Religion ist nützlich. Ja und?

Offensichtlich gibt die Templeton-Foundation eine Menge Geld für Forschung aus, die zeigen soll, dass Religion evolutionär adaptiv ist. Das verstehe ich nicht. Also ich verstehe, warum es Auftragsforschung gibt. Ich verstehe z.B., warum RWE das RWI finanziert. Oder warum Claudia Witt von der Carstens-Stiftung bezahlt wird. Aber warum ist eine religiöse Lobby-Stiftung an einem Nachweis dafür interessiert, dass Religion eine evolutionäre Anpassung ist?

Eine Apologie der Religion sollte doch nachweisen wollen, dass (die eigene Version von) Religion wahr ist, oder? Welche Rolle spielt es da, ob Religiösität allgemein nützlich ist? Ob sie gesünder macht, zufriedener oder glücklicher und stressresistenter? Ob sie dazu führt, dass Gläubige mehr Kinder haben? Ob diese Kinder dann von Natur aus religiös sind?

Vielleicht ist Religiösität tatsächlich adaptiv. Vielleicht ist sie also nützlich. Ja und? Vielleicht ist sie aber auch nur ein Nebenprodukt einer anderen Adaption oder eine Exaptation oder eine Art Virus des Geistes. Ja und? Ich will nicht sagen, dass diese Fragen nicht von Interesse wären. Im Gegenteil. Aber sie sind irrelevant dafür, ob eine der vielen religiösen Geschichten wahr ist. Wieso also interessieren sich für diese Fragen Leute, die eigentlich bloß Propaganda für (ihre Version von) Religion auf der Agenda haben?

Wie sollte solch ein Argument auch aussehen? Religion ist eine Anpassung an eine Umwelt, … in der es Gott gibt? So platt kann es doch nicht gemeint sein. Oder: Wer an Gott glaubt, hat evolutionäre Vorteile, also existiert Gott!? Das ist ein unsinniges Non sequitur, liegt aber offenbar der triumphalen Geste zu Grunde, mit der diese Fakten oft angeführt werden.

Wenn Religiöse tatsächlich evolutionäre Vorteile genießen, dann sollten wir uns nicht darüber wundern, denn schließlich gibt es sie ja in großer Zahl. Aber auch diese große Zahl ist kein Argument für die Richtigkeit ihrer religiösen Überzeugung. Und zwar mindestens aus zwei verschiedenen Gründen.

Erstens ist eine diesseitige, areligiöse Weltanschaung für viele Menschen eine verhältnismäßig moderne Option. Religionen waren bis vor 150 Jahren beinahe konkurrenzlos als Option für eine sinnvolle Deutung der Welt. Das bedeutet aber natürlich, dass es verwunderlich ist, wie sich eine nicht-religiöse Weltanschauung so weit verbreiten konnte.

Zweitens gibt es nicht nur Religiöse in großer Zahl, sondern auch religiöse Theorien, die sich gegenseitig ausschließen. Also können sie nicht alle wahr sein.

Die (evolutionären) Vorteile religiösen Verhaltens liegen auf der Hand und sind eigentlich trivial: (Ich erlaube mir im Folgenden plakative Pauschalisierungen.)

  • Religiöse zeugen mehr Kinder, weil sie als Geschenk Gottes gelten (und daher Verhütung und Abtreibung verboten sind).
  • Religiöse zeugen daher auch früher Kinder als Menschen, die erst noch Zeit brauchen, sich darüber klar zu werden, ob sie diese Option wahrnehmen wollen.
  • Religiöse zeugen mehr Kinder, weil ihre Frauen nichts zu sagen haben. Sie werden gleich zu Beginn ihres fruchtbaren Lebensabschnitts verheiratet und sparen sich wertvolle Jahre der Suche nach Mr. Right sowie eine unsinnige Berufsausbildung.
  • Religiöse zeugen auch dann noch Kinder, wenn die ersten bereits an Hunger oder Seuchen gestorben sind, weil sie auf Gott vertrauen.
  • Religiöse zeugen auch dann noch Kinder, wenn die ersten bereits an Hunger oder Seuchen gestorben sind, weil ihre Religionsführer ihnen auch dann noch die Verhütung verbieten.
  • Religiöse erhalten die göttliche Anweisung, alle ungläubigen (=andersgläubigen) Männer zu töten und ihre Frauen zu schwängern (Bibel, 4. Buch Moses 31, 17-18; auch die Sure 4, 24 im Koran erlaubt den Sex mit Sklavinnen aus Kriegsbeute).
  • Religiöse erhalten die göttliche Anweisung zur Mission durch Wort und Schwert. Dadurch werden Christenheit und Umma immer größer.

All diese Vorteile genießen Religiöse auch dann, wenn ihre Religion falsch ist. Nichts von alledem kann also als Argument für die Wahrheit einer spezifischen religiösen Theorie dienen.

