Peter Singer und der Kampf um Anerkennung

An der Debatte über Peter Singer, wie sie gegenwärtig aus Anlass der Verleihung des Ethikpreises der Giordano-Bruno-Stiftung wieder geführt wird, zeigen sich die Grenzen eines vernünftigen öffentlichen Diskurses über emotionale und komplexe Themen. Wir sind alle bereit, über vieles zu diskutieren, aber wir werden alle zunehmend ungehalten, wenn Überzeugungen in Frage gestellt werden, die unsere eigene Identität betreffen.

Ich persönlich stehe auf der Seite derjenigen, die glauben, dass eine Debatte über die schwierigen ethischen Fragestellungen, die Peter Singer aufwirft, nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig ist. Meine Überzeugung ist, dass wir für die Entscheidung moralischer Fragen kein besseres Werkzeug haben als das klare Denken. In der Wertedebatte bietet die analytische Ethik die besten Chancen, zu tragfähigen Lösungen zu kommen. Je mehr auf dem Spiel steht, desto weniger sollten Autorität, Religion, Tradition, Emotion und Erfahrung  eine Rolle spielen. Das gilt insbesondere für relativ neue Optionen, die sich aus dem Einsatz neuer Technologien ergeben, für die wir emotional überhaupt nicht gerüstet sein können. Zu meinem Weltbild gehört die Überzeugung, dass wir emotional weit hinter unseren technologischen, aber auch analytischen Fähigkeiten herhinken, ebenso wie unsere traditionellen Institutionen.

Aber ich habe leicht reden: Ich bin nicht betroffen. Ich lebe ohne angeborene oder erworbene Behinderung. Ich rede von Behinderungen wie der Blinde von der Farbe. Wir verlangen von den Debatten-Gegnern, dass sie von ihrer eigenen emotionalen Position abstrahieren. Sie sollen Argumente bringen, aber ihre Emotionen und Erfahrungen lassen wir nicht als Argument gelten. In meinem letzten Posting zeigte ich mich verblüfft und ungehalten, dass jemand die Unterscheidung zwischen behinderter Person und Behinderung nicht treffen will und sogar bereit ist, die Konsequenzen zu akzeptieren, nämlich dass der Wert der Person damit auf die Behinderung übergeht. Ich stehe immer noch dazu, dass diese Unterscheidung von zentraler moralischer Bedeutung ist. Aber ich will hier etwas anderes versuchen: Ich will versuchen, mich in die Position der Gegenseite hineinzuversetzen.

Der Widerstand gegen eine Debatte über Peter Singer geht am vehementesten von Menschen aus, die selbst behindert sind, und von Menschen, die beruflich oder privat mit Behinderten zu tun haben, ihre Eltern, Verwandten, Betreuer. Diese Menschen fühlen sich direkt betroffen, wenn die Unterscheidung zwischen behinderter Person und Behinderung getroffen wird. Sie fühlen sich angegriffen. Ich kann das verstehen. Ich will versuchen zu erläutern, in welchem Sinn.

Unsere Überzeugungen bilden unser Weltbild, und unsere Überzeugungen über uns selbst bilden unser Selbstbild, unsere Identität. Dieses Selbstbild ist zwar nur ein Teil unseres Weltbildes, aber es ist der zentrale Teil. Wir schützen dieses Selbstbild. Wir lassen nichts an diesen inneren Kern herankommen, wir ziehen mächtige Verteidigungslinien auf. Einige der Überzeugungen, die wir über uns selbst hegen, sind relativ unwichtig, wir können sie an die Daten anpassen, wenn diese sich ändern. So könnte ich schon immer Pistazieneis abgelehnt haben, weil ich überzeugt war, dass ich es nicht mag, bis ich es einmal aus Versehen probiere und feststelle, dass es mir doch schmeckt. Ich kann heute noch stolz darauf sein, ein noch vollständiges Gebiss zu haben, und morgen schon muss ich einsehen, dass sich das geändert hat. Das alles sind Überzeugungen an der Peripherie meines Selbstbildes, obwohl im Falle des fehlenden Zahns schon meine körperliche Integrität betroffen ist. Aber alle 32 Zähne zu haben, war nie wesentlicher Bestandteil meines Selbstbildes. Aber manche Aspekte meines Selbstbildes sind zentral. Sie bilden meine Identität.

