Fukushima ist kein 11. September

Bundesumweltminister Röttgen irrt sich. Die atomare Katastrophe von Fukushima ist kein Ereignis wie der 11. September 2001. Was in Fukushima passiert, hatte vor dem Eintreten einen gewissen Wahrscheinlichkeitswert. Dieser war bekannt, wenn auch politisch umstritten. Der Begriff des „Restrisikos“ ist aus diesem Grund unscharf. Befürworter der „Kernkraft“ [Euphemismus] haben es stets klein geredet, Gegner der „Atomkraft“ [Schimpfwort] haben es hingegen aufgebauscht. [Im Vertrauen auf die Euphemismus-Tretmühle schreibe ich im Folgenden „Kernkraft“.]

Nach der Definition des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) ist das Risiko das „Produkt von Eintrittshäufigkeit bzw. Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensschwere.“ Wir glauben im Allgemeinen, dass wir beide Variablen kennen können.

Risikobewertungen dieser Art sollten wir den Profis überlassen. Das sind nicht unsere Politiker, sondern die Versicherungen. Dass der freie Markt alles besser und effizienter regelt, war ehemals ein konservatives, mehr noch ein liberales Credo. Vielleicht sind deshalb vor zehn Jahren Schröder und Trittin nicht darauf gekommen. In der SZ von heute lesen wir:

„Wenn sich die Stromkonzerne statt der jetzigen weicheren Regelungen verpflichtend gegen die immensen Schäden versichern müssten, würden sie womöglich keine Versicherung dafür finden.“

Und wenn doch, würden die Kosten für Strom aus Kernkraft in die Höhe schießen. Es wäre also dann der Markt selbst, der aus der Kernkraft ausstiege.

Hierzulande reiben sich jetzt einige Politiker die Augen. Ist in Japan etwas passiert, was sie nie für möglich gehalten hätten? Die Befürworter der Kernkraft, die sich in politischer Verantwortung befinden, haben sich durch ihr Verhalten in ein Dilemma manövriert: Entweder sie wussten auch vorher, dass ein Risiko auch dann noch besteht, wenn man es Restrisiko nennt. Dann haben sie verantwortungslos gehandelt. Denn dieses Risiko hat sich in der letzten Woche nicht geändert. Warum also jetzt abschalten? Und warum nur einige Kraftwerke? Oder aber sie wussten das nicht, sondern dachten, „Restrisiko“ impliziere, dass es vernachlässigbar sei. Dann aber sind sie inkompetent.

Bayerns Umweltminister Söder sagt: „Japan ändert alles.“ Er habe sich ein solches Unglück nicht vorstellen können. Er plädiert also auf inkompetent. War das auch sein Plan für den Fall, dass ein Unfall in Deutschland passiert? Einfach umzufallen? Die Meinung zu ändern? Zu behaupten, nie „Kernkraftfetischist“ gewesen zu sein? Kurz: Nicht zu seiner Verantwortung zu stehen? Bundesumweltminister Röttgen zieht nun den Vergleich zum 11. September 2001, der auch alles geändert habe, und plädiert damit indirekt auch auf inkompetent.

Denn im Gegensatz zu Fukushima ist der 11. September 2001 der prototypische Schwarze Schwan. Ein Schwarzer Schwan (nach Nassim N. Taleb) ist ein nicht nur hochgradig unwahrscheinliches, sondern auch unvorhersehbares Ereignis. Es ist nicht etwa so, dass es zufällig niemand vorhergesehen hat, sondern dass es nicht vorhersehbar ist, in dem Sinne, dass es niemand rationalerweise in sein Risikokalkül einbauen kann. Der Versuch, sich gegen Schwarze Schwäne abzusichern, würde als paranoides Verhalten gelten. Jemanden, der vor dem 11. September 2001 Angst gehabt hätte, in einem Wolkenkratzer allzu hoch zu fahren, weil ja auch ein Flugzeug hineinfliegen könnte, hätten wir für verrückt gehalten.

