Kein Beifall für Ratzinger!

Muster für einen offenen Brief an Ihren Abgeordneten im Deutschen Bundestag

Sehr geehrte Frau Abgeordnete, sehr geehrter Herr Abgeordneter,

Am 22. September 2011 wird Papst Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger vor dem Deutschen Bundestag reden. Er gilt als religiöser Führer und als Staatsoberhaupt. Wenn er als religiöser Führer spricht, stellt sich die Frage: Wann lädt der Deutsche Bundestag Ayatollah Khamenei ein? Wenn er als Staatsoberhaupt spricht, so spricht er als Oberhaupt eines der beiden Staaten, welche die Europäische Menschenrechtskonvention nicht ratifiziert haben, nämlich Vatikan und Weißrußland. So stellt sich also die Frage: Wann lädt der Deutsche Bundestag Alexander Lukaschenko ein?

Der Papst steht für eine menschenverachtende Politik. Er ist ein erklärter Feind von Demokratie und Menschenrechten. Als Ihr Wähler erwarte ich daher von Ihnen, dass Sie während dieser Veranstaltung dem Bundestag fernbleiben. Dies wäre der wirkungsvollste Protest gegen die katastrophale Fehlentscheidung, diesem anachronistischen Autokraten zu solch einem beispiellosen Propagandaerfolg zu verhelfen. Leere Sitzreihen wären das beste Signal gegen diesen Angriff auf eine unabhängige Demokratie. Ich kann Herrn Zollitsch also durchaus beipflichten, wenn er schreibt:

„Die demokratische Grundeinstellung unserer Abgeordneten wird sich an deren Präsenz im Bundestag während der Rede zeigen. Es würde für sich sprechen, wenn jemand aus Protest dieser für unser Land historischen Stunde fern bliebe.“

Kirchenfunktionär Zollitsch kann wohl nichts dabei finden, wenn er Sie, die freigewählten Abgeordneten eines frei gewählten Parlaments, als Claqueure zwangsverpflichten will. Er kennt das so aus seiner monotheistischen Kultur und aus seinem monarchistischen Zwergstaat. Zollitsch selbst kann, obwohl er einigermaßen hoher Würdenträger ist, einfach so beordert werden. Sie aber nicht. Sie sind nur Ihrem Gewissen verantwortlich. Sie entscheiden selbst, ob sie sich als Claqueur für Ratzinger hergeben wollen.

Sie müssen damit rechnen, angefeindet zu werden. Aber müssen Sie Angst haben, wenn Sie Ihrem Gewissen folgen? Wir alle können nur hoffen, dass das nicht der Fall ist. Die gbs München hat eine Petition auf den Weg gebracht, die Ihre Entscheidungsfreiheit sichern soll. [Update: Der Petitionsausschuss hat diese Petition inzwischen abgelehnt mit dem Hinweis, dass keine Anwesenheitspflicht für Sie besteht.] Sie sind frei gewählte Abgeordnete eines frei gewählten Parlaments. Sie sind frei! Wir alle sind frei, weil Sie frei sind! Nutzen Sie Ihre Freiheit! Verteidigen Sie unsere Freiheit, indem Sie von der Ihren Gebrauch machen! Das Schlimmste, was Ihnen passieren könnte, wäre wohl, je nachdem, welcher Partei sie angehören, der Verlust Ihres Listenplatzes. Was ist Ihnen Ihre Freiheit wert?

Aber ich gebe mich keinen Illusionen hin. Spätestens seit dem Buch Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben von Neitzel und Welzer wissen wir, welche Macht Gruppendruck und Referenzrahmen ausüben können. Vielleicht fühlen Sie sich trotz allem genötigt, teilzunehmen. In diesem Fall ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass Begeisterung ansteckend ist und manch aufrechter Kämpfer für Demokratie und Menschenrechte sehr schnell einknicken und den unsäglichsten Aussagen Beifall zollen könnte, nur weil um ihn herum Begeisterung herrscht. Falls der Druck auf Sie ausreichend stark wird, und Sie das Gefühl haben, sie müssten an dieser Veranstaltung teilnehmen, vergegenwärtigen Sie sich zumindest, dass es auf Sie ankommt. Sie sind es, der die Rezeption dieser Rede bestimmt. Länge und Lautstärke Ihres Beifalls urteilen über Erfolg oder Misserfolg der Veranstaltung. Und auch wenn alle anderen sich erheben, um mit tosendem Beifall und Standing Ovations das Selbstverständnis unserer Demokratie in Trümmer zu klatschen, bleiben Sie demonstrativ sitzen. Stehen Sie zu Ihren Überzeugungen, stellen Sie sich Ihrer Verantwortung und bleiben Sie sitzen! Machen Sie sich bewusst: Wenn Sie Ihre Prinzipien in diesem Moment verraten, so wird Sie dieser Verrat noch lange verfolgen.

