Gilad Shalit und der Wert des Einzelnen

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Den Medien wird oft vorgeworfen, sie würden Menschen in westlichen Demokratien höher gewichten als Menschen in der islamischen Welt. Aber auch die islamische Welt selbst scheint das zu tun. Das legt zumindest der zwischen Israel und der Hamas frei ausgehandelte Austausch des israelischen Soldaten Gilad Shalit gegen 1027 palästinensische Gefangene nahe.

Wie die meisten Menschen im westlichen Kulturkreis glaube auch ich, dass alle Menschen genau den gleichen Wert und die gleichen Rechte haben, eben die Menschenrechte. Aber diese Idee eines universell gleichen Werts aller Menschen ist eine relativ neue, eine westliche Idee. Jede Kultur bestimmt den Wert selbst, den sie ihren Menschen zuweist. Dieser Gefangenenaustausch liefert uns einen Anhaltspunkt dafür, wie groß der Unterschied zwischen den Kulturen sein kann: Ein Israeli ist 1027 Palästinenser wert.

Netanjahu ist damit eine eindrucksvolle Demonstration gelungen: Er hat seine Feinde vorgeführt, die ihrerseits darüber jubeln, ihn vorgeführt zu haben. Netanjahu wird vorgeworfen, durch die Freilassung von Terroristen bringe er seine Bürger in Gefahr. Aber Israel ist umzingelt von Terroristen und immer in Gefahr. Die größte Gefahr für Israel sind nicht die freigelassenen Terroristen, sondern die Kultur seiner Feinde, die das Leben ihrer eigenen Menschen so gering schätzt, nämlich genau 1/1027tel so gering wie das Leben eines Israelis.

Aus der Evolutionsbiologie kennen wir die Unterscheidung zwischen Quantität und Qualität als evolutionäre Strategien. Viele Nachkommen und geringe elterliche Investition versus wenige Nachkommen und große elterliche Investition, Sperma versus Eier. Quantität ist männlich, Qualität ist weiblich. Der weibliche Kinderzahlrekord liegt bei 69, Männer können es auf bis zu 1000 Kinder bringen, allerdings nur mit Harem. Heute noch lassen sich die Spuren Dschingis Khans im Erbgut von 8% der Bevölkerung Asiens nachweisen.

Überall in der Natur entstehen Gruppen in Reaktion auf Gefahren, denen Individuen hilflos gegenüberstehen. Zu diesen Gefahren gehören bei uns Primaten vor allem auch rivalisierende Gruppen. Der äußere Feind schweißt Gruppen zusammen. In menschlichen Gruppen entwickeln sich Religionen als sozialer Klebstoff. Die Religion überzeugt Einzelne, dass es sinnvoll sei, sich für die Gruppe zu opfern. (Dies ist die offene Tür, die Evolutionstheologen einrennen.) In Kriegszeiten herrscht immer die Tendenz, zu religiösen Werten zurückzukehren. Denn sie haben als Werte des Kollektivs einen unschätzbaren militärischen Vorteil: Freiheitsrechte müssen nicht erst umständlich eingeschränkt werden, Menschen müssen nicht erst langwierig auf die Zumutung vorbereitet werden, ihre Kinder für das Kollektiv zu opfern.

Fehige, Meggle, Wessels: Der Sinn des LebensJe weiter sich unsere westlichen Kulturen von ihren religiösen Wurzeln emanzipieren, desto mehr orientieren sie sich am Prinzip der Qualität. Wir werden individueller. Wir sind immer seltener zufrieden damit, dass unser individuelles Leben bloß einen Sinn innerhalb eines kollektiven Ganzen ergibt. Wir fordern einen eigenen Sinn für unser je eigenes Leben. Und wir sind nicht länger bereit, unsere Kinder im Krieg für unsere Gruppe zu opfern.

