Religiöser Exhibitionismus

Wir sollten Kreationisten nicht ernst nehmen. Wer mit ihnen über Evolution und Biologie diskutiert, erweckt den Anschein, dass sie möglicherweise eine relevante Antwort auf offene Fragen der Biologie zu bieten hätten. Das ist aber nicht der Fall. Dieser Punkt ist politisch sehr wichtig. Er ist wichtiger als ein allzu leichter Sieg in einem Debatten-Scharmützel mit Kreationisten. (Darum lehnt etwa Richard Dawkins auch jede Teilnahme an Debatten mit Kreationisten ab.) Gerade wir, Skeptiker, Wissenschaftler, wir neigen dazu, die Vernunft zu überschätzen. Wir denken, ein gutes treffendes Argument kann eine Gegenposition widerlegen und so vernichten. Das gilt aber nur für Positionen, die aus vernünftigen Gründen überhaupt erst eingenommen wurden. Ein Kreationist ist aber nicht durch intensives Nachdenken und vorurteilsfreies Abwägen aller relevanten Daten zu seiner Position gekommen, sondern aus religiösen, also aus emotionalen Gründen. Seine Position ist nicht das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung. Er nimmt am wissenschaftlichen Spiel gar nicht teil, weil er die Spielregeln nicht akzeptiert.

Der Kreationismus ist weniger Theorie als politisches Programm, insbesondere der islamische Kreationismus. Als solches weist er zurück ins finstere Mittelalter. Das größte erreichbare Ziel für die Anhänger des Kreationismus wäre die Einführung einer Theokratie mit einem Verbot der wissenschaftlichen Biologie, von Wissenschaft überhaupt. Bis dahin ist für den Kreationismus das größte Ziel, selber als Wissenschaft zu gelten. Daher hat er ein Trojanisches Pferd namens „Intelligent Design“ als wissenschaftliche Theorie angestrichen und sich darin versteckt. Innerhalb unserer wissenschaftlichen Kultur ist für Kreationisten gar kein größerer Erfolg denkbar als die Teilnahme an einer Debatte mit echten Wissenschaftlern. Das gilt im übrigen für alle Parawissenschaften. Das höchste, was sie überhaupt erreichen können, ist ihre Gleichstellung mit der Wissenschaft. Hier ist ein ernüchternder Bericht darüber, wie weit sie an deutschen Universitäten schon gekommen sind. Inzwischen haben einige Universitäten auch „bekenntnisorientierte Islamstudien“ – also islamische Theologie – eingeführt, anstatt die historische Chance, die ein erstarkender Islam bietet, beim Schopf zu packen und unter Berufung auf das Prinzip der Gleichbehandlung aller religiösen Bekenntnisse eben diese sowohl aus Universitäten als auch aus Schulen zu verbannen.

Wissenschaft und Parawissenschaft leben in verschiedenen Diskursuniversen. Sie treffen sich nur scheinbar, und dieser Anschein wird dadurch erweckt, dass sie die gleiche natürliche Sprache verwenden. Wissenschaft und Parawissenschaft beziehen sich aber nicht auf die gleiche Datenbasis. Die Datenbasis der speziellen Parawissenschaft Kreationismus z.B. ist aus naturwissenschaftlicher Sicht völlig abseitig. Die Hauptquelle für die kreationistische Position ist ein Buch, also eigentlich ein Datum für Philologen. Dass sich Kreationisten überhaupt für naturwissenschaftliche Daten interessieren, liegt daran, dass wir in einer wissenschaftlich geprägten Kultur leben. Es ist eine Nebenwirkung des überwältigenden Erfolgs der wissenschaftlichen Methode. Sie müssen so tun, als seien sie (Natur-) Wissenschaftler, um ernst genommen zu werden. Wir sollten sie nicht ernst nehmen.