Es ist z.B. offensichtlich so, dass Kinder die Welt zunächst teleologisch, zweckgerichtet wahrnehmen. Aber was folgt daraus? In seiner Dokumentation „Faith school menace“ geht Richard Dawkins auf diese Tatsache ein. (Siehe ab etwa Min. 1:30.) Er bezeichnet Kinder sogar als „natürliche Kreationisten“ (Min. 4:20).

Es besteht also kein Zweifel daran, dass Kinder zunächst zu religiösen Erklärungen neigen. Vernunft, Logik und die Fähigkeit zu wissenschaftlichem Denken entwickeln sich. Es ist, wenig überraschend, ein Reifeprozess. Aber irgendwann wird der Mythos vom Weihnachtsmann durchschaut.

Dieser Befund steht nicht im Gegensatz zu einer der zentralen Aussagen des sogenannten „Neuen Atheismus“, nämlich dass es ebensowenig christliche, sunnitische, schiitische oder jüdische Kinder gibt wie es christdemokratische, sozialdemokratische, grün-alternative oder liberale Kinder gibt.

Und daraus folgt auch keinesfalls, dass irgendeine religiöse Theorie richtig ist. Es folgt lediglich, dass Religionen in der Erziehung einen unverschämten Vorteil genießen. Und es folgt – ganz im Gegenteil zu religiösen Ansprüchen – dass es Aufgabe von Bildung und Erziehung sein muss, diesen natürlichen Nachteil für die wissenschaftliche Bildung auszugleichen.

Es sollte inzwischen klar geworden sein, dass Argumente für die Natürlichkeit oder für evolutionäre Vorteile von Religiösität der Religion selbst tatsächlich einen Bärendienst erweisen: Sie erklären das psychische Phänomen Religiösität, und damit auch das soziale Phänomen Religion! Damit ist es als natürlich diesseitig und wenig erstaunlich eingetütet.

Bei Templeton denkt man vielleicht: Wenn der Glaube an Götter durch Viren des Geistes verursacht ist, wenn er keine Anpassung ist, dann gibt es keinen Grund, ihn für wahr zu halten. Allerdings: Wenn der Glaube an Götter adaptiv ist, gibt es deswegen nicht einen Grund mehr, ihn für wahr zu halten! Offenbar ist es ein Fehler, wenn sich Religionsapologeten überhaupt auf den evolutionslogischen Diskurs einlassen. Denn hier geht es nur noch um Adaptationen und Exaptationen, um Repräsentationen und erweiterte Phänotypen, um Meme und Memplexe. Dieser Diskurs ist sehr immanent und es führt kein Weg zurück in die heimelige Transzendenz der Theologie. Aber echte Gläubige wollen einen echten Gott in einer echten Transzendenz. Es interessiert sie wahrscheinlich nicht wirklich, ob sich unsere Hirne so entwickelt haben, dass religiöse Vorstellungen ihrer Verbreitung dienlich sind.

Vielleicht sollte Templeton lieber nach den evolutionären Vorteilen des Atheismus forschen lassen. Solange nichts für seine Nützlichkeit spricht, bleibt er ein Rätsel. Vielleicht ist er ja einfach wahr?

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Harald Stücker

11 responses to “Religion ist nützlich. Ja und?”

  1. Gene says :

    Hab deinen Blog vor kurzem entdeckt und mittlerweile alle älteren Postings gelesen. Das sollte für sich sprechen.
    Und da ich selbst mal gebloggt hab und weiß, wie man da zu Kommentaren steht und es in diesem Blog viel zu wenige davon gibt, muss ich mich hier einfach mal melden und ein Lob aussprechen. Deine Artikel sind immer gut argumentiert und interessant. Und ich finde sie nie zu lang; diese Kritik habe ich zwei, dreimal in älteren Kommentaren gelesen. Einem Thema das einen interessiert widmet man gerne auch mehrere Minuten.
    Also weiter so.

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    • Harald Stücker says :

      Lieber Gene, was Du schreibst, freut mich natürlich sehr. Vielen Dank!
      Was die Länge der Postings angeht, kann man es wohl nicht jedem Recht machen. Ich versuche als Faustregel immer, möglichst unter 1000 Wörtern zu bleiben. Ein Punkt, den man in 1000 Wörtern nicht machen kann, gehört wahrscheinlich nicht in einen Blog. Aber jeder, der schreibt, setzt natürlich bei seinen Adressaten auch eine gewisse Freude am Lesen voraus. Daher darf es auch mal etwas mehr sein.
      Dass verhältnismäßig wenig kommentiert wird, stimmt zwar, liegt aber vielleicht auch daran, dass viel an anderer Stelle diskutiert wird, bspw. Facebook. Leider ist es dann nur Zufall, ob ich davon erfahre oder nicht.

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  2. raskalnikow says :

    Ganz meine Rede: Wer kann schon etwas unterstützen, das vielleicht nützlich ist – von dem man aber weiss, dass es nicht wahr ist?

