Ein Witz namens Homöopathie

Jens Jessen argumentiert in seinem Zeit-Artikel Ein Beweis namens „Ich“ für Gelassenheit im Umgang mit der Homöopathie. Denn, so behauptet sein Untertitel: „Die Homöopathie hilft sogar, wenn man nicht an sie glaubt.“ Einige Anmerkungen dazu.

Zunächst charakterisiert sich Herr Jessen selbst als eher rational denkenden Zeitgenossen. Das ist argumentativ geschickt, da es dem kritischen Leser einiges an Wind aus den Segeln nimmt. So lauten gleich die ersten Sätze:

„Ich bin kein Esoteriker. Ich glaube nicht an die Homöopathie; ich nehme die Kügelchen einfach so. Ich vertraue auch auf die Wirkung nicht; ich lasse mich von ihr überraschen.“

Das ist ein ziemlich guter rhetorischer Taschenspielertrick und erinnert an den berühmten Heisenberg-Witz mit seinem Hufeisen über der Tür. „Glauben Sie an so etwas, Herr Heisenberg?!“ „Nein, aber man hat mir gesagt, es soll auch dem Glück bringen, der nicht daran glaubt.“ Während der Leser noch staunt, zieht der Autor unbemerkt eine andere Karte aus dem Ärmel: statt „ich glaube nicht“ steht da auf einmal „ich vertraue nicht“. Klingt für den immer noch staunenden Leser synonym, ist es aber nicht. Das wird deutlich, wenn wir die Ersetzung nicht gestatten: „Ich glaube auch an die Wirkung nicht; ich lasse mich von ihr überraschen.“ Das ist offensichtlich Unsinn, es ist der Unsinn des Heisenberg-Witzes. Dieser Witz zieht sich durch den gesamten Artikel.

Jessen stellt seinen Skeptizismus zur Schau, um den Placebo-Einwand zu entkräften. Das ist sein Beweis namens „Ich“. Er könnte auch sagen, er sei in Bezug auf die Homöopathie wie ein Kleinkind oder ein Haustier: wenn es bei ihm wirke, dann wirke es richtig. Offenbar wusste Jessen nicht, dass diese Argumentationslinie auf der gegenüberliegenden Seite dieser Ausgabe der Zeit in dem Artikel „Alles für die Katz?“ behandelt und erledigt wird. Und natürlich steht der Beweis namens „Ich“ für die übliche anekdotische Evidenz im Gegensatz zu den mühsam zu erhebenden wissenschaftlichen Daten, die allein aussagekräftig sind. Der „Jemand, der“-Fehlschluss ist auch dann noch ein solcher, wenn dieser Jemand „Ich“ heißt.

Dann erzählt er von seiner pragmatischen Ärztin, die ihm Globuli aushändigt und ihm für den Fall, dass sie nicht helfen sollten, schon mal ein Antibiotikum in Aussicht stellt. Sie erfüllt damit wohl den hippokratischen Eid, der dem Arzt meines Wissens nicht verbietet, seine Patienten zu täuschen, sondern nur, ihnen zu schaden. Interessanterweise löst Jessen das Rätsel dieser Konsultation im nächsten Absatz selbst:

„Vielleicht besteht das Geheimnis der Homöopathie darin, auf diese Weise bei dem ungeduldigen Patienten einen Behandlungsaufschub durchzusetzen, während dessen sich der Körper selbst hilft. Das kann gut sein; dieses weitere Zugeständnis mache ich den Schulmedizinern gerne. Ich kannte einen Kinderarzt, der seine größten Therapieerfolge mit dem Rat »Abwarten« hatte.“

Eugen Bleuler (1857–1939)

Dieser Rat hat sogar ein eigenes Fremdwort: es ist die Udenotherapie nach Eugen Bleuler (altgriechisch „ouden“ bedeutet „nichts“). Ja, die Homöopathie ist eine Udenotherapie, und wenn sie als solche verstanden würde, wäre wohl auch nichts gegen sie einzuwenden. Das hätte auch den Vorteil, dass Ärzte ihre Patienten nicht hinters Licht führen müssten. Aber wenn sie als solche verstanden würde, wäre sie gleichbedeutend mit dem Rat „Abwarten und Tee trinken“, und das hätte mehrere Nachteile:

  1. Patienten wollen ein Medikament („Ohne Rezept gehe ich hier nicht raus!“)
  2. Nur wenige Patienten wären wohl bereit, für den Rat „Abwarten und Tee trinken“ zu zahlen.
  3. Homöopathische Ärzte und vor allem Hersteller homöopathischer Arzneien wären wohl kaum bereit, auf die Einnahmen aus dem Nichts zu verzichten.

Dann kommt der etwas martialische Satz:

„Aber weitere Zugeständnisse mache ich nicht.“

Ist auch gar nicht nötig. Denn neben dem Placebo-Effekt wirkt auch die Wellenform des Krankheitsverlaufs, gemeinhin „Regression zur Mitte“ genannt. Da hilft die Udenotherapie hervorragend. Wenn die Beschwerden am stärksten sind, erfolgt die Mittelvergabe, die anschließende Besserung wird dann psychologisch zwangsläufig dem Mittel zugeschrieben. (Für den Fall, dass der Patient zu früh zum Homöopathen kommt, hält dieser die Erstverschlimmerung bereit.) Der Fehlschluss heißt „post hoc ergo propter hoc“ („danach, also deswegen“). Es ist schwer, solche Fehlschlüsse nicht zu ziehen. Aber dafür gibt es ja wissenschaftliche Studiendesigns, deren Sinn darin besteht, genau solche und andere unwiderstehliche Fehler zu vermeiden.