Diese Entwicklung hin zu Individualität und Subjektivität hat viele Ursachen und ist ein sehr komplexer Prozess. Aber eine einfache Tatsache spielt sicher eine entscheidende Rolle: Wir werden weniger. Unsere Frauen haben im Schnitt unter 2 Kinder, die infolgedessen immer wertvoller werden, sowohl für die Eltern als auch für die Gemeinschaft. Der Wert des Einzelnen steigt so ins Unermessliche. Und wir empfinden ihn universell. Diese Universalität trägt oft groteske Züge. Etwa, wenn wir allen Ernstes diskutieren, ob Freude über den Tod Bin Ladens legitim sei. Wir lieben unsere Feinde tatsächlich wie uns selbst.

Unsere Feinde tun das nicht. Aber offenbar hassen sie uns so sehr wie sie sich selbst geringschätzen. Und sie schätzen sich gering, das zeigt der Shalit-Austausch. Tatsächlich orientiert sich die Kultur islamischer Länder am Quantitätsprinzip. Die Umma ist alles, der Einzelne ist nichts. Wachsende Bevölkerungen, kaum Investitionen in Bildung, schon gar nicht für Frauen (und wenn, dann ist es Bildung unter islamischem Vorbehalt), kaum individuelle Freiheiten. Menschen opfern sich bereitwillig als Märtyrer.

Der Weg von der Quantität zur Qualität wird von uns als moralischer Fortschritt wahrgenommen. Gerade hat Steven Pinker die Geschichte des beeindruckenden Rückgangs der Gewalt in unserer Kultur geschrieben. Wir ziehen nicht mehr begeistert in den Krieg, wir betrachten ihn als Katastrophe. Das ist neu. Die Uniform als Statussymbol ist aus unserer Öffentlichkeit verschwunden. Wir bemühen uns um Vermeidung ziviler Opfer im Krieg, wir entwickeln Waffen mit „chirurgischer Präzision“. „Menschliche Schutzschilde“ sind für unser Militär ein echtes Problem. Auch wenn vieles davon nur Rhetorik und Propaganda ist, so ist es doch eben nicht mehr die Rhetorik des Krieges. Wo der Wert des Einzelnen steigt, wo der Primat des Kollektivs in Frage gestellt wird, da wird Gewalt geächtet, da ist moralischer Fortschritt.

Aber was muss in einer Kultur passieren, damit der Wert des Einzelnen steigt? Obwohl hier sicher viele Faktoren eine Rolle spielen, legt doch eine einfache ökonomische Faustregel nahe: Er sollte seltener werden. Der wichtigste Faktor aber, um das Bevölkerungswachstum einzudämmen, ist neben der wirtschaftlichen Entwicklung die Emanzipation der Frauen.

Matt Ridley schreibt in seinem Buch Wenn Ideen Sex haben (The Rational Optimist) über das Phänomen der sinkenden Geburtenraten:

„Die Korrelation zwischen verbreiteter weiblicher Bildung und niedrigen Geburtenraten ist ziemlich eng, und die Fruchtbarkeit vieler arabischer Länder ist sicher auch deswegen so hoch, weil Frauen relativ wenig Kontrolle über ihr eigenes Leben haben. Wahrscheinlich ist die bei weitem beste Maßnahme zur Senkung der Bevölkerungszahl, die Bildung der Frauen zu verbessern. Es ist evolutionslogisch plausibel, dass Frauen relativ wenig Kinder möchten, die sie dann optimal aufziehen können, während Männer gern viele Kinder haben und sich weniger um die Qualität ihrer Erziehung kümmern.“ (meine Übersetzung aus The Rational Optimist, S. 209)

Wie gesagt, die Strategie der Qualität ist weiblich, die der Quantität männlich. Für die Menschen in der islamischen Welt ist das natürlich ein ernüchternder Befund. Überall auf der Welt verhilft wirtschaftliche Prosperität dem Qualitätsprinzip zu mehr Gewicht und sorgt dafür, dass die Geburtenraten sinken und der Einzelne an Wert gewinnt. Auch in islamischen Ländern könnte das so sein. Kein Naturgesetz steht dem entgegen. Nur die Macht der Männer und ihrer Religion.

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  1. Säkulare Juden, empört Euch! « Evidenz-basierte Ansichten - 30. Oktober 2012

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