Ein Bumerang namens Shakespeare

Wussten Sie schon, dass die Erwähnung von Shakespeare nicht nur das Herz von Anglisten oder Theaterfans höher schlagen lässt? Wenn Skeptiker „Shakespeare“ sagen, rollen sie oft mit den Augen, seufzen tief und wirken ähnlich entmutigt wie Sisyphus, dem gerade wieder der Stein den Berg runtergekullert ist. Denn Shakespeare war nicht nur der größte Dichter aller Zeiten, sondern steht auch als Kurzform für ein besonderes Argument, das der Kritik von Ignoranz, Engstirnigkeit und Größenwahn dienen soll. Es ist jedoch ein rhetorischer Bumerang, denn obwohl die Behauptung, die gemacht wird, völlig richtig ist, hat es die besondere Eigenschaft, dass derjenige, der es vorbringt, sich damit selbst als genau das entlarvt, nämlich als ignorant, engstirnig und größenwahnsinnig.

Das Argument wird häufig so vorgebracht:

Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich träumen lässt“

Das ist ein (etwas ungenaues) Zitat aus Shakespeares Hamlet, daher der Name. Im Original:

There are more things in heaven and earth, Horatio,
Than are dreamt of in our philosophy.

(Hamlet, Erster Akt, Szene 5)

Hamlets Aussage ist, wie gesagt, völlig richtig, sie war es damals, und ist es höchstwahrscheinlich auch heute. Dazu später mehr. Aber das Argument namens Shakespeare besteht in einer Reihe stillschweigender Annahmen, die durch das Hamlet-Zitat transportiert werden:

  1. Wissenschaft ist ignorant, denn „es gibt mehr Dinge“, nämlich jede Menge Energien und Feinstoffliches, Nanokristalle und Quantenverschränkungen, von denen die Wissenschaft nichts weiß und vielleicht auch prinzipiell nichts wissen kann.
  2. Wissenschaft ist engstirnig, denn sie hat nur einen sehr eingeschränkten Zugang zur Welt. Ihr grobes, eindimensionales Raster kann nur diejenigen Phänomene, Sachverhalte und Zusammenhänge entdecken, die in dieses Raster passen.
  3. Wissenschaft ist größenwahnsinnig, denn sie hält sich für den einzig gültigen Zugang zur Welt. Dabei gibt es andere, privilegiertere Zugänge. Diese sind in erster Linie Intuition, persönliche Erfahrung und Tradition. In ihr sind die Erfahrungen unzähliger Generationen zu altem, traditionellem Wissen geronnen. Intuitionen, Erfahrungen und Traditionen sind offen für jede Menge Energien und Feinstoffliches, Nanokristalle und Quantenverschränkungen.

Die ziemlich freie Übersetzung „Schulweisheit“ für „philosophy“ passt gut zur „Schulmedizin“. Wir erinnern uns: Schulmedizin steht für eine eingefahrene, sauertöpfische, engstirnige, arrogante Sammlung von Vorurteilen, die angeblich einfach so behauptet, dass es im Reich der Biologie nichts gibt, was sie nicht kennt. In dieser Sichtweise ist zwar erstaunlich, dass immer wieder revolutionäre neue Therapien Teil der „Schulmedizin“ werden, aber sie verschließt sich doch geradezu störrisch und verstockt all den verschiedenen Energieformen, die sich manche Leute ausdenken und an die viele Leute glauben. Die Schulmedizin sitzt an den Schalthebeln der Macht des medizinisch-pharmakologischen Komplexes, sie ist Orwells Big Brother, Kafkas Gericht, Pullmans Magisterium. Sie ist Prinz John und der Sherriff von Nottingham. Jede alternative Therapieform, die der Schulmedizin die Stirn bietet, ist ein Winston Smith, ein Josef K., eine Lyra Belaqua. Die Homöopathie ist ihr Robin Hood.

Dies ist natürlich ein klarer Fall von Dichtermissbrauch. Shakespeare hat eine Entschuldigung verdient. Er war eines der größten literarischen Genies der Weltgeschichte (vielleicht das größte?!), und hat es nicht verdient, von der Pippi-Langstrumpf-Fraktion vereinnahmt zu werden, den Leuten also, die sich die Welt machen, widewidewie sie ihnen gefällt.

Eine sehr treffende künstlerische Inkarnation des Proponenten von Shakespeare ist übrigens der Partygast Storm im gleichnamigen Song von Tim Minchin (Auftritt Shakespeare in Min. 3:48):

Shakespeare ist die literarische Form des Arguments der Ignoranz, das die überaus seltsame Form hat:

„Es gibt niemanden, der weiß, dass nicht-p gilt, daher gilt p.“

Wobei p für jede beliebige wissenschaftlich nicht begründete Aussage stehen kann. Auch für beliebig komplizierte biologische und therapeutische Mechanismen. Für die müsste damit gelten: „Niemand weiß, wie’s geht, aber ich kann’s!“

Warum also ist dieses Argument ein Bumerang? Weil es all die unvorteilhaften Eigenschaften – Ignoranz, Engstirnigkeit und Größenwahn – bei demjenigen aufzeigt, der es vorbringt:

