Gottes PID

Gegenwärtig schwillt die Debatte um den Embryonenschutz wieder mal an. Diesmal geht es um die Präimplantationsdiagnostik (PID), die sich nur auf den kleinen Teilbereich der Embryonen bezieht, die durch künstliche Befruchtung erzeugt werden. Das Ziel einer solchen Diagnose ist, eine Hilfe für die Entscheidung zu geben, ob der Embryo in die Gebärmutter eingepflanzt werden soll oder nicht. Verhindert werden sollen dadurch Spätabtreibungen oder Totgeburten, aber auch schwere, genetisch bedingte Krankheiten und Behinderungen. Die gewohnt kompromisslose katholische Position läßt sich etwa so zusammenfassen:

Jeder Embryo ist ab dem Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei und Samenzelle ein vollwertiger Mensch mit allen Rechten, die Menschen als dem Ebenbild Gottes zukommen. Einteilung in verschiedene Stadien und damit Abstufungen des Schutzes sind unzulässig. Eine Selektion aufgrund von auffälligen Befunden bei einer genetischen Untersuchung verstößt gegen die Menschenwürde. Abtreibungen sind absolut verboten.

Daraus ergibt sich ein strikter Embryonenschutz und ebenfalls ein striktes Verbot von künstlicher Befruchtung und Embryonenforschung. Auch Stammzellenforschung ist damit verboten, sofern dafür Embryonen getötet werden müssen. Dazu eine kleine Rechnung.

Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahre 2009 in Deutschland 665.126 Kinder lebend geboren. Hinzu kommen 110.694 Abtreibungen. Insgesamt waren das 775.820 Embryonen. Das sind aber nur diejenigen, die es bis zur Geburt geschafft haben bzw. ohne menschlichen Eingriff geschafft hätten. Zitat aus dem Wikipedia-Artikel zum Thema Schwangerschaft:

„Es wird davon ausgegangen, dass bis zu 50% der sich in der Gebärmutter einnistenden Eizellen als Frühabort enden. Diese Fehlgeburt wird als verspätete Monatsblutung angesehen und bleibt meist unbemerkt.“

Die Zahl der Embryos, die 2009 allein in Deutschland entstanden sind, dürfte sich also auf etwa 775.820 mal 2, also auf 1.551.640 belaufen. Wenn wir jeden Embryo als Mensch mit allen Rechten ansehen, die wir einem Menschen zugestehen, dann findet tatsächlich immerwährend ein Abtreibungsholocaust statt, allerdings ist der Täter die Natur selbst, für Gläubige ist der Täter Gott. Das ist allerdings nur für Gläubige ein Problem, denn die Natur ist rechtlich und moralisch nicht satisfaktionsfähig; ein Gott aber wohl schon.

Spielen wir das noch mal durch: Die 110.694 von Menschen durchgeführten Abtreibungen sind im Allgemeinen die ultima ratio verzweifelter Frauen. (Ich vernachlässige hier die Gruppe der Frauen, die einen Eingriff in ihre Gebärmutter aus Mordlust oder just for fun vornehmen lassen.) Jede einzelne Frau ist, wenn überhaupt, höchstens nur für ihre eigene Abtreibung verantwortlich. Gott wäre jedoch für 775.820 Abtreibungen verantwortlich. Nur im Jahr 2009. Nur in Deutschland.

Heißt das jetzt, dass Gläubige auch noch an das düstere Bild einer intrauterinen Selektionsrampe glauben müssen? Der liebe Gott nicht besser als ein Nazi-Lagerarzt? Nein, ich sehe mindestens zwei Auswege aus diesem Dilemma.

Böser Gott

Der erste Ausweg behauptet gut katholisch, dass Gott uns keinerlei Rechenschaft schuldig ist, dass Er mit Seinen Geschöpfen tun und lassen kann, was Er will. Er ist besser als der Lagerarzt, weil Er Gott ist. Er darf umbringen, wen immer Er will, wir dürfen das nicht. Und wenn Du ein Problem damit hast, dann pass auf, dass Dich nicht aus heiterem Himmel der Blitz trifft. Das ist die Hardliner-Position. Das ist der Gott, wie wir Ihn aus dem Alten Testament kennen. Und dennoch: 775.820 Morde an unschuldigen wehrlosen Kleinstkindern in einem Jahr nur in Deutschland. Das sollte sich möglichst nicht allzuweit in der Gemeinde rumsprechen, das könnte so manchen naiven Gottesglauben auf eine harte Probe stellen.

