Macht uns Hawking kleiner und unbedeutender?

„Mir persönlich wäre eine einfache Antwort wie z.B. „42“ doch lieber gewesen, denn nur, weil wir jetzt wissen, was wir wissen, nämlich, dass das Universum sehr wohl einfach so aus sich selbst heraus entstanden sein kann, ohne dass irgendetwas oder irdendwer eine Initialzündung gegeben hat, fühlen wir uns noch immer klein und unbedeutend, nachts, draußen bei einem Blick in den Himmel. Naja, oder vielleicht sogar noch ein bisschen kleiner und unbedeutender.“

So endet diese ansonsten sehr schöne und gelungene Vorstellung des Buches von Hawking und Mlodinow. Wieder eine Anspielung auf den theologischen Nebenschauplatz dieses Buches, den Marketingtrick der Autoren oder der Herausgeber, gleich auf den ersten Seiten Gott zu erwähnen und abzuhaken, wohl wissend, dass dieses Nebengleis auch die Aufmerksamkeit solcher Zeitgenossen erregen wird, denen die tatsächlichen Antworten auf die größten Menschheitsfragen eigentlich am Arsch vorbeigehen. Und in der Tat ist diese Rechnung voll aufgegangen. Die Presse führt theologische Scharmützel auf, wo es eigentlich um etwas völlig anderes geht.

Ja, ok, der Theologie wird einmal mehr der Boden unter den Füßen weggezogen, na und? Das ist schon Tausende Male passiert, was hat sich geändert? Die Geschichte der Theologie zeigt, dass sie keinen Boden braucht, sie schwebt über den Dingen. Die Theologie hat das Teleskop überlebt, sie hat die Raumfahrt überlebt, sie wird wahrscheinlich auch die Neurotheologie überleben. Die Theologie hat Voltaire und die Theodizee überlebt. Die Moraltheologie hat das Euthyphron-Dilemma überlebt. Das Dilemma ist älter als der Katholizismus, das muss man sich klarmachen, wenn man die Macht und Schlagkraft von Philosophie, Logik oder Wissenschaft gegen die Theologie richtig einschätzen möchte.  Schauen wir uns dieses scharfe logische Messer einmal an, extra designt und geschliffen, um Moraltheologien im Keime zu ersticken:

Wird das moralisch Gute deswegen von Gott befohlen, weil es das moralisch Gute ist, oder ist es deswegen moralisch gut, weil es von Gott befohlen wird?

Klingt ziemlich vernichtend, oder? Wenn wir uns jetzt aber in der Welt umschauen, etwa 2400 Jahre später, was fällt auf? Kaum jemand kennt das Euthyphron-Dilemma, aber fast alle halten Moral für die Sache von Moraltheologen. Viele glauben sicher, Moraltheologie sei einfach nur ein anderes Wort für Ethik. Die Theologie ist eine Hydra. Ihre Köpfe wachsen nach.

Aber eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus, nämlich auf den letzten Satz in diesem Video. Er gibt das alte, schwer theologisch infizierte Klischee wieder: Je größer und gottleerer das Universum, desto kleiner und unbedeutender sind wir. Das Gegenteil ist der Fall! Die wahre Größe dessen, was unsere Spezies zu leisten im Stande ist, ist überwältigend. Wir sind dabei, ein detailliertes, kohärentes Bild der Welt zu entwerfen, die uns hervorgebracht hat. Und dabei ist „detailliert“ ebenso bewundernswert wie „kohärent“. Welche Leistung wäre das, wenn es einen Gott gäbe, der uns designt hat? Worauf sind Gottesanbeter stolz? Meister Gepetto mag stolz sein darauf, was er geschaffen hat, aber Pinocchio?

Die Geschichte unserer bescheidenen Abstammung ist unabdingbare Voraussetzung für unsere Größe. Schauen wir nur in die Literaturgeschichte: Wo ist der Roman, der die erstaunliche Geschichte des Sohnes aus gutem, aristokratischem Hause erzählt, der es zu etwas bringt im Leben? Vom Tellerwäscher zum Millionär heißt es, nicht etwa vom Erben des Krösus zum Millionär!

Wir sind die Nachkommen einer einzelnen Zelle. Wie sie entstanden ist, wissen wir nicht. Wahrscheinlich werden wir die genauen Details nie erfahren. Aber die Vorstellung, dass sie jemand vorsätzlich erzeugt hat, sie „geschaffen“ hat, erniedrigt uns. Sie macht uns zu Spielzeug. (Herauszufinden, dass man ein Spielzeug ist, kann eine traumatische Erfahrung sein.) Ich hatte schon einmal an anderer Stelle geschrieben, wie klein und unbedeutend eine Existenz als Spielfigur in der virtuellen Realität einer höheren Intelligenz wäre. Das theologische Gottesgeschwätz ist einfach nur erniedrigend.

Die Wirklichkeit sieht – Gott sei Dank – anders aus. Wir, die Nachkommen einer einzelnen Zelle, sind die Spezies, in der sich das Universum seiner selbst bewusst geworden ist. Was könnte größer, was bedeutender sein?

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