Der methodologische Naturalismus ist eine notwendige Arbeitshypothese für die Wissenschaft. Er besagt, dass es überall im Universum mit rechten Dingen zugeht. Und dass wir eine echte Chance haben, diese Dinge zu begreifen. Ohne diese Arbeitshypothese wird Wissenschaft als menschliche Aktivität überhaupt zu einer lächerlichen Farce. (Parawissenschaftliche Aktivitäten sind eine lächerliche Farce, eben weil sie diese Arbeitshypothese nicht akzeptieren.) Wir können leicht zeigen, warum das so ist. Stellen wir uns einfach vor, der Naturalismus sei falsch, das Universum wäre tatsächlich Spielball eines Gottes oder vieler. In dem Falle wäre die Annahme einer verlässlichen Gültigkeit von Naturgesetzen überall im Universum eine abenteuerliche These. Alles, was wir rauskriegen könnten, wären Fährten, die Götter für uns gelegt hätten. Ob sie uns dabei eine echte Chance auf Erkenntnis gewährten oder uns zu ihrer Erbauung ständig in die Irre führten, könnten wir niemals feststellen. Daher wäre jede Wissenschaft nichts weiter als eine kosmische Schnitzeljagd. Nun kann man natürlich behaupten, dass Gott nett genug sei, um seine Spielregeln nicht ständig zu ändern. Ja, man kann in der Tat alles behaupten. Auch das Gegenteil.

Aber können wir ausschließen, dass Gott die Welt erschaffen hat? Nein. Ebensowenig wie auch die anderen vielen Tausend religiösen Vorstellungen, die Menschen sich ausgedacht haben. Versuchen Sie doch mal, den Jetztgeradismus zu widerlegen:

Der Jetztgeradismus unterscheidet sich nur quantitativ von einem Junge-Erde-Kreationismus, nicht qualitativ. Man könnte ihn Baby-Erde-Kreationismus nennen. Für Sie mögen sich 6000 Jahre nach einem langen Zeitraum anhören, für richtige Geologen nicht. Für Geologen ist der Kreationismus ein alberner Jetztgeradismus.

Religion allgemein ist wissenschaftlich genauso wenig satisfaktionsfähig wie der spezielle Kreationismus, sie ist genauso indiskutabel. Im Grunde ist ja der Kreationist nichts weiter als der Undercover-Agent der Religion unter Wissenschaftlern.

Aber was ist mit all diesen vernünftigen gläubigen Wissenschaftlern, die den Kreationismus entrüstet von sich weisen? Die die Evolutionstheorie „akzeptieren“? Nun, nett von ihnen, aber was für den Kreationisten die Biologie, das ist für den „aufgeklärten Gläubigen“ vielleicht die Kosmologie. Eine religiöse Kosmologie kann ebenso wenig eine Antwort auf die offenen Fragen der Kosmologie bieten, wie der Kreationsmus auf die offenen Fragen der Biologie. Wenn auch das für den „gläubigen Wissenschaftler“ kein Problem darstellt, dann ist sein religiöser Glaube folgenlos und geht uns nichts an.

Denn wohlgemerkt, ich rede hier nicht von Wissenschaftlern, die sich in ihrem privaten Leben religiös verhalten, aber im Bereich der Wissenschaft tadellos arbeiten. Wie schwierig das tatsächlich ist, sieht man am Beispiel von Harald Lesch. Er ist in den Medien nach Hoimar von Ditfurth vielleicht das beste Beispiel dafür. Er ist zwar bekennender Protestant, aber in seiner guten Arbeit als Wissenschaftsjournalist merkt man davon fast nichts. Aber eben nur fast. Denn er findet offenbar auch nichts dabei, vor laufender Kamera mit Theologen genau so zu reden wie mit echten Experten der Astronomie und Kosmologie. Dennoch gilt: Wer in seiner Arbeit den methodologischen Naturalismus akzeptiert und respektiert, kann in seinem privaten Leben machen, was er will. Religion ist, genau wie sexuelle Vorlieben, Privatsache. Als solche geht sie uns nichts an. Aber ebenso wie wir einen Exhibitionisten im Hörsaal zurechtweisen würden, sollten wir auch Religiöse zurechtweisen, wenn sie uns mit irrelevanten Ansichten konfrontieren.

[Spanische Übersetzung dieses Textes von Albrecht Gundelach.]