Lieber Gott

Der zweite Ausweg wäre die Aufgabe der katholischen Extremposition. Embryonen haben nicht von Anfang an Personenstatus, sie genießen nicht den vollen Schutz der Menschenrechte, insbesondere kein Lebensrecht. Embryonen müssen auf ihre Lebensfähigkeit erst getestet werden, sogar Gott muss das tun. Auch Er hat Seine PID. Nur macht Er das nicht vor, sondern nach der Implantation, Er praktiziert also keine Prä-, sondern eine PostImplantationsDiagnostik. Seine PID ist Teil Seines Intelligent Designs. Er verhindert durch Früherkennung genetischer Defekte Spätabtreibungen oder Totgeburten. Er hat also dieselbe Motivation wie unsere Fortpflanzungsmediziner. Im Gegensatz zu ihnen betreibt Er Seine PID allerdings nicht nur bei einem verschwindend kleinen Prozentsatz, sondern generell bei jedem Embryo. Und Er hat nicht etwa nur deshalb kein moralisches Problem damit, weil Er Gott ist, sondern weil es kein moralisches Problem ist.

Dieser zweite Ausweg sollte Gläubigen um ein Vielfaches sympathischer sein. Sie könnten aufatmen und wieder unbeschwert an ihren Lieben Gott glauben.

Und wir alle könnten diese lächerliche Diskussion um ein moraltheologisches Fantasieproblem zu den Akten legen.

Zum Weiterlesen:
Norbert Hoerster, Ethik des Embryonenschutzes, Stuttgart: Reclam, 2002
Bernd Vowinkel, Menschenwürde und die PID, hpd 2011
Stellungnahme der Ethikkommission der Giordano-Bruno-Stiftung
Katholiken aus der Retorte

Update am 7.7.2011: Der Bundestag hat gerade beschlossen, die PID „in engen Grenzen“ weiterhin zuzulassen. Die Gläubigen sollte es freuen. Trotzdem hat Gott Glück, dass er über solchen weltlichen Entscheidungen steht. Sonst wäre er hiermit eindeutig kriminalisiert, da er ja seine PID standardmäßig bei allen durchführt.

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Harald Stücker

20 responses to “Gottes PID”

  1. docadenz says :

    Sehr schöner Artikel, ich könnte mir vorstellen, dass sich damit einige religiös motivierte Kritiker der PID, die aber keine Hardliner sind, überzeugen ließen, trotz des ironischen Untertons.

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    • evidentist says :

      Vielen Dank, docadenz. Ja, das wäre schön, wenn sich jemand überzeugen ließe. Ich fände es aber allein schon schön, wenn dieser Gedanke öfter in den einschlägigen Diskussionen auftauchen würde.

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  2. b says :

    muss dem zustimmen

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  3. _bla_ says :

    Hier wird dem Christentum eine pantheistische Komponente unterstellt, die es nicht hat.
    Der christliche Gott und die Natur sind nicht identisch.
    Die Frage ist muss daher lauten, warum sorgt Gott nicht dafür, das es keine Frühaborte gibt? Aber ich fürchte, das eignet sich nicht so gut für Ihre Polemik.

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    • evidentist says :

      Vielen Dank für Ihre Antwort, _bla_,
      doch, das würde sich genau so gut für meine Polemik eignen. Ich würde einfach fragen: „Warum sorgt Gott nicht dafür, das es keine Frühaborte gibt?“ Wenn Sie also mit diesem Argument das Lebensrecht des Embryos retten wollen, stehen Sie im Regen des Theodizeeproblems. Das ist ja schon groß genug, und jetzt wollen Sie auch noch den Mord an der halben Menschheit draufladen?

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      • _bla_ says :

        Natürlich stellt sich das Theodizeeproblem. Für das es bekanntlich diverse unterschiedliche Lösungsansätze existieren und entweder man glaubt an eine oder mehrere davon oder wird halt Atheist.

        Für das Problem der PID ist die Fragestellung dann aber nur noch wenig interessant. Denn nur die wenigsten Antworten für das Theodizeeproblem bestreiten die Existenz des Übels oder fordern, dass das Übel einfach hingenommen wird.

        Aus der Existenz der Frühaborte ergibt sich nicht das diese auch wünschenswert sind, das wäre eine naturalistische Ethik, die auch nicht Teil des Christentums ist.

