Sie sind nichts Besonderes

Die EDGE-Frage für 2011 lautete:

„Welches wissenschaftliche Konzept würde die kognitive Ausstattung aller verbessern?“

Nach meiner Übersetzung der Antworten von Howard Gardner und Richard Dawkins hier jetzt die von P.Z. Myers:

Das Prinzip der Mittelmäßigkeit

Gerade habe ich wieder eine Einführung in Biologie gegeben, und ich muss sagen, dass ich bei der Frage nach der wesentlichen Fähigkeit, die jeder haben sollte, zuallererst an Algebra dachte. Und grundlegende Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik. Das würde jedenfalls mein Leben leichter machen. Es hat etwas schrecklich Deprimierendes, kluge Studenten stolpern zu sehen, weil ihnen grundlegende mathematische Kenntnisse fehlen, die sie in der Grundschule hätten erwerben sollen.

Aber das ist nicht genug. Grundlegende Kenntnisse in Mathematik sind ein wesentliches Werkzeug, das wir in einer wissenschaftlichen und technologischen Gesellschaft als selbstverständlich voraussetzen können sollten. Welche Idee aber sollten die Leute begreifen, um ihren Platz im Universum besser verstehen zu können?

Ich schlage das Prinzip der Mittelmäßigkeit vor. Es ist grundlegend für die Wissenschaft, und es ist auch eines der umstrittensten Konzepte, für viele Leute sehr schwer zu begreifen – und der Widerstand gegen das Prinzip der Mittelmäßigkeit ist eine der Hauptstützen für Religion und Kreationismus und Chauvinismus und gescheiterte Sozialpolitik. Es gibt sehr viele kognitive Leiden, die sauber verpackt und einfach entsorgt werden könnten, wenn nur jeder diese eine einfache Idee verstehen würde.

Das Prinzip der Mittelmäßigkeit sagt einfach aus, dass Sie nichts Besonderes sind. Das Universum dreht sich nicht um Sie, dieser Planet ist nicht einzigartig, Ihr Land ist nicht das perfekte Produkt göttlicher Vorsehung, Ihre Existenz ist nicht das Produkt eines gerichteten, beabsichtigten Schicksals, und dieses Thunfischsandwich, das Sie zu Mittag gegessen haben, hat nicht in böser Absicht Ihre Verdauungsstörung verursacht. Das Meiste von dem, was in der Welt geschieht, ist einfach eine Folge natürlicher, universell gültiger Gesetze – Gesetze, die überall und für alles gelten, ohne besondere Ausnahmen oder Erweiterungen zu Ihrem Vorteil – und wobei Unterschiede auf das Konto des Zufalls gehen. Alles, was Sie als Mensch für kosmisch wichtig erachten, ist ein Zufall. Die Gesetze der Vererbung und die Natur der Biologie haben, als Ihre Eltern ein Baby bekamen, dazu geführt, dass dieses Kind anatomisch gesehen ein Mensch und physiologisch im Großen und Ganzen voll funktionsfähig war, aber die einzigartige Kombination der Merkmale, die Sie zu einem Mann oder einer Frau, groß oder klein, braun-oder blauäugig machten, waren das Ergebnis einer zufälligen Mischung genetischer Merkmale während der Meiose, ein paar zufällige Mutationen und das Losglück im großen Spermienrennen bei der Befruchtung.

Sie müssen sich deswegen aber nicht schlecht fühlen, es geht nicht nur Ihnen so. Selbst die Sterne bilden sich als ein Ergebnis der Eigenschaften von Atomen, wobei die spezifischen Merkmale jedes Sterns sich durch die zufällige Verteilung von Kondensationswellen durch Staub- und Gaswolken ergeben. Es besteht keine Notwendigkeit dafür, dass unsere Sonne dort ist, wo sie ist, mit der Leuchtkraft, die sie hat – sie ist einfach da, und unsere Existenz ergibt sich aus dieser Gelegenheit. Unsere Spezies selbst ist zum Teil durch die Kräfte unserer Umwelt durch Selektion geformt, und zum Teil durch die Wechselfälle des Zufalls. Wenn die Menschen vor 100.000 Jahren ausgestorben wären, würde sich die Welt weiter drehen, das Leben würde weiter gedeihen, und irgendeine andere Spezies würde an unserer Statt prosperieren – und sehr wahrscheinlich nicht auf demselben intelligenzgetriebenen technologischen Pfad, den wir eingeschlagen haben.

