Menschenrechte auf orthodox

Auch die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) hat Probleme mit den Menschenrechten. (Aktuell eine dazu sehr passende Meldung bei Kath.net; via Brightsblog.) Im Rahmen eines ökumenischen Schlagabtauschs mit Evangelischen Kirchen sprechen die Autoren hier von der „Ambivalenz der Menschenrechte“. (Ökumenischer Dialog. Der geht im Übrigen etwa so: „Wollen wir zusammen Abend essen?“ „Ne Du, heute können wir leider nicht.“ „Schade. Na macht nix, sagt einfach einen Termin, an dem Ihr könnt.“ „Äh, ja, schaun wir mal schnell in den Kirchenkalender … Ah, ja, jetzt hab ich was: Wie wär’s mit Niemals?! Würde Niemals bei Euch passen?!“)

Ambivalenz der Menschenrechte? Das klingt zwar nicht ganz so martialisch wie die katholische Kriegserklärung, über die ich kürzlich schrieb, aber es geht in dieselbe Richtung. Der Text salbadert mit den üblichen theologischen Phrasen von Gnade Gottes, Sündhaftigkeit und Würde durch Gottesebenbildlichkeit und ist im Ganzen eher unleserlich für theologisch Uninteressierte wie mich, aber er enthält einige rhetorische Fragen zu eben dieser „Ambivalenz der Menschenrechte“. Rhetorisch sind sie, weil die ROK-Autoren keinen Zweifel daran lassen, welcher Antwort sie zuneigen. Man könnte diese Fragen aber auch ernsthaft diskutieren, und das soll im Folgenden ansatzweise geschehen. Nach jeder Frage der ROK-Autoren füge ich zunächst eine Grafik ein. Scrollen Sie nicht zu schnell runter, dann können Sie die Fragen wie in einem Quiz zunächst selbst beantworten:

Zählt im Falle der Mohammed-Karikaturen die freie Meinungsäußerung der Urheber oder der Respekt vor den religiösen Gefühlen der Muslime?

Where's Mohammed?

Where’s Mohammed?

Beides zählt. Zählt für die ROK auch beides? Die eigentliche Frage aber lautet: Was zählt mehr? Um das zu klären, würde ich auch gern eine Frage stellen. Muss ich die freie Meinungsäußerung religiöser Führer (Papst oder Patriarch oder Mufti) dulden, obwohl sie meine Gefühle verletzen? Die intellektuelle Armseligkeit, die in ihnen zum Ausdruck kommt, erschreckt mich. Die manipulative Intention empört mich. Der Erfolg dieser Manipulationen bei Milliarden religiös indoktrinierter oder ungebildeter Menschen entmutigt mich. Muss ich sie also dulden? Leider ja. Darf ich dann auch meine Gefühle zum Ausdruck bringen? Oh ja! Und zwar Amen!

Jetzt kommt mal eine echte Kopfnuss:

Ist für das Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte gegen den Ausschluss von Frauen vom Berge Athos das religiöse Selbstbestimmungsrecht der Mönchsrepublik oder die Gleichberechtigung der Geschlechter ausschlaggebend?

Einreiseerlaubnis für Athos

Einreiseerlaubnis für Athos

Ok, das ist scheinbar nicht so einfach. Die Mönche wollen also unter sich bleiben und verweigern der Hälfte ihrer potentiellen Besucher den Eintritt in ihre „Republik“. Sollten Sie doch dürfen, wenn Ihnen das Land gehört, oder? Res publica heißt ja eigentlich Sache des Volkes. In diesem Fall ein Volk ohne Frauen. Aber nicht etwa ohne Raum. Es handelt sich hier nicht um den Garten eines Klosters wie beim Vatikan. (Den dürfen Frauen übrigens betreten.) Das Gebiet ist etwa so groß wie der Gaza-Streifen. Also schon ein beachtliches Stück Land, zu dem Frauen aus religiösen Gründen keinen Zutritt haben. Nun werden die wenigsten Frauen ein derart offen frauenfeindliches Land überhaupt betreten wollen, manche aber vielleicht gerade deshalb. Um deutlich zu machen, dass es nicht angeht, Frauen aus Ländern auszusperren. Was denken Sie? Und was würden Sie sagen, wenn nicht Frauen der Zutritt verboten wäre, sondern Juden, Muslimen oder Katholiken? Oder Sozialdemokraten? Oder Behinderten? Oder Mönchen?