Vermutlich sehen Blinde nicht nur schwarz, aber Sehende stellen sich Blindsein so vor

Wie wäre es zum Beispiel, wenn ich blind zur Welt gekommen wäre? So wie viele andere Menschen, die in die Welt mit einem Sinn weniger als die meisten anderen hineinwachsen. Probleme für ihre Identität erwachsen daraus nicht. Die Probleme erwachsen daraus, dass unsere Welt in ihren Anforderungen standardmäßig davon ausgeht, dass jeder sehen kann. Diese Anforderungen sind so gewichtig, dass ich als Blinder auf die Unterstützung anderer angewiesen bin. Die Blindheit wird zu einem zentralen Merkmal meiner Person. Ich weiß, wie es sich anfühlt, blind zu sein, ich weiß, wie es anderen geht, die blind sind, ich fühle mich ihnen verbunden. Druck von außen erzeugt Bindung nach innen. Ich gehöre zur Gemeinschaft der Blinden. Ungewollt und unvermeidlich werden wir durch unsere Lebenswelt diskriminiert und ausgeschlossen, auch wenn sich alle anderen Menschen um uns herum bemühen, uns nicht zu diskriminieren und auszuschließen. Aber manchmal gehen sie ins Kino, und keiner fragt mich, ob ich mitkommen möchte. Auf diese Weise wandert das Merkmal Blindheit immer weiter in den Kern meines Selbstbildes hinein. Es wird zum bestimmenden Teil meiner Identität. Ich bin nur ich, wenn ich blind bin.

In dieser Situation kommt nun ein Forscher mit einer bahnbrechenden neuen Therapie daher, die Blindheit vorgeburtlich heilen kann. Nicht etwa dadurch, dass Blindheit frühzeitig erkannt und die Schwangerschaft daraufhin abgebrochen werden könnte. Nein, das Sehvermögen des blinden Embryos kann wiederhergestellt werden. Hätte es diese Therapie schon vor meiner Geburt gegeben, wäre ich zwar trotzdem zur Welt gekommen, aber dennoch hätte es mich nie gegeben. Denn Blindheit gehört inzwischen zu meiner Identität. Wäre ich nicht blind, so wäre ich jemand anderes. Insofern bedroht diese Therapie meine Identität. Und zwar gleich mehrfach:

  1. Sie macht deutlich, dass die meisten anderen Menschen mein Identitätsmerkmal für sich selbst oder für ihre Kinder ablehnen. Es gilt ihnen als Unglück.
  2. Sie verhindert die Entstehung von Menschen, die das Merkmal aufweisen, das meine Identität ausmacht.
  3. Sie schwächt die Gemeinschaft, auf die ich existentiell angewiesen bin.
  4. Sie schwächt den Druck auf die Gemeinschaft der Sehenden, ihre Infrastruktur so zu ändern, dass auch wir Blinden sie nutzen können.

Die Therapie bedroht also meine Identität. Bedroht sie auch meine Existenz? Nicht direkt, aber es fühlt sich so an.

Jetzt wird von mir erwartet, dass ich „objektiv alle Interessen gleich gewichte“, dass ich einsehen soll, dass meine Identität als vermeidbare Verletzung von Interessen gilt, und zwar von Menschen, die noch nicht geboren wurden. Ich weiß aber – aus der Innenperspektive – dass mein Identitätsmerkmal für mich und meine Existenz kein Problem ist. Alle Probleme erwachsen nur daraus, dass meine Lebensumwelt den Sehsinn wie selbstverständlich voraussetzt. Das bestätigt meine Überzeugung: Das Problem ist nicht meine Blindheit, das Problem ist die Einstellung der anderen. Das Problem ist nicht individuell, es ist politisch. Aber damit auch die anderen, die nicht blind sind, dieses Problem als politisch erkennen, darf die Blindheit nicht als individuelle Behinderung, als heilbar gelten, sondern sie muss zu einer neutralen Option werden. Das ist der Sinn des Slogans „Wir sind nicht behindert, wir werden erst dazu gemacht.“

Wenn wir nun das Therapiebeispiel so ändern, dass Blindheit frühzeitig erkannt und die Schwangerschaft daraufhin abgebrochen werden kann, so sehen wir, dass sich für mich nicht viel ändert. Alle vier obengenannten Punkte gelten genauso. Meine Existenz wäre ebenfalls nicht bedroht, aber es würde sich so anfühlen. Ich schließe daraus, dass es den Betroffenen bei der Singer-Debatte nicht in erster Linie um das Lebensrecht geht, sondern um ihre Anerkennung. Und die Ablehnung der Unterscheidung zwischen behinderter Person und Behinderung ist der Versuch, dieser Forderung nach Anerkennung Nachdruck zu verleihen.