Und wenn Sie das Prinzip der Mittelmäßigkeit verstehen, dann ist das OK.

Dieses Verständnis ist deshalb für die Wissenschaft so wesentlich, weil wir nur so anfangen können zu verstehen, wie wir hierher gekommen sind und wie alles funktioniert. Zunächst suchen wir nach allgemeinen Prinzipien, die für das gesamte Universum gelten, und die erklären eine ganze Menge; und dann suchen wir nach Seltsamkeiten und Ausnahmen, die uns zu den Details führen. Es ist eine Strategie, die erfolgreich und nützlich ist, um ein tieferes Verständnis zu gewinnen. Wenn wir mit der überheblichen Annahme beginnen, dass ein Gegenstand unseres Interesses die Gesetzmäßigkeiten des Universums verletzt, dass er einzigartig zu einem spezifischen Zweck in die Existenz gezaubert wurde und dass die Bedingungen für seine Existenz nicht länger gelten können, dann springen wir ohne legitimen Grund zu einer unbegründeten und ungewöhnlichen Erklärung. Das Prinzip der Mittelmäßigkeit sagt uns, dass unser Zustand nicht das Produkt einer Absicht ist, dass das Universum weder bösartig noch wohlwollend ist, sondern dass alles Regeln folgt – und dass das Erfassen dieser Regeln das Ziel der Wissenschaft sein sollte.

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Harald Stücker

3 responses to “Sie sind nichts Besonderes”

  1. yerainbow says :

    Natürlich müssen wir mittelmäßig sein. Überschreitet ein Organismus gewisse Parameter, so steckt er das nicht einfach weg.
    Dürfte wohl ein allgemeingültiges Gesetz sein.
    Auf jeden Fall ist der Drang zum Größenwahn immer ein Zeichen dafür, daß jemand sich zu klein fühlt….

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  2. Heinz Göd says :

    P.Z. Myers meint kurz gesagt: „Das ganze Universum ist nichts besonderes“.
    Ja, kann man so sehen.
    Mensch kann es auch genau umgekehrt sehen, also :
    „Alles im Universum ist einzigartig und daher auch etwas Besonderes. Es gibt nur einen einzigen Harald Stücker, – und es wird auch keinen weiteren geben – Sie sind daher etwas ganz Besonderes und damit auch Wertvolles. Gilt selbstverständlich für jeden Menschen. Und auch für manche Dinge.“
    Dass das ganze Universum durch Zufall aus dem Nichts entstanden ist, kann mensch glauben.
    Umgekehrt, dass das Universum nach einem Plan entstanden ist, das kann mensch aber auch glauben – die Evolution kann doch durchaus Teil eines Planes sein.
    Es gibt einige Tatsachen, die für einen Plan sprechen, ein paar Beispiele auf
    http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zukunft/2069FaqD/2069FaqD_Erzieh.html#Werte
    (Suchbegriff: Ursprung )
    Wir wissen vom Universum nur sehr wenig,
    unsere Vorstellungen von Materie und Leben sind Modellvorstellungen, die mit der Wirklichkeit ein paar BerührungsPunkte haben, aber die Wirklichkeit beschreiben sie nicht.
    Solange die Wissenschaftler nicht erklären können,
    woher die Naturgesetze kommen und durch welche Kraft Lebewesen leben, wäre bei Wissenschaftlern mehr Bescheidenheit angesagt.
    Wissenschaftler, die ‚uneingeschränkte Freiheit für die Wissenschaft‘ fordern – die die Erde somit als ihre Spielwiese betrachten – und mit ihren Experimenten möglicherweise Schaden anrichten, etwa durch GenTechnik, die müssen alles als bedeutungslos abwerten. Eine gefährliche Einstellung.

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  1. Wie unwahrscheinlich sind Sie? « Evidenz-basierte Ansichten - 21. November 2011

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