Respektable Denkfehler

Wenn jemand unangenehme Tatsachen leugnet, so hat er oft finstere oder egoistische Motive. Holocaust-Leugner möchten vielleicht die Schuld der Deutschen klein reden oder Zweifel an der Existenzberechtigung Israels säen. Leugner eines vom Menschen mitverursachten Klimawandels möchten vielleicht guten Gewissens das neue SUV-Auto kaufen oder dem eigenen Unternehmen Milliardenumsätze erhalten. Der Mörder leugnet seine Verantwortung für die Tat, um das Gericht in die Irre zu führen und um der Strafe zu entgehen.

Aber es gibt auch noble Motive für das Leugnen unangenehmer Tatsachen. Motive die unseren Respekt verdienen.

Hände vor Gesicht

Von Katholiken empfohlene Haltung beim Beten

So leugnet vielleicht jemand den Holocaust, weil er nicht in einer Welt leben möchte, in der Menschen industriell ermordet werden. Er glaubt lieber, dass er in einer Welt lebt, in der so etwas nicht passiert. Oder jemand leugnet die Realität des Klimawandels, weil er nicht in einer Welt leben möchte, in der Menschen ihre eigenen vergleichsweise trivialen Interessen über die existenziellen Interessen zukünftiger Generationen stellen. Er glaubt lieber, dass er in einer Welt lebt, in der das nicht so ist. Oder ein Mörder leugnet die Tat ganz aufrichtig, weil er den Gedanken nicht ertragen kann, schuldig zu sein. Er glaubt lieber, dass er unschuldig ist.

Nun könnte jemand einwenden, dass es sich hier nicht um noble Motive handele, sondern um Realitätsverlust, um Wunschdenken. Was soll daran nobel sein, wenn jemand seine Überzeugungen nicht aufgrund belastbarer Fakten auswählt, sondern danach, ob sie ihm angenehm sind oder nicht? Respektabel? Doch wohl eher kindisch!

Ich nenne diese Motive aber deshalb nobel und respektabel, weil wir diese Einstellung de facto in der Gesellschaft vorfinden. Und zwar in der Regel dann, wenn es um religiöse Motive geht. Sie können überall in der Öffentlichkeit Sätze äußern wie

„Wenn Gott tot ist, dann ist alles erlaubt. Daher glaube ich, dass Gott lebt.“

„Wenn das Leben mit dem Tod endet, dann hat das Leben keinen Sinn. Daher glaube ich, dass das Leben nicht mit dem Tod endet.“

„Wenn es kein Jüngstes Gericht gibt, dann bleiben die meisten Verbrechen ungesühnt. Daher glaube ich, dass es ein Jüngstes Gericht gibt.“

Sie können damit im Fernsehen auftreten. Auch vor dem Bundestag. Sie können sogar ein gelehrtes moraltheologisches Seminar damit veranstalten:

Wir respektieren diese Äußerungen. Wir behandeln sie in der Öffentlichkeit so, als ob sie vollkommen vernünftige Einstellungen zum Ausdruck brächten. Weist jemand darauf hin, dass es sich hier offenkundig um Wunschdenken handelt, so gilt dies als unhöflicher Affront. Aber wenn wir solche Äußerungen nicht beanstanden, dann ist das eine weiße Lüge. (Na und?) Es entspricht dem taktvollen Nichtansprechen der Tatsache, dass jemand viel zu dick ist. Das mag höflich sein, lässt aber auf mangelndes Interesse an seinem Wohlergehen schließen. Großes Übergewicht kann ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. Wir gehen wohl davon aus, dass der Dicke das schon längst weiß. Wir müssen das nicht extra sagen.

In all den Äußerungen oben steckt das Schlussschema Modus tollens. Ein Konditionalsatz als erste Prämisse: „Wenn p, dann q“ und die Schlussfolgerung: „Ich glaube nicht, dass p.“ Die (stillschweigende) zweite Prämisse müsste also lauten: „Ich glaube nicht, dass q.“ Wir könnten jetzt nachfragen. Warum glaubst Du nicht, dass „alles erlaubt ist“, dass „das Leben keinen Sinn hat“, dass „die meisten Verbrechen ungesühnt bleiben“? Die Antwort wird darauf hinauslaufen, dass Dir diese Sachverhalte unsympathisch sind. Aus dem „Ich glaube nicht, dass q“ wird so also ein ehrlicheres „Ich will nicht, dass q“ oder „Es soll nicht sein, dass q“.