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Harald Stücker

15 responses to “Religiöser Exhibitionismus”

  1. verquer says :

    Der methodologische Naturalismus ist eine notwendige Arbeitshypothese für die Wissenschaft.

    Hier möchte ich Dir widersprechen. Wenn ein transzendentes Wesen auf messbare Art und Weise in die Welt eingreifen würde, dann würden wir dieses Eingreifen zB als auftretende Kraft bemerken. Diese neue Kraft könnten wir dann in die beschreibenden Gleichungen aufnehmen und hätten dann – ohne es natürlich zu bemerken – das Wirken eines transzendenten Wesens wissenschaftlich untersucht (und sei es nur stochastisch). Ein transzendentes Wesen, dass auf messbare Art und Weise in die Welt eingreift, ist -zumindestens bzgl dieses Aspekts- eben nicht mehr übernatürlich. Damit ist der Naturalismus aber keine notwendige Arbeitshypothese mehr. Alles Übernatürliche, dass in die messbare Realität eingreift, ist per Definition nicht mehr übernatürlich. Das was von der Übernatürlichkeit dann noch übrig bleibt, ist dann aber wieder irrelevant.

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    • Harald Stücker says :

      Hm, zunächst mal danke für Deinen Kommentar. Ich bin nicht sicher, welchem Aspekt Du hier widersprichst. Würdest Du auch widersprechen, wenn ich „methodologischer Naturalismus“ durch den Satz ersetzte: „Wir haben eine echte Chance, die Naturgesetze und damit die Vorgänge im Universum zu begreifen.“? Dein Einwand klingt für mich nämlich genau nach dem, was ich mit Schnitzeljagd meinte. Wenn mit uns transzendenter Schabernack getrieben würde, hätten wir keine Chance, zu begreifen, was tatsächlich passiert. Sicher, wir würden eine „neue Kraft“ wahrnehmen, aber wir könnten sie nicht richtig verstehen. Ihre Ursache wäre ja eben transzendent, aber im Gegensatz dazu, was Du am Ende schreibst, alles andere als irrelevant. Sie wäre die einzige richtige Erklärung für diese neue Kraft. Da wir aber natürlich in alle anderen Richtungen suchen würden und auch nur suchen könnten, würden wir notwendigerweise in die Irre geführt. Daher meine ich, dass wir uns die Wissenschaft ohne die Voraussetzung, dass es keine transzendenten Einwirkungen gibt, sparen könnten.

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  2. verquer says :

    Ich bin nicht sicher, welchem Aspekt Du hier widersprichst. Würdest Du auch widersprechen, wenn ich „methodologischer Naturalismus“ durch den Satz ersetzte: „Wir haben eine echte Chance, die Naturgesetze und damit die Vorgänge im Universum zu begreifen.“?

    Ich moechte argumentieren, das die beiden Saetze nicht aequivalent sind.

    Warum haetten wir keine Chance, die Natur zu verstehen, wenn ein transzendentes Wesen Schabernak mit uns treiben wuerde? Wir wuerden doch den Schabernak in unsere Gleichungen mit aufnehmen und damit implizit diese Wesenheit mitmodellieren? Lass mich das am Beispiel der Quantenmechanik (QM) ausfuehren.

    Es koennte ja sein, dass die Merkwuerdigkeiten der QM auf das Treiben eines teilstranszendenten Wesens zurueckzufuehren sind. Nun haben wir mit der Quantentheorie ein Modell davon, wie sich die Teilchen zumindestens stochastisch Verhalten. Genau diese Beschreibung des Teilchenverhaltens waere dann aber eine implizite Beschreibung des Schabernakverhaltens des teiltranszendenten Wesens. Und in diesem Fall haetten wir das Universum besser verstanden, obwohl ein transzendetes Wesen eingreift.

    Ich denke, dass sich die Krux in der Sache im folgenden Teil Deiner Antwort offenbart:

    Sie wäre die einzige richtige Erklärung für diese neue Kraft.

