Katholiken aus der Retorte

Stell Dir vor, Du bist der geistige Vater von 4 Millionen Menschen, von Menschen, die ohne Deine Hilfe niemals hätten existieren können. Allein Deinem Genie, Deinem Mut, Deinem Fleiß, Deinem Erfindungsgeist, Deinem Beharrungsvermögen verdanken diese Menschen ihr Leben. Und ihre Zahl nimmt weiter zu. Denn nicht nur werden immer mehr Menschen auf die Weise gezeugt, die Du entwickelt hast und die für diese Menschen die einzig mögliche Weise ist, zur Welt zu kommen. Auch alle Kinder und Kindeskinder, alle Nachfahren dieser Kinder werden Dir ihr Leben verdanken, Dir allein. In wenigen Jahrzehnten wirst Du eine Nachkommenschaft haben, die der Bevölkerung eines mittleren Staates entspricht. Wer das Leben liebt und wertschätzt, müsste Dich nach allen Maßstäben, die er vernünftigerweise anlegen könnte, als moralischen Helden ohne Beispiel ehren. Tatsächlich bist Du für Deine Verdienste schon 2010 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet worden. Das Verfahren, das Du maßgeblich entwickelt hast, ist die „In-vitro-Fertilisation“, die künstliche Befruchtung. Dein Name ist Robert Edwards.

Louise Joy Brown und Robert Edwards

Louise Joy Brown und ihr technologischer Vater Robert Edwards

Wenn wir die Geschichte von Robert Edwards so erzählen, so mag sich dem naiven Leser die Frage aufdrängen, warum er noch nicht längst heilig gesprochen wurde. Genau das Gegenteil nämlich ist passiert: Die oberste Lebensschutzorganisation, der Vatikan, war über die Entscheidung des Nobelkomitees entrüstet! Es lohnt sich, genauer zu analysieren, warum.

Eigentlich sollte doch jeder Lebensschützer eine Methode, durch die mehr Menschen ins Leben kommen, begrüßen. Für die Katholiken kommt als zusätzliches Bonbon ja auch noch hinzu, dass diese Form der Menschenzeugung absolut unerotisch ist. Es macht keinen Spaß. Im Gegenteil ist es oftmals ein schweres Opfer, das die Eltern bringen, körperlich und psychisch zermürbend. Es ist Sex ohne Lust, kein Körperkontakt erforderlich. In der Tat könnte auf diese Weise auch eine Jungfrau ein Kind bekommen.

Und die Methode hat noch einen weiteren Vorteil, den Katholiken eigentlich würdigen sollten: Eine ungewollte Schwangerschaft ist auf diese Weise praktisch ausgeschlossen. Die ständige Rede vom verantwortlichen Umgang mit der Sexualität, hier wird er durch das Verfahren geradezu garantiert. Ungewollte Kinder sind der traurige Normalfall in katholisch dominierten Gesellschaften, garantiert durch das Verbot von Verhütung und Abtreibung. Ungewollte Kinder werden nicht in-vitro erzeugt. Im Gegenteil. Wenn das Verfahren erfolgreich ist, erzeugt es Kinder, die von ihren Eltern sehnsüchtig erwartet und infolgedessen praktisch garantiert geliebt werden.

Es gibt einen Aspekt des Verfahrens, der im Zusammenhang mit dieser Debatte wichtig ist: Bei einer künstlichen Befruchtung werden immer mehrere Embryonen erzeugt, die nicht alle zu Kindern heranwachsen können, da nicht alle in die Gebärmutter eingepflanzt werden können. Einige werden aussortiert, oder, im geschichtlich negativ konnotierten Fremdwort: selektiert. Der aktuelle Streit um die PID geht darum, ob wir bei dieser Selektion Kriterien anwenden dürfen, die jede Mutter anwenden würde und die auch Gott ständig anwendet. Dieser eine Aspekt führt nun zu inneren Widersprüchen in katholisch-moraltheologischen Gedankengebäuden. Weil diese Denkrichtung aus historischen Gründen so übermächtig ist, glauben viele Menschen, es handele sich um ein echtes moralisches Problem. Aber das ist nicht richtig. Die Moraltheologie erzeugt dieses Problem erst.

Ein naives Verständnis von Lebensschutz könnte annehmen, dass es beim Verbot von Abtreibungen darum ginge, die Zahl der Menschen zu mehren, die dann ihre individuelle Chance auf ein erfülltes Leben erhalten. Aber den katholischen Lebensschützern geht es nicht eigentlich um das Leben, und schon gar nicht um das Glück. Nein, worum es ihnen geht, ist die Idee des Lebens. Diese platonische Idee ist heilig und muss geschützt werden, und diese allein. Es geht um ein Prinzip.

Dieser feine, aber fundamentale Unterschied zwischen der Idee des menschlichen Lebens und dem existierenden Menschen lässt sich am ehesten deutlich machen, wenn es um Zygoten, Embryonen und Föten geht, einerseits um schon existierende, andererseits aber auch um potentielle. Die Existierenden müssen vor der Vernichtung, die Potentiellen vor der Verhütung geschützt werden. Ganz egal, dass die Hälfte der Zygoten völlig natürlich und oft unbemerkt abgestoßen, also gleichsam von Gott abgetrieben wird. Ganz egal auch, dass Enthaltsamkeit und Zölibat mehr potentielle Embryonen verhüten als Safer Sex.

Die zellulären Vorstadien des Menschen haben größeres Gewicht als der Mensch selbst, und sie haben größeres Gewicht als alle Werte, auf die wir uns ansonsten ganz schnell einigen könnten. Das moralische Gewicht dieser bloßen Potentialität wiegt immer schwerer, ganz gleich, was wir in die andere Waagschale legen. Der Schutz des Lebens der Mutter; die Selbstbestimmung der Frau; ein geringeres Armutsrisiko; der Wunsch, kein Kind bekommen zu müssen, das aus einer Vergewaltigung entstanden ist (selbst dann, wenn die „Mutter“ erst neun Jahre alt ist und der „Vater“ ihr Stiefvater): all das zählt nichts. Auch die mögliche Eindämmung einer Seuche, die ganze Gesellschaften vernichten kann, auch die zählt nichts. Auch die mögliche Aussicht auf Therapien für heute noch unheilbare Krankheiten durch „embryonenverbrauchende“ Stammzellforschung, auch die zählt nichts. Und inzwischen wissen wir auch, dass Menschen, die nicht anders entstehen können als dadurch, dass mit ihnen noch andere Zygoten entstehen, nichts zählen. Viele dieser Menschen sind sicherlich auch Katholiken, und nun haben diese Menschen ebenso gute Gründe zum Austritt wie seit ehedem schon katholische Schwule. Vielleicht sollten sie sich organisieren, als „Katholiken aus der Retorte“.

Die embryonal-sexuelle Obsession der katholischen Kirche ist ein schwarzes Loch, das alle Werte aufsaugt, die ihr zu nahe kommen. Auf diese Weise vernichtet sie letzten Endes auch die Ethik selbst. Ihre moralischen Fantasieprobleme beherrschen seit jeher die öffentlichen Debatten und die Gesetzgebung. Wir müssen endlich aus der Gravitation dieser Ideologie ausbrechen.

Wir müssen endlich laut und deutlich sagen, dass ein Embryo kein moralisches Subjekt ist! Aber was ist mit seiner Seele, werden einige fragen. Wenn Sie einen Kirchenhistoriker fragen, so werden Sie erfahren, dass Zygoten seit 1869 von Anfang an eine Seele haben. Erst dann wurde die Unterscheidung zwischen einem unbeseelten und einem beseelten Fötus aufgehoben. Wenn Sie einen Neurowissenschaftler fragen, so werden Sie erfahren, dass die Seele im Wortsinne ein Hirngespinst ist. Der einzige Schutz, den Embryonen benötigen, ist der Kinderwunsch ihrer Eltern. Wir sehen normalerweise keinen moralischen Unterschied zwischen den verschiedenen Methoden der Empfängnisverhütung, obwohl etwa bei der Spirale durchaus ein Embryo entstehen kann, der dann aber an der Einnistung gehindert wird. Ja, konsequente Katholiken sehen diesen Unterschied zwar, aber sie gehen ja auch so weit, Verhütung überhaupt zu verbieten. Sie machen also doch wieder keinen Unterschied zwischen Keimzellen und dem embryonalen Produkt ihrer Vereinigung.