In der scheinbaren Überzeugung steckt also ein Wunsch. Dies ist einfach die Umkehr des naturalistischen Fehlschlusses, nämlich der moralistische Fehlschluss. Sprichwörtlich geworden durch Christian Morgensterns Palmström:

„Und er kommt zu dem Ergebnis:
Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil, so schließt er messerscharf,
nicht sein kann, was nicht sein darf.“

Nun folgt aus unserem Wunsch aber leider nicht das Gewünschte. Fakten sind oft unsympathisch. Sie sind so penetrant wie unsensible späte Partygäste. Sie bleiben, auch wenn wir uns wünschen, sie sollen verschwinden. Die noble Haltung, die wir hier respektieren, ist einfach ein Denkfehler. Es ist im Grunde nicht Respekt, sondern mangelndes Interesse an der Person, was uns hier schweigen lässt. Denn ähnlich wie im Fall des Übergewichtigen zeigt unser Schweigen, dass wir uns nicht wirklich dafür interessieren, was unser Gegenüber denkt. Aber im Gegensatz zu jenem Fall können wir hier nicht davon ausgehen, dass jemand schon weiß, wenn etwas mit seinem Denken nicht in Ordnung ist. Dabei können auch respektable Denkfehler sehr ernste negative Folgen haben.

Aber wenn solche Denkfehler schon überall respektiert werden, kann ich mir hier ja auch mal einen solchen erlauben:

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der es zur unabänderlichen Natur des Menschen gehört, dass er dem moralistischen Fehlschluss aufsitzt, dass er systematisch Fakten ignorieren muss, die seinen vorgefertigten Meinungen widersprechen, dass er nicht in der Lage ist, Tatsachen zu akzeptieren, die ihm nicht gefallen. Daher glaube ich, dass Menschen sich in dieser Hinsicht ändern können. Insbesondere glaube ich, dass ein kleiner Artikel in einem unscheinbaren Blog am Rande des Internets etwas dazu beitragen kann, dass sie sich ändern.

Call me Candide.

Schlagwörter: , , ,

About Harald Stücker

Harald Stücker

7 responses to “Respektable Denkfehler”

  1. Markus says :

    Ich denke, auch Sie machen einen Denkfehler, in dem Sie nur das zur Realität erheben, was ein messbarer und nachweisbarer Fakt ist.

    Nun, was ist ein Fakt?
    Dass ich eine Nase habe? Richtig.
    Dass ich meinen Sohn liebe? Richtig.
    Kann man das messen oder beweisen, dass ich meinen Sohn liebe? Nein. Man kann höchstens Rückschlüsse aus dem Verhalten meines Sohnes und mir ziehen, dass dem so ist, aber beweisen kann man es nicht.
    Ist es deshalb kein Fakt?

    Wenn man über Gott nachdenkt, kommt man zu dem Schluss, dass man nicht beweisen kann, dass Er existiert. Man kann nur Rückschlüsse ziehen aus dem, was um uns herum passiert.

    So wie ich zu meinem Sohn eine Beziehung habe, die man von außen nur indirekt wahrnehmen kann, gibt es auch die Beziehung zu Gott, die man nicht beweisen kann. Das hat erst mal nichts mit Moral zu tun, denn Gott möchte nicht in 1. Linie, dass ich moralisch bin, sondern dass ich eine Beziehung zu ihm habe – so wie ich als Vater auch nicht in 1. Linie will, dass mein Sohn mir in allem gehorcht, sondern dass wir uns lieben, Dinge zusammen tun und erleben und wir eine Beziehung erleben.

    Wenn man Gott auf eine moralische Instanz reduziert, dann brauchen wir Gott nicht. Auch Atheisten können eine Moral haben.
    Wenn man Gott als den eigenen Schöpfer ansieht, der mich liebt wie ein Vater und der mit mir in einer Beziehung leben möchte, ergeben sich andere Perspektiven, die aber nichts mit belegbaren Fakten zu tun haben.
    Wenn man das Leben allerdings auf belegbare Fakten reduziert, dann wird es ziemlich langweilig (s.o.)

    Gefällt mir

    • Harald Stücker says :

      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Leider geht er ein wenig am Thema meines Artikels vorbei. Die Realität ist eine sehr komplexe Sache, und es ist klar, dass nicht jedes Phänomen messbar ist. (Immer dieses Klischee vom kaltherzig-autistischen Atheisten, der nur harte messbare Fakten akzeptiert und alles andere wegreduziert. Der pöse Positivist, ein lächerlicher Strohmann. Funktioniert aber immer wieder. Gerade wieder beim Papst.) Nachweisbar sollten Phänomene allerdings schon sein. Zumindest, wenn Sie möchten, dass ich sie akzeptiere.
      Ich kenne Sie ja nicht, daher hab ich keinen Grund anzunehmen, dass Sie keinen Sohn haben. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass Sie implizit die Existenz Ihres Sohnes behaupten, wenn Sie sagen, dass Sie eine Beziehung zu ihm haben oder ihn lieben. Wenn Sie eine Beziehung zu Gott behaupten, so impliziert diese Behauptung auch die Existenz Ihres Gottes. Hier verhält es sich nun gerade anders. Dass Sie seine Existenz behaupten, gibt mir keinen Grund, daran zu glauben. Das sind zwei verschiedene Sprachspiele. Wir haben inzwischen gelernt, diese Spiele zu spielen. Ihre Äußerung in Bezug auf Ihren Sohn sagt mir etwas über Sie, aber auch über die Welt, nämlich „Markus ist Vater, er hat einen Sohn und er liebt ihn.“ Ihre Äußerung über Ihren Gott sagt mir etwas über Sie, aber nichts zusätzlich über die Welt.