Auch wenn ich die Motive soweit nachvollziehen kann, bleibt es dabei, dass diese Unterscheidung moralisch geboten ist. Außerhalb dieses Zusammenhangs zieht sie auch niemand je in Zweifel. Es gibt Schutzbrillen gegen Funkenschlag, es gibt überhaupt Brillen, und keine Demos von Blinden vor Optikerläden. Dass wir alle es vorziehen, sehend zu sein, und Maßnahmen treffen, um unser Augenlicht zu schützen oder zu verbessern, ist keine Bedrohung für die Anerkennung, die wir Menschen ohne Augenlicht entgegenbringen.

Aber der wichtigste Punkt ist vielleicht, dass auch der Wert Anerkennung kein absoluter Wert ist. Er ist ein wichtiger Wert, und wenn Menschen dafür streiten, anerkannt zu werden, so ist das nicht bloß legitim, sondern ihre Anerkennung ist auch moralisch geboten. Aber es ist ebenso richtig und legitim, und moralisch ebenso geboten, alles für die Gesundheit eines Kindes zu tun, auch vor seiner Geburt.

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Harald Stücker

11 responses to “Peter Singer und der Kampf um Anerkennung”

  1. Dr. Theodor Ebert says :

    Harald,
    danke für die klaren Worte und das saubere Argument.
    Theo Ebert

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    • Gleichklang.de says :

      Klarheit bedeutet, dass Unsicherheit reduziert wird. Für das Bemühen um Klarheit steht (u.a.) die Motivation, die Emotion Angst zu reduzieren. Sauberkeit ist das Gegenteil von Unsauberkeit und für Unsauberkeit steht u.a. die Emotion Ekel. Es wäre einmal interessant, eine statistische Untersuchung mit angemessener Kontrollbedingung durchzuführen, aber mein (noch subjektiver) Eindruck ist, dass bei befürwortenden Stellungnahmen/Kommentaren zur Singer-Problematik seitens zustimmender Äußerungen besonders oft Wertungen verwandt werden, die eine Assoziation mit diesen beiden Emotionen beinhalten. Wenn dem so wäre, wäre dies konsistent mit meinen im obigen Kommentar zum Haupttext ausgesprochenen Vermutungen.

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  2. Gleichklang.de says :

    Singer will nun nicht das Prinzip der Benefit of the Doubt anwenden, sondern er will bei nicht gesicherter Datenlage aktiv werden. Er kalkuliert bereits mit ein, dass bei der Umsetzung von Tötungshandlungen heute sich morgen bei einer unbekannten Anzahl von Fällen herausstellen wird, dass nicht Nicht-Personen, sondern Personen getötet wurden. Auch den möglichen und sogar den bereit stattgefundenen (siehe Down Syndrom) wissenschaftlichen Fortschritt blendet er aus. 4. Es ist wohl ein Irrtum (jedenfalls eine reine Behauptung), dass die Hauptkritik der Betroffenen sich nicht auf das Absprechen des Lebensrechtes, sondern auf nicht hinreichende Anerkennung bezöge. Hier hilft vielleicht etwas Empathie: Stellen Sie sich einmal vor, dass Sie oder ihre Verwandten/Freunde besondere Merkmale aufweisen würden (was auch immer) und dann ernsthaft ihr Lebensrecht in Frage gestellt würde. Würden Sie das nicht doch schlimmer finden als wenn man ihnen nur die Anerkennung verweigerte? 5. Abschließend zur Frage der emotionalen Motiviertheit: Sie selbst sorgen sich, dass Ihr Beitrag arrogant wirken könnte. Sie werden Grund gehabt haben, warum diese Befürchtung bei ihnen überhaupt aufgetaucht ist. Sie kommt nicht aus dem Nichts, sondern sie werden den Grund bei nüchterner Betrachtung in Ihrem Text finden. Es ist unstrittig, dass alles menschliche Urteilen und Handeln inwendig mit emotionalem Erleben verbunden ist. Dies betrifft aber nicht nur die Gegner von Singer, es betrifft ebenso Singer selbst und es betrifft ebenso seine Anhänger. Aus Ihrem Text entsteht der Eindruck, dass Sie sich nur für die (von Ihnen angenommenen) Emotionen des Opponenten interessieren, Ihre eigenen Emotionen aber weder reflektieren noch offen legen wollen. Somit sei mir erlaubt (genau so hypothetisch wie Sie dies bezüglich der von Ihnen als Betroffene bezeichneten tun) Hinweise auf die mögliche emotionale Motiviertheit von Singer und seiner Anhänger zu geben, wobei man sich nicht täuschen lassen sollte. Eine (scheinbar) hochgradig rationale Argumentation bedeutet eben nicht, dass besonders wenig Emotionen im Spiel wären, das Gegenteil mag der Fall sein. Was könnte also die Argumentation derjenigen sein, die immerhin viel Zeit und Energie darauf verwenden, (positiv formuliert) zu untersuchen, welche Arten von Menschen man ggf. töten dürfe? Würden sie sich ausschließlich auf Menschen konzentrieren, die hochgradig leiden und keine Möglichkeiten zur Leidelimination erkennbar sind, dann könnte sich u.a. vielleicht die prosoziale Emotion „Mitleid“ aufdrängen. Da dies aber bei Singer eben nicht (jedenfalls nicht ausschließlich) der Fall ist, kann Mitglied keine hinreichende Erklärung sein. Wenn wir jetzt zusätzlich feststellen müssen, dass (jedenfalls der größte Teil) der Anhänger von Singer und auch er selbst, obwohl sie sich doch mit diesem Thema beschäftigen, sowohl konkretisierte längere praktische Bezüge vermeiden (z.B. Arbeit mit Kindern mit Down Syndrom) und zudem die Forschungsliteratur zu Entwicklungsmöglichkeiten nicht oder kaum zur Kenntnis nehmen, erscheinen andere Emotionen als aussichtsreiche Kandidaten: Angst und Ekel. Wovor man Angst hat und wovor man sich ekelt, das vermeidet man und man ist froh, wenn es weg ist. Wir neigen dabei dazu, uns insbesondere davor zu fürchten und teilweise auch uns davor zu ekeln, was uns fremd ist. Warum tendieren (im Durchschnitt) Menschen, die behindert sind oder mit Menschen arbeiten, die behindert sind, dazu, Singer zu kritisieren? Warum arbeiten Anhänger Singers im Regelfall nicht praktisch (im psychosozialen Sinne) mit behinderten und sind auch im Regelfall keine Behinderten? Wenigstens ein Teil der Antwort dürfte sein, dass Gefühle von Angst, aber auch von Ekel die emotional motivierende Basis für die rationalisierte Begründung von Tötungserlaubnissen ist. Weil sie nur die von Ihnen angenommenen Emotionen der sogenannten Betroffenen thematisieren, aber die Emotionen der Anhänger von Singer ausblenden, enthält Ihr Beitrag in der Tat eine nicht unerhebliche Portion Arroganz.

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  3. Harald Stücker says :

    Eine sehr ausführliche Antwort auf dieses Posting hat Gleichklang.de auf Facebook gepostet. Ich erlaube mir, sie hier zu zitieren, nicht zuletzt auch, um sie der Facebook-Amnesie zu entreißen :