    Hier nimmst Du an, dass nur die ontologische Erklaerung (also das was wirklich ist), die richtige Erklaerung ist. Ontologische Erkenntnis ueber die Realitaet ist allerdings (per Definition) unzugaenglich und damit irrelevant. Das einzige was relevant ist, ist die epistomoligische Erklaerung und diese braucht keinen methodologischen Naturalismus als Grundannahme (siehe Beispiel oben). Sobald transzendete Wesen eingreifen, sind sie nicht mehr transzendent und damit Gegenstand epistomoligscher Betrachtung.

    Da wir aber natürlich in alle anderen Richtungen suchen würden und auch nur suchen könnten, würden wir notwendigerweise in die Irre geführt.

    Genau dieses „Notwendigerweise“ habe ich mit dem obigen Beispiel widerlegt.

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    • Harald Stücker says :

      Wie soll diese Unterscheidung zwischen ontologischer und epistemischer Erklärung zu verstehen sein? Ich glaube, Du verwechselst hier was: Die Wirklichkeit (an sich) mag letzten Endes unzugänglich sein, aber unsere Theorien und Erklärungen (wie auch die Sätze unserer Sprache) beziehen sich trotzdem auf sie. Ich weiß nicht, was Du mit „ontologischer Erkenntnis“ überhaupt meinst. Erkenntnis ist immer epistemisch. Erkennen ist aber ein Erfolgsverb, d.h. „ich erkenne, dass p“ ist nur dann wahr, wenn auch „p“ wahr ist. Dabei reicht es aber nicht aus, dass ich eine Theorie entwickle, die auch zu den Daten passt. Sie muss auf die richtige Weise zu den Daten passen. (Wir reden hier über das Gettier-Problem: Gerechtfertigte wahre Überzeugung ist nicht unbedingt Wissen.)
      Die Welt wäre eine völlig andere, wenn etwa der Blitz keine natürlich erklärbare elektrische Entladung wäre, sondern von Zeus geschleudert würde, weil er einen schlechten Tag hat. Und eine naturwissenschaftliche Theorie, die diesen Zorn des Zeus als natürlich erklärbares Phänomen modellierte, wäre einfach falsch. Dass wir die „Wesenheit implizit mit modellieren“, wie Du schreibst, hilft uns doch nicht weiter, wenn wir wissen wollen, was tatsächlich passiert.
      Ein weiterer zentraler Aspekt unserer Art, Wissenschaft zu treiben, ist die Vorhersagekraft einer Theorie. Wir könnten uns z.B. einbilden, dass Meteorologie sinnvoll ist, weil sich Gewitter bislang immer natürlich erklären ließen. Aber Zeus könnte sich auch mal einen Witz erlauben und einen Freak-Blitz aus heiterem Himmel schicken, wie er noch nie beobachtet wurde und nicht erklärt werden kann. Fieberhaft würden wir versuchen, unsere Theorien an die neue Datenlage anzupassen. Schließlich würden wir auch eine neue Theorie entwickeln, die dieses Ereignis beschreibt und erklärt, aber wir würden uns über ihre prognostische Qualität völlig täuschen. Wir hätten keine Chance, den Witz des Zeus zu bemerken.

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      • verquer says :

        Ich habe das Gefuehl, dass Du an mir vorbei argumentierst. Des wegen will ich es eingangs nochmal das Beispiel der Quantenmechanik bemuehen. Bei dieser gibt es zwei mathematisch aequivalente Theorien, die allerdings unvereinbare Modellintepretation implizieren: die Wellenformulierung von Schroedinger und den Pfadintegralformalismus nach Feynmann. Waehrend in der Wellenformulierung Wahrscheinlichkeitswellen mit sich selbst interferieren, um zB einen Punkt auf einen Schirm entstehen zu lasen, nimmt ein Teilchen im Pfadintegralformalismus gleichzeitig alle Wege, um zum Schirm zu gelangen. Welches Modell ist nun das richtige? Beide – zumindestens in so fern, als dass sie korrekte Vorhersagen erlauben. Was wirklich passiert, ist vollkommen irrelevant.

