O Gott, Olga Ohlsson ist Atheistin!

Olga Ohlsson ist Schülerin der 8b des Gymnasiums Eppendorf in Hamburg. Sie hat gestern den folgenden Text im Hamburger Abendblatt veröffentlicht. Es ist ein erstaunlich guter Text für eine Schülerin der 8b – sowohl stilistisch als auch inhaltlich. Ich wünsche ihm weite Verbreitung.

Deshalb jetzt Bühne frei für Olga Ohlsson:

Lieber Herr Gott,

immer soll man Toleranz zeigen, als Atheist. Immer soll man sich anpassen, als Atheist. Immer soll man dir zustimmen, als Atheist. Aber nie werden wir gefragt, was wir wollen, wir Atheisten.

„Ich glaube nicht an Gott.“ Das ist ein Satz, für den man heute noch Mut braucht, um ihn sagen zu können, denn nirgendwo stößt man damit auf Verständnis.

Sofort bekommt man von allen Seiten Spott und muss sich anhören, was für eine Sünde es sei, nicht an Sie, Herr Gott, den Erschaffer der Welt, zu glauben. Das ist fast ähnlich, als würde man sagen: „Ich bin schwul.“ Man outet sich in den meisten Gesellschaften einfach mit so etwas nicht.

Die zweite Frage ist dann sofort: „Warum glaubst du denn nicht an Gott, den Allmächtigen?“ Blöde Frage. Einfache Antwort: Ich glaube nicht an Sie, Herr Gott, weil ich mir mein Leben nicht von jemandem vorschreiben lassen möchte, von dem nicht mal bewiesen ist, dass er überhaupt mal gelebt hat. Ich will der Herr über mein eigenes Leben sein.

Ich möchte nicht fünf Kinder oder Aids bekommen, weil ich mein Leben lang strikt nach den Zehn Geboten und dem Papst gelebt habe und deswegen kein Kondom benutzt habe. Ich möchte im Leben Spaß haben und auch mal Unüberlegtes tun. Ich will Sex vor der Ehe, und das nicht nur mit einem Mann. Vielleicht auch mal mit einer Frau? Na und?

Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Da wird es ja wohl möglich sein, sich selber ein Bild darüber zu schaffen, wie die Welt entstanden ist, ohne sich dabei an den Sieben-Tage-Kalender von Ihnen zu halten, Herr Gott! Kommen wir zur Toleranz. Wir sind hier in Deutschland, und man darf glauben, an was man will. Damit habe ich ja auch kein Problem, Herr Gott.

Aber ich habe ein Problem damit, dass gläubige Menschen so verbohrt sind und meinen, dass das, was sie sagen, richtig ist und nichts anderes. Dass sie die einzig Richtigen sind und das einzig Richtige tun.

Aber sie tun nicht das Richtige, Herr Gott. Immer sollen wir als Ungläubige, als Atheisten die Gläubigen um uns herum akzeptieren und tolerieren und ja den Mund halten.

Wir akzeptieren die Gläubigen ja auch, aber sie akzeptieren uns nicht.

Sie sollen doch mal darüber nachdenken, wie wir sind und wie wir uns bei ihren Angriffen fühlen, aber das ist ihnen egal. Sie sind egoistisch geworden. Durch Sie, Herr Gott! Sie mögen keine Atheisten. Und deswegen mögen uns Ihre Anhänger auch nicht.

Das steht schon in der Bibel, das sagen Sie, Herr Gott: Alle, die mir folgen, werden gesegnet und kommen in den Himmel und haben Glück bis an ihr Lebensende und blablabla.

Doch wenn wir die Seite umblättern, dann ist all der Zorn zu finden, den Sie uns entgegenbringen. Uns, die Ihnen nicht Folge leisten.

In der Bibel stehen Dinge wie: Wer mir nicht folgt, der kann sich auf etwas gefasst machen, der wird sein Leben lang nicht mehr glücklich und kommt in die Hölle.

Nicht nett, Herr Gott. Wenn Sie uns nicht mögen, ist das nicht so schlimm. Aber ich habe keine Lust mehr, die Gläubigen zu tolerieren und mich vor ihnen zu rechtfertigen, denn eigentlich müssten sich die Gläubigen vor mir rechtfertigen.

Und solange mich jemand beschimpft, weil ich Atheistin bin, werde ich zurückschimpfen. Und Sie, ihr Anführer, Herr Gott, Sie sollen uns sowieso in Frieden lassen. Denn für uns gibt es Sie gar nicht.

