Immun gegen Homöopathie in 12 Schritten

Hier sind 12 Punkte zur Homöopathie, die sich gut eignen als argumentatives Futter für fruchtlose Diskussionen mit Gläubigen, mehr noch aber für Gespräche mit ahnungslosen Passanten, die eher ungläubig schauen, wenn man ihnen erzählt, dass an homöopathischen Mittelchen „nix drin und nix dran“ sein soll. „Wie?! Aber das verkaufen die doch in der Apotheke!?!“ Ja, vielleicht helfen diese Punkte ja auch der einen oder anderen Apothekerin, die „immer wieder gute Erfahrungen mit der Homöopathie“ gemacht hat.

Steven Novella ist wissenschaftlich-klinischer Neurologe an der Yale University School of Medicine. Er ist Präsident und Mitbegründer der New England Skeptical Society (www.theness.com). Diese 12 Punkte hatte er vor einigen Jahren auf einer Tagung zum Thema „Homöopathie: Quacksalberei oder Medizin der Zukunft?“ vorgetragen und in seinem Blog-Artikel „My Day with the Homeopaths – Part I“ als „Chain of implausibilities“ veröffentlicht. Es folgt meine Übersetzung.

  1. Das „Ähnlichkeitsgesetz“, die Vorstellung, dass Gleiches mit Gleichem geheilt werden kann, hat keine Grundlage in der Biologie oder in der Natur. Dies ist ein Produkt einer weit verbreiteten Form des magischen Denkens, bekannt als sympathische Magie – die Idee, dass Ursachen den Wirkungen ähneln. Samuel Hahneman, der Erfinder der Homöopathie, glaubte, dass der Körper nicht zuließe, dass zwei ähnliche Krankheiten gleichzeitig im Körper bestünden, – aber nach zwei Jahrhunderten medizinischer und biologischer Forschung konnte kein solches Prinzip entdeckt werden. Moderne Homöopathen erklären diesen mutmaßlichen Effekt als die Reaktion des Körpers auf die homöopathische Medizin, wie eine Immunisierung, aber es gibt keine Immunreaktion auf homöopathische Zubereitungen und es gibt keinen anderen Mechanismus für eine solche Reaktion, daher wird hier nur eine Unbekannte mit einer anderen Unbekannten erklärt.
  2. Hahnemans Theorie der Krankheit, die Miasmentheorie (die Vorstellung, dass alle chronischen Krankheiten durch externe Gifte oder Miasmen verursacht werden), war vorwissenschaftlich und korreliert nicht mit irgendwelchen Erkenntnissen aus der Biologie.
  3. Homöopathen behaupten, sie behandelten die ganze Person, und schlagen so aus dem Marketing-Label „holistisch“ Kapital, aber das widerspricht dem Ähnlichkeitsgesetz. Sie haben das Gefühl, dass ihre Heilmittel individualisiert werden müssen, wobei sie viele oberflächliche Eigenschaften des Patienten in Betracht ziehen, einschließlich seiner Persönlichkeit. Aber sie behaupten gleichzeitig, dass ein bestimmtes Heilmittel ein bestimmtes Symptom auf der Grundlage des Ähnlichkeitsgesetzes kurieren kann. Daher ist der ganzheitliche Ansatz sowohl unplausibel als auch widersprüchlich.
  4. Hahnemann und moderne Homöopathen hängen außerdem „Heilgesetzen“ an, zu denen auch die Vorstellung gehört, dass homöopathische Therapien Menschen von oben nach unten, von innen nach außen und beginnend mit dem neuesten Symptom behandeln. Solche Vorstellungen haben wiederum keine Grundlage in irgendwelchen Modellen der Biologie oder der Krankheit.
  5. Das „Gesetz des unendlich Kleinen“ behauptet, dass extreme Verdünnung die Wirksamkeit der verdünnten Substanz erhöht, aber nur die vorteilhaften Wirkungen, während alle schädlichen Wirkungen vermindert werden. Es gibt keinen Mechanismus, um auf diese einfache Weise erwünschte von unerwünschten Wirkungen zu trennen. Und zwei Jahrhunderte wissenschaftlicher Forschung bestätigen die vernünftige Annahme, dass Wirksamkeit durch Verdünnung geschwächt wird.
  6. Es gilt das Prinzip, dass durch das Verschütteln des homöopatischen Mittels bei jeder Verdünnung die „Energie“ oder „Essenz“ der Substanz auf das Wasser oder den Alkohol übertragen wird. Somit ist die Homöopathie in einer Erscheinungsform einfach eine weitere Spielart von Energiemedizin – basierend auf der Annahme einer vitalen Energie, die der Wissenschaft unbekannt ist.
  7. Das Problem, dass homöopathische Mittel chemisch gesehen nur Wasser oder Alkohol ohne aktive Bestandteile sind, versuchen manche mit dem Argument vom „Wassergedächtnis“ zu lösen. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass damit nur eine weitere Kette von Unplausibilitäten entsteht, beginnend mit der Tatsache, dass das homöopathische Wassergedächtnis bislang noch nicht nachgewiesen wurde und dass es keinen bekannten Mechanismus gibt, durch den flüssiges Wasser, im Gegensatz zu festen Stoffen, eine biologisch relevante komplexe dreidimensionale Struktur über eine signifikante Dauer aufrecht erhalten kann.
  8. Dieser Prozess müsste aber auch in der Lage sein, die gewünschte Chemikalie von allem anderen zu unterscheiden, das sich sonst noch in dem Wasser befindet – alle Kontaminationen und Spurenelemente. Tatsächlich gibt es keine Erklärung dafür, dass alles, was vorher in einer bestimmten Menge Wasser oder Alkohol aufgelöst war, nicht weiterhin darin ist und daher durch den Prozess der Verdünnung und Verschüttelung gleichfalls potenziert wird.
  9. Welche Informationen die Struktur des Wassers auch immer enthalten sollte, sie müssten auch auf die Zuckerpillen übertragen werden, auf die der Tropfen des homöopathischen Wassers aufgetragen wird, oder sie müssten zumindest den Prozess überleben.
  10. Das Gedächtnis des Wassers müsste die Aufnahme und Absorption durch das gastrointestinale System im Körper und den Transport durch das Blut bis zu den Geweben überleben.
  11. Medikamente, die Chemikalien und Proteine sind, funktionieren, weil tierische Zellen miteinander kommunizieren und ihre Funktionen über chemische und Protein-Signale regulieren. Medikamente binden die Rezeptoren für diese Signale, aktivieren oder blockieren sie, oder sie blockieren oder modifizieren die Funktion von Enzymen oder verändern biochemische Reaktionen auf andere Weise. Biologen haben weder ein „Wassergedächtnis“ noch homöopathische Signale oder Rezeptoren entdeckt, noch irgendetwas, das plausiblerweise als Rezeptor für Wasserstrukturen dienen könnte. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass unsere Körper auf homöopathische Signale reagieren können, es sei denn, diese wären von vornherein Bestandteil normaler biologischer Funktionen.
  12. Einige Homöopathen ziehen sich auf die Quantenmechanik zurück, um die Wirkungen homöopathischer Mittel zu erklären, aber dies ist wiederum nur ein Rückgriff auf das Unbekannte. Außerdem sind Quanteneffekte auf subatomarer Ebene relevant und können sich vielleicht bis auf die atomare Ebene auswirken, sie sind jedoch nicht für die makroskopische Welt oder für biologische Systeme relevant.

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Harald Stücker

16 responses to “Immun gegen Homöopathie in 12 Schritten”

  1. Der heilige Geist says :

    Eine schöne Sammlung.
    Hinzu kommt noch das beliebige Vorgehen bei der homöopathischen Arzneimittelprüfung.
    Am Ende bleibt nur ein großes Bündel an unbelegten Behauptungen, die alle zutreffen müssten, was aber mehr als nur unwahrscheinlich ist.

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