Doppelblind sehen wir besser

Die EDGE-Frage für 2011: „Welches wissenschaftliche Konzept würde die kognitive Ausstattung aller verbessern?“

Einige der Antworten auf diese Frage sind wahre Kleinode, da sie wichtige Konzepte prägnant beschreiben und präzise erklären. Vor einiger Zeit habe ich hier meine Übersetzung der Antwort von Howard Gardner gepostet. Hier jetzt die Antwort von Richard Dawkins:

Die Doppelblindstudie

Nicht alle Konzepte, die professionelle Wissenschaftler gebrauchen, würden die kognitive Ausstattung aller verbessern. Wir suchen hier nicht nach Werkzeugen, mit denen forschende Wissenschaftler ihre Disziplin voranbringen könnten. Wir suchen nach Werkzeugen, die Nicht-Wissenschaftlern dabei helfen, die Wissenschaft besser zu verstehen, und die ihnen dabei helfen, ihr Urteilsvermögen für ihr gesamtes Leben zu verbessern.

Warum glaubt die Hälfte der US-Amerikaner an Geister, drei Viertel an Engel, ein Drittel an Astrologie, drei Viertel an die Hölle? Warum glaubt ein Viertel aller US-Amerikaner, dass der Präsident der Vereinigten Staaten außerhalb des Landes geboren wurde und daher als Präsident eigentlich gar nicht in Frage kommt? Warum glauben über 40 Prozent der US-Amerikaner, das Universum habe erst nach der Domestizierung des Hundes begonnen?

Hüten wir uns vor der defätistischen Antwort, die das alles der Dummheit zuschreibt. Das ist wahrscheinlich Teil der Antwort, aber seien wir optimistisch und konzentrieren wir uns auf etwas, das behoben werden kann: die fehlende Ausbildung in kritischem Denken und darin, wie wir persönliche Meinungen, Vorurteile und Anekdoten zugunsten von Evidenz außer Acht lassen können. Ich glaube, dass die Doppelblindstudie doppelt wertvoll ist. Sie ist mehr als nur ein exzellentes Werkzeug der Forschung. Sie hat auch einen erzieherischen, didaktischen Wert, da sie Menschen lehren kann, kritisch zu denken. Meine These ist, dass Sie nicht unbedingt selbst doppelt verblindete Experimente durchführen müssen, um eine Verbesserung Ihrer kognitiven Ausstattung zu erreichen. Sie müssen nur das Prinzip verstehen, kapieren, warum es notwendig ist, und sich an seiner Eleganz begeistern.

Wenn Schüler in allen Schulen lernen würden, wie sie doppelt verblindete Experimente durchführen können, würde unsere kognitive Ausstattung auf folgende Weise verbessert werden:

  1. Wir würden lernen, Anekdoten nicht zu verallgemeinern.
  2. Wir würden lernen, die Wahrscheinlichkeit richtig einzuschätzen, dass ein scheinbar wichtiger Effekt nur durch Zufall zustande gekommen sein könnte.
  3. Wir würden lernen, wie außerordentlich schwierig es ist, subjektive Voreingenommenheit zu eliminieren, und dass subjektive Voreingenommenheit in keiner Weise Unehrenhaftigkeit oder Bestechlichkeit impliziert. Diese Lektion geht tiefer. Sie hat den überaus heilsamen Effekt, Respekt vor Autoritäten und Respekt vor persönlichen Meinungen zu unterminieren.
  4. Wir würden lernen, uns nicht in die Irre führen zu lassen von Homöopathen und anderen Quacksalbern und Scharlatanen, die infolgedessen ihre Geschäftsgrundlage verlieren würden.
  5. Wir würden lernen, im Allgemeinen kritischer und skeptischer zu denken, was nicht nur unsere kognitive Ausstattung verbessern würde, sondern vielleicht die Welt retten könnte.

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Harald Stücker

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