        Modelle sind (sehr nuetzliche!) Intepretationen von mathematischen Gleichungen. Die Interpretation gibt natuerlich vor ontologisch zu sein, aber sie ist es eben letztlich nicht. Den Unterschied, den ich zwischen uns sehe, ist wohl, dass Du modellhafte Interpretationen als Bezug auf die Wirklichkeit ansiehst und ich (siehe QM Beispiel) nicht. Wie man sich sinnvollerwiese auf etwas prinzipiell Unzugaengliches beziehen kann, entzieht sich meines Verstaendnis.

        Dabei reicht es aber nicht aus, dass ich eine Theorie entwickle, die auch zu den Daten passt. Sie muss auf die richtige Weise zu den Daten passen. (Wir reden hier über das Gettier-Problem: Gerechtfertigte wahre Überzeugung ist nicht unbedingt Wissen.)

        Das Gettier-Problem ist ganz interessant, aber ich sehe nur einen schwachen Bezug zum vorliegenden Kontext. In diesem geht es immer, um falsifizierbare Aussagen und hier eben nicht. Wenn wir aber „auf richtige Weise“ und „auf falsche Weise“ prinzipiell nicht unterscheiden koennen, dann sind gerechtfertigte wahre Ueberzeugenen mit Wissen identisch.

        Die Welt wäre eine völlig andere, wenn etwa der Blitz keine natürlich erklärbare elektrische Entladung wäre, sondern von Zeus geschleudert würde, weil er einen schlechten Tag hat. Und eine naturwissenschaftliche Theorie, die diesen Zorn des Zeus als natürlich erklärbares Phänomen modellierte, wäre einfach falsch. Dass wir die „Wesenheit implizit mit modellieren“, wie Du schreibst, hilft uns doch nicht weiter, wenn wir wissen wollen, was tatsächlich passiert.
        Ein weiterer zentraler Aspekt unserer Art, Wissenschaft zu treiben, ist die Vorhersagekraft einer Theorie. Wir könnten uns z.B. einbilden, dass Meteorologie sinnvoll ist, weil sich Gewitter bislang immer natürlich erklären ließen. Aber Zeus könnte sich auch mal einen Witz erlauben und einen Freak-Blitz aus heiterem Himmel schicken, wie er noch nie beobachtet wurde und nicht erklärt werden kann. Fieberhaft würden wir versuchen, unsere Theorien an die neue Datenlage anzupassen. Schließlich würden wir auch eine neue Theorie entwickeln, die dieses Ereignis beschreibt und erklärt, aber wir würden uns über ihre prognostische Qualität völlig täuschen. Wir hätten keine Chance, den Witz des Zeus zu bemerken.

        Die Welt waere also (ontologisch) ein voellig andere, aber wir wuerden es (epistisch) nicht bemerken? Genau darauf will ich doch hinaus. Du beschreibst Du in Deinem letzten Absatz wunderbar, wie Wissenschaft funktionieren wuerde, wenn transzendente Wesenheiten in das Weltgeschehen eingriffen. Das gilt auch und insbesondere fuer die prognostische Qualitaet, denn Du beschreibst nicht mehr als das was passiert, nachdem man eine Falsifikation bemerkt. Genau so funktioniert die Naturwissenschaft. Du argumentierst also nicht gegen sondern fuer meine Position.

        Worauf ich hinaus will: Der methodische Naturalismus ist keine notwendige Praemisse, um Naturwissenschaft zu betreiben. Sollten transzendente Wesen eingreifen, so wuerde man genau diese Eingriffe mitmodelieren. Transzendente Wesen sind aber ueberfluessige Hypothesen.

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        • Harald Stücker says :

          Ja, in der Tat, wir reden wahrscheinlich ständig aneinander vorbei. Aber durchaus auf fruchtbare Weise, wie ich finde. Wahrscheinlich werden wir uns nicht einig, aber die Positionen vielleicht klarer.

          Was wirklich passiert, ist vollkommen irrelevant.

