1000 Jahre Dornröschenschlaf der Forschung

„Wo warst Du denn letzte Woche?“ – „Tut mir leid, aber ich hatte Krebs. Musste zur Nanotherapie.“

Ein Dialog aus der Zukunft. Science Fiction, sicher. Aber wenn wir die Fortschrittskurve der wissenschaftlichen Medizin weiterzeichnen, dann ist dieses Szenario nicht so unwahrscheinlich, wie wir vielleicht denken. Seit Beginn der wissenschaftlichen Medizin jagt ein zu jedem früheren Zeitpunkt unglaublicher Fortschritt den nächsten. Warum sollte es in der Zukunft anders sein? Was könnte den Zug des Fortschritts aufhalten? Etwa desaströse Nebenwirkungen? Die gab es bei vielen neuen bahnbrechenden Therapien, und jedes Mal wurden sie zunächst in Kauf genommen und dann systematisch reduziert. Nehmen wir den vielleicht größten Fortschritt aller Zeiten: die Impfung. Das Risiko, durch die Impfung einen größeren Schaden als Nutzen davonzutragen, war in den ersten Jahrzehnten nach Edward Jenner tatsächlich größer, als es viele Impfgegner für heute behaupten. Die Zahl der Impfschäden ging jedoch zusammen mit der Zahl der früh gestorbenen Kinder stetig zurück.

Was also könnte den Fortschritt der wissenschaftlichen Medizin aufhalten? Ein Kulturbruch könnte ihn stoppen, eine Zerschlagung der komplexen technisierten Infrastruktur der wissenschaftlichen und medizinischen Forschung.

Das Ende der antiken Kultur war ein solcher Bruch. Was danach kam, ist sattsam bekannt: Wir nennen es verharmlosend Mittelalter, im Englischen spricht man treffender vom Dark Age, einer totalen theokratischen Diktatur. Ganze Disziplinen wurden geradezu abgeschafft, darunter auch die Medizin.

Vor mir liegt gerade ein ziemlich dicker Wälzer von den Ausmaßen einer mittelalterlichen Handschrift, Die Geschichte der Medizin im Spiegel der Kunst von Lyons und Petrucelli, aufgeschlagen auf der Seite 265, und darin lese ich:

„Die frühen Anhänger des gekreuzigten Jesus Christus von Nazareth waren von seiner bevorstehenden Rückkehr, dem Tag des Jüngsten Gerichts und dem Ende des ‚Hier und Jetzt‘ überzeugt. Es überrascht daher nicht, dass eine solche Einstellung gegenüber der Gegenwart die Sorge um physische, weltliche Leiden nicht förderte – eine Sorge, die am Anfang jedes medizinischen Denkens steht.“

Die Überzeugung, selbst noch das Armageddon zu erleben, selbst noch zu Lebzeiten im Zuge der Rapture gen Himmel zu fahren, ist also ein schlechter Anreiz dafür, sich um körperliche Gesundheit zu sorgen.

Ein paar Seiten später lese ich in dem Kapitel „Das dunkle Zeitalter“:

„Die gebräuchliche Charakterisierung dieser Epoche als „Zeitalter des Glaubens“ spiegelt zwar den dramatischen Vertrauensverlust in das Individuum wider, trägt letztlich jedoch nicht zu dem Verständnis bei, warum der Mensch sich nicht mehr fähig sah, aus den eigenen Beobachtungen zu lernen, sondern sein Leben nach dem Glauben gestaltete.
In jeder Wissenschaft weiß man um die Beständigkeit von Ursache und Wirkung, die nicht Spielzeug übernatürlicher Kräfte ist. Gerade dieses Wissen fehlte in der Periode des Mittelalters, und sein Verlust war von fundamentaler Bedeutung für den Stillstand, ja sogar Rückschritt der Naturwissenschaften und für ein gesteigertes Interesse an Magie und anderen eindeutig unnatürlichen Phänomenen.“

Und weiter zur Situation in Norditalien im 6. Jh.:

„Die ersten römischen Institutionen, die man aufgab, betrafen Gesetz und Medizin. […] Aus bislang nicht geklärten Gründen gab es plötzlich keine weltlichen Heilkundigen mehr.“

Zum heiligen Benedikt von Nursia:

„[Er] schrieb die Sorge um die Kranken in die Statuten ein, mit denen er seinen Orden […] gründete. Da jedoch die Heilung von Krankheiten nur durch Gebet und göttliche Intervention möglich war, verbot Benedikt das Studium der Medizin. Hierdurch wurde die Heilssendung Christi in einer Weise institutionalisiert, dass sie in den nachfolgenden 500 Jahren die medizinische Versorgung fast vollständig reglementieren konnte.“

Dieses Christentum beherrschte bald den gesamten europäischen Raum. Seine Herrschaft dauerte 1000 Jahre. Es war damit auch ein 1000 Jahre dauerndes Forschungsmoratorium.

schatten_ueber_europaDas Ende der antiken Kultur war ein gewaltsamer Tod, ein kulturelles Gemetzel, und die Renaissance konnte nur Bruchstücke dieser Kultur wiederbeleben, eben jene, die in Klöstern, in Byzanz und in der islamischen Welt überlebt hatten. Rolf Bergmeier zeichnet in seinem Buch „Schatten über Europa“ diesen Prozess nach. Mit welchen bahnbrechenden Ideen ging diese antike Kultur schwanger? Wir wissen es nicht, aber wir wissen, was passierte, als der  Faden in der Neuzeit allmählich wieder aufgenommen wurde.