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        • vonhaeften says :

          Texte, die mit Rechtschreibfehlern gespickt sind, lesen sich nur schwer. Noch schwerer lesen sich dann Texte, die mit Rechtschreibfehlern gespickt sind und obendrein völlig unlogisch „argumentieren“:

          „Aus der Existenz der Frühaborte ergibt sich nicht das diese auch wünschenswert sind, das wäre eine naturalistische Ethik, die auch nicht Teil des Christentums ist.“

          Wie kann man nur so etwas einfältig Dummes schreiben? Wo ist da so etwas wie eine Behauptung erkennbar? Geschweige denn ein Beleg oder eine Art von Beweis?

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  4. HAL9000 says :

    Mal folgender Gedanke:
    Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 800000 Menschen – nach ihrer Geburt. Von Gott ermordet. Heißt das, dass Gott ein ganz Böser ist? Es gibt zwei Auswege:
    1. Gott darf das, weil er Gott ist.
    2. Die Menschen hatten gar kein Lebensrecht. Sie wurden auf ihre Überlebensfähigkeit getestet und haben leider verloren.

    Sollte die zweite Möglichkeit Gläubigen sympatischer sein? Können wir jetzt aufatmen und eine lächerliche Diskussion über zum Beispiel Euthanasie beenden?

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    • Harald Stücker says :

      Schön, dass Sie diesen Artikel nach zwei Jahren wiederbeleben. Leider aber sehe ich auch bei näherem Hinschauen nicht genau, worauf sie hinauswollen. Ich glaube, die entscheidenden Wörter sind „Lebensrecht“ und „Euthanasie“. Wenn ich Sie richtig verstehe, sollten wir Ihrer Meinung nach die PID verbieten, weil wir auch schon Embryonen ein Lebensrecht zugestehen sollten. Wenn wir sie auf Krankheiten testen und einige nicht implantieren, so betreiben wir Selektion und Euthanasie.

      Ich bin nicht dieser Auffassung. Ich glaube, dass sie sich nur aus der katholischen oder einer anderen religiösen Lehre ergibt. Diese Lehre halte ich für falsch und absurd. Mein Artikel ist der Versuch, eine der absurden Folgerungen darzulegen, die sich aus dieser Auffassung ergeben.

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      • HAL9000 says :

        Ich will darauf hinaus, dass ich die obige Argumentation für falsch halte.
        Das hat mit religiöser Lehre nichts zu tun und ist unabhängig davon, ob man für oder gegen PID ist. Die Argumentation ist: Gott führe eine Selektion vor der Geburt durch, also dürfen wir das auch. Gott führt nämlich auch eine Selektion nach der Geburt durch und wir dürfen das trotzdem nicht – da sind wir uns sicher einig.

        PS: Wenn Ihnen das Thema von vor zwei Jahren zu alt ist, müssen sie nicht antworten. Leider bin ich erst jetzt auf Ihren Blog gestoßen uns lese deswegen erst jetzt nach und nach die alten Artikel, die ich interessant finde und bei denen ich zum Großteil Ihre Meinung teile.

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        • Harald Stücker says :

          Nein, da habe ich mich falsch ausgedrückt, bzw. es klang wahrscheinlich zu ironisch: Ich meinte wirklich: Schön, dass Sie diesen Artikel nach zwei Jahren wiederbeleben. Das Thema ist natürlich nach wie vor aktuell.

          Ich finde Ihren Einwand sehr originell. Tatsächlich sollte sich dieses Dilemma für Gläubige auch stellen. Die Religionen haben es aber mit der Vorstellung eines weiteren Lebens nach dem Tode entschärft bzw. aufgelöst. Und wenn wir uns die – ebenfalls ständig aktuelle – Diskussion über die Sterbehilfe anschauen, dann sehen wir, dass tatsächlich von religiöser Seite Ihre Lösung Nr. 1 des Dilemmas gewählt wird: Gott darf das, weil er Gott ist. Wir dürfen aber nicht selbst über den Zeitpunkt unseres Todes entscheiden, weil wir nicht Gott sind.

          Ihre Zusammenfassung meines Arguments ist nicht ganz richtig: Zunächst einmal stelle ich – um des Arguments willen – einige religiöse Prämissen auf, die ich nicht teile: 1. Ein Gott existiert. 2. Ein Embryo hat vom Augenblick seiner Zeugung an das Recht auf Leben. Nur unter diesen Prämissen kommt es überhaupt zu dem moralischen Problem. Das Argument argumentiert im Grunde genommen gegen diese Prämissen, indem es eine Konsequenz aufzeigt, die hanebüchen ist.

