Schweigen wir überall von „Schweigegeld“!

Ein Kapitän schreibt ins Logbuch: „Der Maat war heute wieder betrunken.“ Der Maat liest das und ärgert sich. Er schreibt auch ins Logbuch: „Der Kapitän war heute nüchtern.“

Diese kleine Geschichte ist ein Standardbeispiel aus der Sprachwissenschaft und zeigt, dass auch die Wahrheit eine Waffe sein kann.

Stefan Aigner von Regensburg-Digital hat die Wahrheit scheinbar etwas zu subjektiv ausgedrückt und ist dafür von der Kirche abgemahnt worden. Gerade läuft sein Verfahren. Die Empörung war und ist natürlich groß. Aber die Meinungsfreiheit findet ihre Grenzen eben auch hierzulande immer noch oft an der Macht. Die katholische Kirche hat die Macht. Das zeigt sich gerade hier. Sie hat die Macht, einem „unabhängigen, mutigen und unterfinanzierten“ Blogger bei Strafe des Bankrotts den Mund zu verbieten. (Dem Spiegel nicht, der ist anscheinend selbst zu mächtig. [UPDATE 25.1.11: Doch, auch dem Spiegel wurde inzwischen erfolgreich der Mund verboten.]) Aber hat sie auch die Macht, die Äußerung unstrittiger Fakten zu verbieten?

Der Rechtstreit geht doch darum, ob es statthaft ist, in diesem Zusammenhang von „Schweigegeld“ zu sprechen. Nun, schweigen wir also vom „Schweigegeld“. Aber es gibt Fakten, die unstrittig sind. Warum wiederholen wir sie nicht einfach überall? Auf allen Blogs, Foren, Facebook-Seiten, Twitter-Tweets, T-Shirts, Bumperstickern, etc. pp. Machen wir uns in dieser Sache doch den Streisand-Effekt zu Nutze! Er wirkt ja ohnehin schon für Regensburg-Digital.

Unstrittig ist Folgendes:

  • 1999 wurde ein Kind von dem katholischen Priester Peter K. sexuell missbraucht.
  • Zwischen der Familie und dem Bistum Regensburg wurden Stillschweigen und Geldzahlungen vereinbart.
  • Das Bistum bestreitet, dass die Geldzahlungen und das Stillschweigen miteinander im Zusammenhang stehen. (Der Anlass des Verfahrens)
  • Der Pfarrer kam trotz Vorstrafe bereits 2001 wieder mit Jugendlichen in Kontakt.
  • Öffentlich bekannt wurde der Fall erst 2007, nachdem heraus kam, dass K. auch an seinem neuen Wirkungsort in Riekofen mindestens einen Ministranten in über 20 Fällen sexuell missbraucht hatte.

Reicht doch! Wir müssen keine Ausdrücke verwenden wie „Behinderung der Justiz“, „Inkaufnahme weiterer Straftaten“, „Schweigegeld“, „Strafvereitelung“, „Vertuschung“. Alles frei assoziiert und alles viel zu subjektiv. Mag sein, dass die Kirche tatsächlich immer noch so viel Macht hat, dass sie Journalisten und Bloggern gerichtlich den Mund verbieten kann. Aber niemand macht sich strafbar, wenn er sagt, schreibt, druckt, singt, e-mailt, tweetet oder plakatiert:

„Die Familie eines Missbrauchopfers und das Bistum Regensburg vereinbarten Stillschweigen und Geldzahlung. Das Bistum bestreitet, dass Stillschweigen und Geldzahlung in Zusammenhang stehen.

Also tun wir’s!

Update am 18.10.2011: Das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg hat der Berufung von Regensburg Digital in vollem Umfang stattgegeben. Der Maulkorb ist damit abgeschnallt! Gratulation! Und nochmal Dank an Regensburg Digital (und ihren Unterstützern), die mit ihrem Durchhaltevermögen für uns alle gewonnen haben.

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Harald Stücker

4 responses to “Schweigen wir überall von „Schweigegeld“!”

  1. Wolfgang says :

    Hier spricht die Betroffene:
    (Der Bayrische Rundfunk ist nicht mer der, der er beim Verbrecher Strauß war)
    http://www.br-online.de/bayern1/mittags-in-niederbayern-und-der-oberpfalz/ostbayern-missbrauch-audio-ID1294828823348.xml

    Artikel
    http://www.br-online.de/aktuell/kirche-justiz-missbrauch-ID1294666140909.xml

    Jeder kann seine eigenen Folgerung ziehen.

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