Das war schon immer so

Warum haben Traditionen eigentlich einen so guten Ruf? Ja, ich weiß, Traditionen und Rituale strukturieren das Leben und reduzieren seine Komplexität. Es ist prima, wenn man sich auskennt. Ich bestreite nicht ihren Nutzen bei der Organisation des Lebens für Individuen und Gruppen. Aber welchen Wert haben sie für Erkenntnis und Ethik? Welchen erkenntnistheoretischen Wert haben Argumente, in denen die Tradition als Evidenz angeführt wird? Und welchen moralischen Wert haben Traditionen, wenn es um die Güterabwägung mit anderen Werten geht? Allgemein werden beide sehr hoch eingeschätzt. Meine These ist, dass sie gegen Null gehen.

Francisco Goya: Stierkampf, 1815-16

Wir begegnen sehr oft dem Argument aus der Tradition: „Es wurde schon immer/ seit Menschengedenken/ seit x Jahren so gemacht/ gedacht, daher ist es richtig, es so zu machen/ so zu denken.“ Dieses Argument ist ebenso ungültig wie das Argument aus der Autorität, von dem es im Grunde nur ein Sonderfall ist.

Wenn für Methoden und Verfahren argumentiert wird, die sich in evidenzbasierten Studien und Tests bewährt haben, dann kommen auf allen Gebieten Einwände, die sich auf Traditionen berufen. Und wenn es nur die Tradition des einzelnen Professors ist, der nicht einsehen möchte, dass er bis dato alles falsch gemacht oder gedacht haben soll. (Denken wir etwa an den Fall Semmelweis.) Die Berufung auf die Tradition als Argument ist allgegenwärtig. Die TCM, die Traditionelle Chinesische Medizin, führt sie ja sogar im Namen. Nun wird jeder, der sich schon einmal mit der Geschichte der Medizin befasst hat, erschauern und sich vor einer Therapieform, die sich selbst „traditionell“ nennt, in Acht nehmen wollen. Aber trotzdem eignet sich dieses Merkmal zur Werbung. (Siehe die aktuelle Diskussion um die Heilkräuter-Petition.)

Ich will die medizinischen Bemühungen früherer Generationen nicht verächtlich machen oder gering schätzen, ganz im Gegenteil. Die Leistungen der Menschen in vorwissenschaftlicher, und vielmehr noch in wissenschaftsfeindlicher Zeit waren beeindruckend. Nehmen wir etwa Hildegard von Bingen. Zwar war sie nach wissenschaftlichen Maßstäben vor allem eine Nonne mit Visionen (im Sinne Helmut Schmidts), eine Heilerin und esoterische Kräuterfee, aber zu ihrer Zeit war sie eine herausragende Figur. Sie hat als Frau innerhalb der engen Grenzen und Freiräume, die ihr das Klosterleben eröffnete, so frei gedacht und geschrieben, wie es ihr möglich war. Durch sie wissen wir viel über das medizinische Denken des Mittelalters.

Aber der Wert, den das Wissen über Hildegard von Bingen und ihre Vorstellungen für die historische Forschung hat, ist ein anderer als der Wert, den ihre vor- und unwissenschaftlichen Vorstellungen für unsere medizinische Forschung haben. Dieser ist nämlich nur heuristisch, da Hildegard von Bingen zwar viel beobachtet und geschrieben, aber keinerlei klinische Studien durchgeführt hat. Wer also denkt, dass an ihren Beobachtungen etwas dran ist, der sollte sie testen. Im Falle der Widerlegung wäre die mittelalterliche These einfach vom Tisch, im Falle der Bestätigung hätten wir nun Gründe, sie zu akzeptieren. Die Basis für unsere neue Erkenntnis wäre aber dann nicht die traditionelle Autorität einer mittelalterlichen Kräuterkundigen, sondern die wissenschaftliche Evaluation ihrer These. Die Tradition kürzt sich raus. Sie verleiht dem neu gewonnenen Wissen keine zusätzliche Bestätigung.

Ich sehe auch in anderen Bereichen nicht den positiven Wert der Tradition. Oft genug kollidiert die Tradition mit unserer Ethik. Schauen wir nach Indien, wo die Familie der Braut eine hohe Mitgift zu zahlen hat. Dieser Druck ist so groß, dass Mädchen selektiv abgetrieben werden oder die Eltern sie nicht ausreichend ernähren. Hier können wir die psychologische Macht der Tradition erahnen: Eltern sorgen nicht mehr für ihre Kinder, weil ihre Präferenzen, die sich aus kulturellen Traditionen ergeben, schwerer wiegen.

