Vertauscht und vertuscht – Homöopathischer Etikettenschwindel

EXTRABLATT zur weltweiten 10:23-Aktion am 5.2.2011

Hier fehlt noch das Entscheidende: das Etikett

[UPDATE: Dies ist eine Satire. Viele haben diesen Eintrag für eine echte Nachricht gehalten. Das hätte ich nicht gedacht. Aber es zeigt, dass ein solcher Fall nicht so unwahrscheinlich ist, wie er zunächst vielleicht klingt.]

eba. Wie erst heute bekannt wurde, hat ein Mitarbeiter bei der HahneMed*, einem der größten Hersteller homöopathischer Arzneimittel, über Jahre hinweg Etikettenschwindel betrieben und so der Firma großen Schaden zugefügt. Er hatte sich nach vielen Jahren treuer Mitarbeit in der Verschüttelungsabteilung soviel Vertrauen erschlichen, dass man ihn die zentrale Abteilung des Unternehmens leiten ließ: die Etikettierung. Dort hat er dann systematisch die Kennzeichnung der Etiketten vertauscht.

Das Verblüffende ist jedoch: die Firma hatte den Vorfall schon vor Jahren aufgedeckt. Trotzdem hat sie nicht die üblichen Schritte unternommen: Weder kam es zur Anzeige noch wurde dem Mitarbeiter fristlos gekündigt. Im Gegenteil: Er wurde befördert und sein Gehalt deutlich erhöht. Der Unternehmensleitung war sehr daran gelegen, die Vorgänge nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Offenbar hatte der Mitarbeiter nämlich vorsorglich sein Verhalten auf Video mit Datumsstempel aufgenommen und diese Beweismittel sicher in einem Safe deponiert. Damit könnte er beweisen, dass er die Produkte schon seit Jahren falsch ausgezeichnet hat. Dem Vernehmen nach war es dem Unternehmen zu peinlich, dass in den gesamten Jahren seitdem nicht die geringste Beschwerde eingegangen ist. Jetzt hat sich der Anwalt des Mitarbeiters an die Presse gewandt. Der Mitarbeiter selbst möchte weiterhin inkognito bleiben, aus Angst vor gewalttätigen Reaktionen, die ihm Vertreter der Sanften Medizin schon angedroht haben. Hier einige Auszüge aus einem Interview, das wir mit dem Anwalt geführt haben:

EbA: Warum hat sich Ihr Mandant nicht schon früher zu Wort gemeldet?

Anwalt: Sie machen sich keine Vorstellung, wie viel er mit seinem Schweigen verdienen konnte. Ich glaube, er war der größte Ausgabeposten der HahneMed in den letzten Jahren. Sonst fallen ja kaum Kosten an. Er hat jetzt ein paar Jahre den Laden gemolken und wird sich jetzt wohl zur Ruhe setzen.

EbA: Tut es ihm denn gar nicht leid um das Unternehmen, oder eigentlich die gesamte Branche, deren Geschäftsgrundlage er ja nun wohl zerstört hat?

Anwalt: Sie sind zu optimistisch, ebenso wie die HahneMed zu pessimistisch war, als sie mit ihm den Deal ausgehandelt hatte: Ich glaube nicht, dass es große Auswirkungen gehabt hätte, wenn sein Fall früher an die Öffentlichkeit gekommen wäre. Ich glaube auch nicht, dass es jetzt große Auswirkungen haben wird. Die meisten Leute wissen doch darüber Bescheid, was Homöopathie ist. Jemand, der belogen und betrogen werden will, lässt sich kaum davon abbringen, wenn man ihm nachweist, dass er belogen und betrogen wird.

EbA: Was hat Ihr Mandant zu seiner Verteidigung vorzubringen?

Anwalt: Oh, bislang muss er sich noch nicht verteidigen, da keine Klage vorliegt.

EbA: Rechnet Ihr Mandant denn jetzt mit einer Klage des Unternehmens?

Anwalt: Eine interessante Frage. Das Unternehmen hat ja noch nicht geklagt, und trägt so zumindest eine Mitschuld an dem Schaden, der seinen Kunden entstanden ist. Die Kunden haben allerdings auch keinen Schaden berichtet. Vielleicht klagen jetzt einige auf seelische Grausamkeit, weil ihnen kein Schaden entstanden ist und sie sich jetzt genötigt sehen, ihr magisches Weltbild aufzugeben.

