicht so gemeint, unfair aus dem Kontext gerissen, usw. Und trotzdem bleibt ein schales Gefühl der Ernüchterung: Im alten Palästina gab es im Kreise urchristlicher Familien wohl kaum Weißwein in der Sonne.

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About Harald Stücker

Harald Stücker

6 responses to “Family Values: Weißwein in der Sonne”

  1. Kuro Sawai says :

    Lesenswerte, gute Gedanken! Aber dein Philosophie-Studium (?) hat dich für den Blog Journalism verdorben, vermute ich. Mach aus dieser detailreichen Text-Kompilation mindestens 4-5 Blog-Beiträge – Du bekommst dann mehr Übersicht, mehr Leser und mehr Kommentare, so schätz ich das ein. Und gib dir mit der Titelung mehr Mühe, dass Online-Passanten überhaupt neugierig werden, das zu lesen. Brave Langweil-Titel interessieren niemand!

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  2. Barkai says :

    ein anderes sehr biblisches Elternteil, was evtl in diesem Eintrag eine Erwähnung verdient, ist Jepthah, der einen Krieg führt, der zu verloren gehen droht und darum dem biblischen Gott verspricht, dass er im Falle eines Sieges das/denjenigen opfern wird, der/die ihn zuerst vor seiner Haustür begrüßen werden. Jephtah gewinnt und wird von seiner Tochter zuerst begrüßt. Nur in diesem Fall schreitet Gott nicht ein und läßt es zu, dass die vermutlich junge (weil noch ledige) Tochter zu Dank und Ehren eben dieses Gottes getötet wird. (Richter 11:29-39)

    Auch immer wieder eine biblische Geschichte, an die man sich erinnern sollte, wenn Christen einem vom „lieben Gott“ vorschwärmen, der es nur auf Tests hinauslaufen läßt und es niemals zulassen würde, dass ein Kind geopfert wird.

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  3. Lisa-Kaya Kraus says :

    Hallo Harald,
    gerade den letzten Aspekt des 3. und 4. Gebots und dessen Folgen führt Alice Miller in ihren Thesen wunderbar aus.Hierzuein kleiner Ausschnitt aus einem Interview und der Link zur Website:

    Gewalt tötet die Liebe: Schläge, das Vierte Gebot und die Unterdrückung authentischer Gefühle

    Alice Miller im Gespräch mit Borut Petrovic Jesenovec für das slowenische Magazin ONA, Juni 2005

    „Sie haben herausgefunden, dass das Vierte Gebot („Du sollst Vater und Mutter ehren …“) schädlich für die gesunde emotionale Entwicklung eines Kindes ist. Das dürfte für einige Menschen ziemlich schockierend sein. Wie sind Sie darauf gekommen, dass das einzige Ziel dieser „ehrenvollen Verfügung“ die Manipulation und Unterwerfung des Kindes ist?“

    „Das Vierte Gebot schadet nicht dem Kind, sondern später dem Erwachsenen. Alle Kinder lieben ihre Eltern und benötigen kein Gebot, das sie dazu auffordert. Aber wenn wir als Erwachsene realisieren, dass unsere Liebe ausgebeutet und missbraucht wurde, sollten wir in der Lage sein, unsere echten Gefühle wahrzunehmen, einschließlich der Wut, und nicht weiterhin gezwungen sein, Eltern zu lieben, die grausam zu uns waren. Die meisten Menschen haben Angst vor diesen „negativen“ Gefühlen gegenüber ihren Eltern. Deswegen lassen sie diese Gefühle eher an ihren Kindern aus und setzen auf diese Weise den Kreislauf der Gewalt fort. Genau darin sehe ich die destruktive Auswirkung des Vierten Gebots. Da nach wie vor kein Gesetz existiert, das Eltern verbieten würde, ihren Ärger bei ihren Kindern abzuladen, kann auch noch das brutalste Verhalten von Eltern „Kindererziehung“ genannt werden. “

    Ich beschäftige mich momentan mit ihren Büchern und kann sie daher jedem empfehlen. Denn nicht nur religiöse Menschen sind von diesem Gebot betroffen, sondern alle.

    Liebe Grüße,
    Lisa

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  4. Lisa-Kaya Kraus says :

    uups vergessen. Für Interessierte: alice-miller.com

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