Meines Erachtens wird dieses Beispiel nur noch durch ein anderes kulturelles Phänomen übertroffen: die brutale Genitalverstümmelung. Wer dagegen Stellung bezieht, argumentiert oft, dass es sich dabei nicht um eine religiöse oder kulturelle Tradition handele. So what?! Was wäre denn, wenn?! Wäre die Menschenrechtsverletzung dann weniger schlimm? Diese Argumente schaden durch den Anschein der Relevanz, den sie erwecken! Ich hatte schon einmal an anderer Stelle darauf hingewiesen: Jeder, der eine Tochter hat, oder jeder, der sich vorstellen kann, wie es sich anfühlt, eine Tochter zu haben, solle einmal versuchen, sich in die Lage von Eltern zu versetzen, die aus kulturell-traditionellen Gründen dabei helfen, ihrer Tochter die Klitoris abzuschneiden. Das ist die Macht der Tradition!

Wenn Menschen etwas gern tun, sollten sie es tun, solange sie niemandem schaden. Aber die Ansicht darüber, ob jemand einen moralisch relevanten Schaden erleidet, ändert sich mit der Zeit. Zur Zeit des Römischen Reiches waren die Schäden, die Sklaven und Gladiatoren bei den Spielen erlitten, keine moralisch relevante Größe für die Menschen, die sich an den Spielen erfreuten. Heute sähe das anders aus.

Tigerpenis – vielleicht sollten Artenschützer öfter darauf hinweisen, dass Sex bei Katzen nur wenige Sekunden dauert

Tiere leiden am meisten unter dem Primat der Tradition. Nehmen wir noch einmal die Traditionelle Chinesische Medizin: Sie rottet Tiger und Nashörner aus, weil das magisch-analoge Denken einleuchtende Wirkungen von Tigerpenissen und Nashornhörnern auf menschliche Erektionen sieht. Sie quält Braunbären, indem sie ihnen bei lebendigem Leib die Galle abzapft. Denken wir an das unsägliche Schächten, das Schlachten ohne Betäubung. Oder an die Jagd auf Singvögel in Italien, die Fuchsjagd in England, den Walfang in Norwegen, Island und Japan …

Nashorn

Nashorn – gute Waffe, aber evolutionär chancenlos gegen Dummheit, Aberglauben und TCM-Tradition

Erst im ausgehenden 20. Jahrhundert formierte sich Widerstand gegen die Tradition des Stierkampfs, weil Zweifel aufkamen, ob das Leid der Tiere wirklich so vollkommen irrelevant ist angesichts der Tradition und des großen Spaßes, den die Zuschauer dabei empfinden. (Interessanterweise versucht gerade Frankreich, den Stierkampf zum Weltkulturerbe zu erklären, um ihn zu retten.) Andere Volksbelustigungen mit leidenden Tieren haben schon vor längerer Zeit ihre Akzeptanz verloren. So werden heute keine Katzen mehr lebendig verbrannt, damit die Zuschauer sich an ihrem Todeskampf weiden können. Unsere moralischen Intuitionen entwickeln sich durchaus weiter. Steven Pinker spricht vom Mythos der zunehmenden Gewalt:


Hemmschuh für diese positive Entwicklung ist oft genug die Tradition.

Und natürlich die Religion: Religionen sind geronnene Tradition, sie beziehen ihre gesamte Autorität aus der Tradition. (Deswegen wird Scientology von wenigen – außerhalb der USA – als Kirche wirklich ernst genommen. Selbst den rund 120 Jahre älteren Mormonen geht etwas der heilige Ernst ab, der anscheindend erst nach Jahrhunderten ausreift. Inhaltliche Gründe dafür, absurde Positionen umso ernster zu nehmen, je älter sie sind, gibt es wohl kaum.) Es ist traditionsgemäß undenkbar, einen religiösen Führer vor ein weltliches Gericht zu stellen, egal wie erdrückend die Beweislage gegen ihn auch sein mag. Wenn Ratzinger keinen Prozess fürchten muss, so liegt das einzig und allein an der Macht dieser Tradition. (Aber auch hier zeigen sich erste sensationelle Risse.) Aber vergessen wir nicht, dass es auch einmal vollkommen undenkbar war, Staatsoberhäupter vor Gericht zu stellen. Die Anklagen und Prozesse gegen Pinochet und Milosevic waren Meilensteine in der Entwicklung der Ethik, ungeachtet ihres Verlaufs und ihres Ausgangs. Die Welt ist eine bessere, weil die traditionelle Unantastbarkeit  der politischen Autorität gebrochen wurde. Jetzt ist es an der Zeit, auch die traditionelle Unantastbarkeit der religiösen Autorität zu brechen. Wenn ich optimistisch bin, dass uns dies gelingen wird, so befinde ich mich damit in guter Gesellschaft: Schon 2007 antwortete Daniel C. Dennett auf die Edge-Frage: „Worüber denken Sie optimistisch?“: „Das Verdampfen des mächtigen Nimbus der Religion.“

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About Harald Stücker

Harald Stücker

7 responses to “Das war schon immer so”

  1. Barkai says :

    die traditionelle Fuchsjad auf lebende Füchse ist in Großbritannien mittlerweile verboten. Sogenannte Schleppjagden bei denen die Meute einer künstlich angelegten Fährte folgt und die nicht mit dem Tod eines Tieres enden sind hingegen logischer Weise immer noch legal.

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