Wir müssen endlich laut und deutlich sagen, dass Empfängnisverhütung kein moralisches Problem darstellt! Es ist ein Fantasieproblem der katholischen Kirche, das seit Generationen echte und schwerwiegende moralische Probleme gebiert, in erster Linie ungewollte Schwangerschaften und Armut. Wahrscheinlich zeigt sich die Menschenfeindschaft der Kirche und die Geringschätzung menschlichen Leids nirgends deutlicher als in Afrika, wo Unbildung und Frömmigkeit der Massen schamlos ausgenutzt werden für die Umsetzung der katholischen Ideologie. Hier wird es in einem geradezu biblischen Ausmaß deutlich: Das Leben der Menschen ist nichts wert, es ist die Idee des Lebens, die geschützt werden muss. Für diese Idee wird das Verhütungsmittel sogar dann noch verteufelt, wenn es in erster Linie der Verhütung einer tödlichen ansteckenden Krankheit dient.

Wir müssen endlich laut und deutlich sagen, dass sexuelle Orientierung kein moralisches Problem darstellt! Zu einem Zeitpunkt,

zu einem solchen Zeitpunkt müssen wir alle laut und deutlich sagen, nicht etwa nur, dass Homosexualität ok ist, dass wir uns in einer liberalen Gesellschaft damit irgendwie arrangieren müssen, nein, wir müssen endlich laut und deutlich sagen, dass sexuelle Orientierung kein moralisches Problem darstellt!

All diese Fantasieprobleme, die sich aus den herrschenden Weltreligionen mit Macht in unsere Diskurse drängen, rauben uns die Zeit und die Ressourcen, die wir brauchen, um uns mit den wirklichen Bedrohungen und moralischen Problemen zu beschäftigen. Zum Beispiel mit der Frage der Massenvernichtungswaffen in den Händen religiöser Fanatiker. Die geistigen Führer der Weltreligionen vereinbaren Missionskampagnen in den gottlosen Teilen der Welt. Welch eine Perversion der Prioritäten! Welche Gefahr geht von Gottlosen aus? Wen bedroht Norwegen!? Wir Gottlosen sollten unsererseits eine antireligiöse Missionskampagne starten, weniger zaghaft als bisher, wir müssen handeln, uns mit aller Macht darum kümmern, dass niemand mehr glaubt, er würde im Jenseits eine Belohnung erhalten, deren Größe proportional ist der Anzahl der Ungläubigen, die er mit sich in den Tod reißt. Das ist die Gefahr, in der wir schweben, es ist die reale Gefahr durch religiöse Fantasien.

Wir müssen laut und deutlich Stellung beziehen gegen diese Fantasien. Der Zeitpunkt scheint günstig für einen Erfolg. Die Vertuschung der Verbrechen gegen unsere Kinder hat die Moralfassade der Kirche schwer angeschlagen. Der Protest von innen heraus wächst. Die Katholiken aus der Retorte sollten den Widerstand mit anführen gegen eine Kirche, die ihnen so deutlich ihre Verachtung ins Gesicht gespuckt hat.

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Harald Stücker

10 responses to “Katholiken aus der Retorte”

  1. merdeister says :

    Moin,

    in weiten Teilen kann ich Ihrem Beitrag zustimmen. Am Ende jedoch, ist mir die „antireligiöse Missionskampagne“ und das „gegen diese Fantasien“ etwas aufgestoßen. Wenn ich mir anschaue, was passiert, wenn etwas aus der Motivation gegen etwas zu sein getan wird, sehe ich selten etwas gutes dabei herauskommen. Denn der Blick verengt sich auf die „gegnerische Seite“ man verliert aus den Augen, dass man FÜR etwas ist und verrät, wenn es schlecht läuft, genau das.