          Falsch. Das Quantenproblem heißt nur deshalb Problem, weil wir nicht wissen (eventuell nicht wissen können), was wirklich passiert und weil wir es relevant finden, was wirklich passiert. Vielleicht meinst Du, es sei irrelevant, weil wir noch nicht sehen, was daraus folgen würde, wenn eine der Interpretationen die richtige wäre. Ich finde dieses Beispiel daher auch nicht gut. Bleiben wir doch zunächst beim Blitz. Da ist klar, warum es für uns wichtig ist, dass wir solche Naturphänomene verstehen und vorhersagen können, da nämlich unser Leben davon abhängt. Nach unserem naturalistischen Modell kann es nicht passieren, dass ein Blitz auch mal in den zweit- oder dritthöchsten Punkt einfährt, aber was sollte Zeus davon abhalten, einen Blitzableiter zu umgehen?
          Vielleicht kommen wir weiter mit der Rede von möglichen Welten. Unser Modell modelliert eine mögliche Welt, in der jedes Naturphänomen eine natürliche Ursache hat, und in der Zeus nicht vorkommt. Meine These ist nun, dass keine mögliche Welt, in der Zeus vorkommt, sinnvoll naturwissenschaftlich modelliert werden könnte. Sobald wir herausgefunden hätten, dass unsere aktuale Welt eine ist, die willkürlichen transzendenten Einflüssen ausgesetzt ist, würde die Naturwissenschaft enden.

          Du beschreibst nicht mehr als das was passiert, nachdem man eine Falsifikation bemerkt. Genau so funktioniert die Naturwissenschaft.

          Nur hätten wir es im Falle eines eingreifenden Zeus nicht mit einer gewöhnlichen Falsifikation zu tun. Wir ändern unser Modell, nachdem es falsifiziert wurde, damit es danach bessere Prognosen erlaubt. Wenn aber Zeus willkürlich seine Blitze schleuderte, würden wir uns bei der Prognose ständig etwas vormachen. Unsere Theorien hätten keinerlei Prognosequalität. Je öfter wir aber solche Änderungen an der Blitztheorie vornehmen müssten, desto mehr stünden wir vor einem unlösbaren Blitzproblem, das dem der Quantenmechanik ähneln würde. Aber kein naturwissenschaftliches Modell erlaubt die Prognose, dass Zeus seinen Blitz jederzeit dahin schleudern kann, wo er will. Sobald wir nämlich Zeus in unserem Weltmodell zulassen, hören wir auf, Naturwissenschaft zu betreiben. Falsifiziert wäre in dem Fall keine einzelne naturwissenschaftliche Theorie, sondern die Theorie, dass Naturwissenschaft eine sinnvolle Tätigkeit ist. Sinnvoll ist Naturwissenschaft nur in einer Welt, in der Naturgesetze herrschen.

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  3. verquer says :

    Falsch. Das Quantenproblem heißt nur deshalb Problem, weil wir nicht wissen (eventuell nicht wissen können), was wirklich passiert und weil wir es relevant finden, was wirklich passiert. Vielleicht meinst Du, es sei irrelevant, weil wir noch nicht sehen, was daraus folgen würde, wenn eine der Interpretationen die richtige wäre. Ich finde dieses Beispiel daher auch nicht gut.

    Falsch. :) Ich habe das Problem der Interpretation der QM mit Bedacht gewaehlt. Die wichtigste Eigenschaft meines Beispiels war naemlich, dass beide Modelle mathematisch aequivalent sind und damit zu identischen Prognosen fuehren. Die mathematischen Modelle sind absolut gleichberechtigt und man wird niemals an Hand von Messungen auf die Richtigkeit oder Falschheit eines Modells schliessen koennen (Wenn man es koennte, waeren sofort beide Modelle falsch). Genau deswegen ist der Unterschied zwischen den Modellen (und damit auch ihrer Interpretationen) irrelevant. Damit hat man genau das, worauf ich hinaus will: Zwei sich ausschliessende Interpretationsmodelle (also zwei verschiedene Ontologien), die aber beide „wahr“ sind. Deswegen: Was wirklich passiert, ist vollkommen irrelevant.

    Vielleicht kommen wir weiter mit der Rede von möglichen Welten. Unser Modell modelliert eine mögliche Welt, in der jedes Naturphänomen eine natürliche Ursache hat, und in der Zeus nicht vorkommt. Meine These ist nun, dass keine mögliche Welt, in der Zeus vorkommt, sinnvoll naturwissenschaftlich modelliert werden könnte. Sobald wir herausgefunden hätten, dass unsere aktuale Welt eine ist, die willkürlichen transzendenten Einflüssen ausgesetzt ist, würde die Naturwissenschaft enden.