Ohne solche wissenschaftlichen Hilfsmittel passiert nämlich Folgendes: Da die Besserung gerade nach Einnahme zweifelhafter Mittel erstaunt und verblüfft, wird sie stärker erinnert und öfter kommuniziert. Wann aber haben Sie das letzte Mal folgendem Gespräch gelauscht: „Letztens hatte ich furchtbare Kopfschmerzen. Und stell Dir vor, ich nahm eine einzige Aspirin, und die Schmerzen waren weg!“ „Nee, echt?! Unglaublich!“ Wenn andererseits Mittel, von denen eigentlich sowieso keine Wirkung zu erwarten ist, nicht wirken, wird dieses Nicht-Ereignis sehr schnell wieder vergessen. So entstehen die Wahrnehmungsverzerrungen, von denen Therapien wie die Homöopathie leben.

„Aus dem Umstand, dass sich etwas nicht erklären oder mit gegenwärtigen Methoden nicht nachweisen lässt, folgt keineswegs, dass es nicht existiert. Gell, meine Herren Schulmediziner? Einen solchen Schluss lässt auch die strenge Erkenntnistheorie nicht zu. Die gleiche Skepsis, die gegen die Homöopathie spricht, lässt sich auch zu ihren Gunsten bemühen.“

Ach ja, das Unerklärliche. Kennen wir aus den ähnlich fruchtlosen Debatten mit Theisten. „Du kannst nicht beweisen, dass es Gott nicht gibt!“ Nein, muss ich aber auch nicht, denn: Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Belege. Ein anderes berühmtes Beispiel: Ich kann nicht beweisen, dass um den Saturn keine Teekanne mit heißem Orange Pekoe ihre Bahnen zieht. Aber wenn mir jemand einen Tee einschenkte und behauptete, er stamme direkt aus dieser Teekanne, sollte ich ihn einfach so trinken? Wer weiß, was da alles drin wäre? Wer weiß also, welche Nebenwirkungen eine geistige Hochpotenz tatsächlich hätte, wenn es diesen ominösen Wirkmechanismus gäbe?! Hier wohnt nämlich das grundlegende Dilemma jeder Therapie, die wir nicht verstehen: Ihre Wirkungen sind entweder nicht vorhanden oder unkalkulierbar. Wenn nach über 200 Jahren immer noch nicht klar ist, ob und wie eine Therapie wirkt, wie sollen dann eigentlich die Risiken beherrschbar sein?! Nicht auszudenken, wenn mit C- oder Q-Potenzen tatsächlich Wirkungen erzielt werden könnten. Dann gäbe es wohl auch ständig Fälle homöopathischer Arzneimittelvergiftungen. Außerdem müssten Klärwerke ganz anders arbeiten, als sie es tun. (Wie eigentlich? Mehr verdünnen? Oder weniger?) Die bei uns vorherrschende Nachsicht (in Form der „besonderen Therapierichtungen“ im Arzneimittelgesetz mit ihrem „Binnenkonsens“, der ja praktisch die Freistellung von der Pflicht zur Forschung bedeutet) lässt sich nur verantworten, weil wir im Grunde wissen, dass es sich um harmlosen Unsinn handelt. Einen Witz eben. Ein Witz namens Homöopathie.

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Harald Stücker

9 responses to “Ein Witz namens Homöopathie”

  1. yerainbow says :

    Mein Tip wie immer: Plumbum D 200.
    Hilft perfekt.

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    • Grantscherb'n says :

      D 0.1 intracerebral ist mit Sicherheit zuverlässiger. ;->

      Im Ernst. Ich sehe tatsächlich keinen Grund warum Homöopathie wirken sollte. Obwohl aus eigener Erfahrung schien Sie sowohl bei einem Kleinstkind, als auch beim eigenen Haustier zu wirken. Man könnt ja argumentieren, die verstehen noch nicht das diese „Medizin“ helfen soll, und daher kann man nicht von Placebo-Effekt reden.

      Diese Argumentationsmöglichkeit ließ mir keine Ruhe. Aber ich denke, der Trugschluss liegt darin, dass z.B. die Katze nicht versteht, dass ich Ihr Medizin gebe. Mag sein. Aber ich gebe ihr etwas. Und sie vertraut mir. Und das wirkt.

      Vertrauen hilft. Verdünnungen von einem Molekül pro Universum, und das bitte mindestens eine Woche auf ein altes in Leder gebundenes Buch gehauen, nicht. Punkt.

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      • yerainbow says :

        Da bist du auf der richtigen spur.
        Im grunde ist es „Beschwörung“ auf Vertrauensbasis.
        Ich habe enorme Erfolge bei meinen Kindern mit „Heiltee“ erzielt, bei diffusen Wehwehchen und Gemütsbeeinträchtigungen ohne echten befund… ;-)
        zu deutsch: Gejammer.

        Noch heute ist bei denen Kamillentee DER Renner… ;-)
        wirkt sogar ohne meine Anwesenheit…
        denn gelernt ist gelernt…

        Heilwasser würde es auch tun. Direkt aus der Leitung.

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  2. dubiator says :

    Kleine Kurzgeschichte gefällig? Bitte schön:
    http://dubiator.wordpress.com/2010/02/15/heilungen/

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