Erinnern Sie sich an Ratzingers Auftritt in Großbritannien 2010 und an sein Grußwort an seine Gegner, in dem er sie auf die übliche Weise verleumdete und sie kurzerhand für die großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts verantwortlich machte. Diese Anwürfe fanden ihre beispielhafte Erwiderung in der großartigen Rede von Richard Dawkins:

„Joseph Ratzinger is an enemy of humanity.“ Nichts hat sich seitdem geändert.

Wir Kritiker von Papst und Kirche werden uns im September die Augen reiben ob der Anschuldigungen und Verleumdungen, die nicht nur von katholischer Seite, sondern auch von Seiten der als unabhängig geltenden Medien auf uns niederprasseln werden. Im September werden alle wieder Papst sein. Es erfordert einiges an Charakterstärke, in diesem Klima der Massenbegeisterung seinen Prinzipien treu zu bleiben. Genau das aber fordere ich von Ihnen.

Ich fordere von Ihnen, dass Sie keinen Beifall klatschen,

  • wenn Ratzinger wieder einmal die „Diktatur des Relativismus“ geißelt. Denn damit meint er den freien Austausch von Ideen und Meinungen, wenn sie nicht in katholische Positionen münden. Damit meint er also das, was wir Demokratie nennen. Damit meint er genau Sie! Wer hier klatscht, klatscht für die Einführung einer katholischen Theokratie als Staatsform.
  • wenn Ratzinger wieder einmal versuchen sollte, den Holocaust und die weiteren ungezählten Verbrechen der faschistischen und nationalsozialistischen Terrorregime uns, den sogenannten Gottlosen, in die Schuhe zu schieben. Denn damit lenkt er von der Tatsache ab, dass es die katholische Kirche war, die alle faschistischen Regime unterstützt hat, dass der Massenmord an den Juden ohne den zweitausendjährigen christlichen Antijuadismus gar nicht vorstellbar wäre, und dass „Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern der Wehrmachtssoldaten prangte.
  • wenn Ratzinger den Schutz von Ehe und Familie fordert. Denn damit meint er die Diskriminierung und Schlechterstellung von Homosexuellen und Alleinerziehenden. Damit meint er die Ablehnung der Ehescheidung. Damit meint er den Kampf gegen die Emanzipation der Frau.
  • wenn Ratzinger seinen Kampf gegen Empfängnisverhütung schönredet. Denn dieser Kampf ist vor allem ein Kampf gegen effektive AIDS-Verhütung, ein Garant für den Tod ungezählter Menschen, vor allem in Afrika. Der sogenannte Lebensschutz gebiert in seinen Auswirkungen eine Kultur des Todes.

Und ich fordere von Ihnen, dass Sie demonstrativ den Saal verlassen, sollte Ratzinger seine „Bemühungen um Aufklärung“ der sogenannten Missbrauchsfälle schönreden. Denn damit würde er ein weiteres Mal seine Verantwortung für den größten Skandal der Kirche leugnen: die systematische Vertuschung der Vergewaltigung von Kindern und den systematischen Schutz der Täter vor Strafverfolgung.

Diese Liste ist lange nicht erschöpfend. Aber sie zeigt deutlich genug, dass Beifall für Ratzinger im Deutschen Bundestag die Würde des Hauses und die Legitimität unserer Demokratie beschädigen würde. Joseph Ratzinger alias Papst Benedikt XVI. gehört nicht vor den Bundestag, er gehört vor ein Gericht.

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Harald Stücker

16 responses to “Kein Beifall für Ratzinger!”

  1. Ursula Walch says :

    Möchte jeden punkt unterstreichen und könnte noch weitere anführen. Viel böses, wie der heute noch immerwährende kampf zw. einzelnen berufsgruppen – arzt – hebamme, zB – wurzelt in der unterdrückung der frau durch die kirche, die die inquisition als ihr instrument zu hilfe nahm. Noch heute nährt die KK die konflikte mann – frau und vieles mehr . . .