    Die absurde Kampfstrategie der Templetonstiftung folgt auch nur der üblichen Logik der Nicht-Logik aller Gläubigen. Die Punkte im Spiel Religioten gegen den Rest werden wie folgt vergeben: 1. Der „Rest“ mach keine Punkte gegen Religion; 2. jeder Strohhalm vom „Rest“ für Religion zählt doppelt; 3. widerlegte Argumente zählen jederzeit wieder für Religion – mehrfach.

    Etwas ins Stocken geraten bin ich bei den Kindern als Theisten. Ich bin mehr der Ansicht, dass der Mensch natürlicherweise Animist ist. Das Konzept von allmächtigen Schöpfer- und Leitgöttern ist doch schon sehr abstrakt und tritt in der Menschheitsgeschichte wohl auch erst nach erheblichen Kulturleistungen in Erscheinung.
    Dass Kinder ihre (unbelebte) Umwelt als belebt wahrnehmen/interpretieren kann man direkt beobachten (z.B. das berühmte „Monster unter dem Bett“). Auch ist der Animismus als erste Stufe der Religion sehr einfach auf evoluierte Funktionen des menschlichen Gehirns zurückzuführen (Mustererkennung und „hyperactive Agent detection“).

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  3. verquer says :

    Verehrter Mitblogger,

    mit dem Zusammenhang von Glück und Religion habe ich mich in meinem Blog gerade letztens beschäftigt: schamlose Eigenwerbung. Die tl;dr Version: Im gleichen Maße wie Religion Individuen glücklich macht, macht sie Gesellschaften als Ganzes unglücklich.

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    • Harald Stücker says :

      Vielen Dank für den Hinweis, verquer, guter Artikel! Ja, Püttmann geht in eine ähnliche Richtung: Religion ist gut für euch, also glaubt lieber, oder tut zumindest so, indem ihr die Rituale mitmacht, sonst geht das Abendland unter. Was davon zu halten ist, hast Du ja gut dargestellt. Er bringt allerdings kein evolutionslogisches Argument.

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  4. raskalnikow says :

    @autor und verquer,
    kennt ihr eigentlich den Michael Blume von chronologs.de? Der schreibt was über „Empirische Beweislast der Antitheisten„.
    Irgendwie kommt der Typ auf die Gleichung: Gläubige haben viele Kinder == Gott ist real. In den (üppigen) Kommentaren weist „dierk“ auch auf diesen Trugschluss hin.
    Eigentlich alles ziemlich egal, nur hat der Herr Blume mal einen Blogpreis vom „Spektrum der Wissenschaft“ bekommen (2009)- was mich angesichts solch kruder Schlussfolgerungen doch recht erstaunt.

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  5. raskalnikow says :

    @autor
    sry, ich erkenne eben erst, dass Blumes Buch gross am Texteingang prangt…

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  6. verquer says :

    @raskalnikow

    Natürlich kenn ich auch den Blume und hatte auch kurz mal eine Auseinandersetzung mit ihm. Das Problem bei ihm ist, dass seine Thesen in sich widersprüchlich sind. Einerseits behauptet er, dass Religion adaptiv ist, weil Religiöse mehr Kinder bekommen. Er steht dann aber vor dem Problem, zu erklären warum es dann überhaupt Atheisten gibt. In einem zweiten Schritt redet er sich raus, in dem er eine Gaussverteilung der Glaubensintensität der nachfolgenden Generation annimmt. So bleiben ihm zwar die Atheisten erhalten, aber der Glaube ist plötzlich nicht mehr adaptiv, weil die Parameter der Gausskurve festliegen (zumindestens scheint er das implizit anzunehmen).

    Er könnte seine Hypothese nun retten, wenn er die Parameter der Gausskurve als adaptive Elemente anerkennt. Das kann man nun so drehen, dass jegliche Zusammensetzung von Glaubensintensitäten in der Bevölkerung erklärt werden kann und man könnte dann zeigen, ob Glauben positiv oder negativ wäre. Aber genau das macht er nicht (zumindestens soweit ich weiss). Er bleibt (absichtlich?) diffus.

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  7. raskalnikow says :

    Was mir noch auffällt ist, dass es bei Blume (zumindest in den Buch/Artikel Titeln) immer gross „Religion“ heisst. Konkret geht es dann aber eigentlich nur ums Christentum. Ohne speziell nachgeforscht zu haben ist mir jedenfalls nichts zu den positiven Effekten des Kastendenkens des Hinduismus oder der ägyptischen Mythologie ins Auge gesprungen.
    Mir scheint, Blume forscht zwar über „die Evolution des Glaubens“ – vergisst dabei aber, dass der heutige Katholizismus auch nur das Produkt seiner Evolutionsgeschichte ist, d.h. das hochselektionierte Erfolgsmodell EINER Religionsausprägung. Als Massstab nimmt er dann eine solche Erfolgsgeschichte und lässt ALLE gescheiterten Religionen einfach weg (bzw. die kennt man natürlich gar nicht). Ich bin z.B. ziemlich sicher, die Mayas waren eine ausgesprochen religiöse Gesellschaft – und gerade das Beharren auf dieser Religion führte direkt in den Untergang (Bevölkerungsexplosion).

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