Krankheit ins Weltkulturerbe?

Der Weg zur Menschenverachtung ist gepflastert mit guten Absichten und hehren Prinzipien. Die Grünen sind die Partei des Artenschutzes, jetzt erfahren wir, dass sich dieser Schutz in der grünen Lesart auch auf Krankheiten erstreckt.

Im Zusammenhang mit der Verleihung des Ethik-Preises der Giordano-Bruno-Stiftung an Peter Singer hat Michael Schmidt-Salomon geschrieben, dass kranke und behinderte Menschen mit allen Mitteln zu fördern seien, nicht aber Krankheit und Behinderung. Anscheinend hat er damit nicht einfach nur eine Selbstverständlichkeit klargestellt. Kaum zu glauben, aber es ist möglich, dies anders zu sehen.

Auf Kobinet findet sich folgende Erklärung des Grünen-Abgeordneten Kurth:

Peter Singer wird am 3. Juni 2011 für sein Engagement um Tierrechte von der Giordano-Bruno-Stiftung geehrt. Die Stiftung setzt sich auch für ein uneingeschränktes Recht auf die Präimplatationsdiagnostik (PID) ein. Peter Singer plädierte in der Vergangenheit unter anderem dafür, behinderte Kinder bis zum 28. Lebenstag töten zu können. Der Preis für Singer ist ein Schlag ins Gesicht aller Menschen mit Behinderungen.

Die Stiftung wehrt sich gegen Kritik an ihrem Preisträger, indem sie Singer als „potentiellen Verbündeten“ im Kampf für die Rechte von Menschen mit Behinderungen darstellt. So trete Singer dafür ein, kranke und behinderte Menschen mit allen Mitteln zu fördern, nicht aber Krankheit und Behinderung.

Doch Krankheit und Behinderung gehören zum menschlichen Leben, daran wird auch der medizinische und technische Fortschritt nichts ändern. Krankheit und Behinderung bedeuten auch nicht automatisch Leid.

Wer glaubt es sei möglich, zwar Menschen mit Behinderungen aber nicht Krankheit und Behinderung selbst akzeptieren zu können, unterliegt einem Irrglauben. Der Druck auf behinderte Menschen und deren Familien wird durch eine gesellschaftliche Stimmung, in der Behinderung als vermeidbares Übel gilt, zunehmen.

Menschen sind vielfältig. Diese Vielfalt positiv zu betrachten, sie zu fördern und zu unterstützen, ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der UN-Behindertenrechtskonvention dringend geboten.

Tatsächlich folgt aus dieser Erklärung der folgende Satz:

Es ist dringend geboten, Krankheit und Behinderung positiv zu betrachten, sie zu fördern und zu unterstützen.

Ob sich der Grünen-Abgeordnete hier nur verrannt hat? Ob er erschrecken würde, wenn man ihn auf diese Implikation seiner Erklärung aufmerksam machte? Ich glaube nicht. Ich glaube, hier sind wieder die guten Absichten am Werk, mit denen einem alten Sprichwort zufolge der Weg zur Hölle gepflastert ist. Hier zeigt sich das hässliche Gesicht eines moralischen Relativismus, der es ablehnt, notwendige Unterscheidungen zu treffen, aus Angst, jemanden auszugrenzen. Er übersieht dabei, dass nur mit Hilfe solcher Unterscheidungen die zentralen Werte erst formuliert werden können, an denen wir uns alle implizit orientieren, weil sie die Grundlage unseres Lebens sind.

Doch Krankheit und Behinderung gehören zum menschlichen Leben, daran wird auch der medizinische und technische Fortschritt nichts ändern.

Der gesamte Text suggeriert die Lesart: „daran sollte auch der medizinische und technische Fortschritt nichts ändern.“ Ich bin entschieden anderer Meinung. Aber es kommt nicht wirklich auf unsere Meinungen an, weder auf meine noch auf die des Grünen-Abgeordneten. Der medizinische und technische Fortschritt ändert alles. Peter Singer ist einer der wenigen Ethiker, die es schaffen, mit den Entwicklungen einigermaßen Schritt zu halten. Moralphilosophen und -theologen, die darauf hoffen, dass sich nichts ändert, was sich nicht ändern darf, versenken sich selbst in die Bedeutungslosigkeit. Singer reagiert auf unabweisbare ethische Fragen, die der medizinische Fortschritt uns achtlos und wie nebenbei vor die Füße schmeißt. Organtransplantation und Hirntod, Genomanalyse und Gentherapie, Zunahme von Alters- und Demenzerkrankungen, und – ja – auch das physische Überleben von Neugeborenen, die früher mehr oder weniger schnell gestorben wären, all dies sind Probleme, die nicht weggehen, nur weil wir sie nicht haben wollen. Aufgabe von Moralphilosophen ist es, diese Fragen entscheiden zu helfen, und zwar noch bevor sie sich stellen. Hier können wir eine Ahnung davon erhaschen, was auf uns zukommen wird. Altern und Tod gehört zum menschlichen Leben dazu, fragt sich nur, wie lange noch.