          Ihr Einwand wirft grundsätzliche moralische Fragen auf. Wie kommen wir überhaupt zu unseren intuitiv einleuchtenden moralischen Urteilen, wie etwa dem, dass es falsch ist, jemanden zu töten? Die religiöse Ethik leitet diese Urteile von oben, also aus göttlichen Geboten ab, ein Joker, der einer nicht-religiösen, säkularen Ethik nicht zur Verfügung steht. Wir müssen auf unsere Präferenzen zurückgreifen, müssen also unsere Ethik sozusagen von unten entwickeln. Wir müssen davon ausgehen, was den Menschen tatsächlich wichtig ist, und daraus Prinzipien und Normen herleiten. Und da fällt zunächst einmal auf, dass niemand die Tatsache, dass auf jede Geburt ein Frühabort oder eine Fehlgeburt kommt, für ein moralisches oder für überhaupt ein Problem hält. Auch radikale Abtreibungsgegner nicht. Das ist doch erstaunlich!

          Aber jedem ist sein eigenes Überleben wichtig, sobald er eine Überlebenspräferenz entwickelt hat. Vereinfacht gesagt: Wir generalisieren unser Tötungsverbot aus dieser Präferenz zusammen mit der goldenen Regel. Der Embryonenschutz wie auch das Verbot der Sterbehilfe sind demnach Übergeneralisierungen. Sie lassen die Frage nach der Präferenz außer Acht. Und das tun Sie in Ihrem Einwand auch.

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          • HAL9000 says :

            Vorab: Ich möchte mich hier nicht gegen die PID aussprechen, nur die obige Argumentation ist für mich nicht schlüssig.
            Dass Sie die Existent Gottes nur für das Argument annehmen war mir klar. Sie müssen dann im Folgenden aber bei der religiösen Sicht der Dinge bleiben, dann ergibt sich aus Ihren zwei Prämissen auch kein moralisches Problem. Aus religiöser Sicht ist es kein Problem, dass Gott den Menschen das Leben gibt und wieder nimmt. Das steht sogar ziemlich wörtlich so in der Bibel.
            Der Fehler in Ihrer obigen Argumentation ist also meiner Meinung nach, dass Sie die erste Möglichkeit „Gott darf das“ ausschließen, weil er sonst ja ein Massenmörder wäre. Daraufhin kommen sie zu einer zweiten Möglichkeit aus der sich dann die „hanebüchene Konsequenz“ ergibt. Die Möglichkeit, dass Gott das Leben nehmen darf, wir aber nicht, ist dagegen nicht hanebüchen. Damit hat kein Gläubiger ein Problem und das darf sich auch „in der Gemeinde herumsprechen“.

            Sie versuchen mit Ihrer Argumentation Ihre zweite Prämisse zu widerlegen: „Dieser zweite Ausweg sollte Gläubigen um ein Vielfaches sympathischer sein.“ Ich habe oben versucht zu zeigen, dass man mit diesem zweiten Ausweg, mit dem Sie den Embryonen das Lebensrecht absprechen, wenn man weiter denkt auch Menschen nach der Geburt das Lebensrecht absprechen könnte. Damit wollte ich zeigen, dass Sie nicht Ihre zweite Prämisse widerlegt haben sondern Ihren zweiten Ausweg.

            Dass selbst radikale Abtreibungsgegner kein Problem damit haben, dass es Frühaborte oder Fehlgeburten gibt wundert mich gar nicht. Radikale Kriegsgegner haben auch kein Problem damit, dass Menschen an zum Beispiel Herzinfarkt sterben.
            Das Sterben selbst ist kein moralisches Problem. Nur die Art zu sterben kann eines sein.

            Und mal ganz abgesehen von Gott: Die Befruchtung der Eizelle ist ein klar definierter Zeitpunkt. Einem Embryo ab diesem Zeitpunkt ein Lebensrecht zuzugestehen ist die moralisch und rechtlich einfachste Lösung. Welcher Zeitpunkt sollte sonst gelten? Die Geburt wäre auch ein fester Zeitpunkt, ist aber etwas spät. Alles was dazwischen liegt ist beliebig gewählt und daher angreifbar. In Deutschland ist ein Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten 12 Wochen nach der Befruchtung straffrei. Was ist an einem Embryo am 1. Tag der 13. Woche anders als am letzten Tag der 12. Woche, so dass man ihn plötzlich nicht mehr straffrei töten darf? Ich will damit nicht grundsätzlich gegen einen Schwangerschaftsabbruch argumentieren sondern nur aufzeigen, dass die geltende Regel größere Schwierigkeiten aufwirft und viel Spielraum lässt, wogegen die christliche Sicht einfach, klar und eindeutig ist.