    Da ja dazu eingeladen wurde, gerne ein paar Anmerkungen, wobei am Ende aus dem vorherigen Folgend das Emotionalitäts-Argument betrachtet wird:
    1. Das Verblüffende an dem Werk von Singer, soweit es sich auf Behinderte bezieht, ist die Abwesenheit einer Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand über Entwicklungsmöglichkeiten, Lebensqualität und interindividuelle Differenzen von Personen, die von bestimmten Behinderungen betroffen sind. Eine solche Auseinandersetzung wäre aber notwendig gewesen, da Singer selbst (wenn auch anekdotisch) über Themen, wie Lebenszufriedenheit und Entwicklungsmöglichkeiten schreibt und dies dezidiert im Kontext seiner Argumentation zur Frage des Lebensrechtes. Man gewinnt den Eindruck, dass Singer nach dem Motto verfährt, einseitig nach seine subjektiven Vorstellungen verifizierendebn Defiziten zu suchen, während er es vermeiden möchte, sich mit falsifizierenden Informationen auseinandersetzen.
    2. Singer hat Diagnose-Gruppen benannt und in höchst oberflächlicher Art und Weise einige von deren medizinischen Problemen aufgeführt, die dazu führen sollen, dass Kinder mit diesen Diagnosen getötet werden können. Dies betrifft Menschen, von denen jeder, der mit ihnen arbeitet, aber auch sie selbst wissen, dass sie eine hohe subjektive Lebensqualität erreichen können. Ebenso ist nebenbei unstrittig, dass diese Menschen Erwartungen für die Zukunft formulieren können etc, individuell variierende Wünsche entwickeln, soziale Beziehungen eingehen und ggf. auch berufstätig werden. Singer rechtfertigt die Tötung solcher Menschen mit dem Argument, sie könnten weniger erreichen als gesunde Kinder, könnten deren Ressourcen verbrauchen und sollten daher ggf. durch diese ersetzt werden. Damit argumentiert er essentiall, dass sie parasitär seien und entfernt werden können. Das Argument ist (da die Kriterien willkürlich sind) jederzeit auf weitere Personengruppen ausdehnbar.
    3. Bei aller Wertschätzung der Fähigkeit zur Prädiktion der Zukunft, will ausgerechnet Singer die Zukunft nicht prädiktieren können. Unterstellt wir akzeptieren seine Unterscheidung zwischen Personen und Nicht-Personen, so sind dennoch alle genannten und auch alle möglichen Kriterien abhängig von empirischen Befunden, die sich ständig ändern, es sei denn wir geben uns mit reinen Behauptungen zufrieden. Singer will nun nicht das Prinzip der Benefit of the Doubt anwenden, sondern er will bei nicht gesicherter Datenlage aktiv werden. Er kalkuliert bereits mit ein, dass bei der Umsetzung von Tötungshandlungen heute sich morgen bei einer unbekannten Anzahl von Fällen herausstellen wird, dass nicht Nicht-Personen, sondern Personen getötet wurden. Auch den möglichen und sogar den bereit stattgefundenen (siehe Down Syndrom) wissenschaftlichen Fortschritt blendet er aus.
    4. Es ist wohl ein Irrtum (jedenfalls eine reine Behauptung), dass die Hauptkritik der Betroffenen sich nicht auf das Absprechen des Lebensrechtes, sondern auf nicht hinreichende Anerkennung bezöge. Hier hilft vielleicht etwas Empathie: Stellen Sie sich einmal vor, dass Sie oder ihre Verwandten/Freunde besondere Merkmale aufweisen würden (was auch immer) und dann ernsthaft ihr Lebensrecht in Frage gestellt würde. Würden Sie das nicht doch schlimmer finden als wenn man ihnen nur die Anerkennung verweigerte?
    5. Abschließend zur Frage der emotionalen Motiviertheit: Sie selbst sorgen sich, dass Ihr Beitrag arrogant wirken könnte. Sie werden Grund gehabt haben, warum diese Befürchtung bei ihnen überhaupt aufgetaucht ist. Sie kommt nicht aus dem Nichts, sondern sie werden den Grund bei nüchterner Betrachtung in Ihrem Text finden. Es ist unstrittig, dass alles menschliche Urteilen und Handeln inwendig mit emotionalem Erleben verbunden ist. Dies betrifft aber nicht nur die Gegner von Singer, es betrifft ebenso Singer selbst und es betrifft ebenso seine Anhänger. Aus Ihrem Text entsteht der Eindruck, dass Sie sich nur für die (von Ihnen angenommenen) Emotionen des Opponenten interessieren, Ihre eigenen Emotionen aber weder reflektieren noch offen legen wollen. Somit sei mir erlaubt (genau so hypothetisch wie Sie dies bezüglich der von Ihnen als Betroffene bezeichneten tun) Hinweise auf die mögliche emotionale Motiviertheit von Singer und seiner Anhänger zu geben, wobei man sich nicht täuschen lassen sollte. Eine (scheinbar) hochgradig rationale Argumentation bedeutet eben nicht, dass besonders wenig Emotionen im Spiel wären, das Gegenteil mag der Fall sein. Was könnte also die Argumentation derjenigen sein, die immerhin viel Zeit und Energie darauf verwenden, (positiv formuliert) zu untersuchen, welche Arten von Menschen man ggf. töten dürfe? Würden sie sich ausschließlich auf Menschen konzentrieren, die hochgradig leiden und keine Möglichkeiten zur Leidelimination erkennbar sind, dann könnte sich u.a. vielleicht die prosoziale Emotion „Mitleid“ aufdrängen. Da dies aber bei Singer eben nicht (jedenfalls nicht ausschließlich) der Fall ist, kann Mitglied keine hinreichende Erklärung sein. Wenn wir jetzt zusätzlich feststellen müssen, dass (jedenfalls der größte Teil) der Anhänger von Singer und auch er selbst, obwohl sie sich doch mit diesem Thema beschäftigen, sowohl konkretisierte längere praktische Bezüge vermeiden (z.B. Arbeit mit Kindern mit Down Syndrom) und zudem die Forschungsliteratur zu Entwicklungsmöglichkeiten nicht oder kaum zur Kenntnis nehmen, erscheinen andere Emotionen als aussichtsreiche Kandidaten: Angst und Ekel. Wovor man Angst hat und wovor man sich ekelt, das vermeidet man und man ist froh, wenn es weg ist. Wir neigen dabei dazu, uns insbesondere davor zu fürchten und teilweise auch uns davor zu ekeln, was uns fremd ist. Warum tendieren (im Durchschnitt) Menschen, die behindert sind oder mit Menschen arbeiten, die behindert sind, dazu, Singer zu kritisieren? Warum arbeiten Anhänger Singers im Regelfall nicht praktisch (im psychosozialen Sinne) mit behinderten und sind auch im Regelfall keine Behinderten? Wenigstens ein Teil der Antwort dürfte sein, dass Gefühle von Angst, aber auch von Ekel die emotional motivierende Basis für die rationalisierte Begründung von Tötungserlaubnissen ist. Weil sie nur die von Ihnen angenommenen Emotionen der sogenannten Betroffenen thematisieren, aber die Emotionen der Anhänger von Singer ausblenden, enthält Ihr Beitrag in der Tat eine nicht unerhebliche Portion Arroganz.