Viele Grüße von einer Atheistin, die es leid ist, von allen unverstanden zu sein, und nur akzeptiert und toleriert werden will


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Harald Stücker

8 responses to “O Gott, Olga Ohlsson ist Atheistin!”

  1. Muriel says :

    Joa.
    In der Begründung noch etwas unsauber, aber für das Alter in der Tat erstaunlich.

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  2. Adem Muhm says :

    Ich bin mit Olga gleicher Meinung, Gott ist nach meiner Vorstellung eine Figur, die von Menschen im Nahen Osten erschaffen wurde, der Niemandem helfen kann. Diese erschaffene Figur hat uns keine Liebe und Frieden gebracht, sondern nur Hass, Kriege und Rückstand auf unserem Planeten, so sehe ich das.
    mfg

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  3. Pedro says :

    Jo, auch ich bin mit Olga und Adem Muhm gleicher Meinung. Intoleranz, Hass, Gier, Machthunger und Rückständigkeit, viel mehr hat das Christentum (und mit ihm der Islam!) nicht zu bieten.
    Seit ca. 1000 Jahren wurden vorsichtig geschätzt mindestens (!) 30.000.000 (!!) Menschen im Namen von „Jesus Christus dem Erlöser“ ermordet (Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverfolgung, Judenpogrome (Christusmörder) und Zwangsmissionierungen), teils auf bestialischste Art und Weise. Wenn heute unsere Politiker verkünden, dass wir uns wieder auf unsere „christlichen Werte“ besinnen sollten, dann kann ich dazu nur lachen. Genauso gut könnten sie fordern, dass wir uns wieder auf unsere „nationalsozialistischen Werte“ besinnen sollten. Beide Ideologien waren bzw. sind total menschenverachtend, der einzige Unterschied besteht darin, dass man sich beim Nationalsozialismus einig ist darüber, dass er total menschenverachtend ist und nie mehr hoch kommen darf, während sich unsere Kirche über Jahrhunderte hinweg dank frühkindlicher Indoktrination als hochgeachtete Moralinstanz darstellt und von den meisten Menschen aus Unwissenheit, bzw. vorsätzlicher Ignoranz auch so gesehen wird! Die christliche Kirche hat seit jeher hinweg aktiv verhindert, dass so etwas wie Menschenrechte entstehen konnten. Erst die Aufklärung brachte uns Ethik und Menschenrechte (und wurde dabei von der Kirche teils massivst bekämpft).
    Den wenigsten Menschen ist ferner bewusst, dass die Kirche allein in Deutschland ein Vermögen von ca. 1.000.000.000.000 €uro angehäuft hat, welches auch von Menschen stammt, die in Hexen- und Inquisitonsprozessen erst enteignet wurden (das Vermögen fiel der Kirche zu!!!!), um danach aufs grausamste ermordet zu werden. Des weiteren wissen die wenigsten, dass trotz Rekordneuverschuldung die beiden christlichen Kirchen grundgesetzwidrig alljährlich mit ca. 14.000.000.000 €uro vom Deutschen Staat finanziert werden! Und dabei bezahlt jeder mit, auch die geschätzten 30% Atheisten tragen ihr Scherflein dazu bei unsere beiden christlichen Kirchen weiterhin schön rund und fett zu mästen.
    Letztendlich ist der christliche Glaube doch nur entstanden, weil sich A: die Menschen im Altertum die Welt erklären wollten und einfach keine andere Alternative hatten, als an an einen Schöpfer zu glauben. Und B: weil keiner gerne stirbt und man sich nicht vorstellen kann, dass mit dem Tod alles Aus und Vorbei sein soll. Da ist es schon viel bequemer sich mit einem Leben nach dem Tod zu trösten. Wer heute noch wortwörtlich an das christliche Glaubensbekenntnis glaubt, ich zitiere: „Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herren, der empfangen ist vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten tage auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige christliche Kirche, die Gemeinde der Heiligen, Vergebung der Sünden (was man auch immer dazu zählen mag!) Auferstehung des Leibes und das ewige Leben. Amen“, der, ja der muss schon ganz schön einen an der Mütze haben!
    Ich persönlich habe bereits als Kind nicht an Gott glauben können und kam mir dabei vor wie ein Außenseiter, schließlich wird einem ja, gerade als Kind, überall und jederzeit eingetrichtert, dass man nur ein lebens- und liebenswerter Mensch ist, wenn man an den einen und einzigen Gott glaubt und ein guter Christ ist. Bei mir kam noch erschwerend hinzu, dass mein Vater, und seine ganze Familie dazu, erzkatholisch waren bzw. sind. Ich wurde für meinen kindlichen Unglauben des öfteren grün und blau (einmal sogar bis zur Bewusstlosigkeit!) geprügelt! So viel zum Thema christliche Nächstenliebe! Erst mein Großvater mütterlicherseits befreite mich aus meinem Aussenseiterdasein, indem er mir erzählte, ich war damals vielleicht 10 Jahre alt, dass auch er nicht an einen Gott glauben würde. Dafür bin ich ihm heute, fast 35 Jahre später, noch total dankbar, da mir in diesem Moment bewusst wurde, dass ich nicht der einzige Mensch war, der nicht an diesen ganzen Mist glauben konnte und wollte, sondern dass es auch Erwachsene gab, die meine Überzeugung teilten.
    Leider gibt es viel zu wenig Menschen, die sich als Atheisten outen und aktiv gegen diesen ganzen geistigen Müll vorgehen. Am schlimmsten finde ich allerdings, dass viele Menschen Traditionschristen sind. Sprich beide Elternteile glauben zwar nicht an Gott, oft verachten sie Klerus und Kirche sogar, trotzdem lassen sie ihre Kinder taufen, da es sich in unserer Gesellschaft halt einfach so gehört! Und wenn auch nur die Möglichkeit geäußert wird, dass man eventuell seine Kinder nicht taufen lassen will, wird sofort von Seiten der Verwandtschaft aufs schärfste protestiert! Wie gesagt, es gehört sich einfach, dass man seine Kinder taufen lässt und christlich erzieht, alles andere kann und darf nicht sein! So zieht man sich als eine Art Selbstläufer eine Generation Christen nach der anderen. Manchmal glaube ich, dass sich das nie ändern wird. Aber man soll ja bekanntlich die Hoffnung nicht aufgeben……………….

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    • evidentist says :

      Vielen Dank, Pedro, für Deinen sehr persönlichen Kommentar. Olga hat glaube ich vielen aus der Seele gesprochen. Und auch wenn ich glaube, dass Deine Erlebnisse heute nicht mehr Mainstream sind, so gibt es doch sicher noch viele Gegenden und Milieus auch in unserem Land, wo man sich nicht so einfach ohne soziale Kosten als Ungläubiger outen kann. Das müssen wir ändern.

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  4. evidentist says :

    Leserbriefe zu Olgas Brief an das Hamburger Abendblatt:

    Ich habe jahrelang erlebt, wie Atheisten in ihrer Meinung eher bestärkt wurden als verhöhnt, und rechtfertigen müssen sie sich schon gar nicht. Ich bin selber Christ und stehe in der Schule dazu, leider bin ich oft die Einzige, obwohl es noch andere Mitschüler gibt, die auch gläubig sind. Viele Grüße von einer überzeugten Christin, die es anmaßend und verallgemeinernd findet, als altmodische Fundamentalistin bezeichnet zu werden.

    Katja Hödtke, per E-Mail

    Liebe Olga,
    ich bin schon 70 und bezeichne mich auch als Atheisten. Ich möchte dir meine Anerkennung für deinen mutigen und offenen Beitrag übermitteln – denn Mut gehört immer noch dazu, sich so zu „outen“. Vertrete deine Überzeugung, solange sie deinem ehrlich geprüften Bewusstsein entspricht, gegenüber allen, die dich vom Glauben an einen „Gott“ überzeugen wollen. Dabei solltest du tolerant bleiben, gleichzeitig aber auch Toleranz von deinen Gesprächspartnern einfordern.

    Dr. Hartwig Ihlenfeld, per E-Mail

    Der Artikel weckt in mir große Traurigkeit. Offenbar hat die Verfasserin des Artikels niemals die Liebe Gottes kennengelernt. Gott ist nicht der strafende, sondern der liebende Gott. Ein Ja zu ihm bedeutet, an ihn zu glauben, auch wenn er nicht physisch anwesend ist. Wünsche dem jungen Mädchen Menschen, die es in seinem Denken und Fühlen annehmen.

    Siegrid Quick, per E-Mail

    Danke, liebe Olga, das ist einfach super, was du geschrieben hast, diese veralteten Geschichten bringen doch keinen mehr in die Kirche und schon gar nicht zum Glauben. Weiter so.

    Gabi Krebs, per E-Mail

    Ich bin selbst praktizierender Christ und daher ist die Sichtweise einer Atheistin für mich sehr spannend. Sehr gut auch die originelle Aufmachung in Form eines Briefes an „Herrn Gott“. Auffällig sind die vielen Vorurteile gegen Christen – oder werden hier Aussagen einer bestimmten christlichen Richtung auf alle Christen übertragen? Ich hatte auch Sex vor der Ehe, meine Frau und ich haben früher auch verhütet, ich habe früher auch die Nacht zum Tage gemacht – dass das alles früher war, hängt damit zusammen, dass ich inzwischen verheiratet bin, dass wir uns Kinder gewünscht haben und dass man als Vater nicht mehr so flexibel ist.

    Dieter Krogh, per E-Mail

    Vor nur wenigen Jahrhunderten wären Sie für diesen Artikel öffentlich verbrannt worden. So viel vorweg zum Thema „Toleranz“. Ich war als Jugendlicher sehr fromm. Als ich vor der Hälfte meines Lebens – ich bin 75 – den religiösen Glauben ad acta gelegt hatte, fühlte ich mich herrlich erleichtert.

    Henning Heßmer-Meibauer, per Post

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  5. martin says :

    „Ich möchte nicht fünf Kinder oder Aids bekommen, weil ich mein Leben lang strikt nach den Zehn Geboten und dem Papst gelebt habe und deswegen kein Kondom benutzt habe. “

    Ähm, ja – sehr logisch. Wenn sie nach den Zehn Geboten und dem Papst gelebt hätte, würde sie wohl kein Aids und keine ungewollten fünf Kinder bekommen, denn, dann würde sie nur mit ihrem ehelichen Partner Sex haben und eine etwaige Infektion würde wohl eher von ihm und nicht von Gott oder dem Papst ausgehen und fünf Kinder würde sie nur kriegen wenn sie nicht weniger als fünf mal Sex gehabt hätte. Unlogischer Kindergarten.

    Martin, 16
    Ich muss nicht andere vorschieben, Ereignisse vor 500 Jahren, „Einflüsse“ von Kirchen oder was weiß ich was, NGO’s haben natürlich keinen Einfluss, um meine Anschauungen für mich zu vertreten. Der gottlose Faschismus hat ja keine Opfer gefordert, da hast du schon recht. Aufrechnen sollte man halt auch. Ich bin auch Atheist und rechtfertige mich vor Niemand dafür, und zwinge auch niemand meine Anschauungen auf, wie ihr es hier tut.

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    • Muriel says :

      @martin: Ich hatte ja geschrieben, dass ich ihre Argumentation auch nicht ganz sauber finde, aber deine knirscht und knarzt auch ein bisschen.
      Natürlich kann man sich mit HIV infizieren, auch wenn man sich an die Regeln des Papstes hält, auch wenn es bei streng monogamem Lebensstil sicher weniger wahrscheinlich ist. Und bei den fünf Kindern kann man ihr meiner Meinung nach gar nicht sinnvoll widersprechen.
      Und was den Faschismus angeht: Hättest du wenigstens Kommunismus gesagt. Stalin war immerhin kein Katholik und hat seinen Leuten keine „Gott mit uns“-Plaketten aufgepappt. Dann wäre dein Argument zwar immer noch ein bisschen danebengewesen (Opfer des Kommunismus sind eben keine Opfer des Atheismus.), aber Faschismus ist nun wirklich kein gutes Beispiel.
      Und zu guter Letzt: Hier ist ein Blogbeitrag, der eine bestimmte Meinung vertritt, und du hast einen Kommentar geschrieben, der ihm widerspricht und deine Meinung vertritt. Wer zwingt denn hier irgendwam irgendwas auf? Und wo ist der Unterschied zwischen dem Blogautor, der seine Meinung sagt, und dir, wenn du dasselbe tust? Ist es nur Zwang, wenn andere es machen?

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  6. Annika says :

    Olga. Ganz, ganz grosse Klasse. Super. I don’t like it, I love it. Ganz besonders gefaellt mir die Stelle: „Ich möchte im Leben Spaß haben und auch mal Unüberlegtes tun. Ich will Sex vor der Ehe, und das nicht nur mit einem Mann. Vielleicht auch mal mit einer Frau? Na und?“ Toll.

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