Die Abschaffung der Unterscheidung zwischen krankem Individuum und Krankheit entzieht der gesamten Medizin ihre Grundlage. Um was geht es denn in der Medizin anderes als um die ständige Bemühung, Kranken zu helfen, ihre Krankheit zu überwinden, Behinderten zu helfen, ihre Behinderung zu meistern und bestenfalls zu überwinden, Krankheiten und selbstverständlich auch Behinderungen nicht nur zu regulieren, sondern zu vernichten? Das gilt für jeden Einzelfall, das gilt aber natürlich auch, wenn sich die Chance bietet, für Krankheit und Behinderung insgesamt. Die Pocken sind ausgerottet. Dürfen wir uns darüber freuen? Früher sprach man bei unheilbaren Krankheiten und Behinderungen von „Geißeln der Menschheit“. Jetzt arbeiten die Grünen an ihrer Aufnahme ins Weltkulturerbe.

Schauen Sie sich diesen bemerkenswerten Vortrag über den weltweiten Kampf gegen Polio an.

Die Jüngeren hierzulande werden es nicht mehr wissen, aber Polio, auch als Kinderlähmung bekannt, war einmal eine echte Bedrohung – oder sollte ich lieber schreiben: eine echte Identitätsoption? – für junge Menschen. Wer sich mit dem Poliovirus erfolgreich ansteckte, durfte sein Leben zeitweise, manchmal dauerhaft, in solchen Geräten verbringen:

Man nannte sie Eiserne Lunge. Die Medizin hat uns diese Option genommen. Wieder ein Stück Vielfalt weniger. Ein Kind in dieser eisernen Lunge war wahrscheinlich froh, am Leben zu sein. Das war ja der Zweck dieser Maschinen, Menschen am Leben zu halten. Aber war es auch froh darüber, nur mit Hilfe der eisernen Lunge am Leben bleiben zu können? Diese Frage lässt sich gar nicht erst formulieren, wenn wir die Unterscheidung zwischen krankem Individuum und Krankheit nicht treffen. Wollen alle Kinder lieber draußen spielen und selbst atmen? Oder ist das nur eine unzulässige Verallgemeinerung, die zudem noch das Prinzip der Vielfalt verletzt, zynisch und Polio-verachtend?!

Die Grünen sind bunt, Vielfalt ist ihr Programm. Wir kennen sie als Multi-Kulti-Partei, jetzt kommt noch Multi-Morbi hinzu. Schon das Multi-Kulti-Prinzip steht im Zweifel auch über den Menschenrechten. Andere Kulturen, andere Sitten, das habe man zu respektieren. Diese Verteidigung des Prinzips der Vielfalt klingt so sympathisch, weil sie scheinbar jeden akzeptiert. Sie schießt aber über das Ziel hinaus, weil sie tatsächlich alles akzeptiert.

Die Äußerung des Herrn Abgeordneten Kurth hat es geschafft, dass ich zum ersten Mal richtig Angst vor einer grünen Mehrheit verspüre. Die Multi-Morbi-Fraktion der Grünen könnte das Werk der Mutter Teresa in Deutschland vollenden, wenn auch aus anderen Gründen. Nicht, weil wir in unserem Todeskampf ohne Schmerzmedikamente den Kuss Jesu spüren, sondern weil nach grüner Logik auch der leidende Mensch eine Spielart des Menschen ist, die unter Artenschutz steht.

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Harald Stücker

10 responses to “Krankheit ins Weltkulturerbe?”

  1. Benjamin says :

    Unabhängig von den Grünen, finde ich es ein wenig zu kurz gedacht, wenn man sagt, dass Behinderungen per se schlecht sind. Ich meine wer definiert was eine Behinderung ist? Die breite „normale“ Masse? Was wenn die Behinderung für die jeweilige Person ein Segen ist, aber der Mainstream das nicht erkennt. Ich denke hier an die Geschichte mit dem Sehenden unter lauter Blinden. Auch wenn es der medizinische „Fortschitt“ der Blinden behauptet, dass man die „Krankheit“ sehen zu können, einfach mit dem Entfernen der zwei kranken Geschwüre im Kopf kurieren könnte, ist es manchmal vielleicht nicht schlecht das Anderssein einfach zu tolerieren und zu akzeptieren. Es als menschlich zu sehen und nicht als Krankheit die es auszumerzen gilt. Klar dass es nicht für Polio oder so gilt, aber ich denke ein wenig mehr Menschlichkeit würde hier nicht schaden!

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  2. raskalnikow says :

    Salut,
    am Ende des Artikels erweckst du den Eindruck, dass die an Polio Erkrankten ihr weiteres Leben in der Eisernen Lunge verbringen mussten. Dem war aber nur in wenigen Fällen so. Aus dem zitierten Wikipediaartikel: „Viele Polio-Patienten benötigten die Eisernen Lungen nur in der Akutphase der Erkrankung bis zum Wiedereinsetzen der Muskelfunktion. Einige Patienten benutzten sie nur über Nacht, andere kontinuierlich.“
    Tut mir Leid, dass ich am sonst (wie immer bei dir) hervorragenden Artikel rummäkel…

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  3. Arne Babenhauserheide says :

    Ich finde es schade, dass du deinen gesamten Artikel auf einer Spitzfindigkeit aufziehst. Du sagst „Krankheiten sind etwas, das wir bekämpfen können“ (was ich positiv finde), lässt aber die Frage weg, was eigentlich eine Krankheit ist, und warum wir sie als negativ sehen.

