Alternative Schulmedizin

In einem Punkt muss man den Anhängern der Alternativmedizin Recht geben: Schulmedizin ist wirklich ein Übel. Eine Schulmedizin, die schon alles weiß und nichts gelten lässt, was ihrer Lehre widerspricht, weil es ihrer Lehre widerspricht, ist ein Übel. Eine Schulmedizin, die kreative Forscher bestraft, wenn sie nicht im Sinne der herrschenden Lehre forschen, ist ein Übel. Eine Schulmedizin, die Autoritäten verehrt, Traditionen pflegt, Daten ignoriert, Pfründe sichert und sich mächtigen Lobbyinteressen unterordnet, ist ein Übel.

In einem Punkt muss man den Anhängern der Alternativmedizin allerdings widersprechen: Eine wissenschaftliche, evidenzbasierte Medizin ist keine Schulmedizin, sie ist ihr Gegenteil.

Büste des Galenus

Die Geschichte der Medizin ist bis vor kurzem die Geschichte einflussreicher Schulen, die den Fortschritt der Medizin gebremst und behindert haben. Der Begründer der einflussreichsten medizinischen Schule aller Zeiten war Galen. Seine Lehren galten fast 1500 Jahre lang als alleinige Wahrheit. Galen lebte rund 600 später als Hippokrates, der als ein früher Vertreter einer wissenschaftlichen Medizin gelten kann.

Was hatten beide gemeinsam? Sie hatten beide höchstens einen blassen Schimmer davon, was im Körper tatsächlich vor sich geht. Sie tappten überwiegend im Dunkeln und sogen ihre Theorien, wie die zentrale Vier-Säfte-Lehre, größtenteils aus den umliegenden Mythen und vorherrschenden Erklärungsmustern ihrer Kultur. Wie konnte es auch anders sein? Das entscheidende Instrument der wissenschaftlichen Medizin, die klinische Studie, war noch nicht erfunden, und auch wenn später immer wieder mal Ansätze einer solchen Studie auftauchten, so dauerte es doch bis ins 19. Jahrhundert hinein, bis deutlich wurde, dass sie der einzige Weg ist, um die Wirksamkeit von Therapien festzustellen.

Worin besteht der Unterschied zwischen beiden? Hippokrates von Kos lehnte religiöse und übernatürliche Erklärungen ab und setzte stattdessen auf empirische Beobachtungen und rationale Erklärungen. Damit machte er einen ersten Schritt in Richtung des explodierenden Fortschritts in der Geschichte der Medizin, den wir heute miterleben.

Auch Galen war wohl nach den Standards seiner Zeit ein sehr guter Arzt, und er bezog sich ausdrücklich auf Hippokrates, aber seine Theorien wurden zu medizinischen Dogmen, sein Werk zur Bibel für Ärzte. Die Herrschaft der galenischen Schulmedizin behinderte 1500 Jahre lang den weiteren Fortschritt in der Medizin. So konnte seine Vorliebe für den Aderlass auch George Washington noch töten.

Galen selbst hielt seinen Einfluss auf die Medizin für unermesslich. Seine überlieferten Worte:

Ich habe für die Medizin so viel getan wie Kaiser Trajan für das römische Reich, als er Brücken baute und Straßen durch Italien. Ich, und nur ich allein, habe den wahren Weg der Medizin aufgetan.

Das kann man einfach als übersteigertes Selbstbewusstsein abtun. Verhängnisvoll aber ist, dass auch später im Mittelalter die Medizin mit dem Werk Galens als abgeschlossen galt. Das geschlossene dogmatische Denksystem der mittelalterlichen katholischen Machthaber suchte auch in der Medizin seine Entsprechung, und fand sie in Galen. Alles war vollendet, die Religion ließ keine Fragen offen. Als die medizinische Forschung faktisch verboten war, blieb nur der Rückgriff auf die Autorität, in diesem Fall war das die Autorität Galens.

Dass der Einfluss Galens dann doch im 19. Jahrhundert zurückging, war nicht zuletzt auch das Verdienst von Samuel Hahnemann, denn er grenzte sich mit seiner neuen Theorie der Homöopathie von den drastischen Exzessen der galenischen, allopathischen Medizin ab. Würde man heute zulassen, dass die Homöopathie der galenischen Allopathie in die Geschichte folgt, stünde dieses Verdienst vielleicht im Vordergrund. So aber bleibt Hahnemann der Galen der Alternativmedizin.