      Gefällt mir

  2. Markus says :

    Ich habe keine Klischees von „kaltherzig-autistischen Atheisten, der nur harte messbare Fakten akzeptiert und alles andere wegreduziert. Der pöse Positivist, ein lächerlicher Strohmann.“ Wenn Sie mir so etwas unterstellen wollen, dann ist das falsch.
    Ich sehe Menschen, die das Recht und die Freiheit haben, zu denken, zu reden und zu schreiben, wie sie wollen, solange gewisse Grenzen der Freiheit der anderen nicht überschritten oder eingeschränkt werden.

    Sie schreiben: „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der es zur unabänderlichen Natur des Menschen gehört, dass er dem moralistischen Fehlschluss aufsitzt, dass er systematisch Fakten ignorieren muss, die seinen vorgefertigten Meinungen widersprechen, dass er nicht in der Lage ist, Tatsachen zu akzeptieren, die ihm nicht gefallen.“

    Wer zwingt sie (wirklich), dies zu tun? Wir leben in einer freien Welt. Sie haben die Freiheit zu sagen, dass Sie ein Atheist sind und können an die Wissenschaft glauben. Ich bin ein Christ und glaube an Gott. So kann man sich gegenseitig respektieren und anerkennen, auch wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Oder?
    Sie glauben nicht an meinen Gott und akzeptieren meine Überzeugungen nicht. Ok. Solange Sie mich nicht Gewalt oder anderen Mitteln dazu zwingen, davon abzulassen, ist alles prima – und v.v.

    Wo ist das Problem? Sie haben eine bestimmte Weltsicht, die sich auf Fakten und Rationalität gründet. Ich habe eine andere Meinung, da ich glaube, dass sich die Welt nicht immer nur durch Fakten und Rationalität erklären lässt.

    „Wir haben inzwischen gelernt, diese Spiele zu spielen.“
    Sie scheinen ein wenig verbittert zu sein. Dann wird es für mich fragwürdig, ob sie anerkennen können, dass es Menschen gibt, die anders denken als Sie und sich nicht ausschließlich auf Fakten und Wissenschaft verlassen. Wen wollen Sie überzeugen?

    „Ihre Äußerung über Ihren Gott sagt mir etwas über Sie, aber nichts zusätzlich über die Welt.“
    Es sagt Ihnen nichts über diese Welt, aber über Gott: „… Gott als den eigenen Schöpfer ansieht, der mich liebt wie ein Vater und der mit mir in einer Beziehung leben möchte“
    Es sagt Ihnen, dass ich an einen Gott glaube und mich nicht ausschließlich auf meinen Verstand oder den anderer verlasse (der hat uns schon oft getäuscht). Auf die Suche nach einem Gott müssen Sie – wenn Sie denn wollen – sich schon selber machen.

    Gefällt mir

  3. heilender says :

    wie immer ein gut durchdacht und leicht geschrieben…
    bitte weiter so…

    Gefällt mir

  4. Stefan W. says :

    Beziehungen kann man direkt von aussen wahrnehmen, sowie Gefühle. Ich verstehe nicht, woher die These kommt, man könne Beziehungen nicht direkt beobachten.

    Desweiteren leugne ich die Behauptung, dass man Liebe nicht objektiv feststellen kann – jedenfalls, dass man sie prinzipiell objektiv nicht feststellen kann. Soll das so sein, damit man etwas mythisches in sie hineingeheimnissen kann?

    Wenn zwei Personen sich treffen, die sich lieben, dann zeigen sie unmißverständliche Zeichen von Freude, ich denke im Hirn finden Prozesse statt, die sich durchaus messen ließen, ebenso wie auf Hormonebene. Plus Mimik, Gestik, Muskelspiel. Jungverliebte werden oft rot, d.h. die Durchblutung reagiert usw.

    In Ihrer Phantasie mag es eine Liebe geben, die unabhängig vom Körper, also auch vom Hirn existiert. Diese Körper-Geist-Trennung ist eine Ideologie, die selbst auf die Lehre der Kirche zurückgeht – in der Realität gibt es dafür keinen Hinweis. Eine Liebe ohne Körper ist eine pure Behauptung. Dass sie höherwertig sei ist also nur eine neuerliche Form des Wunschdenkens, und kann nicht als Argument vorgebracht werden, um eine unbelegbare Liebe, die über der empirischen Welt steht, zu postulieren.

    Gefällt mir

Was denken Sie zum Thema?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: