Ethik ohne Wunschdenken

„Wie gut oder schlecht ist eine Welt? Das hängt allein davon ab, wie gut oder schlecht es den Individuen in der Welt geht. Die Welt ist umso besser, je besser es den Individuen geht. Und wie gut oder schlecht geht es den Individuen? Das hängt allein davon ab, wie wohl sie sich fühlen und in welchem Maße die Wünsche, die sie hegen, erfüllt sind.“

Ulla Wessels

So beginnt Ulla Wessels ihr Buch Das Gute. Die Autorin ist eine wichtige Vertreterin der analytischen, nicht-religiösen Ethik, die in Deutschland immer noch unterrepräsentiert ist. Ulla Wessels gehört dem wissenschaftlichen Beirat der Giordano Bruno Stiftung an und ist vielen durch ihre Rolle als Klägerin im Rechtsstreit um die Konkordatslehrstühle* bekannt.

Wie gut es einem Individuum geht, seine Wohlfahrt, setzt sich laut Ulla Wessels also genau aus zwei Dingen zusammen: aus seinem hedonischen Glück und der Erfüllung seiner Wünsche. Aus nicht mehr und aus nicht weniger. Auch die Frage, was überhaupt als moralisch relevantes Individuum, als moralisches Objekt zählen kann, lässt sich so relativ einfach bestimmen: Alles, was sich besser oder schlechter fühlen kann, und alles, was Wünsche hegen kann. Menschen und Tiere sind also in diesem Sinn moralisch relevante Individuen, aber nicht etwa, weil sie Menschen oder Tiere sind, sondern weil – und auch nur insofern – sie sich besser oder schlechter fühlen und Wünsche hegen können. Ein Speziesismus wird auf diese Weise elegant vermieden.

Dadurch, dass Ulla Wessels die Erfüllung von Wünschen neben das Erleben von Glück stellt, geht sie über einen reinen Hedonismus hinaus. So kann sie etwa auch Wünsche posthumen Inhalts berücksichtigen, obwohl wir definitionsgemäß keine glücklichen Erlebnisse nach unserem Tod haben können. Aber die Tatsache, dass es Testamente und Nachfolgeregelungen gibt, zeigt eindeutig, dass Menschen Wünsche haben in Bezug auf das, was nach ihrem Tod passiert.

Wir haben überhaupt mehr Wünsche als wir glauben und mehr, als wir uns ausdrücklich klarmachen. Niemand denkt ständig explizit an alles, was ihm wichtig ist. Dass es meinen Freunden, Eltern und Kindern gut geht, dass sie gesund sind und möglichst lange bleiben, wünsche ich immer, egal, womit ich gerade beschäftigt bin. Über allzu viele unserer Wünsche werden wir uns erst klar, wenn sie jäh frustriert werden. Das gilt auch für viele unserer Wünsche in Bezug auf Politik. In diesem Sinne sagt Steven Pinker:

„Man vergisst leicht, welche Vorzüge es hat, in einer friedlichen, modernen Demokratie aufzuwachsen. Ich vergesse nie, wie viel Glück ich habe.“

Womit er eher untypisch ist. Denn Menschen tendieren dazu, sich an gewonnene Standards zu gewöhnen. Wir vergessen leicht, dass vergangene Generationen manche unserer politischen Standards als Ideale sehnlich erwünscht und blutig erkämpft haben. Wir vergessen auch leicht, wie viele sehnliche Wünsche in Bezug auf einen besseren Lebensstandard inzwischen erfüllt sind. „Güte sei Dank für frisches Trinkwasser aus der Leitung“, schreibt etwa Dan Dennett. Der einstige bescheidene Wohlstand entspricht einem Leben unterhalb der Armutsgrenze heute. Wir vergessen allzu leicht, wie viel Glück wir haben.

Ulla Wessels entwickelt ihren Begriff des Guten, indem sie eine Fülle von Einwänden gegen eine Glück-Wunsch-Ethik diskutiert. Die Tatsache, dass wir unsere Wünsche unserer Lebenssituation anpassen, ist im Übrigen schon ein solcher Einwand. Weitere betreffen scheinbar unvernünftige Wünsche, externe, insbesondere unmoralische Wünsche oder Wünsche, die sich im Laufe eines Lebens ändern. Im letzten Kapitel geht es um Entscheidungen über Leben und Tod und um Populationsethik. Wenn eine Welt umso besser ist, je mehr Wünsche der existierenden Individuen erfüllt werden, ist eine Welt dann auch besser, in der es mehr Individuen gibt? Die Antworten auf solche Fragen können leicht selbst wieder zum Problem werden. (Zu einiger Berühmtheit hat es z.B. die sogenannte Abstoßende Konklusion gebracht. Kurze und knappe Erläuterung hinter diesem Link.) Hier wird die Relevanz der Fragestellung des Buches besonders deutlich. Und hier wird auch deutlich, wie wichtig es ist, die zentralen Begriffe im Voraus geklärt zu haben.

Ein Punkt, auf den Ulla Wessels nur am Rande eingeht, ist unsere Tendenz zum Wunschdenken. Wunscherfüllung und Wunschbefriedigung ist nicht dasselbe. Wir sind vielleicht glücklich, wenn (wir wissen, dass) unsere Wünsche erfüllt sind. Wir sind aber vielleicht genauso glücklich, wenn wir fälschlicherweise glauben, dass unsere Wünsche erfüllt sind.

Nehmen wir zum Beispiel eine Mutter, die über das Schicksal ihres Sohnes im Ungewissen ist. Der Sohn ist als Soldat in geheimer Mission im Einsatz, und sie kann keine Nachricht von ihm erhalten. Angenommen, sie träfe jetzt jemanden namens Morpheus, der ihr eine blaue Pille anbietet, die sie nur schlucken müsse, um immer überzeugt zu sein, dass es ihrem Sohn bestens geht, unabhängig davon, was ihm tatsächlich passiert. Oder eine rote Pille, mit der sie immer die Wahrheit erführe. Welche Pille sollte sie schlucken? Würde sie selbst die Illusion der Wahrheit vorziehen? Der Vorteil wäre ein konstant gutes Gefühl. Ihr Glück, der hedonische Anteil ihrer Wohlfahrt, wäre dadurch also garantiert.

Trotzdem glaube ich, dass sich die meisten in einer solchen Situation gegen die blaue und für die rote Pille entscheiden würden. Das Wohlergehen unserer Kinder ist uns zu wichtig, als dass wir es uns herbeifantasieren wollten. Wir wollen nicht einfach nur ein gutes Gefühl, sondern wir wollen auch, dass dieses Gefühl auf die richtige Weise verursacht wird. Wir wollen uns gut fühlen, weil wir wissen, dass es unseren Kindern gut geht. Und wir wollen uns auch schlecht fühlen, falls es unseren Kindern tatsächlich schlecht ergeht. Wenn es um unsere Kinder geht, wollen wir evidenzbasierte Gefühle.

Religiöse Ethiken lehnen es meist ab, blaue Pillen zu schlucken oder sich an Lustmaschinen anzuschließen, wie sie sich der Philosoph Robert Nozick ausgedacht hat. Vordergründig plädieren sie gegen den Schein, die Zerstreuung, den Hedonismus. Aber sie basieren auf dem Wunsch, dass es ein festes moralisches Fundament geben möge, das unsere Normen und Entscheidungen trägt. Sie wünschen sich eine jenseitige Gerechtigkeit und einen jenseitigen Trost. Damit erweist sich die religiöse Ethik als wunschbasierte Ethik der blauen Pille.

Aber Fragen, wie sie Ulla Wessels in ihrem Buch behandelt, Fragen nach den moralisch richtigen Kriterien, nach dem, was die moralische Qualität einer Welt ausmacht, also nach dem Guten, sind wichtiger als die Frage nach dem Wohlergehen unserer Kinder, weil die Antwort auf sie allererst bestimmt, was Wohlergehen heißt. Wer diese Fragen angeht, sollte sich für die rote Pille entschieden haben.

In dem Rechtsstreit um die Konkordatslehrstühle* geht es darum, ob für eine Berufung an eine Universität andere Kriterien als fachliche Qualifikation ausschlaggebend sein sollten. In diesem Falle wären diese anderen Kriterien Konfession, Gesinnung, Linientreue, die rechte Lebensführung, vor allem aber die „richtige Einstellung“ in Bezug auf bestimmte materialethische Fragen. Einen Ruf an eine Uni unter römisch-katholischem Vorbehalt wird Ulla Wessels wohl aus vielen Gründen nicht erhalten. Was den einen Makel ist, gilt anderen als Auszeichnung. Mit Das Gute erweist sich Ulla Wessels jedenfalls als unabhängige Moralphilosophin auf höchstem Niveau.

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* Ein Rechtsstreit, der im Übrigen noch ziemlich teuer werden kann. Daher läuft zur Zeit eine Spendenkampagne der gbs. Wer ebenfalls der Meinung ist, dass ein Bischof bei der Besetzung eines nicht-theologischen (!) Lehrstuhls kein Vetorecht haben sollte, der kann mit einer Spende dazu beitragen, dass diesem wichtigen Projekt nicht kurz vor der Ziellinie finanziell die Puste ausgeht. (Weitere Spendenkonten unter Konkordatslehrstuhlklage.de)

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