Lohnt die Diskussion?

Bevor Ihr anfangt, Euch zu streiten, solltet Ihr Euch diesen Flowchart anschauen. Er zeigt eine Checkliste für Diskussionen und Debatten zum Thema Religion. Sie kann jedoch für alle Themen gelten, die den Diskutanten lieb und teuer sind. Diskussionen können damit vorab auf den Faktor Zeitverschwendung geprüft werden.

Drei Fragen sind demnach vorab zu klären:

  1. Kannst du dir überhaupt vorstellen, dass etwas deine Meinung ändern könnte?
  2. Wenn sich herausstellt, dass eines deiner Argumente fehlerhaft ist, wirst du aufhören, es zu verwenden (und zwar auch im Gespräch mit anderen)?
  3. Bist du bereit, bei der Diskussion dieses Themas grundlegende Prinzipien der Logik einzuhalten?

Die erste Frage geht in die Richtung der vor kurzem hier geposteten Antwort Howard Gardners auf die Edge-Frage 2011: Wie könnte ein Argument aussehen, das deine Meinung ändern würde? Die zweite Frage ist ein Appell an die intellektuelle Redlichkeit: Argumente zu verwenden, von denen man schon weiß, dass sie fehlerhaft sind, ist mehr als nur Lügen. Man sagt nicht einfach die Unwahrheit, sondern begründet sie auch noch – wissentlich. Die dritte Frage könnte auch lauten „Bist Du bereit, Dich beim Spielen an die Spielregeln zu halten?“ oder „Bist Du bereit, Dich beim Sprechen an die Grammatik zu halten?“ Ähnlich selbstverständlich und trivial ist scheinbar der Appell, die Logik zu respektieren. Aber tatsächlich hört man immer wieder Sätze, die beim Schach etwa so klängen: „Ok, Du hast scheinbar meine Dame geschlagen, aber tatsächlich war das mein Läufer in Gestalt der Dame. Meine eigentliche Dame steckt in meinem Läufer!“

Eine Diskussion soll dann nur stattfinden, wenn alle drei Fragen mit Ja beantwortet wurden. Und soll auch nur so lange dauern, wie keine der folgenden Regeln verletzt wird:

  1. Führe kein neues Argument ein, so lange ein anderes noch nicht entschieden wurde.
  2. Fahre nicht einfach mit einem anderen Argument fort, wenn gezeigt wurde, dass eine Annahme, auf die du dich gestützt hast, falsch ist.
  3. Liefere Beweise für deine Position oder Argumente.
  4. Sag nicht, du „brauchst“ keinen Beweis.

Am Ende heißt es: „Glückwunsch! So tauschen rationale Menschen Ideen aus.“

Aha. Wenn das so ist, weiß ich allerdings nicht, wann ich das letzte Mal echten rationalen Menschen beim Diskutieren zugehört habe. Oder habt Ihr schon mal in einer Fernseh-Polittalkshow Sätze gehört wie: „Wenn ich genauer darüber nachdenke, haben Sie Recht.“ oder „Hm, ja, die Evidenz, die Sie vorbringen, ist unabweisbar. Ich glaube jetzt, dass Sie Recht haben und werde gleich morgen versuchen, meine Fraktion umzustimmen.“ Warum hören wir solche Sätze nie? Stattdessen – gerade von Politikern – fast immer eine Verletzung entweder von Regel 1 oder 2? Es gibt wohl mehrere Gründe dafür:

  1. Politiker glauben, dass Zuschauer keine Politiker wählen würden, die ihre Position nicht mit Zähnen und Klauen verteidigen. (Die Angst, als Flip-Flopper, Wendehals oder Opportunist zu gelten.) Das zeigt aber auch deutlich, dass der eigentliche Adressat nicht der Diskussionsgegner ist, sondern der Zuschauer. Ihm wird ja auch reichlich Honig ums Maul geschmiert: „Die BürgerinnenundBürger/WählerinnenundWähler wissen/spüren sehr genau…/lassen sich nicht für dumm verkaufen…/haben entschieden…“ Eine Polittalkshow ist weniger Gespräch als Ringkampf. Im Grunde geht es bei ihr auch gar nicht um Wahrheit. Sie tut nur so.
  2. Oft werden Positionen nicht vertreten, weil sie für wahr, sondern weil sie für gut gehalten werden. So wird die Diskussion zum Kampf um das Gute. Religiöse z.B. verteidigen ja immer auch die Moral. Und oft genug verteidigen Nicht-Religiöse die Religion, weil die Moral ihrer Meinung nach den Glauben voraussetzt; das ist der Glaube an den Glauben.
  3. Vor allem aber haben wir keine Debattenkultur, in der die Person vom Argument getrennt wahrgenommen wird. Der Diskutant hat nicht eine Position, er ist diese Position. Oft identifiziert er sich selbst mit ihr, und wird auch vom Publikum bereitwillig mit ihr identifiziert. Daher werden Ad-hominem-Argumente und Autoritätsargumente oft gar nicht als fehlerhaft wahrgenommen. („Das kann ja wohl nicht stimmen, denn das sagt ein Linker/Rechter/Wissenschaftler/Papst/Sarrazin.“ Oder auch: „Das muss ja wohl stimmen, denn das sagt ein Linker/Rechter/Wissenschaftler/Papst/Peter Scholl-Latour.“)

Auch in der Wissenschaft verlaufen Diskussionen und Debatten selten so streng rational. Das Ideal des Falsifikationismus fordert zwar, dass sich Wissenschaftler freuen sollten, wenn ihre Argumente widerlegt werden. Das tun sie aber eher selten. Es ist wohl allzu menschlich, sich mit seinen Argumenten zu identifizieren. Gute Diskussionen und Debatten schulen Geist und Witz, sicher. Aber als Instrument der Erkenntnis schneiden sie im Vergleich etwa mit einer randomisierten Doppelblindstudie eher schlecht ab. Diese ist extra dafür konzipiert, Meinungen, Vorurteile und Befangenheiten systematisch auszuschließen. Sie ist – in einem ausnahmsweise mal positiven Sinne – systematisch entmenschlicht. Könnten wir auch Argumente von den Menschen trennen? Könnten wir sie „verblinden“? Vielleicht. Aber als Intendant würde ich ein solches Konzept für eine Talkshow wohl eher ablehnen. Diskussionen sind menschlich. Nur deshalb mögen wir sie so.

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