So ist es auch mit dem Risiko eines gezielten Flugzeugabsturzes auf Kernkraftwerke. Geredet wird darüber etwa seit dem 12. September 2001, aber es besteht, seit es Kernkraftwerke gibt. Vor dem 11. September hätte es vielleicht als Argumentum ad absurdum dienen können: „Immer verlangen Sie mehr Sicherheit. Demnächst verlangen Sie auch noch, dass wir unsere Kraftwerke vor Verrückten sichern sollten, die mit Passagierflugzeugen absichtlich auf sie draufrasen.“ Haha.

Fukushima ist kein Schwarzer Schwan. Wer ein Kernkraftwerk in ein Erdbebengebiet baut, muss mit Erdbeben rechnen. Es hilft nicht, darauf hinzuweisen, man habe mit dem Erdbeben gerechnet, nicht jedoch mit einem dieser Stärke, oder nicht jedoch mit dem Tsunami. Erdbeben lösen Tsunamis aus. Man weiß das. Man wusste das.

Der 11. September 2001 zeigt aber ganz grundsätzlich: Es gibt Schwarze Schwäne. Es gibt das Risiko von Ereignissen, gegen die wir uns rationalerweise nicht schützen können. Das Restrisiko ist also nicht etwa verschwindend klein, sondern wird durch das Phänomen des Schwarzen Schwans unabsehbar groß. Der Schwarze Schwan ist ein sehr heilsames Konzept. Es lehrt uns Bescheidenheit. Es zeigt uns nicht nur die Grenzen unserer Erkenntnis, sondern auch die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit. Es zeigt uns, dass wir viel weniger wissen, als wir zu wissen glauben. Und es zeigt uns, dass wir nicht wissen können, wie viel weniger wir wissen.

Oft hört man von Kernkraftbefürwortern, dass alle Störfälle letztlich auf menschliches Versagen zurückzuführen seien. Wahrscheinlich soll das heißen, die Technik selbst sei sicher. Mag sein, nur leider ist der Mensch Teil jeder Technik. Und das größte menschliche Versagen ist die Hybris, der Glaube, alle relevanten Risiken zu kennen. In genau diesem Sinne ist Kernkraft eine größenwahnsinnige Technologie.

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Harald Stücker

10 responses to “Fukushima ist kein 11. September”

  1. bokksnarf361 says :

    Erstmal mE ein sehr guter Beitrag inmitten des Wir-bilden-eine-Menschenkette-, Japaner -nach-Sibirien- & Deutschland-schickt-Roboter-Gewabbers! Dennoch habe ich so meine Zweifel was den sich hier kontrapunktierend materialisierenden Schwarzen Schwan (C) angeht: könnte es vielleicht sein, dass nicht auch für einen – jenseits unseres allgemeinen eurozentristischen Weltbilds stehenden – politisch interessierten Südlichen-Hemisphaeren-Analytiker der 11. September ebenso als Produkt aus hypothetischer Eintrittswahrscheinlichkeit und max(Schadensschwere) pseudorational erklären lässt wie der für uns schon immer nach der Irgendwie-Irgendwo-Irgendwann-Formel zwangsweise eintretende Atom/Kernkraft-GAU? Schliesslich hatten wir mal den am Kasernentor klopfenden atomminentragenden Rucksacktouristen genauso im Handbuch wie das wahrscheinlichkeitsstatistisch harmlosere militärische Klobeckenreinigen. War das etwa nicht der Schwan am Thor? Vielleicht sind Schwarzer Schwan (C) und auf gewissen Annahmen berechnete Wahrscheinlichkeiten letztlich ein und dasselbe – je nach (von mir aus auch Scheuklappen-) Blickwinkel des Betrachters.

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    • evidentist says :

      Vielen Dank für Ihren Kommentar und für die zustimmenden einleitenden Worte, leider aber ist mir nicht klar, worauf der Rest hinausläuft. Mein Hirn ist zu klein und das Leben ist zu kurz für so große Sätze mit so vielen Appositionen. Vielleicht formulieren Sie das Ganze nochmal um?