Jetzt mal was Einfaches zur Entspannung:

Wenn der Papst in Afrika in einem gewaltlosen Appell seine Überzeugung äußert, dass Kondome keine Lösung des Aids-Problems darstellen, und das belgische Parlament diese Aussage in einer Resolution verurteilt – auf welcher Seite liegt dann die Verletzung der Menschenrechte?

Das ist eine Fangfrage: Hier gibt es keinen Konflikt. Beide Aktionen sind von der Meinungsfreiheit gedeckt. Die Aktion des Papstes ist zwar wegen des gewaltigen Einflusses, den er hat, moralisch verantwortungslos (gelinde gesagt), aber er darf sagen, was er will. Wenn das belgische Parlament diese Aussagen angesichts der desaströsen Auswirkungen verurteilt, so ist das löblich und Belgien kann stolz darauf sein. Würden mehr Regierungen und Institutionen so beherzt handeln, würde der Einfluss solcher moralischer Amokläufer schwinden.

Und natürlich wieder ein Rätsel über Schwule:

Wenn ein schwedischer lutherischer Pastor in einer Predigt darlegt, dass Homosexualität der biblischen Lehre widerspricht, und dafür verhaftet wird, sind dann seine Menschenrechte respektiert?

Nein. Das würde sein Recht auf freie Meinungsäußerung eklatant verletzen. Allerdings ergibt sich aus der gesamten Argumentation des Textes der Verdacht, dass es in diesem Falle wohl nicht bei der Beschreibung theologischer Trivialitäten geblieben ist, sondern dass der Pastor, na vermuten wir mal, daraus seine Folgerungen gezogen und Handlungsanweisungen empfohlen hat. Und im Lichte dieser Vermutung ist vielleicht die Anmerkung angebracht, dass es kein Menschenrecht darauf gibt, wegen Volksverhetzung nicht verhaftet zu werden.

Wer schützt Ärzte oder Krankenschwestern, die sich weigern, bei Schwangerschaftsabbrüchen mitzuwirken, vor der Diskriminierung durch schlechtere Anstellungschancen?

Bei einer Krankenhauslandschaft, die beinahe komplett kirchlich dominiert ist, brauchen diese Leute sicher keinen besonderen Schutz. Aber im Kern ist die Frage berechtigt. Und die Antwort ist nicht allzu schwierig: In Deutschland ist die Gewissensfreiheit ein Grundrecht. Ein Menschenrecht. Die Menschenrechte also schützen diese Leute. Müssen nur vor Gericht ziehen und klagen. Toll, was?
Man könnte in diesem Zusammenhang auch andere Fragen stellen: Wer schützt Ärzte, die an Schwangerschaftsabbrüchen mitwirken, vor Gewalt und Gesinnungsterror religiöser Fanatiker? Wer schützt Angestellte in kirchlichen Institutionen vor der Diskriminierung durch schlechtere Arbeitsbedingungen? Wer schützt Geschiedene oder (offen lebende) Homosexuelle vor der Kündigung? Wer schützt sie vor dem Gesinnungsterror ihrer Arbeitgeber?

Vollends offenkundig ist die Perversion der Menschenrechte, wenn ein Abgeordneter aus seiner Partei austritt, weil diese die Sperrung von Internet-Seiten zur Kinderpornographie unterstützt und er darin eine die Medienfreiheit verletzende Zensur sieht.

Na, nicht ganz. Jeder Abgeordnete darf aus jedem beliebigen Grund aus seiner Partei austreten. (Oder gibt es dagegen auch religiöse Gründe?) Vollends offenkundig wäre die Perversion der Menschenrechte, wenn etwa der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den Schutz von Kindern der Meinungsfreiheit der Produzenten von Kinderpornografie unterordnete. Das steht aber nicht zu befürchten.

Wir sehen auch an diesem Dokument, dass Menschenrechte in religiösen Kreisen ein rotes Tuch sind. Auch hier wird wieder deutlich, gegen welchen Widerstand dieser gewaltige moralische Fortschritt, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, erkämpft werden musste. Es wird auch deutlich, dass sie nicht selbstverständlich sind, sondern immer wieder verteidigt werden müssen. Und es wird deutlich, gegen wen sie verteidigt werden müssen.

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