    Gruß
    merdeister

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    • evidentist says :

      Ja, das klingt radikal, ist aber eigentlich nur „tit for tat“. Wenn wir katholische Positionen in diesen Fragen für falsch halten, dann sollten wir das laut und deutlich und in aller Öffentlichkeit sagen. Das ist der Geist der Out-Kampagne. Diese Kampagne wird ja schon als militant und aggressiv wahrgenommen, einfach nur, weil Menschen sich das Recht herausnehmen, laut und deutlich ihren Unglauben zu bekunden.
      Es ist im Übrigen nicht schwer, diese Gegnerschaft auch positiv auszudrücken: Für Menschenrechte; für Religionsfreiheit – verstanden auch als Freiheit von Religion, vor allem in der Schule; für Wissenschaft und Forschung.
      Wenn die katholische Missionskampagne erst durchstartet, hierzulande spätestens im Herbst, wirst Du Dir die Augen reiben: In den Mainstreammedien werden wir alle wieder Papst sein, katholischem Personal und katholischen Kommentatoren werden alle Mikrofone und alle Kanäle zur Verfügung stehen. Und damit werden auch wieder die Fantasieprobleme, die ich beschrieben habe, oben auf der Agenda stehen.

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      • merdeister says :

        Statt „tit for tat“ könnte man natürlich auch „Auge um Auge“ sagen :-)

        Ein Plakat auf dem für Menschenrechte oder für Religionsfreiheit eingetreten wird, würde ich tragen, wenn da aber „Gegen verbohrte Katholiken“ draufsteht hätte ich da Probleme mit (selbst wenn es stimmt).

        Auf die Kampagne freue ich mich allerdings. Nichts kann so eine kindliche Freude in mir auslösen, wie religiöse Inbrunst auf Plakaten. Dann fühle ich mich immer, wie im Kommunionunterricht, als wir uns vor Kichern nicht mehr eingekriegt haben, weil einer von uns aus „Sie nagelten Jesus ans Kreuz“ „Sie nagelten Jesus am…“ naja, ich war neun.

        An dieser Stelle kann ich ja mal beichten (alte Angewohnheit :-P), dass ich dieses Blog gerne lese.

        Grüße
        merdeister

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        • evidentist says :

          Guter Gedanke, merdeister, „Auge um Auge“ entspricht tatsächlich „tit for tat“: „tit for tat“ ist ja das Computerprogramm, das damals das Turnier zur Lösung des Gefangenendilemmas gewonnen hat. Es war zunächst mal freundlich und kooperierte, bis der Gegner unfreundlich wurde, dann wurde es auch unfreundlich, aber nur angemessen unfreundlich, nicht exzessiv. So muss man die „Auge um Auge“-Regel ja auch verstehen, sie war der Versuch, exzessive Blutrachefeldzüge einzudämmen.

          Aber zurück zur Sache: Ich hoffe, es wird deutlich, dass ich keine Kampagne „gegen Katholiken“ vorschlage, sondern eine gegen den übergroßen politischen Einfluss des organisierten Katholizismus. Das ist weder neu noch originell, aber manche Sachen müssen immer wieder gesagt und geschrieben werden.

          Die Beichte nehme ich Dir gern ab :) Deine Buße wäre (zu einer Beichte gehört ja immer auch eine Buße): Gehe hin und verlinke fleißig!

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  2. Skydaddy says :

    Guter Artikel! Er hilft, zu verdeutlichen, wie sehr sich moderne Ethik und Recht von religiösen Vorstellungen unterscheiden: Während sich moderne Ethik an Menschenrechten bzw. Interessen orientiert, die gegeneinander abgewogen werden, zeichnet sich religiöse Moral durch Prinzipienreiterei aus. Die Prinzipen werden Selbstzweck, den Schaden haben die Menschen.

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