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      • bokksnarf361 says :

        OK, mache ich gerne nochmal: im Kern ging es mir lediglich darum, dass der 11. September eben nicht als typischer Sz Schwan geeignet ist, wenn man nur den (unterstellten eurozentristischen) Blickwinkel ein klein wenig nach SSW/SEE verschiebt. Denn dort sieht man nämlich sie Ereignisse/vieles – Überraschung! – gänzlich anders.: zB die Rolle des Westens. Wenn man zerbombt, missachtet, religös aufgepolt, hungrig?, gedemütigt? dasteht, ist schon mal fast immer sowas wie Hass gesäät. Der ist beliebig anstaubar. Ob es dann ein vollgetankter Jumbo, ein Tanklastzug, eine Autobombe, ein Gürtel im Cafe, eine Ampulle, eine Nadel oder ein Zeitungsartikel ist, spielt dann doch nur eher im technischen Sinne eine Rolle. In letzter Konsequenz kann ich für mich keinen Unterschied zwischen den gesellschaftlich-zwangsläufig und technokratisch-bedingt (durch uns Eurozentrierte //pseudo-berechenbare?) abhebenden Sz Schwänen erkennen. Schwarze Schwäne sind an den jeweiligen Kulturkreis gebundene Wahrnehmungen, die den Paranoiden helfen, sich (und schlimmstenfals den Anderen :-), die Welt zu erklären. Ansonsten sind sie mE eher rational orientiert und kennen ihr Ziel recht gut… Wir brauchen die nicht für irgendwelche Versuche & Erklärungen, … oder!

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  2. Bibliothekar says :

    Ich vermute mal, bokksnarf wollte sagen, dass es schwarze Schwäne nicht geben muss, vorrausgesetzt man lässt (unangemessen) kreativen Geistern genug Spielraum. (Siehe den Atomminentouri, ziemlich absurd, aber ein ernstgemeinte Abwehrstrategie bei der Hand).

    Dabei übersieht er aber, dass selbst wenn man eine Million Menschen nur auf solche Ereignisse ansetzt, es immer noch etwas geben wird, an das trotzdem keiner gedacht hat.

    Und schon putzt sich der nächste Schwarze Schwan sein Gefieder.

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    • evidentist says :

      Vielen Dank für die Exegese, Biliothekar,
      Ja, eben das ist das Problem mit diesen Tieren. Es würde ja auch nicht ausreichen, sich alles, was man sich so vorstellen kann, vorzustellen, sondern man müsste ja gegen alles auch Strategien und Sicherungen entwickeln. Das alles würde im Falle der Kernenergie den Strompreis nach oben treiben.

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  3. coffeenist says :

    Meine Gedanken beim Lesen des Artikels ähnelten wohl denen bokksnarfs. War etwa ein großer Terroranschlag auf den Westen unvorhersehbar? Kaum. Am 11. September 2001 fand der zweite Anschlag auf das WTC statt (in den 90ern explodierte eine Autobombe in dessen Tiefgarage). Ob Flugzeug oder Bombe, WTC oder Weisses Haus – die Details sind tatsächlich technischer Natur.

    Zu Fukushima: ein Kernkraft-GAU kann gar kein Schwarzer Schwan sein. Spätestens seit Tschernobyl.

    Aus meiner Sicht gibt es keine Schwarzen Schwäne, wenn man ein Ereignis nur weit genug abstrahiert. Der Schwan sitzt im der realen Umsetzung des abstrakten Ereignisses:

    – mehrere Flugzeuge gleichzeitig auf verschiedene symbolisch wertvolle Ziele gelenkt.

    – Erdbeben 9.0 + 13m Tsunami. Sogar ein klassischer Fall von Induktionsfehler. Die einfache Projektion der Vergangenheit (max. Erdbeben bis dato 8.2) auf die Zukunft (alle Schwäne sind Weiss, Erdbeben haben maximal eine Stärke von 8.2). Puff! Ein Ereignis – die ganze Annahme wird ungültig und meine gesamtes Realitätskonstrukt geht kaputt.