Heute eröffnen sich uns mit der Entdeckung des genetischen Codes und der Möglichkeit von Stammzellentherapien Optionen, die von mindestens ähnlich sensationeller Tragweite sein könnten wie die Erkenntnisse und Therapien, die uns seit der Renaissance bis hierher geführt haben. Und wieder ist es einzig der lange Arm unseres dunklen Erbes, der uns an der Erforschung und Entwicklung dieser vielversprechenden Optionen hindert. Dabei sollten wir uns daran erinnern: Hätten die Religionen immer noch ihren damaligen Einfluss, müssten wir nicht über wenige Embryonen für die Stammzellentherapie reden, sondern würden Hekatomben toter Kinder beklagen, die auch heute noch ihren vermeidbaren frühen Tod stürben.

imagine_wtc

Was bedeuten diese 1000 Jahre Dornröschenschlaf der Forschung wirklich für uns? Vielleicht sind wir heute nur noch 50, vielleicht 100 Jahre von einer Nanokrebstherapie entfernt. Vielleicht kann eine hochentwickelte Stammzellentherapie in 200 Jahren alle genetisch bedingten Krankheiten heilen. Wir können diese Hoffnungen aber auch als verpasste Chancen in eine fiktive Vergangenheit projizieren: Wie lange könnten wir eine solche Nanotherapie gegen Krebs schon haben? Seit wie vielen Jahrhunderten könnten genetisch bedingte Krankheiten schon der Vergangenheit angehören?

Just imagine…

Wir sollten die religiösen Ansprüche auf Behinderung wissenschaftlicher Forschung öfter und entschiedener zurückweisen, auch unter Hinweis darauf, dass wir durch die Herrschaft der Religion schon 1000 Jahre wissenschaftlicher Forschung verloren haben.

Schlagwörter: , , , , , , , ,

About Harald Stücker

Harald Stücker

8 responses to “1000 Jahre Dornröschenschlaf der Forschung”

  1. awmrkl says :

    Weißt Du, wenn ich sowas lese (da bist Du ja nicht alleine), dann kommen mir die Tränen, und ich weiß nicht genau weshalb: Trauer? Wut? Zorn ob soviel Ignoranz? K.A. – aber sie sind da.

    Gefällt mir

    • Harald Stücker says :

      Ja, ich kann das gut verstehen. Zorn, Wut, Trauer, alles sehr angemessene Empfindungen. Die Ignoranz ist im Übrigen immer noch weit verbreitet. So wie die meisten Menschen Mutter Teresa für eine Menschenfreundin halten, so haben sie auch keine Ahnung davon, wie fortschrittlich die antike Kultur war, und wie viel die christliche „Kultur“ zerstört hat.
      Dein Kommentar ist mir ein willkommener Anlass, in den Text einen Hinweis auf das Buch von Rolf Bergmeier aufzunehmen: Schatten über Europa: Der Untergang der antiken Kultur.

      Gefällt mir

  2. Chaeremon says :

    Ich bin überrascht so eine Abmahnung an religiöse Ansprüche auf Behinderung wissenschaftlicher Forschung, einfach so, im Internet zu finden.

    Es sollte allerdings nicht verborgen oder unbemerkt bleiben, dass, nur ein exemplarisches Beispiel hier, weder die Schriften von Benedikt von Nursia noch die Schriften auf die er sich berufen haben soll, auf irgendeiner Evidenz basierten die aus heutiger Sicht in irgendeiner Form zu irgendeiner gegenwärtigen, wissenschaftlichen Beurteilung beitragen könnte.

    Ganz im Gegenteil: wenn erst mal eine einstmals vorhandene naturwissenschaftliche Grundlage abgelehnt (oder verloren) wurde, und das sehe ich ebenso wie im Artikel beschrieben, dann ist doch zusätzlich immer auch das fach-spezifische Wörterbuch geleert worden. Nichts, aber auch garnichts ist mehr da was literatisch rekronstruiert werden könnte, und keiner ist bereit die Vergangenheit mit Experiment und Beobachtung zu rekronstruieren (Schreiben erfordert ja auch so viel weniger Mühe; und vom Selbstbetrug beim Schreiben, und so weiter und so fort, wollen wir garnicht erst anfangen).

    Daher kann es m.E. erst gar keine wissenschaftliche Beurteilung der altertümlichen Texte geben, ganz egal ob das Gegenteil davon an Universitäten und vom Marketing der Verlagshäuser propagiert wird.

    Gefällt mir

Was denken Sie zum Thema?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: