Labore zu Gebetsräumen

In den USA, einem Mutterland der Demokratie, sehen wir derzeit die Grenzen der Demokratie. Die politische Landschaft der USA entwickelt sich immer mehr zu einer grotesken Tragikomödie. Die Tea-Party-Bewegung ist eng mit der Kreationismus-Bewegung verbunden. Der Kreationismus ist eine Lachnummer, aber wenn immer mehr kreationistische Clowns zu führenden Politikern werden, dann hat das Land ein ernstes Problem. Und da es – immer noch – die führende Nation in Technologie und Wissenschaft ist, könnte uns allen sehr bald schon das Lachen im Halse stecken bleiben.

Sam Harris, und nicht nur er, hatte 2008 eindringlich vor einer Vizepräsidentin Palin gewarnt, einer grenzdebilen Ignorantin in Reichweite des roten Knopfes (und zwischen beiden nur ein 78-jähriger mit Herzproblemen). Diese Gefahr ist alles andere als gebannt! Egal ob Palin erneut antritt oder nicht, der nächste Präsident wird fast sicher ein republikanischer sein, und die Kriterien, nach denen diese Partei ihr Spitzenpersonal aussucht, sind denen des gesunden Menschenverstands entgegengesetzt. Harris:

„Die Amerikaner haben ein ungesundes Verlangen danach, mittelmäßige Leute auf Posten mit großer Verantwortung zu setzen.“

Es muss nicht erst so dramatisch werden wie auf diesem Bild. Es reicht schon aus, dass sich eine Kultur der Wissenschaftsfeindschaft breitmacht. Und inzwischen ist es soweit, dass ein Kandidat, der zentrale Erkenntnisse der modernen Wissenschaft nicht rundheraus ablehnt, keine Chance hat, gewählt zu werden. Steven Pinker weist in diesem Interview mit Keith Olbermann (ab Min. 03:05) darauf hin, was das bedeutet. Wenn eine Nation ihre Kinder um eine richtige Ausbildung in modernster Naturwissenschaft betrügt, wird die nächste Generation keine Chance gegenüber den wirklich ernsten Bedrohungen haben. Die Erfolge der Medizin sind im Wesentlichen Erfolge in einem Rüstungswettlauf mit sich schnell entwickelnden Krankheitserregern. Wie soll eine kreationistisch ausgebildete Generation von Biologen und Medizinern das Phänomen der Superkeime und der Antibiotikaresistenzen in den Griff bekommen? Irgendwann in der Ausbildung muss das schmutzige Wort „Evolution“ fallen dürfen, je früher, desto besser. Sonst werden wir diesen Krieg verlieren. Denn es ist ein Krieg und er ist endlos. Ein Pazifismus in diesem Bereich würde in wenigen Jahren zu einem Massensterben führen. Der Kreationist ist ein Pazifist aus Ignoranz. Nun sind die Republikaner nicht gerade eine pazifistische Partei. Sie würden nicht auf die Idee kommen, Schwerter zu Pflugscharen zu machen. Aber sie würden gern Labore zu Gebetsräumen umwidmen („ora in labora“). „Krieg“, „Pazifismus“ und „Rüstungswettlauf“, das sind doch Begriffe, die viele Republikaner verstehen. Vielleicht sollte man mal versuchen, ihnen die Fakten des Lebens martialischer zu erläutern?

Vor kurzem habe ich über den Kulturbruch namens „Mittelalter“ geschrieben, der die antike Kultur beendet hat. Ein solcher Bruch ist die größte Gefahr für den Fortschritt in der wissenschaftlichen Medizin. Und in der amerikanischen Kultur ist die Gefahr eines solchen Bruchs derzeit am größten.

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Harald Stücker

3 responses to “Labore zu Gebetsräumen”

  1. Christian - Alles Evolution says :

    Die Amerikaner haben vielleicht eine nach außen größere Vorliebe für Religion gegenüber wissenschaft, allerdings würde ich Deutschland auch nicht frei davon machen.
    Das wirkt sich weniger bei der Frage aus „Wie ist ihrer Meinung nach der Mensch entstanden, Gott oder Evolution?“, wo viele Deutsche wohl eher „Evolution“ sagen würden, aber bei den Nachfragen und den Schlußfolgerungen daraus.

    Wenn man beispielsweise biologische Erklärungen für bestimmte menschliche Verhaltensweisen darlegt, wie es ja auch der oben zitierte Steven Pinker in „The Blank Slate“ getan hat, dann kommt recht schnell doch wieder die Seele ins Spiel und der Umstand, dass wir „doch keine Maschinen sind“.

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    • evidentist says :

      Da gebe ich Dir völlig Recht. Es wird noch einige Zeit vergehen, bis die Evolutionspsychologie, und damit Leute wie Steven Pinker, Matt Ridley, Thomas Metzinger oder E.O. Wilson vom (linken) Mainstream akzeptiert werden. Auch die religiös dominierte PID-Debatte gibt Dir Recht. Aber die Richtung stimmt zumindest. Erinnern wir uns an die Soziobiologie-Debatte der 70er Jahre, ausgelöst durch das Buch von eben E.O. Wilson. Inzwischen würden seine Thesen diesen Aufstand nicht mehr auslösen. Das liegt auch daran, dass wir immer mehr auch in der Mainstreampresse über Evolutionspsychologie lesen: Der Mammutjäger in der U-Bahn, usw.
      Was unsere Situation aber von der US-amerikanischen noch unterscheidet, ist doch, dass unser Führungspersonal durchaus wissenschaftlich gebildet sein darf, dass es sich klar zu Wissenschaft und Vernunft bekennen darf, ohne deswegen befürchten zu müssen, die nächste Wahl zu verlieren. Ja, es muss immer noch eine christliche Rhetorik pflegen, aber das ist nicht das gleiche wie der republikanische Trend zu kreationistischen Kretins. Eine Palin hätte bei uns – noch – keine Chance.

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  2. Christian - Alles Evolution says :

    Ich bin gespannt, wie es sich weiter entwickelt. Eigentlich liegen ja heute schon auch abgesehen von der Evolutionspsychologie genug Fakten parat, die zu Veränderungen führen sollten. Auf dem Gebiet für das ich mich besonders interessiere, der Unterschied von Mann und Frau, beispielsweise die verschiedenen Abweichungen, wie etwa CAIS und CAH Frauen, Transsexualität etc. Die Auswirkungen pränatalen Testosterons sind gut erforscht und in ein stimmiges Gesamtkonzept eingebettet.
    Judith Butler stützt sich hingegen immer noch auf „das Inzesttabu und das Tabu gegen die Homosexualität“ und man geht von einer Zwangsheterosexualisierung aus. Die Queertheorie stellt darauf ab, dass Sexualität frei wählbar ist und es keine biologische Grundlage gibt, womit dann wiederum sexuelle Selektion, immerhin einer der Grundpfeiler der Evolutionstheorie, unmöglich ist, die ja auf Vererbbarkeit von Attraktivitätsmerkmalen aufbaut.
    In den Sozialwissenschaften allgemein hat die Biologie keinen guten Stand. Die Creationisten bilden immerhin eine Minderheit und werden im Prinzip ausgelacht. Aber in den sozialwissenschaftlichen Bereichen ist es eher andersrum. Biologist gilt als Schimpfwort. Und die Sozialwissenschaften durchziehen viele Bereiche, die im normalen Leben wichtig sind.
    Ich bin gespannt, ob da ein Umbruch stattfindet.

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