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  2. michaeleriksson says :

    Nach dem ersten Absatz habe ich schon den Text als unseriös und allzu parteiisch aufgegeben: Gleichstellungen zwischen unterschiedlichen Menschen auf solch dürftiger Grundlage zu machen ist eben keine vernünftige Argumentation.

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    • Harald Stücker says :

      Schade, ich hätte gern Ihre Meinung zum Rest des Artikels erfahren.
      Es wird übrigens oft der Fehler gemacht, Vergleich mit Gleichstellung zu verwechseln, meist in dem empörten Ausruf: „Das kann man doch nicht vergleichen!“ Gemeint ist damit eigentlich: „Das eine kann man mit dem anderen doch nicht gleich setzen!“ Ersteres ist immer falsch, letzteres manchmal wahr. Um festzustellen, dass das eine mit dem anderen nichts gemein hat, muss man beide vorher verglichen haben.
      Desweiteren: Die „dürftigen Grundlagen“ sind immerhin zentrale Pfeiler des Selbstverständnisses unseres Staates. 1. Religiöse Führer haben unseren Abgeordneten – in ihrer Eigenschaft als religiöse Führer – nichts zu sagen. Muslime etwa werden das nur akzeptieren, wenn wir dabei alle Religionen gleich behandeln. 2. Die Idee der Menschenrechte ist nicht etwa eine verhandelbare Petitesse, sie ist die Grundlage unseres Gemeinwesens. In dieser Hinsicht ergibt ein Vergleich zwischen Ratzinger und Lukaschenko nun mal leider die Gemeinsamkeit, dass beide den beiden einzigen Staatsgebilden vorstehen, die die Europäische Menschenrechtskonvention nicht unterzeichnet haben.

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      • michaeleriksson says :

        Bei den Formulierung ist es eigentlich klar gewesen, dass Sie aus rhetorischen Gründen den Ratzinger mit zwei sehr impopulären Figuren verbinden wollten. (Wenn nicht, haben Sie sich sehr verformuliert.) Religiöse Führer gibt es viele—z.B. der Dalai Lama, dessen Auftritt in dem Bundestag wohl keine Proteste erwecken würde (außer bei den Chinesen, natürlich). Dass zwei Länder als einzige eine gewisse Konvention unterschrieben haben, sagt wiederum nicht unbedingt etwas aus. Hier müsste man sich deren Beweggründe anschauen, und sich auch überlegen, inwieweit die Nicht-Unterzeichnung an den jeweiligen Staatsoberhaupt liegt—und dies natürlich nur wenn die Konvention im Zusammenhang von Bedeutung wäre (was ich leider mangels Bekanntheit mit ihr nicht beurteilen kann). Es gibt übrigens andere Länder die andere Konventionen nicht unterzeichnet haben, z.B. die USA. Wären Sie auch zu einem Besuch von Obama negativ?

        Wenn Sie also solche Vergleiche, Gleichsetzungen, oder was auch das gescheitere Wort wäre, machen wollen, dann wäre es angemessen einen direkten Vergleich von den Handlungsweisen und Ansichten der jeweiligen Personen zu machen. Sonst landet man letztendlich bei Argumenten wie „Hitler war vegetarier. Vegetarier sind böse!“.

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        • Logiker says :

          „wenn die Konvention im Zusammenhang von Bedeutung wäre (was ich leider mangels Bekanntheit mit ihr nicht beurteilen kann).“

          Wenn Sie es nicht beurteilen können, wieso erlauben Sie sich dann eine Meinung darüber. In völliger Unkenntnis von tatsachen behauptungen aufstellen, das entspricht dem Wesen der katholischen Kirchen.

          “ Es gibt übrigens andere Länder die andere Konventionen nicht unterzeichnet haben, z.B. die USA. Wären Sie auch zu einem Besuch von Obama negativ?“

          Aber selbstverständlich. Dem Oberhaupt eines Staates, der Mord aka Todesstrafe praktiziert, kann man nur negativ gegenüberstehen.

          “ Sonst landet man letztendlich bei Argumenten wie „Hitler war vegetarier. Vegetarier sind böse!“.“

          Kennen Sie den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität? Bitte erst denken, dann posten….

          btw: 100 % Agree mit dem wundervollen Blogeintrag!

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  3. dubiator says :

    Hymne zur Begrüßung des vatikanischen Diktators:
    http://dubiator.wordpress.com/2011/03/31/papa-ante-portas/

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  4. Gerhard Falk says :

    Etwas irritiert haben mich einige Überzeichnungen. Sie sind aber wohl ein Zeichen unserer Zeit, die zur verbalen Polarisierung neigt. Den Grundaussagen stimme ich zu, auch der Forderung, man möge auf den Auftritt verzichten.