Aber vielleicht sollten Sie auch die HahneMed fragen, ob sie mit einer Klage gegen sich rechnet? Denn was mein Mandant getan hat, ist doch nur ein kleiner Schabernack im Vergleich zu dem gigantischen Betrug, den er damit aufdecken konnte. Sein Vorgehen macht doch deutlich, dass die Homöopathie selbst ein einziger Etikettenschwindel ist. Homöopathika falsch zu kennzeichnen ist ein Verbrechen ohne Opfer, ähnlich der Blasphemie. Das ist im übrigen keine ganz abwegige Parallele. Denken Sie an Hostien. Wenn es Ihnen gelänge, eine geweihte Hostie gegen eine ungeweihte Oblate auszutauschen, hätten wir im Grunde den gleichen Fall.

EbA: Aber hat Ihr Mandant nicht überaus fahrlässig gehandelt? Er konnte doch nicht wissen, dass seine Aktion keinen Schaden anrichten würde.

Anwalt: Ich glaube, er konnte das in demselben Sinne wissen, wie wir überhaupt etwas wissen können. Die Unwirksamkeit der Homöopathie ist hinreichend belegt. Der Glaube an ihre Wirksamkeit kann nur als kulturelle oder sozialpsychologische Kuriosität verstanden werden. Aus diesem Grund wäre eine Verhandlung vor Gericht sicher interessant. Denken Sie daran, dass ein Gericht Beweismittel ins Labor schickt. [Grinst] Schicken Sie doch mal zwei verschiedene Mittel über D30 in ein beliebiges Labor (doppelt verblindet, versteht sich) und schauen Sie, was passiert! Hätte mein Mandant seine Aktionen nicht gefilmt, hätte niemand auch nur den Hauch einer Chance festzustellen, dass irgendetwas vertauscht wurde.

* Name von der Redaktion erfunden.

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Harald Stücker

12 responses to “Vertauscht und vertuscht – Homöopathischer Etikettenschwindel”

  1. Padre Benedetto says :

    Spannender Beitrag. Aber wo ist hier die Evidenz? Meiner Meinung nach geht dies nicht über schlichte Behauptungen. Da ist ja alles zur Unkenntlichkeit anonymisiert. Nicht mal die betroffene Firma wird genannt. Für mich ein Hoax.

    Hier werden alle Fakten zum Homöohumbug recht ausführlich aber stringent aufgezählt: http://www.unileaks.com/2010/12/unileaks-enthullt-die-knallharten.html

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    • evidentist says :

      Verehrter Padre,
      ich bin jetzt etwas verunsichert, ob nicht sogar Ihr Kommentar ein solcher Hoax sein könnte. Ich kenne Sie ja als durchaus ernsthaften Padre aus Ihren Aufklärungsvideos zur katholischen Jugendarbeit, zu denen ich Ihnen auf diesem Wege übrigens ergebenst gratulieren möchte.
      Zu meinem obigen Beitrag muss ich tatsächlich einräumen, dass er das Produkt meiner Fantasie ist. (Ich hoffte, ausreichend Ironiemarker eingestreut zu haben, die Nachrichtenagentur eba steht bspw. für den Titel dieses Blogs, zur Sicherheit ist der Beitrag auch als „Satire“ getaggt.) Er hat jedoch eine durchaus reale Komponente: Ein solcher Fall könnte sich tatsächlich ereignen, denn tatsächlich könnte niemand verschiedene Hochpotenzkügelchen, die aus verschiedenen Fläschchen gefallen sind, dem richtigen Etikett wieder zuordnen. Darauf wollte ich hinweisen.
      Küss den Ring,
      evidentist

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  2. Steff says :

    Vielen Dank für den wundervollen Beitrag! *beideDaumenhoch*

    Ich mache das schon seit Jahren so, dass ich von jeder Sorte je ein Kügelchen nehme. So kann mir erstens gesundheitlich fast nichts mehr passieren und zweitens muss ich keinen Zucker mehr für meinen morgendlichen Kaffee kaufen!

    Fantastisch!

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  3. awmrkl says :

    Sehr schön!

    Ich liebe Deine Artikel, meistens annähernd 100% Übereinstimmung, selten Dissonanzen.

    Am meisten liebe ich aber Deine feinen Satiren *gg* Vielen Dank dafür!

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