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    • Harald Stücker says :

      Vielen Dank für den langen Kommentar, Gleichklang.
      Leider sind das sehr viele Worte, die nur zum Teil auf mein Argument eingehen, stattdessen aber in erster Linie immer noch den Vorwurf transportieren, ein perfider Philosoph würde Personen mit Behinderung nach dem Leben trachten. Ich dachte, wir wären weiter. Lebensrecht für alle, Lebenspflicht für niemanden. Das ist meine Position, die Position der gbs und auch die Peter Singers. Würde Singer eine andere Position vertreten, insbesondere die, die Sie unterstellen, wäre ich nicht einverstanden. Ich verstehe mich nicht als Anhänger Singers, sondern als Befürworter einer Diskussion seiner Thesen. Denn die moralischen Probleme, die er behandelt, sind real, sie sind unabweisbar, und sie gehen nicht weg, nur weil wir uns von ihnen abwenden.
      Ich habe mit meinem Text allerdings eine bestimmte Frage zu klären versucht, nämlich: Wie kann jemand auf rational nachvollziehbare Weise die Unterscheidung zwischen Behinderung und behinderter Person ablehnen? Meine Antwort zielt auf die Vermutung ab, dass es ein politisches Stratagem ist, und dass hier die sehr legitime Lobbyarbeit für Menschen mit Behinderungen über das Ziel hinausschießt. Und das ist keine Nebensächlichkeit. Daraus entsteht nämlich Widerstand gegen medizinische Optionen, insbesondere gegen pränatale oder perinatale Therapien von Behinderungen. Auch der Widerstand gegen die PID speist sich dort, wo sie nicht religiös motiviert ist, aus dieser Position. Diesen Widerstand, der m.E. offensichtlich moralisch falsch ist, wollte ich erklären.
      Zur Arroganz: Meine Befürchtung war eher, dass ein Blinder argumentieren könnte, es sei anmaßend zu denken, man könne sich so einfach in seine ganz besondere Innensicht hineinversetzen. Was allerdings nicht ganz zu der von mir kritisierten Position passen würde, Blindheit sei einfach nur ein anderer Way of Life.