    Der Artikel von Kurth ist etwas missverständlich, und du wählst genussvoll die schlechtest mögliche Interpretation – und greifst dabei noch zu kurz.

    Er sagt „wer eine Behinderung als schlecht bezeichnet, bezeichnet damit automatisch behinderte Leute als schlecht“, dass die Wertung sich also nicht von den Betroffenen Personen isolieren lässt. Wer sagt „nicht gehen zu können ist schlecht“ sagt automatisch „Leute, die nicht gehen können, sind schlecht“.

    Der Artikel lässt sich verstehen als „wir sollten Leute verkrüppeln und mit Krankheiten infizieren“, aber das greift zu kurz. Kurth sagt in seinem Artikel, dass Krankheit und Erkrankte nicht voneinander getrennt werden können. Der Argumentation folgend kann der letzte Satz sich nur auf Krankheit und Erkrankten zugleich beziehen und heißt schlicht und einfach: „Wir sollten eine Krankheit oder eine Behinderung nicht zum Stigma werden lassen, sondern positiv damit umgehen“ – was dadurch nochmal offensichtlicher wird, dass er den Text als Abgrenzung von Singers Philosophie schreibt.

    Die eigentlichen Fragen, die eure beiden Artikel aufwerfen, lässt du leider außen vor: „Welche Mittel sind zur Bekämpfung von Krankheiten legitim?“ Und „Was ist eigentlich Krankheit, und wodurch wird sie zum Problem?“.

    Wäre eine Krankheit, die Leute zu sozialem Verhalten ermutigt, etwas das man bekämpfen sollte?

    Und ab wann entsteht aus dem Kampf gegen Behinderungen ein sozialer Druck gegen jede Art des Anders-Sein?

    Für mich ist eine Krankheit oder Behinderung dann etwas negatives, wenn sie sowohl dem Individuum als auch der Gesellschaft große Kosten verursacht ohne etwas entsprechendes zurückzugeben, wenn also sowohl das Individuum als auch die Gesellschaft die Krankheit nicht haben wollen – betrachtet über das gesamte Leben, was leider nur im Nachhinein möglich ist, d.h. wir müssen normative Entscheidungen treffen. Da die Antwort, ob etwas negativ ist, nur im Nachhinein sicher möglich ist, sollten wir mit dem Begriff „Behinderung“ vorsichtig umgehen und lieber mehr Anders-Sein akzeptieren.

    Als provokative Frage: Ist der kurzsichtige Egoismus der Manager, die die Finanzkrise verursacht haben, eine Behinderung, die wir ausmerzen sollten?

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    • evidentist says :

      Es handelt sich hier nicht um eine Spitzfindigkeit. Es ist die zentrale Aussage der Mitteilung, auf die ich abziele. Das ist sein Punkt. Ich sympathisiere durchaus mit einigen grünen Positionen, aber der moralische Relativismus gehört nicht dazu. Er ist ein ernstes Problem. Lies zu diesem Thema Sam Harris.
      Warum soll ich definieren, was Krankheit eigentlich ist? Es reicht mir, dass so gut wie alle Menschen eine Präferenz gegen sie gemeinsam haben. Auch (und besonders) die Kranken. Es reicht mir, dass sich fast alle Ärzte und Patienten sehr schnell darauf einigen können, was jeweils das Problem ist. Ich spreche nicht von Grenzfällen wie kosmetische Chirurgie oder von den katholischen Irren, die Schwule heilen wollen. Ich schlage vor, Du gehst mal ins Wartezimmer der nächsten Kinderklinik und holst Meinungen ein zu Deiner „eigentlichen“ Frage: „Was ist eigentlich Krankheit, und wodurch wird sie zum Problem?“

      Er sagt „wer eine Behinderung als schlecht bezeichnet, bezeichnet damit automatisch behinderte Leute als schlecht“, dass die Wertung sich also nicht von den Betroffenen Personen isolieren lässt.

      Ja, das meint er, und darin widerspreche ich ihm. Es ist offensichtlich falsch. Es ist Unsinn. Eigentlich fällt mir nicht viel mehr dazu ein. Ich hab ja auch oben lang und breit darüber geschrieben.
      Dieser ganzen Denkweise liegt die postmoderne Irrlehre zugrunde, alles sei sozial konstruiert. „Wir sind nicht behindert, wir werden erst zu Behinderten gemacht.“ „Wir sind keine Mädchen, wir werden erst zu Mädchen gemacht.“ Lies zu diesem Thema Steven Pinker, „Das unbeschriebene Blatt“. Danach diskutiere ich gern weiter.

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