    Wenn aber das Präsidium des Deutschen Bundestages diese Entscheidung getroffen hat und die gewählten Abgeordneten, die sich gegen einen solchen Auftritt aussprechen wollen, alle Möglichkeiten der GO ausgeschöpft haben, dann muss man als Demokrat eine solche Entscheidung respektieren. Man muss sie nicht akzeptieren. Den Damen und Herren im Bundestag die eigene Wählermeinung mitzuteilen, ist hingegen sicher sinnvoll und notwendig.

    Was ich nicht für notwendig halte, das ist ein ungebührliches Verhalten der Abgeordneten in einer Sitzung. Man muss einen Gast reden lassen und ihm auch zuhören. Den Saal während einer Rede zu verlassen halte ich für ungebührlich. Demonstrativ fernzubleiben ist auch kein respektvolles Verhalten, hier aber dem eigenen Präsidium gegenüber. Die abweichende Meinung aber ggf. in einer Aktuellen Stunde zum bevorstehenden oder dann gewesenen Auftritt des Papstes zu äußern, ist ein denkbarer parlamentarischer Weg.

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    • Harald Stücker says :

      Vielen Dank für den fundierten Kommentar. Ich weiß nicht, ob unsere Zeit zur Polarisierung neigt, oder ob es nicht eher das Thema ist. Denn sicher polarisiert Ratzinger selbst. Immerhin schreiben Sie, dass Sie den Grundaussagen zustimmen. Das ist ja schon viel.
      Dies ist ein kleiner und relativ unbekannter Blog, aber dieser Text ist gerade zwei Tage alt und jetzt schon der erfolgreichste, den ich hier platziert habe. Offensichtlich habe ich einen Nerv getroffen. Die Entscheidung, von welchem ehrbaren Gremium auch immer getroffen, diesen Mann in den Bundestag einzuladen, hat eine gewaltige Empörung ausgelöst, und es ist jetzt die Aufgabe aller Gegner von Ratzingers Politik, diese Empörung laut und deutlich zu artikulieren.

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    • Logiker says :

      „Den Saal während einer Rede zu verlassen halte ich für ungebührlich. Demonstrativ fernzubleiben ist auch kein respektvolles Verhalten, hier aber dem eigenen Präsidium gegenüber.“

      Können Sie dies bitte einmal den Abgeordneten von CDU und CSU mal mitteilen. Dieses „ungebührliche“ Verhalten sehe ich von diesen Volksvera******* immer wieder, wenn Redner einer bestimmten Oppositionspartei ans Rednerpult treten.

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  5. klafuenf.de says :

    Aus der Bundesdeutschen Politik

    Politische Weiterbildung für Abgeordnete

    Neuerdings gibt es Vorlesungen zur Weiterbildung im Deutschen Bundestag. Die erste Serie heisst »Diktaturen im 21. Jahrhundert CE«. Der ständigen Abgeordnete Peter Schmidt von der Legendären Alternativen Liberalen Liste (LALL):

    »Nach all den Problemen der letzten Jahrzehnte haben wir uns ernsthaft gefragt, ob die parlamentarische Demokratie das bevorzugte Modell für einen Staat in der Zukunft sein wird und die Mühe, die es macht, das Ergebnis rechtfertigt. Daher haben wir uns entschlossen andere Staatsformen unter die Lupe zu nehmen. Als erstes beginnen wir mit dem absoluten Gegenteil des Rechtsstaats, nämlich absolutistischen, hierarchischen, totalitären Dikaturen.

    Den Reigen eröffnet Prof. Ratzinger vom VatikanSStaat, gefolgt von Kim Il-Sung und Muammar al-Gaddafi. Bei Fidel Castro sind wir uns nicht sicher, aber möglicherweise wird er per Webcast teilnehmen. Durch den natürlichen Zeitversatz würde auch der Synchrondolmetscher etwas mehr Zeit haben.«

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  6. prof.dr.gernot lucas says :

    ratzefatzke,
    der große newton hat das ende der päpste für 2060 vorausgesagt.
    das wäre nach meiner meinung aber viel zu spät.
    ist er denn nicht heute schon eine dämliche karikatur über die zu reden es nicht lohnt ?
    prof.dr.gernot lucas, menton

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