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      • Gleichklang.de says :

        Es ist falsch, dass Singer ein Lebensrecht für alle postuliert. Vielleicht tun das Sie, das wäre aber glaubhafter, wenn Sie zugeben, dass Singer dies nicht tut und sich dann davon (weil es ja Ihrer Position widerspräche) distanzierten. Wenn Sie nicht einmal zugeben, dass Singer kein Lebensrecht für alle Menschen fordert, dann ist die Diskussion mit Ihnen schwierig. Die meisten Singer-Anhänger geben rundheraus zu, dass Singer kein Lebensrecht für alle vertritt, wie er es ja auch ausführlich und eindeutig schreibt. Warum gehen Sie hier einen anderen Weg?

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        • Harald Stücker says :

          In der Tat kann der Slogan „Lebensrecht für alle, Lebenspflicht für niemanden“ missverstanden werden. „Lebensrecht für alle“ ist nicht gleichbedeutend mit „Lebensrecht für alle Menschen“. Singer ist ja bekannt für sein Bestreben, die Speziesgrenze zwischen Menschen und anderen Tieren aufzuheben. Daraus vor allem folgen seine umstrittenen Thesen. Kein menschliches Baby, ob behindert oder nicht, hat ein so großes Interesse am Überleben wie etwa ein erwachsener Schimpanse. Somit stünde diesem ein mindestens ebenso gewichtiges Lebensrecht zu. Der Slogan „Lebensrecht für alle“ geht also weit über den Kreis der Menschen hinaus, dabei erfasst er nicht alle Angehörige unserer Spezies, sondern alle Wesen, die ein Interesse an ihrem Überleben haben.
          Der Zuschreibung eines Lebensrechts muss ein (eigenes) Interesse am Leben vorausgehen. Wo kein Überlebensinteresse vorliegt, ergibt ein Lebensrecht keinen Sinn. Die These von der Heiligkeit des (menschlichen) Lebens, gegen die sich Singer wendet, impliziert aber nicht nur ein Recht auf, sondern auch eine Pflicht zum Leben, auch wenn kein solches Interesse besteht, auch wenn im Gegenteil ein Interesse daran besteht, das eigene Leben zu beenden. Eine solche Pflicht zum Leben ist abzulehnen. Diesen Punkt blenden viele Befürworter eines unbedingten Lebensrechts aus.

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      • Harald Stücker says :

        Noch eine Antwort von Gleichklang.de auf Facebook:

        Leider klappt das irgendwie mit der Kommentarfunktion nicht (oder Kommentare werden nicht freigeschaltet). Deshalb hier die letzte Antwort: Die Analyserichtung der Anhänger von Singer scheint zu sehr und vor allem allein die Frage zu sein, was die Kritiker von Singer motiviert. Das ist eine legitime Fragestellung, wenn man ebenso die Motive der Anhänger von Singer untersucht, natürlich einschließlich der mit den Motiven verknüpften Emotionen. Bei den Singer-Kritikern wären z.B. emotional in erhöhtem Ausmaß zu erwarten Empörung/Ärger, u.a. weil das Lebensrecht behinderter Kinder durch Singer infrage gestellt bzw. verneint wird. Bei den Singer-Anhängern wären z.B. in erhöhtem Ausmaß Gefühle von Ekel gegenüber Behinderten zu erwarten, was im Sinne eines Beseitigungsimpulses erklären könnte, warum diese ein so hohes Engagement für diese Thematik zeigen, ohne sich aber im Regelfall mit behinderten Menschen und deren Entwicklungsmöglichkeiten vertraut zu machen. Singer-Anhänger könnten insofern – um Ihre Analyse nun nicht nur auf die Kritiker anzuwenden- aus einer überschießenden Ekelreaktion heraus handeln/urteilen, wobei sie ihre Gefühle aber rationalisieren, weshalb sie wiederum gerne dem Gegner Emotionalität vorwerfen oder unterstellen. Singer-Anhänger wiederum mögen sich – ggf. aus überschießender Ärger-Reaktion – zu stark gegen randständige Aspekte wenden, weil diese eben auch mit Singer assoziiert werden oder als Wegbereiter der von Singer vertretenen These dienen könnten, dass z.B. Kinder mit Down Syndrom oder Bluter ggf. getötetet werden könnten, um dadurch die Ressourcen für gesunde Kinder besser zu nutzen.
        Beiden gemeinsam mag Angst sein. Bei den Anhängern die Angst vor den Behinderten (weshalb vielleicht auch Singer selbst alles Mögliche an empirischen Behauptungen über inneres Erleben von Behinderten aufstellt, aber die diesbezügliche Forschungsliteratur vermeidet). Bei den Kritikern die Angst vor den Anhängern und wie eine Gesellschaft wäre, wenn diese sich durchsetzten.