    Übrigens: in schöner Induktionstradition werden in Japan vielleicht einfach alle AKW auf 9.0 + 13m ausgelegt und alles wird gut…

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    • evidentist says :

      Die Idee des Schwarzen Schwans ist ein Instrument zur Kritik der Vorstellung, man müsse nur ausreichend Daten sammeln, um die Zukunft vorhersagen und sich gegen Katastrophen schützen zu können. Der Einwand, dass allgemein mit Terroranschlägen zu rechnen ist, geht an diesem Punkt vorbei. Bei der Planung von Terrorangriffen ebenso wie bei der Verteidigung gegen sie kommt es eben entscheidend auf die technischen Einzelheiten an. Terroristen können mit ihrem Gewaltakt auf zwei verschiedene Weisen im propagandistischen Sinne erfolgreich sein: Entweder sie schaffen es, einen Anschlag zu verüben, mit dem man allgemein rechnet und der als solcher keine Überraschung darstellt: etwa eine Bombe in Bus, U-Bahn oder Flugzeug. Damit zeigen sie die Hilf- und Nutzlosigkeit auch der rigorosesten Sicherheitstechnik. Oder aber sie schaffen es, eine neue Art des Anschlags zu erfinden, mit der niemand rechnet und gegen die sich daher auch niemand geschützt hat. Das ist dann ein Schwarzer Schwan. Der Propagandaerfolg ist in diesem Fall sehr viel größer, wie der 11. September gezeigt hat.

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      • coffeenist says :

        Ich glaube, wir verstehen uns nicht ganz. Da ich ebenso der Auffassung bin, dass der Schwan nur in der konkreten Ausgestaltung eines Ereignisses liegt, halte ich den 11. September folgerichtig für ein Black Swan Event.

        Fukushima allerdings fällt in seinem konkreten Unfallgeschehen genau in diese Kategorie: Der Ausfall aller Notsysteme durch ein Ereignis, das mit dem eingeschränkten Blick in die Vergangenheit nicht vorhersehbar war, ist ein Musterbeispiel einen Induktionsfehler (und damit für Selbstexposition für einen Schwarzen Schwan).

        Ein Beben der Stärke 9.0 mit eine Flutwelle von wohl 13m wurde mit Blick auf alle bekannten Vorbeben einfach nicht möglich betrachtet.

        In welcher Hinsicht war das konkrete Unfallgeschehen in Fukushima vorhersehbar und der 11. September nicht? Ich kann den grundlegenden Unterschied nicht erkennen.

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        • evidentist says :

          Ok, coffeenist, ich denke, ich verstehe Dich jetzt besser. Aber ich glaube, die Unterscheidung in meiner letzten Antwort ist hier immer noch relevant. Wir versuchen uns gegen den Terror zu schützen durch immer engmaschigere Sicherheitskontrollen, durch das Verbieten von Flüssigkeiten, durch teure Nacktscanner, usw., aber jeder, der in ein Flugzeug steigt, weiß, dass es unmöglich ist, sich gegen jede denkbare Bedrohung zu schützen. Das läuft auch unter akzeptiertes Restrisiko.
          Und dann sind da die undenkbaren Bedrohungen. Alle Sicherheitsbemühungen waren darauf ausgerichtet, das Einschmuggeln von Waffen an Bord zu verhindern. Aber am 11. September wurden die Flugzeuge selbst zu Waffen. Es ist wohlfeil zu behaupten, dass man das hätte vorhersehen können, Fakt ist, dass kein für die Sicherheit Verantwortlicher es vorhergesehen hatte. Insofern war es auch nicht Teil des akzeptierten Restrisikos.
          Analog dazu Fukushima: Die Richterskala geht bis 12. Das angenommene Worst-Case-Szenario für Fukushima war 8,2. Zwischen 8,2 und 12 liegt hier das akzeptierte Restrisiko. Wir wissen doch, dass die Erde stärker beben kann als 8,2, oder?
          Undenkbare Bedrohungen für AKW kann ich hier jetzt nicht aufzählen, aber es gibt sicher einige. Beschuss durch absichtlich abstürzende Flugzeuge gehört allerdings inzwischen nicht mehr dazu.

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  4. coffeenist says :

    Meine Ausführungen haben natürlich eine Schwäche: Während z.B. alle Terroranschläge in allen Einzelheiten unterschiedlich sind und es daher unmöglich ist, dass die Gefahr durch eine strukturelle Anpassung grundsätzlich gemindert werden kann, ist das in der GAU-Betrachtung anders.

    Der Verzicht auf Kernkraftnutzung beseitigt strukturell die Möglichkeit eines nuklearen GAUs.

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