Ignoranz in Bezug auf Geschichte und Erfolge der Wissenschaften. Denn Hamlets Aussage war ja, wie gesagt, nicht falsch. Shakespeare drückte die Bescheidenheit des guten Philosophen und Wissenschaftlers aus: Er wusste, dass er verhältnismäßig wenig wusste. Vergleichen wir doch mal das, was zu Shakespeares Zeiten zwischen Himmel und Erde vermutet wurde, mit dem, was wir heute wissen:

Alles, was uns die Entdeckung des elektromagnetischen Spektrums an Erkenntnissen und Produkten ermöglicht hat, hätte sich Shakespeare kaum träumen lassen können. Und dennoch kann eine Storm heute lässig ihr Smartphone aus der Handtasche ziehen und das Argument namens Shakespeare twittern. Auch heute ist Hamlets Aussage noch gültig. Heute kennen wir zwar das elektromagnetische Spektrum, aber auch für uns liegen vielleicht noch schätzungsweise 94% des Universums buchstäblich im Dunkeln. Aber keine einzige esoterische Behauptung folgt aus dieser Tatsache.

Engstirnigkeit in Bezug auf die favorisierte Lösung des Problems. Denn ein unverstandenes Phänomen ist eben unverstanden, und hat daher nicht zwangsläufig die Ursache, die wir uns gerade ausgedacht haben, sondern unzählig viele mögliche Ursachen, von denen wir uns, ja, nichts träumen lassen! Mag sein, dass ein Quanteneffekt am Werk ist, vielleicht aber auch ein Quonteneffekt, wobei wir nicht mal eine Ahnung davon haben, was eine Quonte sein könnte.

Größenwahn in Bezug auf die Tragweite individueller Intuition und Erfahrung, Überschätzung der eigenen Immunität gegenüber psychologischen Täuschungen. Diese Immunität wird auch nicht größer, wenn wir die Intuitionen und Erfahrungen über viele Generationen sammeln und diese dann Tradition nennen. Wissenschaft ist ein Produkt sozialer epistemischer Evolution. Sie ist als soziale Unternehmung niemals die Leistung nur eines Einzelnen, obwohl wir gern die Geschichten der genialen Forscher hören. (Natürlich auch wieder aufgrund unserer Vorliebe für Anekdoten.) Aber allein die Konzepte Verblindung und Peer-Review zeigen, dass niemand allein Wissenschaft treiben kann. Dieser Größenwahn, diese Überschätzung der eigenen epistemischen Fähigkeiten ist übrigens allgemein menschlich. Jeder neigt dazu. Die wichtigste Leistung der Wissenschaft besteht eben in den Verfahren, die diesen Größenwahn des Einzelnen neutralisieren. Bescheidenheit ist immer noch ein wichtiger Charakterzug guter Wissenschaftler.

Es gibt übrigens auch Zweifel, ob Shakespeare sein Werk wohl ganz allein geschrieben hat.

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Harald Stücker

7 responses to “Ein Bumerang namens Shakespeare”

  1. inge koch says :

    Auf das sogenannte Shakespeare-Zitat antworte ich ständig sehr kurz:
    „Komisch, dass DU aber behauptest, Wahrheitsbeweise und Erklärungen liefern zu können. Während ich nicht an Dein Reiki (Krebswundermittel, Horoskop, heiliges Wasser, Lichtfasten…etc.) glauben kann. Wie wär´s , wenn Du mal an Deine eigene Nase fassen würdest und bescheiden zugäbst, dass Du diese Ideen ungeprüft verbreitest. „

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  2. inge koch says :

    Kein ernsthafter Wissenschaftler ist so unbescheiden zu behaupten, die Welt bis in den letzten Winkel erklären zu können.
    Aber die Esos behaupten, Erklärungen parat zu haben.
    Sie werden auch nicht bescheidener, wenn man ihre Methoden widerlegt. Man kann das Shakespeare-Zitat nur gegen sie – als Retourkutsche – benutzen.

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  3. buchstaeblich says :

    In so einem wunderschönen Artikel verlinkt zu sein, ist eine Ehre.
    (knickst artig)
    Den meinen schrieb ich damals aus Notwehr und Verzweiflung.
    Ahne ich zu Recht Ähnliches?
    Ich meine, Sie und ich haben wenigstens einen Kopf, an den wir uns fassen können. Aber wie nennt man das Ding auf den Schultern der pendelnden Glaubuli-Schlucker?

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    • evidentist says :

      Vielen Dank für den Knicks, Fräulein Buchstaeblich. Nö, bei mir war es weniger die Verzweiflung, sondern eher die Inspiration durch verschiedene Quellen, u.a. der Ihren. Meinen Diener dafür. Passt halt sehr gut ins Sortiment meines Blogs. Die Leichtgläubigkeit der Menschen ist übrigens vielleicht weniger rätselhaft als wir glauben. Dazu später mehr …

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  4. wobo says :

    schön geschrieben ;) doch was hilfts? wer hamlet in diskussionen als argument benutzt zeugt doch davon, dass er keine ahnung (von wissenschaft) hat. irrationalität lässt sich halt schwer mit rationalität bekämpfen.

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