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  4. Harald Stücker says :

    Eine weitere Antwort auf Facebook von Thomas Trotter:

    Verspätet nun doch meine Antwort, wobei ich mir nicht ganz so sicher bin, ob sich diese Mühe lohnt.

    Unterscheidung Behinderung – Behinderte:
    Christliche Fundamentalisten reden sich gerne damit heraus, dass sich nicht gegen Homosexuelle hätten, „nur“ gegen Homosexualität. Ist da auch eine Unterscheidung Homosexualität – Homosexuelle zu machen, oder ist das Humbug.

    In das EU-Parlament werden Gesetzesvorschläge eingebracht, in denen von der Ausmerzung von erbbedingten Krankheiten die Rede ist. Wie soll das auf Betroffene wirken, die Träger dieser Krankheiten ist? Kein Behinderter würde eine Behandlung auslassen, die eine Besserung oder sogar eine Heilung versprechen würde (Wobei Behinderungen, die heilbar sind, Krankheiten sind und keine Behinderung, rein von der Definition). Nur ist die Gentherapie nicht mal in den Kinderschuhen. Und so würden diese erbbedingten Krankheiten nicht geheilt, sondern ausselektiert. Und damit auch die Träger dieser Krankheiten.

    Identität:
    Ich werde durch nichts daran gehindert „ Ich“ zu sein. Für die Identität ist es nicht entscheidend, welche Fähigkeiten wir nicht haben. Wichtiger sind meiner Meinung nach die Fähigkeiten, die wir haben und ob diese zu den Wünschen passen, die wir haben. Schränkt es den Menschen ein, nicht fliegen zu können oder so schnell zu sein wie ein Gepard? Ich denke nicht. Vielmehr kann es durchaus die Wünsche beflügeln. Nur wenn man als Blinder seine Berufung in einem Beruf wie Maler oder Fotograf sehen würde, hätte man ein Problem. Oder wenn das Fliegen doch eine Grundvoraussetzung wäre, um an der Gesellschaft teilhaben zu können. Von der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein, ist eine größere Last, als das Fehlen einer Fähigkeit, wie z.B. die des Sehens.

    Übrigens ist Peter Singer nicht nur im deutschsprachigen Raum umstritten. Als er seine Professur in Princeton antrat, hatte er es wider Erwarten ebenfalls mit massiven Protesten zu tun. Und die vertretenen Behindertengruppen vertraten ebenfalls die Ansicht, dass man mit ihm nicht diskutieren solle. Schließlich würden (schwarze) Bürgerrechtsgruppen auch nicht Sprecher des Aryan Nation oder KKK einladen, um über Bürgerrechte zu sprechen.

    Eine Betroffene, die sich dann doch zweimal mit Peter Singer getroffen hat ist Harriet McBryde Johnson. Ihre Eindrücke hat sie 2003 in einem eindrücklichen Bericht im NYT Magazine geschildert. http://www.nytimes.com/2003/02/16/magazine/unspeakable-conversations.html?pagewanted=print&src=pm

    Ich glaube allerdings, dass sie Welt von Peter Singer nicht ganz so theoretisch ist und dass sie auch schon mal Wirklichkeit war.

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  5. Klaus Klausen says :

    Weiß hier jemand genau,wie es dazu kam,daß der neue Schwunggeber des Great-Ape-Projektes der Giordano-Bruno-Stiftung,der feine Herr Dr.Colin Goldner,die politischen Seiten gewechselt hat und neben einem anderen feinen Herren,Singer,der Menschen mit Handicap so herabwürdigend mit dem Tode bedroht,steht?Irgendwelche Synapsen scheinen bei beiden Herren ,mir scheint absichtlich,schiefzusteuern.

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