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            • Harald Stücker says :

              Sie haben Recht, ich gebe zu, dass mein Argument so nicht funktioniert. Allerdings neigt sich Ihr Einwand jetzt ein wenig in Richtung Kasuistik. Der Preis für seine Richtigkeit ist meiner Meinung nach eine geringere praktisch-moralische Relevanz.

              Wenn ich annehme, dass Gott sein eigenes amoralisches Glasperlenspiel spielt, dann ist per definitionem alles in Ordnung, was er tut und was mit uns geschieht. Obwohl seine Entscheidungen Leben und Tod verursachen, steht er außerhalb der Moral.

              Daher nutze ich einen Taschenspielertrick, indem ich Gott in unsere Moral einbeziehe. Ich tue einfach so, als stünde er nicht über den Dingen, sondern mittendrin. Das ist wahrscheinlich eine anthropomorphisierende Schwäche, die ich aber mit den meisten Menschen teile, auch mit vielen Gläubigen, die davon ausgehen, dass Götter mehr oder weniger moralisch sein können. Und soweit sie tatsächlich gläubig sind, gehen sie von einem guten, lieben Gott aus. Daher sollte sich das Bild eines bösen Gottes nicht allzu weit herumsprechen. Eines Gottes, der amoralisch ist, also außerhalb der Moral steht, allerdings noch viel weniger.

              Ein Gott, der gut oder böse handeln kann, ist dem Theodizee-Problem ausgesetzt. Ein Gott allerdings, der in dem von Ihnen skizzierten Sinne amoralisch ist, steht darüber. Er erschafft mit seinen Präferenzen und Geboten die Moral überhaupt erst. Dieser Gott ist das zweite Horn des Euthyphron-Dilemmas: „Wird das moralisch Gute deswegen von Gott befohlen, weil es das moralisch Gute ist, oder ist es deswegen moralisch gut, weil es von Gott befohlen wird?“ Wer sich für dieses zweite Horn entscheidet, verabschiedet sich von jedem Konsequentialismus, also von der Idee, dass es für die Bewertung einer Handlung einen Unterschied macht, ob sie die Welt – für uns, in unserem Sinne – besser oder schlechter macht. Gegenstand der Ethik wäre dann nur noch, herauszufinden, was Gott will. Moralisch gut sein, würde nur bedeuten, das zu tun, was Gott befiehlt. „Ethik“ wäre tatsächlich synonym mit „Moraltheologie“.

              Daher schrieb ich eben von der geringen praktisch-moralischen Relevanz. Denn die meisten Menschen glauben nicht an einen amoralischen Gott, der die Moral erst erschafft, sondern an einen, der das Gute zu tun befiehlt, weil es das Gute ist.

              In einem Punkt haben Sie mich wahrscheinlich missverstanden: Ich schrieb, dass niemand die Frühaborte für ein Problem hält. Das war psychologisch gemeint. Wir hören das und achselzucken es weg. Ihr Hinweis auf die verschiedenen Todesarten geht an diesem Punkt vorbei. Denn auch die sogenannten natürlichen Tode lösen bei den Hinterbliebenen gewöhnlich Trauer und Bestürzung aus, und eine eindeutige klare Präferenz dagegen. Das passiert nicht im Falle von Frühaborten. Das heißt aber, dass das große moralisierende Gejammer um den Embryonenschutz keine Entsprechung in den tatsächlichen Präferenzen der Menschen hat. Es ist ein Scheinproblem, das erst durch die Zwänge einer Theologie entsteht, die willkürlich den Zeitpunkt der Befruchtung als den Zeitpunkt festlegt, an dem auch die moralische Relevanz beginnt.