Homöopathie erschaudert vor den Schrecken der Allopathie, S. Hahnemann rechts im Bild

Alexander Beydeman: Homöopathie erschaudert vor den Schrecken der Allopathie, Hahnemann rechts im Bild bei den anderen Göttern der Medizin

Die entscheidende Idee der wissenschaftsbasierten Medizin ist der klinische Test von Theorie und Therapie. Damit steht und fällt alles. Wenn die Hypothese von Prof. Dr. med. hc. hc. Wichtig im klinischen Test durchfällt, ist sie durchgefallen. Und wenn Seine Eminenz, die anerkannte Kapazität auf seinem Gebiet, auf dieser Hypothese gerade eben oder vor langer Zeit ein Theoriegebäude errichtet hat, dann stürzt das eben ein. Wenn unser Professor Wichtig aber einen derart großen politischen Einfluss hat, dass seine Ideen trotzdem weiter gelehrt werden, obwohl sie durchgefallen sind, dann kann er eine Schule gründen, die auf Autorität, Erfahrung oder Tradition basiert. Für den Aderlass sprachen über die Jahrhunderte Autorität (Galen), Erfahrung (vielen Überlebenden ging es irgendwann wieder besser) und Tradition (eben diese Jahrhunderte).

Ein großer Teil unserer medizinischen Versorgung, die viele unbedacht „Schulmedizin“ nennen, ist heute evidenzbasiert, die Meinungen gehen auseinander, wie groß dieser Anteil ist. Aber die Bestrebungen gehen dahin, diesen Anteil zu vergrößern, und dieses Bestreben ist eben das Gegenteil von Schulmedizin. Denn das Gesetz schreibt wissenschaftliche Tests von Medikamenten und Therapien vor. Damit ist nicht gesagt, dass die Gesetze immer eingehalten würden. Oft genug wird in der Forschung systematisch getäuscht, werden Studien geschönt oder negative Ergebnisse unter Verschluss gehalten. Hinzu kommt, dass wir den Bock zum Gärtner machen, wenn wir es den Herstellern von Arzneimitteln überlassen, deren Wirksamkeit zu erforschen.

Büste des Hahnemann

Aber manchmal muss man das Gesetz nicht mal brechen, um unwissenschaftliche Schulmedizin zu treiben. Denn das Arzneimittelgesetz macht Ausnahmen. Es lässt ein Schlupfloch und gewährt einigen medizinischen Schulen die Zulassung ihrer Präparate als Medikamente, auch wenn ihre Wirksamkeit nicht in klinischen Tests nachgewiesen wurde. Bei diesen „besonderen Therapierichtungen“ reicht die Bezugnahme auf Autorität, Erfahrung und Tradition. Diese besonderen medizinischen Schulen heißen Phytotherapie, Anthroposophie und Homöopathie.

Wäre Galen im Jahre 1500 wieder aufgetaucht, hätte er einfach dort weiter praktizieren können, wo er im Jahre 200 aufgehört hatte, als wäre nichts geschehen. Auch Samuel Hahnemann könnte heute wieder eine Praxis für Klassische Homöopathie eröffnen, als wäre nichts geschehen. Einer der meistzitierten Hahnemann-Sprüche lautet: „Macht es nach, aber macht es genau nach.“ Das ist Schulmedizin.

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Zum Weiterlesen:

P. Kleist, C. Zerobin Kleist, Eine kurze Geschichte der klinischen Studie. Meilensteine evidenzbasierter Arzneimittelprüfungen., Schweizerische Ärztezeitung 2005.

Imogen Evans, Hazel Thornton, Iain Chalmers, Testing Treatments, 2007. (Kostenloser Download aus der James Lind Library.)

Simon Singh, Edzard Ernst, Gesund ohne Pillen. Was kann die Alternativmedizin?, 2009. (Das Buch beginnt mit der eindrucksvollen Schilderung des Todes von George Washington durch Aderlass; S. 19-27)

Druin Burch, Taking the Medicine, 2009. (Untertitel: „Eine kurze Geschichte der schönen Idee der Medizin – und unserer Schwierigkeit, sie zu schlucken.“ Faszinierendes Buch über die Geschichte der Idee des klinischen Tests in der Medizin.)

Ben Goldacre, Die Wissenschaftslüge: Wie uns Pseudo-Wissenschaftler das Leben schwer machen, 2010. (Goldacre steht wohl kaum bei Big Pharma auf der Schmiergeldliste. Er nimmt die Homöopathie nur als Fingerübung auseinander, danach geht es um die echten Skandale.)

Ben Goldacre, Die Pharma-Lüge: Wie Arzneimittelkonzerne Ärzte irreführen und Patienten schädigen, 2013.

Christian Weymayr, Hippokrates, Dr. Röntgen & Co., 2007. (Hervorragendes Jugendbuch, das einen guten Überblick über die Geschichte der Medizin liefert.)

Christian Weymayr, Die Homöopathie-Lüge. So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen, 2012.

Albert S. Lyons und R. Joseph Petrucelli II, Die Geschichte der Medizin im Spiegel der Kunst, 1980. (Siehe diesen früheren Artikel.)

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