    Dass Du behauptest, dass transzendente Wesen prinzipiell unmodellierbar sind, habe ich schon verstanden. Ich moechte gerne eine Begruendung fuer diese Annahme haben.

    Ausserdem: Warum sollte es nicht wenigstens modellierbaren Teiltranszendente Wesen geben, die in unserer Welt eingreifen? Muss die Wissenschaft diese von vorneherein ausschliessen? Ich denke, dass ich gezeigt habe, dass man das nicht muss. Damit ist aber schon die Grundannahme des methodischen Naturalismus ueberfluessig.

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  4. derblindehund says :

    Ein schöner Artikel. Ob die Forderung sinnvoll ist, weiß ich aber nicht. Ich glaube, je mehr gesellschaftlichen Einfluss Kreationisten bekommen, desto mehr muss man auch darauf reagieren. Und das ist nicht schwer, denn Kreationismus gehört ja offensichtlich zu den bescheuertsten Erfindungen, die aus religiöser Ecke je kamen.

    dbH

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    • Harald Stücker says :

      Vielen Dank für Dein Lob. Ja, Du schreibst, man müsse darauf reagieren, wenn Kreationisten mehr Einfluss bekommen. Mein Vorschlag, von Seiten der Vernunft und der Wissenschaft Kreationisten demonstrativ zu ignorieren, soll dazu beitragen, dass sie möglichst nicht mehr Einfluss bekommen. Das heißt ja nicht, dass man ihnen das Feld überlassen sollte. Im Gegenteil. Jeder Vorstoß in den öffentlichen Raum sollte angemessen kommentiert werden. Aber die angemessene Reaktion auf den Kreationismus ist das Auslachen, nicht das Debattieren auf Augenhöhe.
      Und ja, Du hast Recht: Kreationismus ist wohl eine der „bescheuertsten Erfindungen, die aus religiöser Ecke je kamen“, aber er ist auch das Herzstück der Religion. Kreationisten sind in ihrem Glauben konsequent. Instinktiv wissen sie, dass eine Akzeptanz der Evolutionstheorie der Anfang vom Ende ihres Glaubens wäre.

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  5. raskalnikow says :

    @topic Volle Zustimmung; besonders schön auch die Unterscheidung von privatem Glauben und öffentlichem/wissenschaftlichem arbeiten. Mir ist diese schizophrene Haltung zwar unverständlich (und ich mache mich gerne lustig darüber) – doch die Realität zeigt es, es gibt sehr wohl seriöse gläubige Wissenschafter.

    @battle Zwar sage ich auch schon mal im Gespräch Dinge wie „Arbeitshypothese: da ist kein Gott“, doch ich sehe es prinzipiell so wie von verquer dargestellt. Sollte ein Gott in unsere Welt eingreifen, so wäre dieses Wirken mess- und beschreibbar und da Gott-Wirken oft als Wunder (= den Naturgesetzen widersprechend) sollten solche Ereignisse auch von üblichen Messungen unterscheidbar sein.

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  6. Monika Ederer-Mosing says :

    Ich bin sehr glücklich und sehr dankbar, dass ich dieses Blog gefunden habe! Ich habe ganz oft versucht, mit anderen nach dem Grundsatz „Sage nur das, was andere nachprüfen können“ zu reden, aber dieser Grundsatz wird eben ganz oft missachtet! Ich kann es kaum glauben, denn dieser Grundsatz scheint mir doch ganz leicht zu befolgen zu sein! Aber dann bekomme ich immer wieder und wieder Antworten, so unüberlegt wie diese: „Was hast du denn gegen Genitalverstümmelung? Ein Baum wächst doch auch besser, wenn man ihm ein Stück abschneidet!“ Richard Dawkins hat Recht: Da bleibt einem nichts anderes übrig als die Gesprächsverweigerung! So schwer ich das glauben kann, aber immer wieder muss ich erkennen, dass es nun einmal so ist!

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