              Und daher noch ein paar Worte zu Ihrem Slippery-Slope-Argument. Ja, eine Zuschreibung des vollen Lebensrechts zum Zeitpunkt der Befruchtung wäre die einfachste Lösung. Aber wer es sich theoretisch so einfach macht, handelt sich praktisch gewaltige Probleme ein. Zunächst einmal bedeutet diese Einfachheit nicht, dass die Entscheidung weniger willkürlich wäre. Die Gameten existieren schon vorher. Das Leben beginnt nicht mit der Befruchtung der Eizelle. Die Eizelle lebt, und sie erwartet Sperma. Bei jeder Menstruation stirbt eine Eizelle. Sie hat ein gewaltiges Potenzial. Natürlich ist es schwierig, den Frauen die Menstruation zu verbieten, aber warum spielen hier auf einmal praktische Erwägungen eine Rolle? Warum nicht einfach gebieten, dass zwischen Geburt und erneuter Schwangerschaft kein Monat verstreichen darf?

              Praktische Erwägungen und widerstreitende Präferenzen spielen offenbar keine Rolle beim Schutz der Embryonen. Ich habe das in einem anderen Artikel so beschrieben: „Das moralische Gewicht dieser bloßen Potentialität wiegt immer schwerer, ganz gleich, was wir in die andere Waagschale legen. Der Schutz des Lebens der Mutter; die Selbstbestimmung der Frau; ein geringeres Armutsrisiko; der Wunsch, kein Kind bekommen zu müssen, das aus einer Vergewaltigung entstanden ist (selbst dann, wenn die „Mutter“ erst neun Jahre alt ist und der „Vater“ ihr Stiefvater): all das zählt nichts. Auch die mögliche Eindämmung einer Seuche, die ganze Gesellschaften vernichten kann, auch die zählt nichts. Auch die mögliche Aussicht auf Therapien für heute noch unheilbare Krankheiten durch „embryonenverbrauchende“ Stammzellforschung, auch die zählt nichts.“

              Zur Conditio Humana gehört auch, dass wir gelegentlich auf schiefen Bahnen stehen.

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  5. HAL9000 says :

    Noch mal kurz:
    Das Gott – Moral Problem ist eines, das ist mir bewusst. Ich wollte da nicht tiefer einsteigen, sondern nur auf das meiner Meinung nach nicht funktionierende Argument ganz oben hinweisen.
    Zu den Frühaborten: Vielleicht habe ich sie falsch verstanden. Der Hinweis, dass selbst Abtreibungsgegner kein Problem mit Frühaborten haben ist anscheinend missverständlich formuliert. Ein Frühabort ist keine Abtreibung. Wieso sollte ein Abtreibungsgegner damit ein Problem haben?
    Kennen Sie Mütter und Väter die einen Frühabort oder eine Fehlgeburt erlebt haben? Ich kenne Eltern bei denen das durchaus große Trauer und Bestürzung ausgelöst hat. Oft mehr als der Tod eines sehr alten Angehörigen.
    Wie oben schon erwähnt will ich nicht gegen die PID argumentieren. Aus meiner Sicht machen es sich beide Seiten, Gegner und Befürworter meist zu einfach. Ihr Hinweis, dass die moralisch einfache Festlegung der Befruchtung als „Menschwerdung“ große praktische Probleme erzeugt ist zwar richtig. Jeder andere willkürlich festgelegte Zeitpunkt löst aber ebenfalls große moralische und praktische Probleme aus.
    Meine Meinung: Das Leben ist keine Mathematik. Es gibt im richtigen Leben Probleme, die nicht eindeutig lösbar sind.

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    • Harald Stücker says :

      Volle Zustimmung. Das meinte ich mit meinem letzten Satz, dass die schiefe Ebene zum Leben dazugehört.
      Ein Frühabort ist in dem Fall eine Abtreibung, wenn wir Gott als Handelnden begreifen. Gerade Abtreibungsgegner sollten also dieses Problem haben. Und ja, ich weiß, dass Fehlgeburten als große Katastrophe empfunden werden können, aber die allermeisten Frühaborte geschehen ja dann, wenn die Frau noch nicht weiß, dass sie schwanger ist. Das sollte für Embryonenschützer allerdings keinen Unterschied ausmachen dürfen.

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      • HAL9000 says :

        Ich gebe zu, Ihren letzten Satz erst nach dem Schreiben meines letzten Kommentars bewusst gelesen zu haben. Hatte ihn vorher einfach übersehen.
        Ich freue mich aber, dass wir da einer Meinung sind.

        (Ich freue mich immer neue Gedanken und Argumente kennen zu lernen und von einer anderen Meinung überzeugt zu werden. Das gibt mir das Gefühl am Leben zu sein. Stillstand im Kopf ist Tod. Und im Gegensatz zum körperlichen einer mit dem ich wirklich ein Problem habe.)

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